In Zeiten großer Euro-Not bringt der politische Mittelweg den Tod

Sind Sie so wie ich ein Fan von Action-Filmen? Ihre Dramaturgie zieht mich immer wieder in den Bann. Und das Beste kommt zum Schluss: Das Happy End. Der furchtlose Held oder die Heldin nimmt auch die größten Strapazen auf sich und rettet trotz aller Widrigkeiten die Welt vor ihrem Untergang.

Auch die Euro-Krise ist ein Action-Film. Seine packende Dramaturgie mit fast täglich neuen, unerwarteten Handlungen der politischen Hauptakteure könnte von Steven Spielberg oder Wolfgang Petersen stammen. Leider gibt es einen entscheidenden Schönheitsfehler: Bei diesem Film will sich einfach kein Happy End, d.h. die nachhaltige Lösung der Euro-Krise, einstellen. Offenbar wurden die Rollen des oder der Helden, die die schief laufenden Dinge zum Schluss wieder gerade richten, bis dato nicht besetzt.

Euroland ist nicht Wunderland

Sicherlich hat es schon angenehmere Zeiten für Politiker gegeben. Aber sie sind nun einmal als Entscheidungsträger gewählt. Und diese müssen jetzt der Realität ins Auge schauen: Griechenland ist in der Eurozone nicht zu retten. Das griechische Bruttoinlandsprodukt liegt ungefähr auf dem Niveau des Bundeslands Hessen. Allerdings hat Hessen nur ein Neuntel der Verschuldung und eine wirtschaftliche Infrastruktur und Geschäftsmodelle, die die Schulden schultern können. In Griechenland schafft das aber selbst ein Herkules nicht mehr: Während die Schulden steigen, sinkt die Wirtschaftsleistung rapide.

In der Geschichte findet sich kein Beispiel für ein Land mit ähnlich gravierenden finanziellen Verwerfungen, dass seine Probleme nicht auch über Währungsabwertungen in den Griff bekommen hat. Ob in der Tequilla-Krise Mexikos 1994/95, in der Asien-Krise 1997/98, in der Russland-Krise 1998/99 oder in der Argentinien-Krise 2002, Abwertungen bis zu 400 Prozent waren nötig, um wieder wirtschaftlich atmen zu können. Es bedarf eines Wunders, um Griechenland ohne Abwertung erfolgreich zu sanieren. Aber leider ist Euroland nicht Wunderland. Unter uns gesagt: Diese Erkenntnis hat auch jeder, der fehlerfrei bis drei zählen kann.

Sanierung Griechenlands mit Pauken und Trompeten gescheitert

Die Politik befürchtet, dass ein Austritt Griechenlands weitere Austritte anderer Euro-Länder nach sich ziehen könnte, die finanziell dann nicht mehr beherrschbar wären. Eine Gewähr für ein Ausbleiben dieses Dominoeffekts ist aber auch bei Festhalten am Status Quo alles andere als sicher. Denn wie kann man den Finanzmärkten beruhigend versichern, Staaten wie Spanien oder Italien stützen zu können, wenn schon eine Sanierung Griechenlands mit Pauken und Trompeten scheitert? Außerdem kann man nicht mehr ausschließen, dass die zunehmende Verschlechterung der sozialen Rahmenbedingungen über das Kaputtsparen Griechenlands irgendwann die Regierung in Athen politisch zwingt, von sich aus - überraschend - den Austritt zu erklären, was erst recht zu Schocks an den Finanzmärkten führte. Nicht zuletzt nehmen die politischen Risiken zu, dass die notwendigen Zustimmungen in allen nationalen EU-Parlamente für immer weitere Hilfen an das Groschengrab Griechenland sowie eine zunehmende Delegierung der nationalen Haushaltsrechte an eine Brüsseler Superbehörde nicht mehr erzielbar sind. Eine Reihe von EU-Ländern hegt hier schon sehr frevelhafte Gedanken und selbst in der deutschen Regierungskoalition wird das Schweigegelübde in punkto kritischer Euro-Betrachtung mittlerweile gebrochen. Die Existenzrisiken der Eurozone sind bei Aufrechterhaltung des griechischen Status Quo unkalkulierbar groß.

