Wall Street: Der Rezessionsblues meldet sich zurück

(c) Benjamin Haas - Fotolia.com

New York (BoerseGo.de) - An der Wall Street meldete sich heute der Rezessionsblues wieder zurück. Die Börse war wieder einmal auf die aktuelle Nachrichtenlage fixiert - und die fiel rezessionsbedingt gewohnt schlecht aus. Die Spieler, die den Markt derzeit beherrschen, haben einfach einen sehr begrenzten Zeithorizont. Sie sind nicht in der Lage über den aktuellen konjunkturellen Tellerrand hinauszuschauen. Es fehlt an Weitdenkern vom Kaliber eines Warren Buffet. Stattdessen regierte wieder der Herdentrieb, der zur Flucht aus dem Risiko aufrief.

Anlässe für eine weitere Strophe des notorischen Rezessionsblues gab es allerdings leider genug:

I Ja, die Konjunktur ist schlecht

Die - wie jeden Donnerstag gemeldeten - wöchentlichen Arbeitslosenmeldungen schraubten sich auf 588.000 hoch (Vorwoche: 585.000 , Konsenserwartung: 575.000). Die Zahl der kontinuierlich gemeldeten Empfänger von Arbeitslosengeld stieg um um 159.000 auf 4,776 Millionen (Vorwoche: 4,61 Millionen). Damit wurde der bisherige Rekord vom November 1982 (4,713 Millionen) übertroffen, die höchste Zahl seit diese Größe ermittelt wird (1967).

Die Auftragseingänge für dauerhafte Güter fielen im Dezember um 2,6 Prozent (Vormonat: minus 3,7 Prozent, Konsens: minus 2,0 Prozent). Ex-Transportgüter, wie Autos oder Flugzeuge, schrumpften die Bestellungen um 3,6 Prozent (Vormonat: minus 1,7 Prozent, Konsens: minus 2,7 Prozent). Das war der fünfte monatliche Rückgang in Folge.

Der Verkauf neuer Eigenheime fiel ebenfalls im Dezember im Vormonatsvergleich um 14,7 Prozent auf 331.000 (November : 388.000, Konsens:  390.000). Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Rückgang um 44,8 Prozent.

Außerdem warfen die morgen fälligen Zahlen vom vierten Quartal ihren Schatten voraus. Volkswirte rechnen damit, dass das Bruttoinlandsprodukt um 5,5 Prozent eingebrochen ist.

II Ja, die Unternehmenszahlen sind auch schlecht

Hinzu kam heute eine ganze Tsunami von Unternehmenszahlen. Viele waren schlecht und/oder mit trüben Ausblicken garniert, darunter Ford, Eastman Kodak, der Bohrerkönig Black & Decker, der Handychipbauer Qualcomm., der Schnapsfabrikant Fortune Brands, der Versicherer Allstate und viele mehr.

No Future?

Im allgemeinen Katzenjammer wurden die zahlreichen Stimulierungsprogramme, Zinssenkungen, Bad Banks und was alles sonst noch gegen die Rezession unternommen wird einfach vergessen. Alles wirkt eben nicht sofort. Und wen kümmert schon morgen. „No Future“ hieß einst ein Song der Sex Pistols. Das war heute das Motto der Wall Street, die hat auch keine Geduld.


Fazit: Der Dow Jones Industrial Average verlor 2,7 Prozent auf Punkte, der - für den breiten US-Aktienmarkt repräsentative - S&P 500 sank 3,31 Prozent auf 845 Punkte und der technologielastige Nasdaq Composite Index fiel 3,24 Prozent auf 1.507 Punkte.

Dow Jones Average: Spielzeuge im Gleichschritt


Tops:

Der Top des Dow - und zugleich die Überraschung des Tages - war 3M mit einem Plus von 2 Prozent auf 56,55 Dollar. Überraschung deshalb, weil der Mischkonzern einen Gewinneinbruch von 37 Prozent und ein deftigen Umsatzrückgang verkündete. Damit schlug er aber die Erwartungen der Analysten, die mit Schlimmeren gerechnet hatten. Hilfreich war dabei ein niedrigerer Steuersatz. Deshalb wurde anscheinend auch ein gesenkter Ausblick gelassen hingenommen.

