Guten Tag meine Damen und Herren,

der DAX hat wieder die Marke um 10.050 Punkte erreicht und wir sahen bis Freitagmorgen absolut trendlose Märkte. Doch mit einem deutlichen Kursrückgang am Freitag wurde die Trendrichtung Süden aufgenommen. 9.700 und 9.400 Punkte sind die nächsten Zielmarken.  

Weltbank senkt Konjunkturprognose und warnt vor einer neuen Finanzkrise

Die Weltbank senkt die Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft in diesem Jahr von bisher 2,9 Prozent (Vorhersage vom Januar) auf jetzt 2,4 Prozent. Denken Sie in diesem Zusammenhang gerne an die Vermeldung dieser Zahlen im Januar zurück: Wir hatten seinerzeit an dieser Stelle mehrfach darauf hingewiesen, dass es bei den Weltkonjunktur-Prognosen wohl noch einige Revisionen nach unten geben wird. Nun haben wir sie am Stück. Für 2017 soll das Wachstum bei 2,8 Prozent liegen. Gleichzeitig sieht man aber auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass dieses Wachstum statt 2,8 nur 1,8 Prozent erreichen wird. Ohnehin warnt die Weltbank vor großen Gefahren für die Weltwirtschaft.

Auch die OECD warnt bereits vor ein paar Tagen vor den Gefahren einer globalen Rezession. Die Weltbank sieht nun sogar eine neue Finanzkrise heraufziehen, die durch die Schwellenländer mit ausgelöst werden soll. Auch das ist keine Neuerung, insbesondere mit Blick auf China und die hohen Unternehmensverschuldungen. Alleine diese Schuldenlast beläuft sich im Reich der Mitte auf inzwischen 160 bis 200 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Das ist nicht nur extrem hoch, sondern vor allem sehr schnell vonstatten gegangen. Ein beträchtlicher Teil dieser Schulden ist zudem noch in US-Dollar denominiert. Das bedeutet, dass mit Abschwächung der eigenen Wirtschaft und der eigenen Währung es immer schwerer fällt, den Schuldendienst in US-Dollar zu bezahlen. Dies gilt erst recht dann, wenn in den USA die Zinsen ansteigen und der US-Dollar weiter befestigt werden sollte. Die aus einer Konjunkturabkühlung sowie einer Überschuldung entstehenden Gefahren sowie die Möglichkeit einer größeren Verwerfung sehen nicht nur Weltbank und OECD, sondern viele andere ebenfalls.

Eine Lösung über „Schuldenneutralisierung“?

Wie könnte eine Lösung aussehen? Auch das ist da und dort ganz leise und zurückhaltend hinter den Kulissen zu hören  Was passiert denn, wenn die Notenbanken das tun, was sie bisher tun, nämlich alle möglichen Anleihen aufzukaufen? Und zwar in einem Umfang von nicht nur vier Billionen Euro, sondern vielleicht zehn, 15 oder 20 Billionen Euro? Die Notenbanken können beliebig aufkaufen, denn sie erzeugen das Geld dafür ja selbst. Das müssen sie sich selbst bei niemandem leihen, sondern sie erschaffen es einfach und übernehmen dafür Staatsanleihen in den eigenen Bestand. Die Staaten sind dann bei der jeweiligen Notenbank verschuldet – und inzwischen auch die Unternehmen. Denn just in dieser Woche begann die EZB damit, Unternehmensanleihen von großen Konzernen aufzukaufen und ebenfalls auf ihre Bücher zu nehmen.

Was passiert denn, wenn die Notenbanken einen großen Teil der Anleihen von Staaten und großen Konzernen aufkaufen und dann, wenn es gar nicht anders geht und bevor alles ganz schlimm wird, auf eine Rückzahlung verzichten? Da sich die Notenbanken das Geld nirgends geliehen haben, muss auch niemand dafür gerade stehen. Es stimmt nämlich nicht, dass diese Beträge dann als Verlust gelten müssen, die dann auf die einzelnen Staaten und einzelstaatlichen Notenbanken umgelegt werden müssen. Wo steht geschrieben, dass selbst erschaffenes, von niemandem ausgeliehenes Geld als Verlust verbucht werden muss? Das kann per Gegenbuchung einfach ausgeglichen werden. Das haben die Notenbanken bereits gemacht, beispielsweise die EZB, als sie vom IWF die Sonderziehungsrechte (eine Art Währungsreserve) geschenkt bekommen hat, also kostenlos in die Bilanz eingebucht bekam. Eigentlich hätte man diesen Betrag als Gewinn verbuchen sowie an die Einzelstaaten ausweisen und weiterreichen müssen. Das hat man aber nicht gemacht, sondern dieses „Geschenk“ per Gegenbuchung neutralisiert.

