Hurra, das Haus des Nachbarn brennt! (Oliver Roth)

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Seit vielen Monaten beobachte ich als Aktienhändler an der Frankfurter Börse das Geschehen in und um Griechenland. Was mir dabei besonders auffiel war, dass Teile der der Medien zwischenzeitlich die Griechenland-Krise zu unterschätzen schienen. Man war offenbar der Meinung, dass sich Griechenland selbst helfen könnte. Man glaubte den beschwichtigenden politischen Phrasen offensichtlich zu sehr. Doch Griechenlands Kreditwürdigkeit ist mehr als vorübergehend angekratzt Wie ein Schwellenbrand loderte die Finanzkrise der Griechen monatelang vor sich hin. Die Aktienbörsen erklommen sogar neue Jahreshöchststände, nahezu unbeachtet der Ereignissen in Hellas. Sie verhielten sich dabei wie die drei bekannten Affen:  Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Nur, wenn sich die Rating Agenturen zu Wort meldeten oder die „Ouzo“-Anleihen Preise in den Keller fielen, wurde Griechenland gezwungenermaßen wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Nur die Kapitalmärkte waren ständig auf der Hut und erhöhten schrittweise - ungeachtet der politischen Durchhalte-Parolen die Risikoaufschläge für „Ouzo“ -Anleihen. Das Zocken auf die Pleite Griechenlands spitzt sich zu. Die Spekulation steht besonders am Pranger. Zu Recht oder zu Unrecht?

Was ist eigentlich Spekulation?

Als ich im Dezember hörte, dass das griechische Haushaltsdefizit 12,7% anstatt 8,7 betragen würde, schwante mir schon Böses. Das ich beruflich täglich mit Spekulanten zu tun habe, war mir damals schon klar, dass nun der Euro und Griechenland ins Fadenkreuz der globalen Spekulationskraken geraten würden. Doch darf man bei der Bewertung der aktuellen Krise Ursache und Wirkung nicht verwechseln. Wenn man die Tageszeitungen studiert, werden oft Spekulanten im gleichen Atemzug mit dem mogelnden Griechenland als Verursacher der Krise genannt. Doch Griechenland hat sich 2001 in den Euro gemogelt und bis Herbst 2009 falsche Statistiken an das europäische Statistikamt Eurostat nach Brüssel geliefert. Innerhalb der Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich die Staatsverschuldung aller Europäer noch dramatisch verschlimmert - auch in Griechenland. Nun wird ihnen verständlicherweise vom Kapitalmarkt die Rechnung präsentiert und der Geldhahn zugedreht. Oder würden Sie einem Bekannten noch einmal Geld leihen, der Sie jahrelang beschummelt hat und der Ihnen wahrscheinlich Ihr Geld niemals vollständig zurückzahlen wird? Dennoch sind einige Marktteilnehmer – die man in diesem Fall bereits als Spekulanten bezeichnen darf- immer noch bereit, gegen hohe Zinsaufschläge Geld an Hellas zu verleihen. Je höher das Verlustrisiko, desto höher die Zinsen. Das ist nun mal so. Diese Form der Spekulation wird sicherlich auch in Brüssel willkommen geheißen. Spekulation kann sich also sowohl positiv wie negativ auf einen Markt auswirken. Ein weiteres Beispiel gefällig?

Ihr Öl-Händler vor Ort sichert sich bei der Bestellung von Heizöl gegen Preisschwankungen ab, indem er Optionen auf steigende Ölpreise erwirbt. Er sichert sich damit,  gegen mögliche Verluste die in der Zeit zwischen Bestellung und Lieferung der Ware entstehen könnten, ab. Dadurch bleiben für uns die Preise relativ stabil. Die Verkäufer dieser Optionen sind Spekulanten, die auf fallende Preise wetten. In einem regulierten Markt kann die Spekulation eine wesentliche Regulierungsfunktion erfüllen.

