Neue Wege gehen? Eine Gesprächsrunde mit fünf Geldsystemkritikern. (Teil 2 von 3 von Helmut Reinhardt)
17.05.2010 09:40

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Dipl.-Volkswirt Prof. Dr. Ulrich Scheiper, Andreas Bangemann, Axel C. Baumgart und Helmut Creutz im Gespräch.
Moderation: Helmut Reinhardt
Langsam wird es richtig spannend in der Welt des Geldes und der Währungen. Ist der Euro überlebensfähig und was würde das berühmte „Game over“ für die Menschen bedeuten? Mittlerweile erreichen mich viele e-mails von Menschen, die sich große Sorgen machen, - zwei Beispiele:
10.05.2010 14.36h
„Hallo lieber Helmut,
hier meldet sich F. aus Ibiza...ich hoffe Dir geht es gut.... die letzten Tage denke ich stark an unser Gespraech damals ... jetzt scheint ja wohl langsam einzutreten, wass Du in Aussicht gestellt hast.... bombastische schulden.....unmoeglich rueckzahlbar...also kommt eine waehrungsreform..im euro,dollar...? also weiter gold kaufen und aktien meiden...?
hoere gern von Dir....herzliche Gruesse aus Ibiza ... F.“
10.05.2010 17.48h
„Hallo Helmut, momentan habe ich einfach ganz stark das Gefühl, dass die Welt sich komisch entwickelt, dass die Erde in eine nicht mehr ganz richtige Richtung dreht, dass nicht nur die Wirtschaft, sondern noch viel, viel mehr auf dem Spiel steht---- WENN WIR NICHTS TUN!!!!! Ich wache auf (besser spät als nie, sage ich mir zu meiner eigenen Beruhigung...). Gruß Deine B.
Helmut Reinhardt: Herr Baumgart, die Menschen beginnen, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Ein Indikator dafür ist der Goldpreis. Was würde ein Zusammenbruch des europäischen Währungssystems für die Menschen in Deutschland bedeuten? Womit müssen wir rechnen?
Axel C. Baumgart: Falls es die Menschen auch dieses Mal wieder zulassen würden, daß Währungssysteme zusammenbrechen, muß mit dem aller Schlimmsten gerechnet werden bis hin zum Bürgerkrieg und mehr. Wie sagte schon Silvio Gesell so treffend: „Wer den Völkerfrieden will, muß wissen, daß er ihn nur vom Altare des Bürgerfriedens holen kann!“ Und Bürgerfrieden gibt es nun einmal nicht zum Nulltarif und dieser ist nur nachhaltig erreichbar, wenn das Recht auf den vollen Arbeitsertrag verwirklicht wird. Agenda 2010 und was jetzt in Griechenland passiert, bedeuten genau das Gegenteil!!!
Helmut Reinhardt: Herr Bangemann, was würde ein Zusammenbruch des Euro in Ihren Augen bedeuten. Wird es gewaltlos ablaufen können?
Andreas Bangemann: Das mag ich mir gar nicht ausmalen. Einen Zusammenbruch des europäischen Währungssystems ohne Gewalt kann es nicht mehr geben. Was das bedeutet kann in den Geschichtsbüchern der deutschen und europäischen Vergangenheit nachgeschlagen werden. Es mache sich niemand etwas vor: einen friedlichen Zusammenbruch wird es nicht geben. Die Uhren lassen sich nicht mehr einfach auf DM-Zeiten zurück-drehen. Griechenland ist Verpflichtungen in Euro eingegangen. Eine diskutierte Wiedereinführung der Drachme würde daran nichts ändern. Und wie es in diesem relativ kleinen EU-Land schon jetzt auf den Straßen brennt, erleben wir gerade.
Helmut Reinhardt: Herr Professor Scheiper, in welcher Form wird der kommende Systemcrash ablaufen?
Professor Scheiper: Ein Zusammenbruch kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Für realistisch halte ich das Szenario, dass sich die hoch verschuldeten Staaten durch Bankrott ihrer Verpflichtungen entledigen. Argentinien ist gerade dabei, sich mit seinen Gläubigern auf einen Schuldenschnitt in Höhe von etwa fünfzig Prozent zu einigen. „Haircut“ nennt man das verniedlichend. Die Anleihen wären dann eben auch nur noch die Hälfte wert. Jeder, der Geldvermögen hat, muss mit einer Zwangsrasur rechnen. Das geht am besten im Rahmen einer Währungsreform. Das neue Geld soll dann die alten Wunden heilen. Dass solche Bankrotterklärungen nicht ohne Spuren an der Realwirtschaft (Produktion und Beschäftigung) vorbeigehen, zeigen ausreichend historische Beispiele.
