Die Staatsanleihe – ein ganz besonderes Konstrukt (Teil 3 von Helmut Reinhardt) Entstehen, Wirkung, Verwendung und Vergehen
17.02.2011 15:07
Der letzte Teil dieser Reihe beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Auswirkungen durch Kauf und Verkauf von Staatsanleihen durch Banken und Nichtbanken.
Fortsetzung von:
Kauf und Verkauf von Staatsanleihen durch Nichtbanken
Nichtbanken sind natürliche Personen, Unternehmungen oder institutionelle Anleger, wie beispielsweise Lebensversicherungen, Pensionsfonds, Hedgefonds, etc. Erwirbt eine Nichtbank eine Staatsanleihe, ist es von Bedeutung, wer der Verkäufer der Anleihe ist.
Zentralbanken der Europäischen Währungsunion dürfen seit der 2.Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion, die am 01.01.1994 in Kraft getreten ist, keine Staatsanleihen direkt von Staaten erwerben. Auch wenn im Rahmen der Quantitativen Lockerung Staatsanleihen am Zweitmarkt durch die EZB aufgekauft werden, hat diese Vorschrift weiterhin Bestand. Natürlich wird sich im weiteren Verlauf der weltweiten Krise des Finanzsystems die Frage stellen, wann auch diese Vorschrift den natürlichen Weg aller papierenen Erzeugnisse geht und zur Makulatur wird.
In diesem Zusammenhang sei am Rande erwähnenswert, dass man in Irland und Portugal bereits begonnen hat, durch die nationalen (!) Notenbanken, - und nicht etwa durch die EZB – maroden Banken gegen Hinterlegung von „Wert-“papieren als „Sicherheit“ Zentralbankgeld zur Verfügung zu stellen. Wahrscheinlich wählt man den Weg über die nationalen Notenbanken, da es sich bei den sogenannten „Sicherheiten“ vermutlich mehr oder weniger um „Unsicherheiten“ handelt, die die EZB nicht akzeptieren würde.
Die EZB-Notenbanker reagieren übrigens äußerst reserviert auf diese Aktion und hängen den Vorgang gar nicht erst an die große Glocke, wie die Süddeutsche in einem Artikel vom 7. Februar 2011 schreibt: http://www.sueddeutsche.de/geld/euro-krise-irland-und-portual-frisches-geld-fuer-marode-banken-1.1056681
Doch das nur nebenbei, - kommen wir zurück zu den monetären Vorgängen rund um die Staatsanleihen und betrachten nun die verschiedenen Vorgänge.
Verkauf einer Staatsanleihe an eine Nichtbank
Dieser Vorgang entspricht dem Verkauf eines Vermögenswertes durch eine Bank mit der Folge, dass sich die Geldmenge M1 reduziert. Die Bezahlung erfolgt durch Giralgeld, das sich um den Kaufbetrag reduziert. Die Bilanzdarstellung macht es deutlich: Dargestellt ist der bilanzielle Zustand vor und nach dem Verkauf.
Abb. 1: Kauf einer Staatsanleihe durch eine Nichtbank von einer Bank
Die Tilgung der Staatsanleihe kann erst erfolgen, wenn eine Geschäftsbank die Staatsanleihe von der Nichtbank zurückkauft. In diesem Fall kauft die Bank einen Vermögenswert (in diesem Fall eine Staatsanleihe) an und bezahlt mit der Einbuchung von Giralgeld (Erhöhung der Geldmenge M1).
Kauf einer Staatsanleihe durch eine Nichtbank von einer Nichtbank
In diesem Fall wechselt Giralgeld den Besitzer. Es hat keine Wirkung auf die Geldmengen oder auf die Zusammensetzung einer Bankbilanz:
Abb. 2: Kauf einer Staatsanleihe durch eine Nichtbank von einer Nichtbank
Wichtig hierbei: Beim Kauf einer Staatsanleihe durch eine Nichtbank von einer Nichtbank erhält der Staat kein zusätzliches Geld, bzw. wurde dem Staat kein Geld geliehen. Der Staat erhält immer nur einmal Geld, nämlich von den Bieterbanken bei der Auktion einer Neuanleihe.
Unternehmensanleihen
Erwerben Nichtbanken Unternehmensanleihen wird tatsächlich Geld verliehen. Erfolgt der Kauf der Anleihe jedoch durch eine Bank, entsteht Geld. Im Gegensatz zum Staat, der nur an den Kreis der Bieterbanken verkaufen darf, dürfen Unternehmen Anleihen auch Nichtbanken anbieten. Nichtbanken bezahlen mit Geld, das bereits existiert; die Bezahlung erfolgt durch eine Überweisung von einem Girokonto auf das entsprechende Girokonto des anleiheausstellenden Unternehmens.