Was spricht also dagegen, wenn die Notenbanken auch die Schulden ebenfalls mit einer Gegenbuchung neutralisieren oder noch einfacher: schlicht die Rückzahlung verschieben, z.B. auf das Jahr 2500? Was wäre denn dann? Inflation geschaffen? Die Inflation wird in dem Moment geschaffen, in dem die Anleihen aufgekauft werden, denn in diesem Augenblick wird frisches Notenbankgeld in die Märkte gegeben. Genau das geschieht bereits seit geraumer Zeit, aber nicht in dem Moment eines Rückzahlungsverzichts. Dies ist zumindest eine sehr interessante Sichtweise, wie ich finde.

China: Negative Außenhandelszahlen, aber 6,5 Prozent Wachstum?

In China sind die Exporte nach offizieller Lesart zuletzt um 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen, erwartet wurde nur ein Minus von 3,6 Prozent. Die Importe Chinas gingen um 0,4 Prozent zurück, man hatte allerdings noch schlechtere Zahlen erwartet. Wie aber passen eigentlich durchweg negative Außenhandelszahlen zu einem Wachstum von 6,5 Prozent? 

Immerhin stieg der Automobilabsatz im Reich der Mitte offiziell um 11,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In diesem Bereich gab es einerseits seit Herbst letzten Jahres deutliche Steuererleichterungen sowie hohe Rabatte seitens der Automobilhersteller. Doch die Hersteller dieser Fahrzeuge müssen diese irgendwie nach China transportiert oder vor Ort (bei entsprechendem Rohstoffbedarf) zusammengebaut haben. Man wird den Eindruck nicht los, dass offizielle chinesische Zahlen nicht so recht zusammenpassen wollen. Aber das sind wir von den chinesischen Daten ja bereits gewohnt...

US-Verbraucher: Vom Schuldenmachen versteht man etwas...

Die US-Verbraucherkredite erreichten im April ein Plus von 13,4 Milliarden US-Dollar, 18 Milliarden US-Dollar wurden erwartet. Im März lag dieses Plus übrigens noch bei 28 Milliarden US-Dollar. Die Verschuldung der US-Verbraucher geht also deutlich nach oben – und das schon seit vielen Monaten. Wir sind bereits bei Volumina angelangt, die weit über jenen des Jahres 2008 liegen. Die Kreditblase bei denjenigen, die sich Kredite eigentlich gar nicht leisten können, wächst weiter an und wir erinnern uns an die Folgen...

Société Général muss Milliardenzocker Jérôme Kerviel entschädigen

Erinnern Sie sich eigentlich noch an Jérôme Kerviel? Das war jener Händler, der die französische Großbank Société Général mit riesigen Betrügereien um etwa fünf Milliarden Euro gebracht hat. Dieser Händler erhält jetzt nach einem Gerichtsurteil eine Entschädigung von SocGen in Höhe von 450.000 Euro, denn – man halte sich jetzt fest – auch dieser Schaden in Höhe von fünf Milliarden Euro sei kein wirklich ernsthafter Grund für eine Kündigung. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen... In dem Zusammenhang denke ich immer wieder gerne an diese Geschichte von vor einigen Jahren, als bei uns eine Kassiererin ihren Job verloren hat, weil sie einen Pfandbon von wenigen Cent eingelöst hat. Beeindruckend! Too big to fail, oder...?

Bedingungsloses Grundeinkommen: In der Schweiz werden Sie dazu befragt...

Den Schweizern muss man wieder einmal dankbar sein für eine wichtige Diskussion, die – wie so oft in den vergangenen Jahren – intensiv geführt und über die basisdemokratisch entschieden wurde. An der direkten Demokratie der Schweiz kann man sich in vielfacher Hinsicht ein Beispiel nehmen, vor allem mit Blick auf die zentralen Themen, die offen und breit im Zuge einer solchen Abstimmung erörtert werden – unabhängig vom Abstimmungsergebnis. Allein das schon ist ein unschlagbarer Vorteil dieser plebiszitären Demokratie, in der die Bürger die für sie wichtigen Fragen in die politische Diskussion zwingen können. Dies ist beispielsweise mit dem Thema Bedingungsloses Grundeinkommen geschehen. Die Diskussion darüber ist zwingend notwendig, denn wir werden uns neue Systeme überlegen müssen.