Die nächsten Plätze gingen an Papiere, die in der Rezession als „sichere Häfen“ dienen:

Pharmawert Merck gewann 0,56 Prozent auf 28,94 Dollar.
Procter & Gamble (Ariel, Gillette, Pampers, Wella) verbesserte sich James Bond-mäßig mit einem Tagesgewinn von 0,07 Prozent auf 58,22 Dollar. Wer will schon auf Pampers verzichten?



Flops:

Das Bankentrio blieb sich treu, die drei sind entweder Top oder Flop, heute waren sie letzteres. Der Herdentrieb bei den Spielern führt eben auch bei den Spielzeugen zum Gleichschritt.
 
Bank of America minus 8,25 Prozent auf 6,78 Dollar, JP Morgan minus 8,06 Prozent auf 25,43 Dollar, Citigroup  minus 7,36 Prozent auf 3,90 Dollar

Ähnlich sieht es bei General Motors aus, die ebenfalls laufend zwischen Top und Flop schwanken, deshalb war der Auto-Titel der viertschwächste mit minus 7,02 Prozent auf 3,18 Dollar.





S&P 500: Profitables Zahnpasta-Lächeln


Tops:

Colgate-Palmolive gewann 2,2 Prozent auf 65,22 Dollar. Der König der Seifen und Zahnpasten verkündete eine Gewinnsteigerung von fast 20 Prozent und schlug damit die Wall Street Erwartungen. Die guten Zahlen verdankt der Körperpflegespezialist auch den gesunkenen Kosten für Öl und andere Rohstoffe.

Raytheon stieg 1,3 Prozent auf 50,30 Dollar. Der Mischkonzern, der sowohl die zivile als auch die militärische Luftfahrt beliefert, meldete zwar einen Rückgang des Nettogewinns auf 1,02 Dollar je Aktie (Vorjahr: 1,37 Dollar). Rechnet man aber diverse Sonderfaktoren heraus, stieg der Gewinn um 11 Prozent auf 466 Millionen Dollar, je Aktie also 1,13 Dollar.  Damit wurde die Wall Street Erwartung übertroffen (1,10 Dollar).„Die Produktion lief recht stark“, freute sich CFO David Wajsgras. Beeindruckend entwickelte sich auch die Auftragslage. Die rüstigen Amerikaner konnten etwa einen 2,5 Milliarden Dollar auf Auftrag der United Arab Emirates für ihr  Patriot Missile-Defense System an Land ziehen. Nicht zuletzt deswegen wurden die Jahresziele bekräftigt, was natürlich die Wall Street erfreute.

Apollo Group avancierte 2,6 Prozent auf 82,83 Dollar. DasAusbildungsunternehmen, das auch eine Universität betreibt, steht schon seit Monaten in der Gunst der Wall Street. Der Dienstleister gilt als der Gewinner des Obama-Stimulierungsprogramms, weil darin mehr Geld für die Ausbildung vorgesehen ist.



Flops:

Der Banken fielen heute wieder in Ungnade. Der ETF Financial Spider sank 7,9 Prozent.


Eastman Kodak brach um 29 Prozent auf 4,99 Dollar. Der Fotokonzern rutschte in die roten Zahlen und erlitt einen Umsatzeinbruch

Ford verlor 3,9 Prozent auf 1,95 Dollar. Der angezählte Autobauer „verbrannte“ im vergangenen Quartaö 5,9 Milliarden Dollar an Kassenmitteln, will aber weiterhin auf Staatshilfe verzichten.


Die Amerikaner kaufen weniger Häuser, da gibt es auch weniger zu bohren. Kein Wunder also, dass bei Black & Decker der Gewinn einbrach. Der Heimwerkerausrüster verdiente je Aktie bloß 5 Cents, das liegt um 79 Prozent unter der Konsensschätzung. Dafür wurde der Bohrerhersteller mit minus 20,9 Prozent auf 30,65 Dollar abgestraft.