Wo sind die Helden der Eurozone?

Ohne Zweifel werden die Bewältigung eines griechischen Austritts und damit auch ein Schuldenschnitt keine Spaziergänge. Dazu hat man seit Mai 2010 das Zeitfenster nicht genutzt. Aber was wären die Vorteile? Die Europäische Union würde klar zeigen, dass sie noch handlungsfähig ist, die Euro-Krise mit handfesten Instrumenten und nicht mit erfolgloser Gesundbetung in den Griff zu bekommen. Was macht man mit einem Fußballspieler, der nicht die entsprechende Leistung erbringt? Er wird ausgewechselt, weil er ansonsten die Leistungsfähigkeit der Gesamtmannschaft schwächt. Im Übrigen würde dies den Angelsachsen die Munition nehmen, von ihren eigenen, größeren Problemen abzulenken und den Zeigefinger auf die Eurozone zu richten. Grundsätzlich wäre eine Pleite Griechenlands jetzt finanziell verkraftbar, Pleiten von Spanien und Italien später sind es nicht.

Die Politik darf diesen sicherlich steinigen Weg nicht scheuen, darf keine mittelmäßigen Zwischenlösungen mehr anbieten und muss zügig handeln. Schon gar nicht sollten sich Politiker des Alibis fehlender rechtlicher Grundlagen für einen Austritt bedienen. Es gab ja auch keine rechtlichen Grundlagen für die „alternativlose“ Aufgabe der Euro-Stabilitätskriterien der Eurozone. Getan hat man es trotzdem.

Wir brauchen alternativlos mutige Helden, die die Eurozone mit frischen Ideen wie der Rekapitalisierung von Banken retten, keine Anti-Helden, die sie nur mit alten Kamellen wie Rettungspaketen verwalten. Nur so kommt es auch beim Action-Film „Euro-Krise“ noch zu einem guten Ende. Die aktuelle Realsatire ist nicht mehr mit anzusehen.

Um diesen Beitrag kommentieren zu können, müssen sie eingeloggt sein!

Zugang vorhanden? Hier können Sie sich anmelden!

Kommentare

Lotus am 20.09.2011 um 13:07 Uhr
Sehr richtig. Stimme voll zu. Vor allem, das Problem wird nicht gelöst mit Rettungspaketen und einer Wirtschaftsregierung. Unsere Enkelkinder müssen dafür herhalten, abzahlen und schuften. Genauso, wie Millionen Bürger von der Globalisierung die Schnauze voll haben. Die hat nur der Wirtschaft gedient, jedoch den Menschen selbst ohnmächtig gemacht. Ich weiß nicht, ob das unsere Zukunft sein sollte. Politiker leben auf großen Fuss und verschleudern Geldspritzen von nicht erbrachter, eigener Produktivität in andere Länder (Banken). Das sollte verboten werden. Das Volk sollte darüber entscheiden.
Felix am 20.09.2011 um 15:51 Uhr
"...Abwertungen bis zu 400 Prozent waren nötig, um wieder wirtschaftlich atmen zu können."
Wie kann man 400% abwerten? Ist nach 100% nicht Schluß?
Lutz am 20.09.2011 um 22:02 Uhr
Danke für den interessanten Artikel,


Ich finde es verwunderlich wie ruhig es in der Bevölkerung ist, warum regt sich kein Widerstand. Es fehlt bei Summen im Eurorettungsschirm von 400 Mrd. einfach der emotionale Mengenbezug. Machen wir es mal einfach, Stuttgart 21 soll 4 Mrd. kosten, dazu gab es Proteste die von einer Steuergeldverschwendung sprachen. Mit dem Euro Rettungspaket könnten wir uns 100-mal in Deutschland so etwas wie Stuttgart 21 leisten. Wenn dann München 21, Hamburg 21, Köln 21 und Frankfurt 21 realisiert wurden sollte man sich spätestens bei Buxtehude 21 fragen ob das noch sinnvoll investiertes Geld ist.

