Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied der Bundesbank hielt vor wenigen Tagen eine beachtenswerte Rede zum Bargeld.

Seine wichtigsten Äußerungen habe ich nachfolgend zusammengefasst:

Ende 2016 wären Euro-Banknoten im Wert von 1.126 Milliarden Euro im Umlauf gewesen. Davon hätte die Deutsche Bundesbank fast 600 Milliarden Euro, also über die Hälfte, emittiert. Seit der Euro-Bargeldeinführung hätte sich der Bargeldumlauf verfünffacht. Obwohl mitunter so getan werde, als stünde die Abschaffung oder die Bedeutungslosigkeit des Bargelds unmittelbar bevor, zirkulierten mehr Banknoten denn je.

Die Wertaufbewahrung sei ein wichtiger Verwendungszweck für Bargeld. Wenn der Volksmund sage: "Nur Bares ist Wahres", sei da durchaus etwas dran. Dies gelte insbesondere in unsicheren Zeiten, in denen die Bevölkerung physisch greifbares Geld halten möchte, anstatt Einlagen bei einer Geschäftsbank.

Die Nutzung von Bargeld als Transaktionsmedium spiele für die deutsche Volkswirtschaft eine wichtige Rolle. Diese wichtige Funktion des Bargelds sei  zum Anlass für Studien darüber genommen worden, wie die Bevölkerung in Deutschland bezahle.

In den Jahren 2008, 2011 und 2014 habe die Bundesbank  jeweils über 2.000 repräsentativ ausgewählte Personen gebeten, einen Fragebogen zu ihrem Bezahlverhalten zu beantworten und ein einwöchiges Zahlungstagebuch zu führen. Die Erhebung für das Jahr 2017 würde  gerade vorbereitet. Gemäß den Ergebnissen des Jahres 2014 würden in Deutschland 53 % der Ausgaben am Point-of-Sale bar bezahlt. "Point-of-Sale" meint dabei die klassische Ladenkasse im Handel, aber auch Ausgaben an Privatpersonen bzw. Dienstleister sowie Interneteinkäufe. Mehr als jeder zweite Euro würde also in Form von Geldscheinen und Münzen ausgegeben. Und wenn man statt der Umsätze die Anzahl der Bezahlvorgänge betrachte, liege der Bargeldanteil bei fast 80 %.

Ein Drittel der Menschen zahle ausschließlich bar, obwohl nahezu jeder über eine oder mehrere Karten verfügt. Es gelte nach wie vor: "Cash is King!"

Vorteile des Bargelds

Mit Bargeld könne direkt Zug um Zug bezahlt werden, das heißt weder der Verkäufer, noch der Käufer einer Ware muss in Vorleistung treten. Beide sind so gegen eine Insolvenz der Gegenseite geschützt.

Barzahlungen ermöglichten eine gute Kontrolle der Ausgaben. Wird ein bestimmtes Budget - etwa für Haushaltsausgaben - in bar gehalten, genügt ein Blick in den Geldbeutel, um festzustellen, ob weitere Ausgaben vorgenommen werden können.

Bargeld benötige außerdem keine technische Infrastruktur. Dies habe sich nach dem verheerenden Tsunami in Japan 2011 bewährt.

Bargeld könne ohne nennenswerte Zugangsbeschränkungen zum Bezahlen verwendet werden. Bevölkerungskreise, die keinen vollen Zugang zu bargeldlosen Zahlungsmitteln haben, wie Kinder oder Personen ohne Girokonto, könnten so am Wirtschaftsleben teilnehmen. Bei kleinen Kindern käme noch hinzu, dass Banknoten und Münzen es ihnen überhaupt erst ermöglichten, den Umgang mit Geld zu erlernen.

Transaktionen mit Bargeld seien anonym. So könne man zum Beispiel vor dem Ehepartner den Kauf des Weihnachtsgeschenks verbergen. Dieser Aspekt würde zuweilen kritisch gesehen. Denn die Anonymität des Bargelds würde auch von Kriminellen für deren Aktivitäten genutzt. Aber hier müsse sorgfältig abgewogen werden: Die Freiheitsrechte der Bevölkerung und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung seien hohe Güter, die nicht ohne Weiteres mit dem Verweis auf eine mögliche kriminelle Verwendung des Bargelds preisgegeben werden dürften.

Trotz dieser Vorzüge gäbe es Personengruppen, die das Bargeld abschaffen wollen. Je nachdem, von wem der Vorschlag käme, sei von der Abschaffung bestimmter Stückelungen über Obergrenzen für Barzahlungen bis hin zur kompletten Bargeldabschaffung die Rede.

War on Cash

Dazu gehörten die Anbieter unbarer Bezahlverfahren, Strafverfolgungsbehörden, Nachrichtendienste oder auch Politiker und Ökonomen. Die anhaltende Beliebtheit und häufige Verwendung von Bargeld sei diesen Akteuren ein Dorn im Auge.

