Inside Job – US-Regierung als Geisel der Wall Street

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Es gibt Abende, die kann man angenehmer verbringen kann als in einem Kino. Nicht dass es am Ambiente lag, an den Leuten im Saal oder gar an meinen Sitznachbarn – es war der Film: „Inside Job“. Wie die Wall Street die Regierung übernahm… Sie haben davon noch nichts gehört? Warten Sie es ab…

Dirk Müller hatte kürzlich seine Leser von Cashkurs zu einem besonderen Ereignis nach Frankfurt eingeladen, um gemeinsam einen Finanzfilm anzuschauen. Diesen gibt es eigentlich nur auf DVD. Doch Kinos verfügen über das entsprechende Gerät. Wer in der Finanzbranche oder auch als Finanzjournalist arbeitet, sollte und muss sich diese zwei Stunden antun. Doch legen Sie dabei bitte drei dicke Küchenrollen bereit. Sie werden den Schaum vor dem Mund erfolglos versuchen weg zu wischen.

Der amerikanische Streifen, wahlweise mit deutschen oder auch arabischen Untertiteln, beginnt in einem Land, das vielleicht die schönsten Farben und Landschaften der Welt bietet: Island: Die 320.000 Seelen-Insel kam 2008 mit einer Staatspleite und wütenden Leuten in die Schlagzeilen. Was war passiert?

„Dank“ der Deregulierung der Märkte durch die isländische Regierung wuchsen die Banken schneller als ein Hefeteig unter optimalen Bedingungen. Island galt als Geheimtipp. Die Aktienpreise ver-9-fachten sich. Am Ende standen die drei großen Banken mit 120 Milliarden US-Dollar in der Kreide. Den Rest kennen sie. Schon vergessen? Oh, das geht schnell.

Binnen weniger Jahre hat die Finanzindustrie durch den Wegfall von Regeln frei schalten und walten können. Aus der Insel wurde ein Spielcasino, was kurze Zeit später in die Luft flog. Verrückte Dinge passierten, wie es nun mal so ist, wenn die Sachen nicht mehr an ihrem Platz stehen und die Gier zusammen mit einer Regierung das Nötige unternimmt und unterlässt. Wer als Journalist beispielsweise isländischen Bankern unbequeme Fragen stellte, bekam sofort ein Jobangebot. Die Regierung brüstete sich mit ihren engen Verflechtungen zur Finanzindustrie. Selbst ein US-Wirtschaftswissenschaftler erhielt 128.000 US-Dollar für eine Studie, die die Unbedenklichkeit der Verhältnisse auf Island attestierte – kurz bevor alles gegen die Wand fuhr, ja fahren musste.

Warum beginnt der Streifen in Island? Vielleicht deshalb, weil es im Kleinen einfacher zu verstehen ist, was im Großen passiert. Nach wenigen Minuten schwenkt die Kamera in den USA und schaut dort hinter das große Bild. Dort hat seit den 80er Jahren die Wall Street die Politik übernommen. Um jeden Kongressabgeordneten kümmern sich statistisch gesehen fünf Lobbyisten aus der Finanzbranche. Die Aufwendungen für Parteispenden belaufen sich jährlich auf fünf Milliarden US-Dollar.

Der Film beleuchtet das Aushöhlen von Gesetzen, die Verhinderung von Regeln und die Ausschaltung des Marktes. So erst konnte aus den Finanzmärkten ein gefräßiges Monster heran wachsen. Dieses setzte und setzt alles daran, die Deregulierung zu forcieren, wobei sie die richtigen Leute in die Politik schickten. Unterstützung kam auch vom US-Präsidenten. Gesetze konnten erfolgreich verhindert werden.

Ingenieure schaffen Innovationen. Die Finanzindustrie schuf neue Produkte, mit denen sie Gelder in eigene Taschen lenken konnte. Ihre Chefs und Angestellten schwimmen in Geld. Ein „Goldman“ verdient durchschnittlich 600.000 US-Dollar im Jahr. Als die Märkte ausgeblutet waren, hatten die Monster bereits ihre Schläuche an den Staatskassen anlegen können, aus denen sie nun die Milliarden absaugen

