© Studioindigo - Fotolia.com

Wer das Risiko in seinem Portfolio minimieren möchte, muss seine Investments auf verschiedene Wertpapiere und Anlageklassen verteilen. Diese als Diversifikation bezeichnete Vorgehensweise ist Privatanlegern gemeinhin bekannt und erfährt auch ihre Zustimmung. Jedoch zeigt insbesondere ein Blick in ihre Aktiendepots, dass sie sich oft nicht an diesen elementaren Grundsatz halten. Ein typischer Fehler, die bei der Diversifizierung häufig begangen wird, entsteht durch den so genannten "Home Bias".

Mit steigender Entfernung vom Messeturm…

Der "Home Bias" beschreibt die Neigung von Anlegern, dass sie Wertpapiere ihres Heimatlandes bevorzugen und sie im Portfolio übergewichten. Demnach konzentrieren sich deutsche Anleger besonders auf Aktien aus Deutschland, Japaner bestücken ihre Portfolios mit japanischen Aktien und Amerikaner mit US- Aktien; in den USA wird sogar favorisiert in Aktien des eigenen Bundesstaates investiert. Die Problematik dabei: Die Investments fallen sehr einseitig aus, und dadurch wird dem Diversifikationsgedanken nur bedingt Rechnung getragen. Eine Untersuchung hat in diesem Kontext ein interessantes Ergebnis hervorgebracht: Die Gewichtung ausländischer Aktien in den Portfolios deutscher Anleger nimmt mit der Entfernung der ausländischen Gesellschaft vom Frankfurter Messeturm ab. Die Behavioral Finance-Forschung beschäftigt sich derzeit verstärkt mit einem Effekt, der erst unlängst bekannt ist. Dabei handelt es sich um den so genannten "Local Bias", der quasi eine Weiterführung des Home Bias ist. Danach handeln Anleger lieber mit Aktien von Unternehmen, deren Zentrale sich in unmittelbarer geographischer Nähe befindet. Ein Investor aus Ludwigshafen tendiert eher zu BASF-Aktien, während der Leverkusener Bayer-Aktien vorzieht.

Richtig diversifizieren

Im Rahmen einer Studie konnten die Angestellten einer amerikanischen Fluggesellschaft zwischen fünf Aktienfonds und einem Rentenfonds auswählen, während Angestellte einer kalifornischen Universität zwischen vier Rentenfonds und einem Aktienfonds wählten. Wenn die Aktienfonds mehr Alternativen beinhalteten, war auch der Anteil im Depot höher gewichtet. Der Depotanteil der fünf Aktienfonds bei den Mitarbeitern der Fluggesellschaft lag bei 75 Prozent, und der einzige Rentenfonds machte die übrigen 25 Prozent aus. Bei den Universitäts-Angestellten hat der Anteil der vier Rentenfonds 66 Prozent am Gesamtdepot ausgemacht, der einzige Aktienfonds 34 Prozent. Die erste Erkenntnis der Studie lag darin, dass die Kategorie, die mehr Alternativen bot, höher gewichtet wurde. Es ergaben sich demnach systematisch unterschiedliche Ergebnisse lediglich dadurch, dass die Anlagemöglichkeiten unterschiedlich präsentiert wurden. Weiterhin wurde festgestellt, dass die fünf Aktienfonds sowie die vier Rentenfonds in gleich hohe Beträge aufgeteilt wurden. Die Summe, die für die jeweiligen Fondskategorien genutzt wurde, wurde einfach durch die Anzahl der Fonds geteilt. Beim Versuch hat sich gezeigt, dass die meisten Personen das Konzept der Diversifikation nicht richtig verstanden hatten und häufig die ungeeignete 1/n-Aufteilung verwendeten. Damit ging jeder einzelne Teilnehmer des Experiments bezüglich seiner eigenen Risikotoleranz möglicherweise ein zu geringes oder ein viel zu hohes Risiko ein.

Das wirft die Frage auf, wie der Investor richtig diversifizieren sollte. Was bedeutet es vor dem Hintergrund des Home Bias nun konkret für den Privatanleger, wenn es heißt, er solle auf eine internationale Diversifikation achten? Bevor diese Frage beantwortet werden kann, muss betrachtet werden, was beim Diversifikationsgedanken per se bedeutend ist. Denn es kann nicht pauschal festgelegt werden, wie ein Portfolio aufgeteilt sein soll. Vor einer Vermögensaufteilung muss sich der Anleger insbesondere dreier Fragestellungen bewusst werden: Welche Renditevorstellungen ihm vorschweben, welche Risikobereitschaft er mitbringt und welchen Zeithorizont er besitzt.

