Wohin sich die gesellschaftliche und soziale Lage in Spanien entwickelt, zeigt unter anderem auch das Ausrasten eines bankrotten Geschäftsmannes, der sein Fahrzeug in die Zentrale der regierenden Partei Partido Popular (PP) hineinsteuerte. Wie spanische Medien berichten, soll der Täter namens Daniel Perez Berlanga sein Fahrzeug zuvor mit zwei Gaszylindern beladen haben, um maximalen Schaden anzurichten. Es sei die Frage gestattet, wohin uns all diese Dinge letztendlich führen werden.

Der Mann ist inzwischen durch spanische Polizeikräfte verhaftet worden. Laut eines Regierungssprechers habe Berlanga all seine Grundstücke und Immobilien eingebüßt, woraufhin seine Firma Bankrott anmelden musste. Die Schuld sieht der Geschäftsmann in der Politik des regierenden Partido Popular (PP) von Premierminister Mariano Rajoy.

Wie dem auch sei. Vorfälle dieser Art häufen sich in Spanien in diesen Tagen. Man braucht sich darüber auch nicht zu wundern. In einer Gesellschaft, in der die Arbeitslosenquote gen Himmel strebt und derartige Ungleichgewichte und soziale Unfairness herrschen, sind eben jene Dinge irgendwann an der Tagesordnung.

Immer mehr Menschen sehen es einfach nicht mehr ein, warum Banken und eine kleine gesellschaftliche Klasse, die sich heillos verzockt hat, auf Kosten der breiten Allgemeinheit aus ihren Problemen herausgekauft werden, ohne sich auch nur für irgendwelche ihre Sünden vor der Justiz verantworten zu müssen.

Eine Entschuldigung für die Anwendung von Gewalt kann dies trotz allem nicht sein. Vielmehr drückt sich in solchen Taten die Ohnmacht unter einer wachsenden Anzahl der Bevölkerung aus, die sich dem Staat und dessen Organen hilflos ausgeliefert sieht. In Europa sind die Klassenkämpfe auf dem Vormarsch.

Egal, ob in Spanien, Portugal, Griechenland, Italien oder den osteuropäischen Ländern – die gesellschaftliche Basis befindet sich in Wallung. Die breite Masse scheint es langsam satt zu haben, ohnmächtig dabei zuzusehen, wie eine gekaufte und korrumpierte politische Kaste ihre Entscheidungen allein zugunsten von Einzelnen trifft, für welche die breite Allgemeinheit finanziell einzustehen hat.

Die Menschen scheinen auch in immer stärkerem Maße die Lügen satt zu haben, die aus Brüssel oder den europäischen Hauptstädten propagiert werden. Anhand des spanischen Bankensektors lässt sich dies auf beste Weise beobachten.

Wir erinnern uns noch gut daran, dass es insbesondere Premier Rajoy gewesen war, der kurz vor dem Superbailout der spanischen Banken und Kreditgeber durch die Europäische Union gegenüber Medien, Journalisten und Öffentlichkeit wiederholt abwiegelte, wonach Spaniens Banken unter keinen gravierenden Problemen zu leiden hätten und keine Rekapitalisierungen benötigten.

Was nur kurze Zeit später folgte, wissen wir noch all zu gut. Zu diesen entlarvten Lügen gesellen sich politische Skandale wie beispielsweise um Kick-back Zahlungen an Mitglieder der PP, die der spanischen Öffentlichkeit einfach nicht mehr zu vermitteln sind. Zu vermitteln ist den meisten Menschen auch nicht mehr, dass diejenigen, die die Gesetze ausarbeiten und verabschieden, sich ganz offensichtlich von eben jenen Gesetzen ausnehmen und sich nicht daran gebunden fühlen.

Wozu werden Verträge, gesellschaftliche Vereinbarungen und Regelwerke dann überhaupt geschlossen und verabschiedet, wenn die politische Führung der Ansicht ist, dass sie diese Regeln jederzeit über den Haufen werfen und aus dem Fenster werfen kann??! Was auf diese Weise in ganz Europa am Wachsen ist, ist die Unsicherheit. Unsicherheit über die politische, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung unseres Kontinents.

Ich hatte in den vergangenen Jahren des Öfteren auf eine voranschreitende Aushebelung der Rechtssicherheit in Europa hingewiesen. Neben einer dauerhaft einbrechenden Kreditvergabe durch die Banken ist die in meinen Augen ein weiterer Hauptgrund, weswegen viele Unternehmen in Europa nicht mehr allzu angetan von dem Gedanken sind, neue Investitionen zu stemmen und die eigenen Aktivitäten zu expandieren.

Was dabei letztendlich herauskommt, ist eine über Jahre auf extrem hohen Niveaus verharrende Arbeitslosigkeit, eine Jugend, die kaum mehr irgendwelche Zukunftsperspektiven für sich zu erkennen vermag und ein in Jahrzehnten aufgebautes System, dass schleichend, jedoch stetig den Bach hinunter geht. Gefährlich wird es immer dann, wenn Menschen ab einem gewissen Zeitpunkt keine Hoffnung auf Besserung mehr haben.

In den Südländern der Eurozone scheint dieser Punkt erreicht zu sein. Schaut man sich die Umfragewerte der alt eingesessenen Systemparteien in den Südländern Europas an, so kann einen entweder nur das Grauen überkommen oder man blickt ganz einfach mit Freude dem Zeitpunkt entgegen, zu dem eine Mehrheit der Bevölkerung ihren korrupten Parteibonzen die rote Karte zeigen wird.

Glücklicherweise wurde in Bezug auf den ausflippenden Autofahrer, der sein Fahrzeug in die Parteizentrale des Partido Popular steuerte, niemand verletzt oder getötet. Dennoch zeigen Vorfälle dieser Art, wohin die sozialgesellschaftliche Reise in den nächsten Jahren gehen dürfte. Anstatt sich Gewalt zu bedienen, welcher sich der Staat als ausführendes Organ laut Verfassung als einzige Institution bedienen darf, sollten sich die Menschen auf Ghandi und dessen Thesen eines passiven Widerstands besinnen.  

Auch der Umsturz in der damaligen DDR hat gezeigt, dass passiver Widerstand viel wirksam sein kann, als die Anwendung von brachialer Gewalt, die stets durch brachiale Gewalt beantwortet wird. Wenn eine Mehrheit der Menschen das heutige System und dessen soziale Ungerechtigkeiten satt haben wird, dürfte es weitaus wirksamer sein, auf friedliche Weise in Massen die Straßen zu okkupieren, die Arbeit niederzulegen und diesen Ausstand solange Aufrecht zu erhalten, bis das Ziel eines Systemwechsels samt erzwungener Abdankung der politischen Kaste, die an den heutigen Verhältnissen mit verantwortlich ist, erreicht sein wird.