Allstate trudelte 20,7 Prozent auf 23,50 Dollar. Der größte börsengehandelte Haus- und Autoversicherer der USA meldete für 2008 einen Verlust von 1,68 Milliarden Dollar, der erste Verlust seit die Assekuranz an der Börse gehandelt wird. Der Einbruch wurde laut MarketWatch durch enorme Abschreibungen auf Vermögensbestände wegen der Kreditkrise verursacht. Laut Bloomberg  weckt das jetzt die Furcht, dass die Dividende des Versicherers gefährdet ist.

Fortune Brands fiel 11,2 Prozent auf 33,71 Dollar. Der Spirituosenhersteller ist etwa durch seine Marke Jim Beam Bourbon bekannt. In Deutschland verkauft die Amerikaner auch die Marke Kümmerling. Kümmerlich sind auch die aktuellen Gewinn- und Umsatzzahlen des Produzenten scharfer Getränke. Der Schnapsbrenner schlitterte im vierten Quartal 2008 in die roten Zahlen und verlor 275,3 Millionen Dollar. Dafür wurde der starke Dollar verantwortlich gemacht, der die Auslandseinnahmen in US-Währung umgerechnet, verringerte. Hinzu kamen Abschreibungen auf Vermögensbestände. Die Umsätze sanken gegenüber Vorjahr um 19 Prozent auf 1,79 Milliarden Dollar. Ernüchternd ist auch der Ausblick des Herrn der harten Getränke. „Wir befürchten, dass sich die Absatzmärkte noch verschlimmern und stellen uns darauf ein, dass das laufende Jahr noch mehr Herausforderungen bringt“, hieß es.

Nasdaq: Flucht aus dem Risiko

Die technologielastige Computerbörse litt an der Flucht aus dem Risiko,die an solchen Tagen üblich ist. Es regiert eben der Herdentrieb.


Apple gab 1,3 Prozent auf 93,00 Dollar ab. Relativ zum schwachen Gesamtmarkt ist das fast schon ein Gewinn.
Der Smartphone-Rivale Research in Motion, Hersteller des Smartphones BlackBerry, sank 3,3 Prozent auf Dollar.
Palm setzte dagegen seinen Aufstieg fort und gewann 2,2 Prozent auf 8 Dollar.

Qualcomm verlor 4,6 Prozent auf 35,13 Dollar. Der Spezialist für Handychips meldete bereits gestern nach Börsenschluss schwache Zahlen wegen der Flaute im Handygeschäft

Applied Materials verlor 7,5 Prozent auf 9,60 Dollar. Der Halbleiterausrüster wurde heute für die schwachen Zahlen des Rivalen Lam Research abgestraft. Auriga USA, eine Tochter einer Madrider Investmentfirma, startete heute die Beobachtung mit Verkaufen und Kursziel 8 Dollar. Die Krise der Branche halte an und vertiefe sich, behauptete der Spanien-Ableger.

Der Philadelphia Semiconductor Sector Index, der 19 Halbleiter-Titel erfasst, sank 4,6 Prozent auf 212 Punkte.


Dell gab 8,6 Prozent auf 9,95 Dollar ab. Der PC-Hersteller hatte gebeichtet, dass er wegen seiner Restrukturierung Sonderkosten in Höhe von insgesamt 280 Millionen Dollar hinnehmen muss. Dafür wurden die Texaner heute von den Analysten „abgewatscht“. Das Aktienresearch von Standard & Poor`s degradierte den Technologiekonzern von „Kaufen“ auf „Halten“ und trimmt sein Kursziel von 13 Dollar auf  12 Dollar. Dabei wurde auf den trüben Ausblick für die PC-Nachfrage hingewiesen. Barclays Capital senkte seine Gewinnschätzung für Q4 08 von 29 Cents je Aktie auf 20 Cents. Für 2009 ging die Bank von 1,36 Dollar je Aktie auf 1,27 Dollar herunter. Die UBS korrigierte für Q4 08 von 33 Cents je Aktie auf 22 Cents. Für 2009 gingen die Schweizer von 1,39 Dollar je Aktie auf 1,29  Dollar herunter. Der Broker Kaufman Brothers korrigierte für Q4 08 von 35 Cents je Aktie auf 28 Cents. Für 2009 ging das Wertpapierhaus von 1,42 Dollar je Aktie auf 1,37 Dollar herunter.