Was sind CDS?                                            

Solange Spekulationen in Maßen an regulierten Märkten – z. B. Börsen – stattfinden und dadurch von Behörden kontrolliert werden können, ist nicht viel gegen die Spekulation an sich einzuwenden. Die aktuell berechtigte Kritik an Spekulanten innerhalb der Griechenland-Krise bezieht sich auf einen unregulierten Markt, in dem auf den Bankrott von Griechenland gewettet wird. Die sogenannten CDS (Credit Default Swaps) spielen bei diesen Wetten eine Hauptrolle. Aber was genau sind diese CDS und wie können diese Wetten Griechenland und damit ganz Europa ins Wanken bringen?

CDS sind ursprünglich Versicherungen auf Kreditausfälle. Ein Gläubiger sichert sich gegen die Pleite eines Schuldners ab, in dem er sich mit einer Versicherung gegen den möglichen Verlust absichert. Das ist dann so, wie wenn Sie ihr Haus gegen Feuer versichern. Im Schadensfalle bekommen Sie dann Ihren Verlust ganz oder teilweise von der Versicherung zurück erstattet. Das ist zwar eine „Wette“ mit der Versicherung, aber dadurch sind Sie noch kein Spekulant. Die Versicherung aber wohl.

Wie werden CDS zur Gefahr?

Spekulant werden Sie erst dadurch, dass Sie Brandversicherungen auf die Häuser ihrer Nachbarn abschließen. Und genau das geschieht aktuell im Kapitalmarkt im großen Stil. Besonders Hedge Fonds und Investment Banken wetten unter anderem durch den Kauf von CDS auf den Kreditausfall der Griechen. Die CDS sind, anders als Versicherungen, frei handelbar und jederzeit weiterzuverkaufen - wie eine Aktie. Da sowohl das zaudernde, europäische Krisenmanagement wie auch die unzureichenden Reaktionen Griechenlands die Märkte weiter verunsicherten, stiegen die Renditen für CDS ins Astronomische. Viele Marktteilnehmer orientieren sich mittlerweile bei der Risikobewertung von Griechenland an den Preisen der Credit Default Swaps. Die Wahrscheinlichkeit eines Kreditausfalls Griechenlands hatte zugenommen und das hat die CDS Renditen nach oben getrieben. Das wiederum erhöht die Refinanzierungskosten Griechenlands, denn sie müssen immer höhere Zinsen für ihre Schulden zahlen. Dadurch stieg die Zinslast Griechenlands für neue Schulden auf vorübergehend 12%-18%.

Um in unserem Bild zu bleiben, warten Sie als Spekulant also nicht erst bis alle Nachbarhäuser brennen, sondern Sie verkaufen Ihre Brandversicherungen  einfach mit Profit an andere Spekulanten weiter. Und wenn Sie dazu noch weitere böse Gerüchte über die Pleite Griechenlands streuen, stellen Sie er auch noch den Spiritus fürs Feuer zur Verfügung. Solche Praktiken gehören einfach verboten. Nur der Hausbesitzer sollte eine Brandversicherung abschließen dürfen. Ergo sollte, wenn es schon nicht generell verboten wird, nur der Geldverleiher ein CDS kaufen dürfen. Und damit Regulierungsbehörden und Clearingstellen diese Bedingungen zum Kauf von CDS Produkten überprüfen können, muss der Handel mit Credit Default Swaps unter Aufsicht gestellt werden. Diese Regulierung verteuert zwar den Handel mit CDS und verursacht höhere Kosten für alle, aber unter gegebenen Umständen ist das unvermeidbar. .

Was nun?

Zunächst mal ist Zahltag für Euroland. Obwohl ich ja schon durch die Finanzkrise an die Zahlen mit neun Nullen gewöhnt bin, schlackerte ich schon mit den Ohren, als Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle mitteilte, dass er mit €130 Mrd. zur Rettung Griechenlands rechne. Keine Angst. Nicht alles in diesem Jahr, sondern verteilt auf drei Jahre. Halb so schlimm also. Es scheint, wie wenn sich die Politik für den dauerhaften Subventionstransfer für Griechenland entschieden hätte. Das wird für uns sehr teuer und trotzdem nicht nachhaltig für die Stabilisierung des Euro sorgen. Die Stabilität des Euro beruht auf einer unabhängigen Notenbank, die sich der Inflationsbekämpfung verschrieben hat und der Haushaltsdisziplin seiner Mitgliedsländer. Die Säule der Haushaltsdisziplin erodiert bereits seit vielen Jahren und wird bald vollends ihre Funktion für den Euro eingebüßt haben. Die EU-Verträge von Maastricht und Lissabon weisen erhebliche strukturelle Mängel auf, die es schleunigst zu beheben gilt: Der Ausschluss von EU- Mitgliedern aus dem Euro bei Verstoß gegen elementare Konvergenzkriterien, die Einführung besserer Kontrollmechanismen zur Überprüfung der Haushaltsdisziplin der Mitgliedsländer sowie ein Notfallplan -EWF- für überschuldete Mitglieder müssen in einem neuen EU-Vertrag geregelt werden. Schäuble lässt grüßen. Griechenland hat zu lange unbemerkt über seine Verhältnisse gelebt und sich dabei hoffnungslos verschuldet. Die Krise hat viele Ursachen und wird durch unkontrollierte Spekulation noch verschlimmert.

