Liebe Leserinnen und Leser,

„Nix wie raus“ scheint der neue Trend zu sein: Katalonien will raus aus Spanien, Schottland will raus aus Großbritannien, Großbritannien wiederum will raus aus der EU und Bayern und Hessen wollen raus aus dem Länderfinanzausgleich.

„Nix wie raus“ war auch bis zur letzten Woche der Trend des Jahres 2013 für „sichere Häfen“ wie Bundesanleihen/Bund-Future. Vergangene Woche deutete ich im Rentenmarktkommentar - trotz oder gerade wegen der sehr schlechten Stimmung für Bunds - aufgrund einiger Chartindikatoren die Chance einer kurzfristigen Erholung an, welche auch eintrat.

„Nix wie raus“ erleben seit einigen Tagen urplötzlich die europäischen Aktienmärkte und auch die Bonds der PIIGS-Staaten.

Nun, was steckt dahinter? Allerorten werden die (neuen) politischen Risiken in Spanien und Italien genannt. Die Situationen in beiden Ländern sind - außer der Affäre um Rajoy – aber völlig unverändert: Italien wählt am 24./25. Februar, in Spanien herrscht Massenarbeitslosigkeit. Kein Wunder bei der sich bei den Iberern weiter verschärfenden Rezession, mit einem Spiraleffekt: Viele Arbeitslose -> geringere Binnennachfrage -> mehr Arbeitslose -> geringere Binnennachfrage. Da hilft auch Gelddrucken zum einseitigen Wohl der dortigen Bankenbranche nichts.

Siehe WELT

Also nochmal die Frage: Was könnte hinter diesem plötzlichen Umschwenken, nix wie raus aus den Risikoassetklassen und wieder rein in die Bundesanleihen stecken? Okay, wenn die Aufträge in der deutschen Industrie einbrechen sowie die deutsche Autoproduktion und Exporte im Januar -11% bzw. -8%  zurückgehen, sollten folgerichtig die deutschen Zinsen wieder sinken bzw. Bunds wieder steigen. Macht Sinn.

Mehr dazu bei DWN

Ich für meine Person kann mir den scharfen Trendwechsel der letzten Tage vor allem damit erklären, dass entweder sehr große Arbitragepositionen (Hedgefonds???) aufgelöst bzw. Gewinne in PIIGS-Bonds und Europa-Aktien in großem Stil mitgenommen wurden.  Oder dass gar neue Arbitragepositionen eröffnet worden sein könnten, die die Heile-Welt-Stimmung der letzten Wochen nutzten, um erneut gegen die schwächeren PIIGS-Staaten zu wetten und das Geld wieder in Bunds anzulegen. Diese Erklärung erscheint mir relativ plausibel.

Was gibt´s Neues aus der Euro-Peripherie?

Die Meldung der Woche kam mal wieder aus Griechenland: Die Hellenen haben in 2012 doch tatsächlich einen „Primärüberschuss“ von 434 Millionen geschafft. Eine wahre Sensation, oder? Das Blöde an dem „Primärüberschuss“ ist nur, dass hier die Zinsaufwendungen nicht mit reingerechnet werden. Gehen Sie mal mit einem Jahresbrutto von 50.000€ zu Ihrer Bank und sagen Sie, Sie möchten gerne eine Villa für 1 Million Euro kaufen. Sie sagen, Sie können die sich leisten, denn Sie haben einen Primärüberschuss von 10.000€ im Jahr. Dass Sie für den Kredit 30.000€ oder 40.000€ Zinsen gezahlt werden müssen, wäre ja egal. Mal schauen, was Ihnen Ihr Baufinanzierer sagt.

Das, liebe Leserinnen und Leser, sind die Nachrichten, die wir serviert bekommen, die Erfolgsgeschichten der Griechenland-Schuldenrettung: Zahlen, die zwar in der Theorie existieren, die nichts, aber auch gar nichts aussagen, werden über alle deutschen Medien gejagt, um die Schafsherde in Glücksstimmung zu versetzen und ihr eine heile Welt vorzugaukeln.

Können Sie sich noch an den Neuen Markt erinnern? Welche sinnlose Bewertungskennzahl  wurde damals für  hunderte deutscher Firmen erfunden, die nicht zukunftsfähig waren? Richtig: Das „Kurs-Umsatz-Verhältnis“ (KUV). Wie das ausgegangen ist, haben viele von uns live miterlebt. Entspricht vielleicht der Primärüberschuss der Euroschuldenkrise dem KUV des Neuen Marktes? Seien Sie immer vorsichtig, wenn neue Analysekennzahlen urplötzlich medial hochgejubelt werden, von denen Sie bis vor kurzem noch nie etwas gehört hatten.

Beispiel hierzu bei Deutsche Welle

Dass die Bundesregierung bei der Hilfe für Zyperns Bankensystem doch wieder ihren scharfen Widerstand aufgibt, kennen wir aus unzähligen „Ohne-Uns“-Ansagen. Die Euro-Politik der Bundesregierung steht bei den deutschen Wählern bekanntermaßen hoch im Kurs…

Mehr dazu in der WELT

Dass aber Deutschlands Zustimmung in der Praxis keine Rolle spielt, haben wir in den letzten beiden Jahren mehrfach erfahren müssen. Ich wüsste nicht, wie ich an Schäubles Stelle reagieren würde, wenn ich genau wüsste, dass ich zwar zahlen darf, aber praktisch keinen Einfluss über die Verwendung meines Geldes hätte. Wahrscheinlich wäre ich schon längst zurückgetreten. Im Übrigen hat Zypern noch eine andere Geldquelle: Die dortige Notenbank darf ihren Banken auch gegen minderwertige Sicherheiten selbst Geld drucken bzw. leihen. Dank ELA-System.