Cisco sank 5,6 Prozent auf 15,93 Dollar. Der King unter den Netzwerkausrüstern, litt nicht nur unter der heutigen negativen Marktverfassung, sondern auch unter den Analysten, die dem negativen Trend folgen. Trendbewußt zeigte sich etwa Analyst Jeff Kvaal vom britischen Bankhaus Barclays Capital. Dort hat der Research der nicht mehr so trendigen Lehman Brothers Unterschlupf gefunden. Der Bilanzauswerter der Briten bekräftigte heute seine schlappe Empfehlung „Gleichgewichten“, senkte aber sein Kursziel von 19 Dollar auf 17,50 Dollar, gab also quasi eine halb-mutige Verkaufsempfehlung ab. Der Abschwung bei Cisco hält noch länger an und geht noch tiefer als erwartet, vermutet der Bilanzbeschauer. Sein Berufskollege Kenneth Muth vom Broker Robert W. Baird schloss sich dem prompt an. Der Analyst bleibt bei „Neutral“ und Kursziel 16 Dollar, kappte aber seine Gewinnschätzungen: für 2009 von 1,33 Dollar je Aktie auf 1,28 Dollar, für 2010 von 1,37 Dollar auf 1,32 Dollar. Die Nachfrage habe sich „dramatisch verschlechtert“, erklärt Muth. Daher glaubt der Bilanzbetrachter, dass die Konsens-Gewinnschätzung für das im April zu Ende gehende Quartal zu hoch ist.

Internet: Tribut an die Verkaufspanik


Auch die an der Nasdaq notierten Flaggschiffe des Internets litten unter der allgemeinen Kurzsichtigkeit.


Google verlor 1,5 Prozent auf 343,32 Dollar. Ein Tribut an die Verkaufspanik
Yahoo sank 4,1 Prozent auf 11,74 Dollar.
Baidu, Chinas Marktführer bei den Suchmaschinen, avancierte 1,2 Prozent auf 128,64 Dollar. Der Broker Bernstein startete bereits gestern die Beobachtung mit „Outperform“ und Kursziel 170 Dollar. Man sehe großes potential, hieß es.


Im Vorgeld der Zahlen zeigte sich die Aktie von Amazon.com sehr nervös und bröckelte 0,7 Prozent auf 50,00 Dollar. Zu viele Analysten hatten schlechtes zum dem Onlinehändler gesagt, den sie nicht verstehen
Der Rivale Ebay verlor 3,7 Prozent auf 12,25 Dollar.
Netflix gewann 2 Prozent auf 36,88 Dollar. Die Onlinevideothek wurde wieder für ihre starke Zahlen von Montag honoriert. Vor allem der Abonnentenzuwachs bei den Video-Downloads macht Eindruck.





Öl: Folge der Rezessionsangst

Das Öl leistete der Rezessionsangst seinen Tribut. Bloomberg erklärt die heutige Preisentwicklung mit den aktuellen Konjunkturnachrichten. Der März-Kontrakt für Crude verbilligte sich an der New York Mercantile Exchange um 72 Cents und schloss auf 41,44 Dollar, meldete Bloomberg.



Gold:  Schwacher Aktienmarkt regt Nachfrage an

Der schwache Aktienmarkt regte die Nachfrage nach Gold an, erklärte Matt Zeman, ein Metallhändler bei der LaSalle Futures Group in Chicago, gegenüber dem Nachrichtendienst Bloomberg. Das Gold schien den Käufern sicherer, vermutet der Spezialist. Der Gold-Kontrakt für April stieg heute an der New York Mercantile Exchange um 16,50 Dollar und schloss auf 906,50 Dollar, berichtet die Agentur. Nachbörslich pendelte das Edelmetall bei 908 Dollar.

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