Das Ergebnis der Finanzkrise ist inzwischen eine noch größere Konzentration der US-Finanzwelt auf einige wenige Giganten, die die Regierung als Geisel genommen hat und mit ihr die gesamte Bevölkerung. Lehman Brothers ist tot. Bear Stearns bei J.P. Morgan untergeschlüpft. Die anderen systemrelevanten Giganten (Wachovia, Countrywide) wurden für Kleckerkram aufgekauft. Die dicken Gebrüder Fannie und Freddie wurden neben der noch dickeren AIG verstaatlicht. Die weltgrößte Versicherung hatte unter Finanzminister Timothy F. Geithner die Versicherungssummen in voller Höhe an Goldman Sachs & Co. auszuzahlen. Dabei ging es um Milliardenbeträge – die nur zustande gekommen waren, weil man gegen die eigenen Produkte gewettet hat und man die Kugel auf dem Rouletttisch im richtigen Fach platzierte – ganz uneigennützig natürlich.

Selbst die Wissenschaft an den ehrwürdigsten Universitäten hat ihre engen Verbindungen in die Finanzindustrie. Leute mit den ganz großen Zipfelmützen bekommen reichlich Zahlungen aus der Finanzbranche. Darauf angesprochen, begann bei den sonst redegewandten Maestros die große Stotterei. Und sie sahen aus wie Kleinkinder, die man beim Stehlen von Keksen erwischt hat. Psychologen erhalten in diesem Film eine Extra-Lektion in Sachen Verlogenheit.

Welche Rolle spielte die Notenbank? Warnungen gab es viele. So wird die Rolle von Alan Greenspan näher beleuchtet, der sich vehement gegen alle Regulierungen aussprach. Für Ben Bernanke war die ganze Sache mit dem Immobilienmarkt „contained“. Begriffen hat er die Dimension erst im Frühjahr 2009, und das auch nur ansatzweise, dokumentiert der Film.

Wer tat es mit wem? Wer kannte wen und was kam dabei heraus? Ein lohnenswerter Film über eine Zeit, in der die Finanzindustrie die Regierung übernahm.

Und die Ratingagenturen? Seltsamerweise wurden die meisten Papiere schlagend, als sie noch mit einem dicken „AAA“ versehen waren. Neu war für mich, dass ein Rating eine „Meinung“ ist – und damit auch nicht einklagbar, wahrscheinlich auch nichts bedeutet. Ratingagenturen müssen demnach wirklich etwas mit „raten“ zu tun haben.

Die Gedanken während des Films schossen mir kreuz und quer durchs Hirn. Am Ende des Films saß ich in einem Schaumbad voller Speichel.

Wie sieht es hierzulande aus? Haben die Banken mit ihren milliardenschweren Bankbüchern nicht auch die Regierungen in Geiselhaft genommen? Wie war das möglich? Wer dreht die Räder? Wer bezahlt wen? Und vor allem, was sind die Folgen dieser Angelegenheit? Muss man sich heute entscheiden, auf welcher Seite man steht oder eher, wie man aus dieser Schusslinie im „Krieg um Geld“ am besten heraus kommt?

Vieles aus dem Film kannte ich. Vieles war mir neu. Eine Frau neben mir sagte am Ende des Films, ich solle meine Wut noch einmal kurz unter einem anderen Aspekt ansehen. Sie bekam offenbar mit, dass ich den meisten Protagonisten aus dem Film den Teufel an den Hals wünschte und tausend Jahre Verdammnis. Sie bemerkte ganz kühl: „Nein, ich hasse diese Menschen nicht – nur die Sache, der sie nachgehen.“

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Kommentare

gp am 16.06.2011 um 10:19 Uhr
Gut, man muss sie ja nicht "hassen", aber die "Sache" existiert ja nicht so einfach für sich allein, sie wurde von diesen Menschen ausgeheckt.
Ich schäme mich ein bisschen, aber ich bewundere die Leutchen für ihre Schlitzohrigkeit und Cleverness. Ich verachte sie aber für ihre Gier und Kaltblütigkeit!
Was die Verstrickung der Finanzoligarchie und Politik betrifft, so habe ich groooße Bedenken.
Michael Schmidt am 16.06.2011 um 18:32 Uhr
Habe mir den Film auch angesehen und mir war nur noch schlecht....Scheinbar haben Werte und Moral in dieser Welt überhaupt nichts mehr zu suchen....sind antiquarisch....Da haben selbstverliebte Egomanen die Macht übernommen und werden diesen Planeten zugrunde richten...So what!?
AH am 17.06.2011 um 09:49 Uhr
Habe mir den Film gleich bestellt, um die Zusammenhänge mal von einer anderen Seite beleuchtet zu bekommen. Letzlich war mir schon lange klar, dass im globalen Finanz- und Wirtschaftsmarkt die Politiker nur noch Marionetten sind.

