Wüstenstrom nach der Revolution (Teil 1)

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Sie wird Wunderwaffe der Energiewirtschaft bezeichnet: Die Industrie-Initiative Desertec. Im nächsten Jahr soll in Marokko der Startschuss für das Wüstenstromprojekt fallen. Doch taugt das gigantische Projekt, in Nordafrika und im Nahen Osten Sonnenstrom zu erzeugen, als neue Zugmaschine der Greentech-Bewegung?

Ende 2012 sollen die Ausschreibungen für das erste Desertec-Solarkraftwerk (Solarthermie und Photovoltaik) in Marokko erfolgen. Das 500 Megawatt Referenz-Solarkraftwerk soll 2015 oder 2016 mit der Stromproduktion vor allem für Marokko beginnen, aber auch über eine bereits bestehende Leitung durch die Meerenge von Gibraltar Energie nach Spanien liefern. Der Zeitpunkt für die Ankündigung des Starts des auf 400 Milliarden Euro Gesamtkosten geschätzten Desertec-Projekts ist günstig gewählt. Schließlich beherrscht das Thema Energiepolitik auch fünf Wochen nach der nuklearen Katastrophe von Fukushima weiter die Schlagzeilen. Neben dem Atomausstieg spielt dabei vor allem der Ausbau der erneuerbaren Energieträger eine sehr große Rolle.

Vabanquespiel mit vielen Unbekannten

Zugegeben: Würde am Ende tatsächlich die erwartete Leistung von 470.000 Megawatt (MW) erreicht werden, wäre das enorm – vor allem wenn Sie bedenken, dass ein Atomkraftwerk in der Regel gerade einmal 1.500 MW erzeugt. Und wer würde es nicht begrüßen, wenn die Belastung der Umwelt durch schädliche Emissionen gesenkt und die Abhängigkeit vom russischen Gas sowie vom Ölkartell OPEC deutlich verringert werden kann. Würden viele Kraftwerke in Küstennähe errichtet, ließen sich mit dem Strom auch Meerwasser-Entsalzungsanlagen betreiben. Für Ägypten gibt es bereits solche Pläne. Später einmal, wenn vor allem die heute wirtschaftlich schwachen Länder Nordafrikas ihren eigenen Strom- und Wasserbedarf mit der zuverlässigen und im Gegensatz zur Photovoltaik speicherbaren Sonnenwärme umweltverträglich decken, könnten sie zusätzlich Strom exportieren und damit nachhaltig ihren Wohlstand steigern. Dies wäre dann wohl die beste Form der Entwicklungshilfe.      

Auf der anderen Seite ist das gigantische Projekt ein Vabanquespiel mit vielen Unbekannten. So ist zum Beispiel der Demokratisierungsprozess in Nordafrika und im Nahen Osten noch nicht weit genug fortgeschritten. Politische Unruhen können jederzeit zu erheblichen Verzögerungen, vielleicht sogar zu deutlichen Abstrichen bei der Umsetzung des Wüstenstromprojekts führen. Vor allem die politische Entwicklung in Libyen ist derzeit völlig unkalkulierbar. Im Übrigen könnten Potentaten im Nahen Osten zwecks Machterhalt eine massive Ausweitung von Subventionsprogrammen für Kohle und Gas beschließen und damit die Operation Wüstenstrom ins Stocken bringen. Denn je höher die Subventionen auf fossile Primärenergieträger sind, desto größer wird der Unterschied zu den Energieumwandlungskosten für Strom bei den erneuerbaren Energien. Hinzu kommt, dass die Subventionen den Anreiz für Energieeffizienzmaßnahmen nehmen.

Ich sehe obendrein die Gefahr, dass sich Europa mit dem Megaprojekt in die Abhängigkeit von politisch eher instabilen Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens begeben könnte. Auch sind in einigen afrikanischen Staaten Investitionen von nicht auf dem Kontinent beheimateten Unternehmen bisher nicht gewollt, teilweise sogar verboten. In Tunesien wird derzeit auch die Frage diskutiert, ob es mit Desertec nicht eine neue Form der Kolonialisierung, verbunden mit reiner Geschäftemacherei der Industrieländer und mit neuen Abhängigkeiten, geben könne.