Die Menschen in Deutschland dürfen sich insbesondere darauf einstellen, dass auch die viel gepriesene private Altersvorsorge einen Kurzhaarschnitt verpasst bekommt. Damit geht dann wieder eine Scheinwelt verloren: allgemein der Schein der Dauerhaftigkeit ökonomischer Werte, insbesondere der Geld-Schein!
Helmut Reinhardt: Herr Creutz, wäre die Rückkehr zur DM möglich und auch segensreich für Deutschland?
Helmut Creutz: Ein ungeordneter Zusammenbruch des Euro-Systems würde auf jeden Fall mit erheblichen Folgen in wirtschaftlicher wie politischer Hinsicht verbunden sein, möglicherweise sogar mit katastrophalen Zerwürfnissen und dem Aufbrechen alter Feindschaften.
Speziell auf Deutschland bezogen, das sowohl wirtschaftlich als auch politisch noch relativ stabil ist, könnte eine Rückkehr zur DM vielleicht noch halbwegs erträglich verlaufen, vor allem weil die meisten Bürger die DM immer noch in guter Erinnerung haben. Und würde man diese Rückkehr, wie oben angesprochen, mit einer wirklichen Reform unserer Währung verbinden, könne sie sogar zu einem Segen werden.
Helmut Reinhardt: Wie stehen Sie als Geldsystemkritiker zu Regiogeldern? Könnten Regionalwährungen in der Krisenzeit als Rettungsboote fungieren?
Andreas Bangemann: Dazu sind die derzeit praktizierten Regionalwährungssysteme für die jetzige Krise strukturell noch viel zu schwach. Sie sind in jüngster Vergangenheit entstanden. Sie haben einen wichtigen Pilotcharakter um in eine zukünftige Marktwirtschaft ohne Kapitalismus überzuführen. Sie sind der Beweis, dass Geldsysteme gestaltbar sind. Sie werden in einem nachhaltigen Geldsystem ihre komplementäre Funktion mit Aufgaben in der Region noch besser wahrnehmen können, weil ihre Besonderheiten dann auch im Großen gelebt werden. Die Entwicklung neuer Formen des Geldes und des Umganges damit ist die wichtigste Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit der Menschheit. Dabei können und werden regionale und strukturale Währungen eine große Rolle spielen.
Helmut Creutz: Ich sehe das ähnlich, wie Herr Bangemann. Theoretisch könnten Regiogelder Rettungsboote sein, - ja, aber auf Grund ihrer geringen Größe und Verbreitung hätten diese „Rettungsboote“ kaum eine nennenswerte Bedeutung. Und würden sich diese Regionalwährungen tatsächlich durchsetzen, käme es zu einem Flickenteppich sich überlappender Währungen, die nicht nur für Geldwechsler goldene Zeiten versprechen, sondern auch wiederum für neue Spekulationen.
Helmut Reinhardt: Herr Baumgart, können Regiogelder eine Dauerlösung sein?
Axel C. Baumgart: Sicherlich können Regionalwährungen – wie z.B. Wörgl u.a bewiesen haben – vorübergehend(!) als Rettungsboote fungieren; aber eine Dauerlösung kann das nicht sein, denn je mehr Regionalwährungen installiert werden, desto schwerer wird das Ganze m.E. händelbar.
Professor Scheiper: Ich stimme da nicht 100%ig zu. Sicher können Regiogelder global keine Dauerlösung sein, aber bestimmt regional. Herr Baumgart hat Recht, wenn er das Beispiel Wörgl nennt, das vor fast 80 Jahren stattgefunden hat. Gegenüber Wörgl besteht der Vorteil, dass heutzutage viel mehr Menschen mit dem Thema vertraut sind. Allein in Deutschland zählen wir um die 80 Regionalgeld-Initiativen. In der Krise wird sich zeigen, wie weit die Menschen mit dieser Möglichkeit einer demokratischen Hoheit über das Geldsystem umgehen können.
Helmut Reinhardt: Herr Bangemann, wie beurteilen Sie eine mögliche Rückkehr zum Goldstandard? Halten Sie ein Investment in Edelmetalle für sinnvoll?
Andreas Bangemann: Eine Rückkehr zum Goldstandard, sprich zu einem mit Gold gedeckten Geld, wäre für mich vergleichbar mit einer Rückkehr des Internet zur Papyrusrolle. Geld und die mittlerweile unzähligen Formen und Systeme im Zahlungsverkehr werden sich in ihrer Weiterentwicklung eher zu noch Ungeahntem entwickeln. Mittlerweile erreichen selbst „Spielwährungen“ in Online-Computerspielen das reale Leben der Menschen (Bsp: Linden-Dollars aus „Second Life“), da braucht man kein Korsett für Währungen, dem ein selten und begrenzt vorhandenes Gut als Deckung dient. Das wäre keine Rückkehr, sondern ein Rückfall in graue Vorzeiten und Zeichen der Kapitulation vor einer kreativ zu bearbeitenden Zukunftsaufgabe: der Gestaltung von Währungen.