Oder bereitet man auch schon den Deutschen Staatsbankrott vor? Denn solche Bürgschaften sind unbezahlbar. Aber es wäre eine charmante Lösung, man könnte Griechenland dann dafür verantwortlich machen und niemand würde noch erwähnen, dass Deutschland über Jahrzehnte sich vor einer Reform der Renten- und Sozialkassen gedrückt hat, um sich auf den demographischen Wandel vorzubereiten.
pit am 21.09.2011 um 05:34 Uhr
http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/694692/Eurosc hirm_Der-naechste-problematische-Vertrag?direct=691335&_vl_backl ink=%2Fhome%2Fwirtschaft%2Findex.do&selChannel=573
hellene am 21.09.2011 um 13:29 Uhr
Wir haben eine Welt-Finanzkrise

http://www.biallo.at/artikel/Energie/walter-k-eichelburg-wir -haben-eine-welt-finanzkrise.php
Andre am 21.09.2011 um 16:50 Uhr
Zitat: "Wir brauchen alternativlos mutige Helden, die die Eurozone mit frischen Ideen wie der Rekapitalisierung von Banken retten,"

Stimme Ihnen, Herr Müller, nicht zu. Die Lösung darf nicht darin bestehen, auch weiterhin Banken durch Steuermittel am Leben zu erhalten. Damit würde weiterhin Ersparnisse der Bürger in deren Taschen umgeschichtet und jede Verantwortung von den Geschäftsführungen genommen. Und somit wäre Ihr Vorschlag ebenfalls ein Worst Case Szenario.

Besser ist, auch die Banken in geordnete Insolvenzverfahren übergehen zu lassen. Der Staat könnte für die Guthaben von Privat und Firmen bis zu einer gewissen Grenze garantieren. Durch staatliche Vorgaben würde ein weiterer Geschäftsbetrieb für die garantierten Gelder aufrechterhalten werden können, bis die Bank abgewickelt und ggf. veräußert ist. Damit würde auch die ausufernde Liquidität, also ein großer Teil des von Banken aus dem Nichts geschaffenen Geldes aus dem Markt genommen.

Es ist mir angesichts Ihrer sonst sehr klaren und aus meiner Sicht korrekten Einschätzung ein Rätsel, dass Sie diesen Weg nicht in Betracht ziehen.
supie am 21.09.2011 um 20:02 Uhr
zu felix,
ich denke eher das mit 400% gemeint ist, das dann zum schluss eben alles das 5 fache oder so kostet.
sonst wäre ja bei der DM auch nach 33 j mit knapp 3% Inflation schluss gewesen=)
aber nein, dann haben sachen die früher 1 DM kosteten eben 2 gekostet.


grüsse
Kai am 22.09.2011 um 10:24 Uhr
Die einzigen Helden sind m.E. jene Abgeordneten, die (in steigender Anzahl)
dem ESM im Bundestag nicht zu stimmen werden. Insofern hoffe ich persönlich inständig auf Frank Schäffler und Co., dass sie auch möglichst viele Abgeordnete der Opposition auf ihre Seite ziehen können und diese Abgeordneten am besten
geschlossen den Austritt aus ihrer jeweiligen Partei erklären.

Das könnte zumindest mediale Öffentlichkeit erzeugen......
Roesger am 24.09.2011 um 08:53 Uhr
@Lutz

Bevölkerung ist ruhig? Da stimme ich Ihnen zu. In meinem Bekanntenkreis überwiegt das kritsiche Nachdenken bei der Generation 55+. Irgenwie habe ich den Eindruck, dass sehr viele Menschen sich lieber nicht informieren. Können oder wollen sie nicht?

