Die EZB und die europäische Politik sind sich zumindest weiterhin einig, die Euro-Schuldenkrise möglichst weit in den Hintergrund zu drängen. Es wird nach dem Motto verfahren, dass das, was man nicht sieht, auch nicht da ist. Solange die EZB günstige Mittel zur Verfügung stellt, muss die Politik letztlich nicht reagieren. Schließlich würde die europäische Notenbank Ende nächsten Jahres nach den neuen Beschlüssen zum Anleihekaufprogramm dann fast 25 % der europäischen Staatsverschuldung refinanziert haben, sofern sie sich nicht die Möglichkeit geschaffen hätte, auch in Unternehmensanleihen zu investieren. Damit wird eine Zinswende nicht nur für Staaten wie Italien, Spanien oder zunehmend auch Frankreich immer weniger verkraftbar. Selbst die Notenbank droht, durch die sich bei einer nachhaltigen Zinswende aufhäufenden Abschreibungen in eine bedrohliche Situation zu kommen. Diese Risiken spielen an den Märkten aber keine Rolle, aber die Reaktionen erfolgen insgesamt immer sprunghafter.

Dies zeigt auch die Entwicklung in den USA. Dort scheint der designierte US-Präsident Donald Trump seinem Stil aus dem Wahlkampf wieder näher zu kommen und eine stramme Behauptung einem - möglicherweise schwachen - Beweis vorzuziehen. So gelang es ihm mit einer Kurzmitteilung, den Kurs des US-Flugzeugherstellers Boeing unter Druck zu bringen, indem er behauptete, die zwei geplanten US-Präsidentschaftsmaschinen würden 4 Mrd. Euro kosten. Tatsächlich hat die US-Regierung bislang für eine Planung einen Vertrag mit Boeing über 170 Mio. US-Dollar unterschrieben. Vermutlich wird es nicht lange dauern, bis sich Donald Trump die Differenz als realisierte Ersparnis anrechnet. Schließlich ist er hinsichtlich einer Vereinbarung mit dem japanischen Technologiekonzern Softbank ähnlich verfahren. Dieser will in den USA in Neugründungen im Informationstechnologie- und Digitalisierungsumfeld investieren und so bis zu 50.000 Arbeitsplätze schaffen. Dieses Programm ist schon lange bekannt, wurde aber bei einer gemeinsamen Erklärung von Softbank und dem zukünftigen US-Präsidenten so dargestellt, als habe Donald Trump 50.000 neue Arbeitsplätze in die USA geholt.

Donald Trump: Widersprüchlichkeiten wollen genutzt sein

Aus diesen teilweise kurios anmutenden Meldungen kann man zwei Dinge ableiten. Zum einen dokumentiert Donald Trump seine Bereitschaft, auf bestenfalls unklaren Grundlagen Meinungen zu entwickeln. Dies wird den an den Märkten vorherrschenden Trend, entweder alles uneingeschränkt positiv zu sehen oder den bevorstehenden Weltuntergang zu fürchten, weiter verschärfen. Zum anderen scheint er relativ inkonsequent zu agieren, indem er im Zweifel die für ihn nutzenbringende Nachricht nutzt, auch wenn sie seiner grundlegenden Linie widerspricht. So überrascht seine positive Haltung zu einem von ihm auch nach seinem Wahlsieg kritisch beurteilten volkwirtschaftlichen Wettbewerber Japan, während er mit Boeing eines der traditionsreichsten US-Unternehmen kritisiert. Dies widerspricht seinem Motto, die USA an jeder Stelle in den Vordergrund zu rücken. Ähnliches gilt für sein Wahlversprechen, an der Wallstreet für Ordnung zu sorgen, nun aber viele US-Banker in sein Kabinett oder seinen Beraterstab zu berufen.

Betrachtet man die Aktionen Donald Trumps etwas detaillierter, kann seine negative Kurznachricht zu Boeing auch eine Reaktion auf den Vorstandsvorsitzenden des US-Konzerns gewesen sein, der sich in einem Interview kritisch hinsichtlich der erwarteten China-Politik Donald Trumps positionierte. Bei einem ähnlichen Vorgehen in Russland wäre der Aufschrei hinsichtlich Beschränkungen der Meinungsfreiheit sicherlich sehr schnell entstanden. Vor allem wird aber die Beratungsresistenz von Donald Trump sehr deutlich.