Investment in Edelmetalle ist in Krisenzeiten ein sozusagen altes „Heilmittel“. Man glaubt damit derlei Krisen besser „überleben“ zu können. Mit dem Vorrat an Edelmetallen möge dann aber auch jeder seinen Vorrat an Waffen zu seinem Schutz aufstocken, denn wer glaubt Krisen gegen sein Umfeld überstehen zu können ist blauäugig. Statt sich Gedanken zu machen, wie man sein Vermögen durch die Krise bringt, sollte man sich vorher aktiv für eine Verhinderung des Schlimmsten einsetzen. Denn ob man überhaupt noch etwas nach einer Krise braucht, ist angesichts der lebensbedrohlichen Situation in den zu erwartenden Zeiten sehr fraglich.
Wer so viel Geld übrig hat, dass er seine selbst bewohnte Immobilie bezahlen kann, der ist damit bestens gewappnet, wenn er das Glück hat, nach der Krise beim Wiederaufbau helfen zu dürfen. Eine über das hinaus gehende „Anlageberatung“ wäre für höchstens 10% der Bevölkerung interessant und die sind garantiert bestens beraten.
Helmut Reinhardt: Herr Professor Scheiper, wie ist Ihre Meinung zum Goldstandard?
Professor Scheiper: Davon halte ich aus verschiedenen Gründen nichts. Die drei wichtigsten in Kürze: 1) Die tatsächliche Kontrolle über die Goldvorräte liegt völlig im Dunkeln. 2) Der Goldpreis wird (vermutlich) von Monopolen manipuliert. 3) Hinter der Idee steckt die Illusion, Gold hätte einen inneren Wert, der als Maßstab verwendet werden könne.
Eher anfreunden kann ich mich mit der Idee eines durch einen Warenkorb gedeckten Währungssystems, so wie es Bernard Lietaer mit der Währung Terra vorschlägt. Die Realisierung erfordert allerdings supranationale Aktivitäten. Da haben es Regionalgeld-Initiativen einfacher.
Ein Investment in Edelmetalle halte ich nicht für sinnvoll. Es würde doch nur den trügerischen Schein der Dauerhaftigkeit ökonomischer Werte befördern. Würden in Krisenzeiten alle Goldbesitzer ihr Gold im Tausch für die Dinge des täglichen Bedarfs hergeben müssen, würde der Preis (der Tauschwert) des Goldes fallen. Wir sollten lieber in Zukunft sichernde Innovationen und ethische Unternehmungen investieren.
Helmut Creutz: Ich sehe das ähnlich: Eine Rückkehr der Währungen zum Goldstandard wäre m. E. die schlechteste aller Lösungen. Denn die Deckung einer Währung kann und darf immer nur die Leistung der jeweiligen Volkswirtschaft sein, nicht Schätze in irgendwelchen Kellern. Und massierte private Investments in Edelmetallen sind und bleiben zwar Privatsache, würden jedoch ebenfalls zu neuen Spekulationswellen und Ablenkungen von den eigentlichen Problemen führen.
... die Gesprächsrunde wird in Teil 3 fortgesetzt.
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Autor: Chris | 17.05.10
Es ist zu spät
Es war schon zu spät als 2007 die erste Schockwelle der Finanzkrise durch die Märkte bebte. Nur wenige begriffen damals, worum es ging. Allen voran die Politiker, die das ganze für eine Bankenkrise hielten. Ein Jahr später war die Bankenkrise zur Wirtschaftskrise geworden. Nun wurden Politiker durch alternativlose Milliardenausgaben dazu gezwungen, sich mit dem Thema zu befassen.
Diejenigen, die das Problem verstanden hatten, wußten, dass am Ende das letzte Glied der Kette, der Bürger, dafür würde bezahlen müssen. Das war die Alternative, die es nicht gab.
Es gab sie damals deshalb nicht, weil wir noch nicht am Ende der Kette angekommen waren. Zwischen dem Bürger standen zunächst noch die Banken, die Wahlen und die Staaten.
Inzwischen sind wir bei den Staaten angekommen. Das hat zwei Jahre gedauert. Auch jetzt gibt es laut Politik keine Alternative, was nicht stimmt. Die erste, nicht vorhandene, Alternative, die Streichung der Staatsschulden, besteht noch immer, und sie wird kommen, weil es dazu am Ende tatsächlich keine Alternative mehr geben wird.