Bei Kauf einer Unternehmensanleihe durch eine Bank entsteht neues Giralgeld. Es handelt sich hierbei um den Vorgang „Ankauf eines Vermögenswerts“. Die Bank nimmt die Anleihen als Wertpapier in die Bilanz auf und bezahlt mit der Buchung von Giralgeld.
Zum Ende der Laufzeit von Unternehmensanleihen wird das Geld zurückbezahlt. Das Unternehmen überweist den Betrag auf das Konto der Nichtbanken. War eine Bank der Halter der Anleihe, wird ein Betrag vom Unternehmenskonto ausgebucht: Giralgeld verschwindet und wird zeitgleich vernichtet. Zum gleichen Zeitpunkt entfernt die Bank das Wertpapier aus ihrem Vermögen.
Erwirbt eine Bank eine Unternehmensanleihe, muss die Bank nach den Bankenregeln von Basel eine Eigenkapitalreservierung vornehmen und für das gleichzeitig erschaffene Giralgeld eine Mindestreserve nachweisen. Der Unterschied zu einem Unternehmenskredit liegt in den Vermögenswerten einer Bank, statt einer Kreditforderung hält die Bank ein Wertpapier.
Die Verlängerung von Staatsanleihen
Die Tilgung einer Staatsanleihe erfolgt zum Ablaufdatum mit der Emission einer Anschlussanleihe. Der Halter einer Anleihe erhält zum Zahlungszeitpunkt Giralgeld, das vom Staat überwiesen wird. Der Staat hat das Geld letztendlich aus den Auktionen der neuen Anleihen erhalten. Der Geldhalter kann mit dem Geld sofort wieder ein Anleihe erwerben, mit der Folge, dass durch den Kauf der Anleihe dem Wirtschaftskreislauf Giralgeld entzogen wird. (siehe Abb. 1) Ein direkter Austausch der abgelaufenen Anleihe durch eine neue hätte das gleiche Ergebnis.
Staatsanleihen und somit Staatsschulden können systembedingt nicht getilgt werden, da sie im heutigen Geldsystem die wichtigste Quelle neuen Geldes sind. Wollte man tatsächlich weltweit alle Schulden tilgen, würde zeitgleich mit dem Schuldenabbau unser Geld verschwinden. Eine stark deflationäre Entwicklung würde einsetzen, die zwangsläufig in einem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihr Ende finden würde. Aus diesem Grunde gibt es keine andere Möglichkeit, als dass alte Schulden mit neuen Schulden getilgt werden. Gleichzeitig ist eine höhere Neuverschuldung erforderlich, um den Geldentzug durch langfristig gesparte Neuvermögen auszugleichen.
Wann die Grenze und das Ende dieses Schneeballsystems erreicht sein wird, bleibt abzuwarten. Ein jeder Bürger sollte sich jedoch darüber klar sein, dass unser Geldsystem eine Halbwertzeit aufweist. Für den Ablauf des System-Endes und eine Entschuldung gibt es recht wenige Möglichkeiten:
1. Inflationierung und Hyperinflation durch eine direkte Geldversorgung der Staaten durch die Notenbanken und Weitergabe und Ausschüttung des Geldes an die Bürger über Transferleistungen, höhere Löhne, massive Steuersenkungen, etc.
2. Ein deflationärer Crash durch zugelassene Staatsbankrotte und in Folge einem Zusammenbruch des weltweiten Finanz- und Bankensystems (Gleichzeitige Vernichtung von Vermögen und Schulden = „Schuldenneuverhandlung“).
3. Ein großer Krieg mit ungewissem Ausgang.
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Autor: Michael Hochstöger | 17.02.11
Hallo Herr Reinhardt,
nach der Lektüre von Stephen Zarlenga „The Lost Science of Money The Mythology of Money - the Story of Power“ gibt es vielleicht doch noch einen Ausweg für den Ablauf des System-Endes, nämlich den Chicago Plan (von Henry Simons und Paul Douglas). "The mistake lies in fearing money and trusting debt." Die elegante Lösung liegt unter anderem in Auflösung des Teilreservensystems, Ersetzung der Schulden, die als Bankdarlehen zirkulieren durch Geld, das vom Staat geschöpft wird. Es ist ja nicht einzusehen, dass die Geldschöpfung durch Geschäftsbanken erfolgt und der Staat (also eigentlich wir alle) hierfür auch noch Zinsen zahlen müssen!