Größte finanzwirtschaftliche Gefahr: Auseinanderdriften großer Wirtschaftsräume

Dabei werden die USA ohne verlässliche wirtschaftliche Partnerschaften auf internationaler Ebene keinesfalls in dem Umfang prosperieren können, den sich der zukünftige US-Präsident wünscht. Entsprechend wäre jetzt eine engere Verbindung zwischen China und den USA sinnvoll, da die sehr guten aktuellen Konjunkturdaten aus China nach unserer Einschätzung eher die tatsächliche Situation etwas verschleiern. So wird die relative wirtschaftliche Dynamik Chinas mit einem im kommenden Jahr bei weniger als 6 % liegenden Bruttoinlandsprodukt weiter zurückgehen. In absoluten Zahlen bleibt dies dennoch beeindruckend.

Aber China bekommt zunehmend das Problem aller Volkswirtschaften, die von einer starken Dynamik in eine zunehmend etablierte Phase kommt. Seit längerer Zeit kämpft die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt mit Abflüssen von Finanzmitteln, die dauerhaft die Wachstumsperspektiven einer Volkswirtschaft beeinträchtigen können. Schließlich wird Kapital benötigt, um weiteres Wachstum zu finanzieren.

Dies würde die größte finanzwirtschaftliche Gefahr darstellen, falls sich die USA und Eurozone geldpolitisch deutlich auseinanderentwickeln. Eine Zinsdifferenz von rund 100 Basispunkten ist derzeit an den Kapitalmärkten ohnehin eingepreist. China kann hier nur durch Formen der Kapitalverkehrskontrollen reagieren. Entsprechend scheint eine informelle Regelung geschaffen worden zu sein, die Transaktion von umgerechnet mehr als 5 Mio. US-Dollar aus China heraus nahezu unmöglich macht. Bislang war die Summe mehr als zehnmal so hoch und zeigt, dass China finanzwirtschaftliche Herausforderungen erkannt hat, die an den Märkten noch nicht so stark berücksichtigt werden. Problematisch ist dies insbesondere für mittelständische Unternehmen, die die teilweise enormen Investitionen, die dort getätigt worden sind, durch Ausschüttungen sukzessive zurückholen wollen. Dies wird schwieriger möglich und könnte in ein Investitionshemmnis für Unternehmen in China werden.

Eurozone: Jede Menge politische Risiken

Die Belastungen von fehlendem Kapital werden dann US-Unternehmen härter treffen, weil sich dort planmäßig durch US-Leitzinserhöhungen die Refinanzierung verteuert, obwohl die dortige Notenbank zunehmend die Gefahren eines im langfristigen Bereich unkontrollierten Zinsanstiegs in den Fokus nimmt.

Anders sieht es für europäische Unternehmen aus, bei denen die EZB das Zinsniveau weiterhin sehr niedrig halten wird. Schließlich sind im kommenden Jahr – trotz der geplanten Regierungsneubildung unter dem bisherigen Außenminister Paolo Gentiloni – nicht nur Neuwahlen in Italien nach dem nun erfolgten Rücktritt des bisherigen Ministerpräsidenten Matteo Renzi wahrscheinlich, sondern es stehen auch planmäßige Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland an. Dies sorgt für erheblichen politischen Druck, der dann wiederum dazu führt, dass man zu weitreichenden Zugeständnissen auf politischer und finanzieller Ebene bereit ist. So hat man dem wirtschaftlich und finanziell weiterhin besonders gefährdeten Griechenland – weitgehend von der Öffentlichkeit unbemerkt – eine weitere Schuldenentlastung gewährt. Tilgungen der Verbindlichkeiten aus dem zweiten Rettungspaket müssen nun erst in 32 Jahren beginnen. Augenscheinlich hat dies ausreichend finanzwirtschaftlichen Spielraum für den griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras geschaffen, den - sicherlich von der andauernden Krise besonders getroffenen - griechischen Rentnern eine Art Weihnachtsgeld zukommen zu lassen. Statt hier eine zukunftsfähige Strategie zu entwickeln, werden einfach die Auswirkungen abgedeckt, indem man entweder der Bevölkerung nicht vorhandenes Geld zur Verfügung stellt oder auf europäischer Ebene die Illusion einer Entschuldung aufrecht hält, die Griechenland niemals und anderen Staaten nur mit einer weiter extrem expansiven Schuldenpolitik gelingen kann.

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