Mit Jubel begrüsst man den Einzug der Piraten in die Berliner Stadtpolitik! Fragt man aber nach Programm, Staatshaushalt etc. gibt es das entsetzte Gucken. Verschuldung Berlin nach Aussage eines angehenden Parlamentariers: paar Mio! Dass es weit über 55 MRD sind - naja!
Das bei der aktuellen Situation gerade junge Menschen fast regungslos alles hinnehmen - das macht mich sehr nachdenklich. Solange die Bürger aller betroffenen Nationen den Zugucker machen - dann machen die Politiker auch weiter - wie bisher!

Geniessen Sie das sonnige Wochenende.
Klaus Diekers am 27.09.2011 um 18:39 Uhr
Erschreckend, wie jämmerlich die großen Damen und Herren der Politik reagieren. Das kommt davon, dass offensichtlich jede Dumpfbacke für ein politisches Amt kandidieren kann. Fachwissen - unwichtig, vernetzt Denken - unwichtig, Glaubwürdigkeit - unwichtig etc. Politiker seit dem 2. Weltkrieg haben immer nur die Wähler belogen und mit unhaltbaren Versprechen deren Stimmen gekauft. Die Wähler waren andererseits so dumm, jeden Mist zu glauben. Insofern stimmt der Satz: jedes Volk hat die Politiker, die es verdient.
Solange die ganzen Versager weiter an der Macht bleiben wird sich nichts ändern, sondern es wird immer schlimmer, bis gar nichts mehr geht. Wer die Zeche bezahlen wird (muß), ist doch wohl hoffentlich jedem klar!

Kein Zugriff

Für diesen Beitrag benötigen Sie einen Premium-Zugang!

Ihre Vorteile

Eine Premium-Mitgliedschaft bei unserer Informationsplattform www.cashkurs.com beinhaltet den vollen und uneingeschränkten Zugriff auf sämtliche Inhalte der Plattform

Wir bieten Ihnen:

  • Börsentäglich die wichtigsten Informationen aus den Themengebieten Wirtschaft, Politik, Finanzmarkt und Börse
  • Einen börsentäglichen, umfassenden Ausblick zu den relevanten Themen per Videocast
  • Zahlreiche Beiträge namhafter Gastreferenten
  • Professionelle Chartanalysen zu den großen Indizes, Aktien und Edelmetallen
  • Vollkommen unabhängige Meinungen und Einschätzungen zur aktuellen Finanzmarktsituation

Sie möchten unser Angebot unverbindlich testen? Kein Problem. Registrieren Sie sich hier einmalig für einen kostenfreien Zugang.

Gastzugang beantragen

Schon Mitglied?

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:

Kennwort vergessen?

×

Warum kostet Cashkurs.com Geld?

In einem Satz: Wir garantieren Ihnen hiermit 100% Unabhängigkeit.

Im Gegensatz zu nahezu allen anderen Medien sowohl im Print-, TV- als auch im Online-Bereich ist Cashkurs.com komplett unvermarktet, beinhaltet also keinerlei Werbung. Somit ist Cashkurs.com von eventuellen Werbepartnern vollkommen unabhängig und in keiner Weise erpressbar. Hierdurch können wir Ihnen absolut frei, ehrlich, direkt und ohne Scheuklappen Hintergrundberichte, Zusammenhänge, Tipps und Ratschläge liefern, ohne die Interessen eines eventuellen Werbekunden berücksichtigen zu müssen. Die einzigen Interessen die wir in Betracht ziehen, sind die unserer Leser! Dies unterscheidet Cashkurs.com von nahezu allen anderen Plattformen im Finanz- und Wirtschaftsbereich und gibt Ihnen die Möglichkeit sich frei und unabhängig zu informieren!

×