Erstens argumentierten einige Ökonomen wie Kenneth Rogoff oder Larry Summers geldpolitisch: Bargeld verhindere die breitflächige Durchsetzung negativer Zinsen, da die Möglichkeit bestünde, sein Geld jederzeit bar abzuheben. Bestünde diese Möglichkeit jedoch nicht, könnten die Zinsen dagegen deutlicher unter null gesenkt werden, was eine zusätzliche Konjunkturstimulierung erlaube, weil die Leute ihr Geld eher ausgeben würden als es auf dem Konto schrumpfen zu sehen. Yves Mersch, das für Bargeld zuständige Direktoriumsmitglied der EZB, äußerte im vergangenen Jahr die Ansicht, dass die Effektivität negativer Zinsen womöglich überschätzt werde, da die Menschen nicht immer linear auf veränderte Rahmenbedingungen reagierten. So wäre es möglich, dass sie ihre Sparquote sogar noch erhöhten, statt ihr Geld auszugeben, um ein angestrebtes Niveau ihrer Altersvorsorge zu erreichen. Anstatt das Bargeld zurückdrängen zu wollen, sollte besser über Wege diskutiert werden, die zu mehr Wachstum führen. Dann wäre auch der Zinssatz wieder höher - und die Geldpolitik hätte wieder mehr "Wasser unter dem Kiel".

Die  Bargeldgegner argumentierten, dass ohne Banknoten die Kriminalität zurückgehen würde. Dabei werde nicht beachtet, dass es immer Alternativen gäbe. Wenn kein Bargeld gestohlen oder geraubt würde, könnten stattdessen Konten abgeräumt werden. Schwarzarbeiter könnten in Fremdwährung, Naturalien oder Bitcoins bezahlt werden. Und die Panama Papers hätten deutlich gezeigt, wie man mit Briefkastenfirmen Geldwäsche oder Steuerhinterziehung betreiben könne. Der französische Ökonom Gabriel Zucman schätze, dass weltweit 5,8 Billionen Euro an privatem Vermögen überwiegend nicht deklariert sind und sich unbar auf Konten in der Schweiz, Hongkong oder Singapur befinden.

Dennoch würden bestimmte Politikoptionen diskutiert oder sogar schon umgesetzt.

Im Mai vergangenen Jahres habe der EZB-Rat beschlossen, die 500-Euro-Banknote ab Ende 2018 nicht mehr auszugeben, da diese Banknote illegalen Aktivitäten Vorschub leisten könnte. Die Bundesregierung habe angekündigt, sich für eine einheitliche EU-weite Barzahlungsobergrenze in Höhe von 5.000 Euro einzusetzen. In einigen anderen EU-Ländern gäbe es derartige Grenzen bereits. Begründet würde eine solche Deckelung für Barzahlungen mit der Bekämpfung von Terrorismusfinanzierung und von Schwarzgeldgeschäften, Steuerhinterziehung und Geldwäsche, denen der Boden entzogen werden solle, denn hohe Summen könnten nur noch über nachvollziehbare Konto- und Bankverbindungen transferiert werden. Allerdings konnte bisher der Nutzen der in anderen Ländern eingeführten Barzahlungsbeschränkungen noch nicht überzeugend nachgewiesen werden. In Ländern mit einer Bargeldobergrenze gäbe es nicht weniger Kriminalität.

Das Recht der Europäischen Union ginge davon aus, dass Bargeld existiere. So seien nach Art. 128 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union die Europäische Zentralbank und die nationalen Zentralbanken zur Ausgabe von Euro-Banknoten berechtigt. Und die Mitgliedstaaten hätten das Recht zur Ausgabe von Euro-Münzen. Man müsste daher davon ausgehen, dass eine "Abschaffung" von Euro-Banknoten und -Münzen als gesetzliches Zahlungsmittel Änderungen im Unionsrecht erforderten.

Würde man das Bargeld abschaffen, um etwa negative Zinsen leichter durchzusetzen, könnte es auch passieren, dass die Bürgerinnen und Bürger ihr Geld nicht für Konsumzwecke ausgeben, sondern anderweitig anlegen, beispielsweise in Edelmetallen oder Immobilien. Aber welche Verwerfungen würden sich dann auf diesen Märkten einstellen? Ebenso könnten die Menschen auf die Idee kommen, als Bargeldersatz auf Regionalwährungen oder Gutscheine auszuweichen. Aber möchte man wirklich, dass Firmen wie beispielsweise Amazon eine Art Ersatzwährung bereitstellten?

Wenn es kein Bargeld mehr gäbe und die Zinsen weit unter Null sinken würden, könnten dann beispielsweise auch Kreditzinsen für Häuslebauer negativ werden? Wie wirke es sich auf die Geldschöpfung aus, wenn Bargeld als wichtiger Grund für den Bedarf an Zentralbankgeld wegfiele? Wodurch könnte Bargeld gleichwertig ersetzt werden. Welches Zahlungsmittel biete eine einfache, technikfreie Handhabung, einen Zahlungsausgleich in Echtzeit ohne Insolvenzrisiken, einen umfassenden Schutz der Privatsphäre, eine universelle Akzeptanz selbst am kleinsten Kiosk sowie eine Wertaufbewahrungsfunktion?

Insgesamt betrachtet wäre eine Bargeldabschaffung ein beispielloser Kraftakt mit unabsehbaren Folgen. Die Bundesbank hege keinerlei Pläne für eine Abschaffung des Bargelds.

All jene, die sich theoretisch mit derartigen Gedankenspielen beschäftigen, sollten sich, statt mit vermeintlichen Nachteilen auch mit den Vorteilen und den Nutzen stiftenden Eigenschaften des Bargelds beschäftigen. Diese würden in der Öffentlichkeit nicht ausreichend gewürdigt.

Zu hoffen bleibt, dass die Bundesbank diese Linie beibehält und dass die Aussagen von Carl-Ludwig Thiele Gehör fänden.

Wir selbst sollten Bargeld nutzen, wo immer es geht und die Nutzung von virtuellem Geld zurückschrauben. So können wir einen Beitrag zum Erhalt des Bargeldes leisten und wahnhaften  Allmachts- und Kontrollfantasien entgegenwirken.