Mehr dazu in der WirtschaftsWoche

Dass die deutsche Denkweise in der Eurokrise nicht groß interessiert, beweist Frankreichs Hollande auch ganz aktuell: Währungsabwertung wird von ihm als Chance gesehen, um Wettbewerbsnachteile (besser: „Wettbewerbsschwächen“!) auszugleichen. Da sag ich nur, was hat Deutschland zu DM-Zeiten gemacht? Wir mussten wegen der ständigen innereuropäischen Aufwertung der D-Mark immer um Wettbewerbsvorteile kämpfen, was uns schlussendlich stark und nebenbei zum Exportweltmeister gemacht hatte. Und: Meint Hollande, die Politik müsse den Währungskurs bestimmen? Hier scheint ein neuer Holzweg eingeschlagen zu werden, dem alle Euro-Peripherie (PIIGS-)Staaten nur allzu gerne folgen würden: Abwertung statt an sich selbst arbeiten. So, liebe Leserinnen und Leser, bekommt man keine Eurokrise gelöst.

Siehe FOCUS

Unter dem Eindruck dieser FPIIGS-Nachrichten, wirklich nur ein Mini-Ausschnitt aus der letzten Woche, braucht es niemanden zu wundern, dass – neben möglichen Arbitragegeschäften – die Kurse der Anleihen aus den PIIGS-Ländern erstmals seit langem eine deutliche Talfahrt erlebten. Die Zinsen stiegen stark und zügig an. Meine Skepsis aus der Vorwoche trotz der damaligen „Jubelbotschaften“ in den Mainstream-Medien war begründet:

Die 10 Jahres-Renditen liegen aktuell in Portugal bei 6,54% (nach 6,07% vor einer Woche), Italien 4,58% (nach 4,17% letzte Woche), Spanien bei 5,45 % (nach 5,16 %). Griechenland scheiterte an der 10%-Marke und die Renditen der Ouzo-Bonds zogen deutlich von 10,16% auf 10,89% an. Das sind Kursverluste von 2 bis 5% innerhalb einer Woche. Für Bonds ist das Einiges.

„Risk on“ heisst es also wieder, nachdem in den vergangenen Wochen vielfach von einem „Risikonormalisierungsprozess“ gesprochen worden war. Risikonormalisierung, nur mal für den Hinterkopf, könnte ja schließlich auch bedeuten, dass die Zinsen für PIIGS-Bonds wieder anziehen könnten.

Auch die in der Vorwoche noch bejubelte vorzeitige hohe Rückzahlung von Dreijahrestendern (LTRO) durch die Banken wird inzwischen etwas angezweifelt. Möglicherweise hätten Banken sich Geld von der US-Notenbank FED geliehen, um Schulden bei der EZB zu begleichen. Nach immerhin 137,2 Mrd. € im ersten Anlauf zahlten die Banken beim zweiten Termin nur noch 3,5 Mrd. € an die EZB zurück. Wie fragil ist das Bankensystem wirklich? Das mag man sich auch vor dem Hintergrund der Verlustmeldungen von Deutscher Bank, UBS und Co. fragen.

Mehr dazu bei Godmode Trader

Der Bund-Future hat sich gut erholt. RSI, Williams R sind im aktuellen Aufwärtstrend noch im neutralen Bereich; von dieser Seite deutet sich kein Druck auf den Markt an. Das On-Balance-Volume hat sogar nach oben geschnitten.

Vor dem Hintergrund der wieder aufflammenden Unsicherheiten und auch der Uneinigkeit in der Eurozone könnte der Bund-Future wiederentdeckt werden.

Der Bund nahm gestern 4 Mrd. € bei der Aufstockung seiner aktuellen fünfjährigen Bundesobligation ein. Rendite 0,68% bei 1,9facher Überzeichnung. Also gute Nachfrage.

Siehe Wall Street Journal

Die Claims für den heutigen EU-Gipfel sind nach Hollands Äußerungen schon abgesteckt. Hollande hat die europäische Führungsrolle von Angela Merkel übernommen, da er viele Regierungen von Euro-Peripheriestaaten hinter sich wähnen kann. Angela Merkel bleibt nur noch die Rolle des mahnenden Zeigefingers. Und des Zahlers.

Etwas Spannung birgt für mich auch die heutige Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB). Nach der oben ausgeführten aktuellen Talfahrt auch der deutschen Industrie dürfte das Interesse an einer weiteren Senkung der EZB-Zinsen europaweit recht groß sein. Und damit könnte man ja auch noch die Stärke des Euro etwas bremsen… Im Vergleich mit USA und Japan sind die Eurozinsen ja a bisserl zu hoch. Warten wir´s ab.

Eine glückliche und erfolgreiche Faschingswoche wünscht

Steffen Scholz