Aber eigentlich hängen wir Kleinen ja mit unserer Gier nach noch ein wenig mehr Zinsen oder Dividenden oder dem Einkaufsmotto "geiz ist geil" alle mit drin, oder????
Bahia am 17.06.2011 um 16:04 Uhr
Alle nicht, da möchte ich wiedersprechen. Es gibt doch noch wenige die nichrs aus Amerika kaufen, den Banken nicht rauen und lieber das bischen was sie haben in anderen Werten anlegen.
Was ich allerdings nicht verstehe das die deutsche Bank überhaupt noch Kunden hat. Denn falls ich Kunde dort wäre oder bin, ha ich hätte mein Konto schon längst aufgelöst. Genauso wie ich meiner Bank vor langer Zeit sagte, was, nei 3 4 5 % Inflation wolt ihr mir nur 1 % Zinsen zahlen, davon werden mir dann noch 30% abgezogen mit der Kirchensteuer, >NEIN !!!! zahlt mir mein geld aus und war nicht wenig, und habe es im Schließfach liegen bis jetzt der Einstieg kommt in Silber und Gold, Anfang August.
transparek am 18.06.2011 um 15:50 Uhr
vieles im Film war mir bekannt, einiges neu. Und im Grunde ist dem Beitrag von Frank Meyer nichts hinzuzufügen. Ändern werden wir nichts solange AH recht hat und Menschen wie Bahia und Berater wie ich nicht endlich umdenken. Solange es dem Menschen darum geht mehr aus seinem Geld zu machen ohne die Verantwortung dafür zu übernehmen und es über Banken und Versicherungen anonymisiert, wird sich nichts ändern. Meine Beraterbranche hat daran einen sehr großen Anteil, ist es doch vorrangiges Ziel intransparenz zu schaffen. Und wenn dann mal einer wie wir Transparenz in den Markt bringt, wird er von der eigenen Branche angefeindet, und dies im Kleinen wie auch im Großen. Auch die Beratung der Mandanten ist schwierig, da diese oft erst mal in das Wissen der Hintergründe eingeführt werden müssen um überhaupt zu verstehen warum eine Aktie besser ist als ein Zertifikat mit Garantie, warum ein Hektar Land über eine Genossenschaft besser ist als ein Zertifikat auf Agrarrohstoffe usw. Ein mühseliges Unterfangen, das zudem noch schlecht bezahlt wird. Da ist es eben einfacher Produkte zu verkaufen, die keiner versteht, auf dem drei AAA drauf stehen und möglichst noch eine Garantie, die nichts wert ist, sich aber gut anhört.
Wir gehen spannenden Zeiten entgegen. Dirk Müller ein großes Dankeschön, dass dieser Film eine größeren Runde gezeigt wurde, ich bin sicher, das viele wie ich auch, diesen Film weiterempehlen werden und dadurch wieder ein paar aufwachen.
Beste Grüße aus der Rhön
Rainer Stein TRANSPAREK - auch das gehört zur TRANSPARENZ
TIM DABRINGHAUS am 20.06.2011 um 19:53 Uhr
Schon VOR "Insie Job" ein Insider-Blick: zeitgeistmovie.com
argus am 21.06.2011 um 08:44 Uhr
Schaut Euch doch nur an,aus welchem Stall das alles kommt! Dann wird doch jedem klar, was da abläuft und wohin das führen wird. Es gab da mal einen Film mit dem etwas dummen deutschen Titel "Die Körperfresser kommen". Es geht nicht um Aliens, die uns fressen, sondern um die, die unter uns sind und alles beherrschen wollen und werden. Die einen sagen "Illuminati", die anderen die "Bilderbergs", aber wie auch immer sie heissen: Sie sind es die uns alles nehmen werden; und unsere schwachsinnigen Politiker helfen ihnen. Siehe letztes Treffen Merkel /Sarkozy zur Abklärung der Verpflichtungen der Mächtigen. Wunderbar, wie das alles funktioniert im Sinne derer, die das alles angerichtet haben. Nur weiter so !!!!!
Stefan Müller am 20.07.2011 um 10:20 Uhr
Wer den Film auf Deutsch sehen möchte: über die Online-Videothek maxdome.de ist er online für 3,99 EUR oder mit Einlösung eines Gutscheins (z.B. aus ComputerBild) abrufbar

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