Die Devise: Bloß kein Double Dip der Wirtschaft riskieren

Die heikle Infektionslage in den USA und weiter steigende Corona-Fälle in Europa lassen die Wirtschaft in keine neue Schockstarre verfallen. Die von der Investment-Beratungsfirma Sentix ermittelten Konjunkturerwartungen für die kommenden sechs Monate setzen ihren Höhenflug zwar nicht fort, bleiben aber auf hohem Niveau. Deutschland und den Schwellenländern Asiens - hier insbesondere China - werden dabei die vergleichsweise positivsten Konjunkturperspektiven bescheinigt.

Im Trend erholt sich auch der US-Mittelstand weiter. Auch wenn von Normalität keine Rede sein kann, zeigt sich bei den Absichten, Investitionen zu erweitern, eine V-förmige Erholung. Grundsätzlich ist der Mittelstand für rund 50 Prozent der Jobs im US-Privatsektor verantwortlich.

Wegen des US-Wahlkampfs sind Konjunkturhilfen keine Grenzen mehr gesetzt

Trump, der in Wahlumfragen deutlich hinter dem demokratischen Gegenkandidaten Biden liegt, präsentiert sich aktuell im Alleingang als Retter der US-Konjunktur und der notleidenden Amerikaner. Mit der Stundung von Lohnsteuerzahlungen zwischen September und Jahresende für Bruttojahreseinkommen von weniger als 100.000 US-Dollar verschafft er den Beschäftigten in der Tat vorübergehend mehr Kaufkraft. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. Ob sie dazu dann überhaupt in der Lage sind, interessiert den Wahlkämpfer Trump nicht. Und mit der Umwidmung von zuvor anderweitig verplanten Katastrophenhilfen über 44 Mrd. US-Dollar verlängert er die Aufstockung der Arbeitslosenhilfe um schätzungsweise einen Monat, die nun statt bislang 600 immerhin noch 400 US-Dollar pro Woche beträgt.

Diese Maßnahmen sind jedoch eher nur Übergangslösungen. Zur Sicherstellung, dass aus positiven Konjunkturstimmungen auch positive -fakten werden, die am Aktienmarkt entsprechende Blüten treiben, ist die amerikanische Wirtschaft dringend auf weitere staatliche Unterstützung angewiesen.

Spätestens im September, wenn die einseitig von Trump verlängerten Arbeitslosenhilfen auslaufen, werden sich die noch zerstrittenen Republikaner und Demokraten auf das nächste, dann fünfte billionenschwere US-Konjunkturpaket einigen. Angesichts des Wahlkampfes will keine Seite als Konjunkturbremser und Arbeitslosigkeitsförderer auftreten, schon gar nicht die Demokraten, die Chancen auf eine Präsidentschaft Bidens haben.

Noch höhere Haushaltsdefizite stören dabei niemanden. Amerika hat schon immer gerne bei Neuverschuldung das Alibi höherer Gewalt vorgeschoben. Im Übrigen hat die US-Notenbank weitere Fiskalhilfen förmlich angemahnt und deren zinsgünstige Finanzierung quasi zugesichert. Mehr Einladung zur Instabilität geht nicht. Man wird ihr gerne folgen.

Um die exportseitige Konjunkturerholung Amerikas nicht ohne Not über erneute transpazifische Handelsspannungen zu belasten, wird Washington der Umsetzung des Phase 1-Handelsabkommens mit China gemäß bevorstehender Halbjahres-Prüfung ein eher wohlwollendes Zeugnis ausstellen.

China hat zwar coronabedingt nur ein Viertel der für 2020 vereinbarten US-Importe umgesetzt und wird diesen Rückstand auch nicht mehr aufholen können, dennoch betonte US-Wirtschaftsberater Larry Kudlow, dass der Handel zwischen den USA und China ungeachtet der vorhandenen Spannungen „der eine Bereich ist“, in dem man zusammenfindet. Nicht zuletzt wollen die Republikaner damit den Demokraten im Wahlkampf kein Wasser auf ihre Mühlen leiten, nachdem Joe Biden den Handelsdeal bereits als gescheitert bezeichnete.

Den Aktienmärkten bleibt das amerikanische China-Bashing im Wahlkampf als zwischenzeitlich irritierender Faktor allerdings erhalten. Laut einer Umfrage des Pew Research-Instituts ist die kritische Sicht der republikanischen Wähler auf China zuletzt auf 83 Prozent gewachsen nach 72 Prozent im Mai. Bei den Demokraten sind 68 Prozent der gleichen Ansicht, während es im Mai 62 Prozent waren. Mit dem Verbot der chinesischen Apps TikTok und WeChat ab 20. September 2020 aus Gründen der nationalen Sicherheit - wenn sich für die US-Ableger der Apps kein amerikanischer Käufer findet - hat Trump bereits eine neue Frontlinie eröffnet.