Konditionen sind noch völlig offen

Es gibt weitere Risiken. So könnte es sein, dass nicht ausreichend viele Sonnenkraftwerke gebaut werden können, um – wie geplant – bis 2050 etwa 15 Prozent des Strombedarfs in Europa decken zu können. Es ist auch zu befürchten, dass, wie bei allen Großprojekten, die Kosten aus dem Ruder laufen werden. Ich reihe mich zwar nicht in die Phalanx der Skeptiker ein, die gleich von einer Fata Morgana sprechen und befürchten, dass die Kraftwerke und das neue Megastromnetz zu riesigen Subventions- und Bauruinen werden könnten. Allerdings frage ich mich, ob es klug ist, die Energiegewinnung in die Hände der fünfzig zum Konsortium zählenden Unternehmen – meist europäische Firmen und Konzerne – zu legen. Werden dann nicht im Wesentlichen deren wirtschaftliche Interessen den Takt bestimmen?        

Die künftigen Kraftwerke werden extremen Abnutzungsbedingungen, etwa heftigen Saharastürmen, ausgesetzt sein. Die Kraftwerksstandorte müssten angesichts benötigter riesiger Mengen Kühl- und Reinigungswasser sorgfältig ausgewählt werden. Noch aber ist die Versorgung der Solar- und Solarthermiekraftwerke mit dem flüssigen Rohstoff nicht hinreichend geklärt. Zudem muss die enorme Entfernung vom Ort der Erzeugung bis zum Endverbraucher kostengünstig und sicher überwunden werden, damit der saubere Strom wettbewerbsfähig ist. Zu welchen Konditionen der Wüstenstrom in die europäischen Stromnetze eingespeist werden kann, ist noch völlig offen. Um den Strom aus der Wüste zu uns nach Europa zu schicken, werden völlig neue transeuropäische Netze benötigt. Und das sollten unbedingt Gleichstromverbindungen sein, nicht Drehstrom wie bisher, weil hier die Transportverluste viel zu hoch sind. Wer soll das bezahlen? Dass die Solarkraftwerke Nordafrikas Strom nach Zentraleuropa liefern, wird sicherlich noch lange Zeit eine Vision bleiben. Schließlich haben Länder wie Marokko, Tunesien und Algerien selbst einen enormen Energiebedarf, der aufgrund des zunehmenden Lebensstandards noch weiter wachsen wird. Und bis zu dem Zeitpunkt, zu dem Solarstrom aus Nordafrika zu günstigen Preisen geliefert werden kann, dürfte die Solar- und Windstromerzeugung in Europa gegenüber konventionellen Energieformen deutlich wettbewerbsfähiger – sprich: preiswerter – geworden sein.

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Kommentare

barthez72 am 28.04.2011 um 10:47 Uhr
Was für ein Zufall !In Japan glimmen die Reaktoren und im nördlichen Afrika werden
die unsicheren Machthaber wegrevolutioniert.Da scheint jemand besser zu sein als die USA,denn es marschiert nicht ein FRIEDENSSOLDAT.Wenn jetzt noch ganz zufällig das RWE Stromkabel aus organischen Materialien in Testphase hätte um die enormen Transportverluste zu minimieren,dann wäre die Wiese doch wieder grün,gelle.Also dann, den 911 BiTurbo bestellt,drauf aufs Gas und schneller wird die Fahrt.
In diesem Sinne,filled Tagets.
o.
Alexis Hellwig am 29.04.2011 um 13:07 Uhr
Ich glaube nicht, daß Desertec in absehbarer Zeit verwirklicht werden wird - wenn überhaupt. Je größer ein Projekt ist, desto mehr Unsicherheitsfaktoren hat es, je mehr Unsicherheitsfaktoren es gibt, desto unwahrscheinlicher wird die Verwirklichung. Desertec ist reine Planwirtschaft und ist dementsprechend schwerfällig. Da ist unser Gesetz für Erneuerbare Energien (EEG) viel wirksamer. Es ist viel flexibler, unterstützt den gesamten Umfang der zur Verfügung stehenden Technik und sorgt für kleine Projekte, die auch für mittlere und kleine Investoren erschwinglich sind. Desertec wird deshalb bezüglich der Vergrößerung des Anteils erneuerbarer Energien an der Primärenergieproduktion niemals so leistungsfähig werden wie unser EEG es jetzt schon ist. Voraussetzung ist allerdings, daß es nicht weiter von der Gesetzgebung ausgehöhlt wird.
Stefan G. am 29.04.2011 um 13:27 Uhr
@barthez72

Falls Sie auf den Krieg in Libyen anspielen, wie auch immer Ihre Aussage ausgelegt werden kann, möchte Ihnen zur Information mitteilen, daß der Gaddhafi Clan, insbesondere dessen Sohn Saif al Islam sich vehement dafür eingesetzt hat, daß Libyen Marktführer Afrikas im Bereich Erneuerbare Energien wird. Ich stelle in diesem Zusammenhang lieber eine andere Frage in den Raum: Ist Sarkozy vielleicht seine Atomkraftwerke nicht losgeworden, die er Libyen angeboten hat?

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