Man muss nicht das ganze 736 Seiten lange Buch lesen, es gibt eine sehr gute 32 Seiten Zusammenfassung unter folgendem Link:
http://www.monetary.org/32pageexplanation.pdf
In dieser Zusammenfassung wird kurz und prägnant dargestellt, was getan werden sollte, um unser heutiges Geldsystem, das wie Sie zu Recht schreiben ein Schneeballsystem darstellt, zu reformieren.
Vielleicht finden Sie und andere interessierte Leser Zeit den kurzen Artikel zu lesen, mich würde hier Ihre Meinung dazu interessieren.
Beste Grüße
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Autor: Peter | 18.02.11
Super Artikel-Serie!
Ich bitte um kurze (falls das überhaupt möglich ist) Beantwortung meiner Frage:
Die EZB darf seit dem 01.01.1994 nicht mehr am Primärmarkt als Käufer von Staatsanleihen auftreten, sondern muss diese von Geschäftsbanken am Sekundärmarkt erwerben. Dass die heutige Verfahrensweise der EZB - nämlich das Akzeptieren von Staatsanleihen als Sicherheit, wie von Ihnen beschrieben - den Bond-Markt ähnlich "stabilisiert", bzw. aufbläht, wie der direkte Kauf von "frisch-emittierten" Staatsanleihen am Primärmarkt von Notenbanken vor 1994, liegt auf der Hand.
Meine Frage:
Wie verhält es sich mit der FED? Darf Sie als Käufer von Staatsanleihen(konkret: US Treasury Bonds) am Primärmarkt auftreten? Oder gibt es eine Regelung, ähnlich der in der Europäischen Währungsunion? Die aktuelle Berichterstattung um das Thema Quantitative Easing macht auf mich den Eindruck, als ob das FED am Primärmarkt als Käufer auftreten darf..?!
Danke für Ihre Antwort
und weiter so!
Gruß Peter -
Autor: Helmut Reinhardt | 18.02.11
@Michael Hochstöger Sicherlich gäbe es Auswege aus dem Schlamasel, in dem wir uns befinden. Allerdings halte ich die Wahrscheinlichkeit einer Änderung des Systems für nicht allzu hoch, da eine Reform den Interessen der Geld- und Machtelite widerspricht. Eine Revolution des Volkes wäre nötig:
"Würden die Menschen verstehen, wie unser Geldsystem funktioniert, hätten wir eine Revolution – und zwar schon morgen früh." Henry Ford
@Peter Sowohl für die Bank of England als auch das amerik. Fed-System besteht kein Verbot Anleihen vom Staat direkt zu kaufen. (Monetary Control Act, 1981) Wäre dem nicht so, hätte das System die letzten 3 Jahre nicht überlebt und die Zinsen für US-Staatsanleihen wären explodiert.
Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Eigentümerstruktur. Die EZB befindet sich im Eigentum der nationalen Zentralbanken NZBs (u.a. der Deutschen Bundesbank) und somit der europäischen Staaten. Die Fed gehört privaten Geschäftsbanken. Nichtsdestrotrotz müssen auch die Gewinne der Fed zu weit über 90% an den US-Staat abgeführt werden. Die Gewinne der EZB fließen anteilsmäßig den NZBs zu, die ihre Gewinne ebenfalls in die Staatshaushalte einbringen.
Ein oft nicht thematisierter Fakt ist, dass mögliche Verluste aus Staatsanleihen (Staatsbankrotte) somit die Geschäftsbanken und die dahinter stehenden Vermögen nicht belasten werden. Kauft die EZB beispielsweise griechische Staatsanleihen wird das Ausfallrisiko im Falle eines griechischen Staatsbankrotts auf alle europäischen Steuerzahler verlagert.
Weiteres finden sie hier: QE- Quantitavie Easing v. 26.08.2010
http://www.cashkurs.com/Detailansicht.80.0.html?&cHash=d0f6b c4a59&tx_t3blog_pi1[daxBlogList][showUid]=8448
Herzliche Grüße
Helmut Reinhardt
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Autor: Bernd | 21.11.12
Sehr schön... danke für die Zusammenfassung. Nach meiner Beobachtung hat aber nicht das GEldsystem an sich die Halbwertszeit, sondern der Wunsch Geldvermögen anzuhäufen. Wenn wir das in den Griff bekommen - was den Finanzmarkt stark schrumpfen würde - bewegen wir uns wieder in einem Funktionsfähigen Terrain.
Bernd





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