Marktlage - Pessimismus sieht anders aus

Die positive Konjunkturstimmung bleibt ein Argument pro Aktien. Zwar verharrt die aktuelle Lage der deutschen Wirtschaft laut ZEW nah an ihrem Krisentief, doch dokumentieren überraschend auf 71,5 nach zuvor 59,3 und damit den höchsten Stand seit Januar 2004 aufgehellte ZEW Konjunkturerwartungen, dass die anhaltend üppige Geld- und Fiskalpolitik die wirtschaftlichen Dinge zukünftig schon richten wird. Auch die fortgesetzte Outperformance von zyklischen zu Defensivtiteln bestätigt das hohe Anlegervertrauen in die globale Konjunkturerholung.

Insofern ist damit auch die Erholung konjunkturabhängiger deutscher Aktien im MDAX gut unterfüttert.

In puncto US-Präsidentschaftswahl verliert der demokratische Kandidat Joe Biden weiteres Schreckpotenzial für die Aktienmärkte, nachdem er die kalifornische Senatorin Kamala Harris als Vize-Präsidentschaftskandidatin ernannt hat. Die ideologisch nicht links verortete Harris unterstreicht Bidens mittige Position. Nach einem demokratischen Wahlsieg könnten aber demokratische Steuererhöhungs- und Regulierungsabsichten für Irritationen am Aktienmarkt sorgen.

Dem früheren Trump Jump könnte zunächst ein Biden Fall folgen. Da aber Biden für einen weniger herzhaften Umgang Amerikas mit dem Ausland und seinen Verbündeten steht und eher bereit ist, durchaus vorhandene Konflikte zu lösen, könnte diese Entspannungspolitik vor allem den europäischen Aktienmärkten zugutekommen.

Für das Brot und Butter-Geschäft bei Aktien sorgen ohnehin die großen Vermögensverwalter. Im globalen Rendite-Wettkampf um mobile Anleger sind die Chancen im Zinsbereich rar gesät.

Fortschritte bei Corona-Impfstoffen hellen die Aktienperspektiven zusätzlich auf. Weltweit arbeiten mittlerweile mehr als 170 Forschungsprojekte an Corona-Impfstoffen. Selbst wenn Wirksamkeit und Sicherheit eines Impfstoffes aus Russland wegen der nicht abgeschlossenen dritten Testphase nach internationalen Standards nur schwer zu beurteilen sind, bewegt sich etwas in der Corona-Behandlung. Und sowohl der US-Chefvirologe Fauci als auch die EU-Gesundheitskommissarin Kyriakides zeigen sich optimistisch, dass spätestens in sechs Monaten ein Impfstoff auf breiter Basis zur Verfügung steht. Ein solcher Durchbruch wäre ein gewaltiger Treiber für die Aktienbörsen.

Sentiment und Charttechnik - Verlässt der DAX seinen Seitwärtstrend nach oben?

Aus Sentimentsicht zeigt sich die Aktienverfassung stabil. Eine zweite Corona-Welle wird von Anlegern offensichtlich wenig gefürchtet. Entsprechend bleibt die Investitionsquote unter US-Fondsmanagern hoch. Der Anteil der Optimisten am US-Aktienmarkt abzüglich des Anteils der Pessimisten liegt im neutralen Bereich und zeigt damit keine Verkaufspanik an.

Charttechnisch setzt sich die Erholung fort, wenn der DAX nachhaltig über der Barriere bei 13.101 Punkten schließt. Positiv wäre auch die Überquerung des Zwischenhochs bei 13.171 am 21. Juli. Darüber liegen weitere Widerstände bei 13.217, 13.236 sowie 13.314. Dreht der Index jedoch deutlich unter die Unterstützung bei 12.905, drohen weitere Kursverluste bis zur Marke bei 12.812. Darunter liegen die nächsten Haltelinien bei 12.762, 12.730 und 12.640 Punkten.

Der Wochenausblick für die KW 34 - Konjunkturstimmung weiter auf dem Prüfstand

In Japan fällt der Wirtschaftseinbruch im II. Quartal gemäß BIP-Zahlen wie erwartet verheerend aus. Der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe signalisiert anhaltende Schrumpfung.

In den USA setzt sich die Konjunkturerholung laut der vom Finanzinformationsanbieter IHS Markit ermittelten Einkaufsmanagerindices für Industrie und Dienstleistungen fort. Stützend wirkt hierbei auch der US-Immobiliensektor gemäß gefestigter Baubeginne und -genehmigungen. Im Trend dürfte sich auch die Erholung am Arbeitsmarkt fortsetzen.

Bei anhaltend verhaltenem Inflationsdruck in der Eurozone signalisieren die Einkaufsmanagerindices für das Verarbeitende und Dienstleistungsgewerbe eine mindestens stabile Konjunkturstimmung.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725