Wir kommen nämlich in eine Situation, in der immer mehr und immer schneller automatisiert wird. Die Geschwindigkeit, mit der heutzutage Jobs abgeschafft werden – selbst von Jobs, bei denen man nie erwartet hätte, dass sie abgeschafft werden –, nimmt dramatisch zu. Früher war das ein langsamer Prozess, so dass man sich innerhalb von zehn oder zwanzig Jahren hin zu neuen Jobs orientieren konnte. Heute geht das derart schnell, dass Jobs verschwinden, von denen man das noch fünf Jahre zuvor nicht ansatzweise ahnen konnte. Ganze Berufsgruppen werden überflüssig. Wir werden für immer weniger Menschen Jobs haben und ob die Jobverluste durch den IT-Sektor oder andere Dienstleistungen kompensiert werden können – vom „Qualifikations-gap“ einmal ganz abgesehen –, ist vollkommen offen.

Kurzum: Wir haben eine immer höhere Produktivität und zugleich immer weniger Menschen, die daran teilhaben. Wir haben riesige Fabriken ohne Mitarbeiter. Ich selbst habe einige besichtigt, in denen kein Mensch mehr arbeitet außer dem Pförtner. Schon Henry Ford hatte einst gesagt, dass Maschinen keine Autos kaufen. Wir werden also überlegen müssen, wie wir diese extreme Produktivität, die letzten Endes bei einem einzigen Menschen, nämlich dem Fabrikbesitzer, ankommt, trotzdem der Masse der Gesellschaft in irgendeiner Form zukommen zu lassen, damit diese überhaupt am Leben teilhaben kann. Wenn die Maschinen sich gegenseitig selbst bauen, wer soll sie dann noch kaufen?

Wenn wir ein Bedingungsloses Grundeinkommen für alle hätten, so die Diskussion, würde das die Faulheit in der Gesellschaft begünstigen oder dominiert der eigene Antrieb nach dem Motto „Das ist mir zu langweilig, ich will etwas schaffen, ich will etwas erledigen, ich will etwas erreichen!“? Ich glaube, die meisten werden Letzteres unterschreiben und sagen: „Selbst wenn ich ein Bedingungsloses Grundeinkommen hätte, würde ich trotzdem sofort etwas aufbauen, würde etwas Neues schaffen, würde etwas voranbringen. Ich würde die Zeit für etwas anderes nutzen. Ich will doch nicht am Fensterbrett sitzen und rote Autos zählen!“ Der Antrieb, irgendetwas zu entwickeln, ist in den allermeisten von uns angelegt. Ja, es gibt auch diejenigen, bei denen das nicht der Fall ist. So what, das ist auch heute schon so! Ich glaube aber, die Masse der Menschen würde sich nicht in die faule Hängematte legen, sondern ganz im Gegenteil diese Freiheit nutzen, um Dinge zu tun, die wichtig erscheinen. Unter Umständen sind das Dinge, mit denen sich kein Geld verdienen lässt, die aber für die Gemeinschaft wichtig sind, ehrenamtliche Tätigkeiten beispielsweise.

Alles in allem glaube ich, dass zumindest die Diskussion über das Bedingungslose Grundeinkommen zwingend notwendig ist. Daran schließt sich die Frage an: Wo ist denn der Unterschied zwischen dem Bedingungslosen Grundeinkommen und dem, was wir heute als „Helikoptergeld“ diskutieren, also dass die Notenbank den Bürgern Geld aufs Konto überweisen will, damit diese mehr konsumieren? Dies ist nichts anderes als Bedingungsloses Grundeinkommen, es heißt nur anders. Als neulich selbst Mario Draghi dies als ein interessantes Konzept bezeichnete, sollte uns zu denken geben. Die Diskussion dazu hat gerade begonnen. Danke in diesem Zusammenhang an die Schweiz! Ich hoffe, wir werden diese aufnehmen und weiterführen. Ob es letztlich auf ein Bedingungsloses Grundeinkommen oder auf andere Konzepte hinausläuft, sei dahingestellt. Wir brauchen aber definitiv eine Lösung für dieses Problem.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein ruhiges und erholsames Wochenende und viel Spaß beim Lesen der Beiträge.

Herzlichst

Ihr Dirk Müller