Ich bin davon überzeugt, dass durch eine internationale Marktregulierung für CDS Papiere deren Renditen wieder fallen würden und der Druck der Kapitalmärkte auf Griechenland-Anleihen dadurch abnehmen wird. Doch das Grundproblem der ausufernden Staatsverschuldung wird dadurch nicht gelöst. Es gilt künftig, besonders für kommende Schuldenkrisen, politisch vorausschauender in Euroland zu agieren. Und Teile der Liberalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte der letzten Jahre müssten schrittweise zurückgenommen werden - damit sich in Zukunft keiner mehr über das brennende Haus des Nachbarn freuen darf.

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Kommentare

Thomas am 05.05.2010 um 13:22 Uhr
Gerade kam es in den Nachrichten. Die ersten Toten in Griechenland. Die ersten Banken brennen. Es wurde versucht, das Parlament zu stürmen...
gp am 06.05.2010 um 07:11 Uhr
Herr Roth, warum die Deregulierung und Liberalisierung "stufenweise" zurücknehmen?
Einen" cut" machen, mit der Faust auf den Tisch schlagen, dann würde die Politik, wenn sie es denn überhaupt wolle, wieder an Glaubwürdigkeit zurück gewinnen.
Wenn sie das nicht tut, droht uns Anarchie.
Hausfrau am 06.05.2010 um 07:23 Uhr
Toller Artikel, gut verständlich selbst für eine Hausfrau. Aber zum letzten Absatz muß ich folgendes anmerken: Welche neue Staatsverschuldung? Es ist doch gar nicht abzusehen wie und wann die jetzigen Schulden abgetragen sind. Oder gehen Sie auch von einer "Umschuldung" aus?

Gruß nach Frankfurt

S. Freichel am 06.05.2010 um 07:57 Uhr
Huch,

jetzt hat auch der derzeitige Nobelpreisträger der Ökonomie das Urteil über den Euro gefällt:

http://krugman.blogs.nytimes.com/

Ich geh dann mal einkaufen ;-)
Fokko Bucys am 06.05.2010 um 09:26 Uhr
Hallo Herr Roth,

grundsätzlich wäre doch eine "eingebaute" Versicherung die sinnigste und einfachste Variante der Regulierung.

Staatsanleihen in denen das Kapital geschützt ist, allein die Zinszahlung als Ausfall möglich ist. Sicherlich würde die Staaten eine "eingebaute" CDS in den Anleihen Geld kosten, aber unterm Strich wäre hier eine Möglichkeit für den Staat die "Versicherung" zu regulieren.

Unter Umständen sind gar keine so hohen Mehrkosten zu erwarten. Immerhin würden "kapitalgeschützte Staatsanleihen" ja auch grundsätzlich weniger Zinsaufwendungen zur Folge haben und sich nach dem Ermessen des Staates (und natürlich des Marktes) am Leitzins orientieren. Der Investor trägt "nur" das Zinsrisiko und die Staaten würden eine unkomplizierte Finanzierung sichergestellt haben.

Sollten die Zinszahlungen ausbleiben ist das eine Staatspleite. Allerdings mit weit weniger Folgen für alle Märkte, weil das Zinsrisiko kalkulierbar ist und schon von vorneweg kontrollierbar bleibt.

Viele Grüße
Fokko Bucys

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