Ein bisschen Zeit haben wir noch. Wir haben noch bis zum nächsten Fälligkeitstermin Griechischer Staatsanleihen und bis zum Untergang Großbritanniens und der USA. Wir haben noch solange, bis Politiker merken, dass die Raubbesteuerung ins Leere greift, weil da nichts mehr ist, was noch besteuert werden kann, und das, was jetzt noch besteuert wird, wird es nicht mehr geben. Wir haben noch, bis Politiker merken, dass ihre immer noch nicht beschlossenen Spar- und Regulierungspläne zu spät kommen. Und wir haben noch, bis alle begreifen, dass man einem Kurzarbeiter, Arbeitslosen, Hartz-IV-Empfänger nichts mehr wegnehmen kann. Dann kommt die Umschuldung. Diese Umschuldung bedeutet für alle, die noch Ersparnisse haben, eine Enteignung.
Die Inflation, vor der alle Angst haben, wird nicht kommen. Sie hat bereits in den letzten zehn Jahren durch übertriebenen Konsum auf Kredit stattgefunden. Das Geld, das damals nicht vorhanden war und durch Kredite geschaffen wurde, wird jetzt nur nachgeliefert. Seit der Einführung des Euros hatten wir 100% Inflation. Inflation findet nur statt, wenn Leute mehr Geld zur Verfügung haben als sie brauchen und auch bereit sind, dies auszugeben und die geforderten Preise zu zahlen.
Akzeptieren die Leute die Preise nicht oder halten gar ihr Geld zurück, gibt es auch keine Inflation. Hier befinden wir uns im Moment.
Es ist ein Irrglaube, dass Konsum ohne Kredit nicht funktioniere. Im Gegenteil, er funktioniert sogar besser. Kaufen auf Kredit ist nichts anderes als Rückwärtssparen, nur teurer. Würden die Leute vorwärtssparen, bräuchten sie keine Zinsen zu zahlen. Dieses Geld würde dann wiederum dem Konsum zur Verfügung stehen. Vorwärtsgespartes Geld kann auch nicht nicht zurückgezahlt werden, wodurch Banken weniger Abschreibungen hätten. Und man stelle sich nur mal vor, die Staaten könnten die Beträge, die sie im Moment nur für Zinsen aufwenden müssen, dem Bildungssektor zur Verfügung stellen. Maßhalten war Ludwig Erhardts Devise.
Natürlich kann sich niemand zuerst ein Haus zusammensparen, um es bar bezahlen zu können. Auch Firmen funktionieren nicht ohne Kredite. Aber diese Kredite ergeben Sinn, wenn sie für die Schaffung eines Mehrwertes eingesetzt werden. Konsum auf Kredit jedoch, ist nur zeitversetzt, denn das Kreditsystem funktioniert nur, wenn das geliehene Geld auch zurückgezahlt wird, was bedeutet, der Konsum kann an anderer Stelle nicht stattfinden. Alles andere bringt uns dahin, wo wir jetzt sind.
Die Ansicht, dass jetzt die Wirtschaft kaputtgespart wird, teile ich nicht. Sie war schon vorher kaputt, und zwar kaputtkonsumiert. Wir sind nur jetzt an einem Punkt, an dem der Beginn des Rückwärtssparen unvermeidlich geworden ist. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass wir den Zeitpunkt, an dem ein Rückwärtssparen noch möglich gewesen wäre, verpasst haben.
Es ist zu spät.
Wie gesagt, ein bisschen Zeit haben wir noch. Aber wir sind schon ziemlich nah am Ende der Kette. Rette sich, wer kann!
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Autor: marc | 17.05.10
@chris
und was schlägst du vor- zum punkt"rette sich er kann"? -
Autor: ironalex | 17.05.10
@marc
tja, was tun? – Am besten das, was wir immer getan haben: Auto fahren, einkaufen, Fernsehen. Die da oben (die wir gewählt haben) machen ja doch was sie wollen! Und sag' jetzt nicht Du hättest sie nicht gewählt denn egal was Du wählst (übrigens auch, wenn Du nicht wählst), es kommt immer das Gleiche heraus, sonst dürftest Du nämlich gar nicht wählen. So ist das halt in einer Demokratur. In 4 Wochen beginnt die Fußball-WM (Brot und Spiele) und ich bin gespannt, wie viele merken, dass es längst nichts mehr zu feiern gibt. Statt zum Publicviewing sollten wir auf Berlin marschieren, nicht im Nationaltrikot, sondern in unserem letzten Hemd :–(( -
Autor: Chris | 17.05.10
@marc
Don't lose!




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