Wenn der Geldanleger diese Punkte für sich geklärt hat, kann er beginnen, sich damit auseinanderzusetzen, in welchen Gebieten der Welt sich Potentiale bieten. In den Jahren vor der Jahrtausendwende waren sich die Experten darüber einig, dass deutsche Anleger nicht nur in Deutschland investieren sollten, sondern auch vor allem US-amerikanische und japanische Aktien in Betracht ziehen sollten. Danach haben sich die regionalen Gleichgewichte in der Welt deutlich verschoben. Die Aufteilung in den USA, Japan und Deutschland war nicht mehr so vorteilhaft wie zuvor, weil die Märkte stark miteinander korreliert haben. Die Emerging Markets wurden als Anlageregionen immer attraktiver - und sind es heute noch. Mittlerweile werden sogar für exotische Märkte wie Peru, Laos oder Ghana Investmentmöglichkeiten geboten. Meistens in Form von Zertifikaten, wobei das damit verbundene Emittentenrisiko nicht vernachlässigt werden sollte. Wenn der Anleger Wert darauf legt, mit einer Aktie auch reale Unternehmensanteile zu erwerben, kann sich ein Investment in ausländische - und vor allem exotischere - Märkte als schwierig und risikoreich erweisen. Falls derartige Aktien in Deutschland handelbar sind, können sie jedoch in wenig liquiden Märkten gehandelt werden, sodass ein reibungsloser Kauf / Verkauf zu einem fairen Preis sich als großer Risikofaktor herausstellen kann. Daher sind liquide gehandelte Aktien solider Unternehmen bei einer internationalen Ausrichtung deutlich vorzuziehen.

Außerdem ist mit einzubeziehen, dass neben dem regionalen Faktor auch automatisch ein branchenbezogener in die Entscheidung mit einfließt, der auch diversifiziert gehört. Diese zwei Fliegen lassen sich mit einer Klappe schlagen. Nämlich dann, wenn die Kombination von Regionen und Sektoren so vorgenommen wird, sodass anlagestrategische Schnittmengen bzw. Synergien daraus entstehen. Einige mögliche Beispiele hierfür: Maschinenbau und Automobilindustrie in Deutschland, Robotertechnologie in Japan, Südkorea und den USA, Nano- und Biotechnologie in Singapur, Luft- und Raumfahrt in Mexiko und Indien sowie IT-Sicherheit in den skandinavischen Regionen.

China nimmt hier eine besondere Rolle ein. Der 12. Fünfjahresplan, der vor knapp einem Jahr für 2011 - 2015 verabschiedet wurde, sieht vor 1,5 Billionen Dollar in Hightech-Projekte zu investieren. Das Programm sieht Investitionen in zahlreiche Schlüsseltechnologien vor. Es kann sich als sehr lohnenswert erweisen, die damit verbundenen Entwicklungen - auch bei den davor genannten Beispielen - zu verfolgen und sie bei der internationalen Diversifikation zu berücksichtigen.
 
Fazit

Weltweit gibt es viele Risikofaktoren, die dem kritischen Anleger bewusst sind. Doch führt dies oft auch dazu, dass durch die Fokussierung auf die Risiken die Wahrnehmung der Chancen untergeht. High-Tech-Forschung ist kein Quasi-Privileg der reichen westlichen Industrieländer mehr, weshalb sich weltweit enorme Potentiale auftun.

Der Begriff Home Bias wird im Deutschen oft mit Heimatmarktneigung übersetzt. Gelegentlich wird auch der Begriff Vertrautheitseffekt genutzt. Dieser ist womöglich besser gewählt, weil er nicht nur eine gebietsorientierte psychologische Verzerrung darlegt, sondern eine eher allgemeine. Wer sich bei der Vermögensanlage lediglich auf das eigene Land - bzw. andere ihm vertraute Faktoren - konzentriert, läuft Gefahr, Entwicklungen bei Zukunftsmärkten zu spät wahrzunehmen bzw. ihnen hinterher zu hinken.

Um diesen Beitrag kommentieren zu können, müssen sie eingeloggt sein!

Zugang vorhanden? Hier können Sie sich anmelden!

Kein Zugriff

Für diesen Beitrag benötigen Sie einen Premium-Zugang!

Ihre Vorteile

Eine Premium-Mitgliedschaft bei unserer Informationsplattform www.cashkurs.com beinhaltet den vollen und uneingeschränkten Zugriff auf sämtliche Inhalte der Plattform

Wir bieten Ihnen:

  • Börsentäglich die wichtigsten Informationen aus den Themengebieten Wirtschaft, Politik, Finanzmarkt und Börse
  • Einen börsentäglichen, umfassenden Ausblick zu den relevanten Themen per Videocast
  • Zahlreiche Beiträge namhafter Gastreferenten
  • Professionelle Chartanalysen zu den großen Indizes, Aktien und Edelmetallen
  • Vollkommen unabhängige Meinungen und Einschätzungen zur aktuellen Finanzmarktsituation

Sie möchten unser Angebot unverbindlich testen? Kein Problem. Registrieren Sie sich hier einmalig für einen kostenfreien Zugang.

Gastzugang beantragen

Schon Mitglied?

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:

Kennwort vergessen?

×

Warum kostet Cashkurs.com Geld?

In einem Satz: Wir garantieren Ihnen hiermit 100% Unabhängigkeit.

Im Gegensatz zu nahezu allen anderen Medien sowohl im Print-, TV- als auch im Online-Bereich ist Cashkurs.com komplett unvermarktet, beinhaltet also keinerlei Werbung. Somit ist Cashkurs.com von eventuellen Werbepartnern vollkommen unabhängig und in keiner Weise erpressbar. Hierdurch können wir Ihnen absolut frei, ehrlich, direkt und ohne Scheuklappen Hintergrundberichte, Zusammenhänge, Tipps und Ratschläge liefern, ohne die Interessen eines eventuellen Werbekunden berücksichtigen zu müssen. Die einzigen Interessen die wir in Betracht ziehen, sind die unserer Leser! Dies unterscheidet Cashkurs.com von nahezu allen anderen Plattformen im Finanz- und Wirtschaftsbereich und gibt Ihnen die Möglichkeit sich frei und unabhängig zu informieren!

×