Helicopter-Ben – das ist der Spitzname des Vorsitzenden des Board of Governors des Federal Reserve Systems. Also des Notenbankchefs der US-amerikanischen Zentralbank Ben Bernanke. Seinen Spitznamen hat er bekommen, da er zu Beginn der Finanzkrise gesagt hat, notfalls werde er die Wirtschaft stützen, indem er Geldscheine mit einem Hubschrauber abwerfe.

Seinem Spitzname machte und macht er alle Ehre, und es hat den Anschein, dass das FED auch nach der kommenden Sitzung Anfang November weiterhin Gewehr bei Fuß stehen wird. Doch damit wird ein immer größerer Keil zwischen die Geldpolitik im Dollar- und der Geldpolitik im Euro-Raum getrieben, denn längst kann man von der europäischen Zentralbank ganz andere Töne hören. Schauen wir uns doch die Situation einmal genauer an.

Die US-amerikanische Wirtschaft strauchelt ein wenig. Nach den im Verhältnis recht ordentlichen letzten Quartalen, hat es nun den Anschein, dass der erste vorsichtige Aufschwung nach der Krise erst einmal vorbei ist.

Wenn Sie mich fragen, finde ich das vollkommen normal. Außerdem war doch abzusehen, dass das Wachstum nach einer solch heftigen Krise nicht wie an einer Nadelschnur geradewegs bergauf gehen kann. Auch sind die schlimmen Auswirkungen noch lange nicht vollends überwunden. Es gibt nun einmal Phasen, in denen geht es besser. Und es gibt Phasen, in denen läuft es schlechter. Das sollte endlich einmal akzeptiert werden. Das schließt sogar ein, dass die Wirtschaftleistung auch rückläufig sein kann. Das gehört dazu – und gegen eine kleine und bereinigende Rezession sollte gar nichts einzuwenden sein.

Doch da die Amerikaner das Wort Rezession fürchten wie der Teufel das Weihwasser, haben sie mit Verschuldung, fiskalischen Anreizen und lockerer Geldpolitik in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten versucht, das Wirtschaftswachstum immer weiter und immer schneller anzufachen, bis sich der ganze aufgestaute Druck durch eine Blase am Immobilienmarkt entladen musste.

Es scheint, dass man in den Vereinigten Staaten von Amerika davon überzeugt ist, durch Rezession gehe die Welt unter. Verständlich, denn durch das Aufstauen und Glätten von Konjunkturzyklen fallen Wirtschaftseinbrüche tendenziell heftig aus. So kann man verstehen, warum nun Ben Bernanke dazu verleitet sein wird, weiterhin den Geldhahn voll aufgedreht zu lassen.

Nun sind wir momentan noch in einer Phase, in der die Geschäftsbanken, die ja das Zentralbankgeld in den Wirtschaftskreislauf bringen, weiterhin vorsichtig und konservativ agieren. Das bedeutet, dass nur mit Vorsicht Kredite vergeben und Assets beieinander halten werden, und dass sie das Geld eher bei sich horten anstatt es wegzugeben. In der Volkswirtschaftslehre spricht man in diesem Zusammen auch von der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Die ist momentan immer noch niedrig.

Somit wirkt sich die US-amerikanische Gelddruckmaschinerie noch kaum auf Inflation und Preisniveau aus. Doch irgendwann wird die Umlaufgeschwindigkeit wieder anziehen. Spätestens dann, wenn die Geschäftsbanken sind untereinander wieder mehr (zu)trauen. Das kann durchaus schneller gehen als erwartet. Und dann werden die immensen Geldschwemme wie ein Tsunami auf die Wirtschaft treffen.

Momentan kann man passend dazu die aktuellen Zahlen zur Preissteigerung des Statistischen Bundesamtes heranziehen. In einer Zeitung habe ich folgende Überschrift gelesen: „Butter kostet 40 Prozent mehr als vor einem Jahr“. Generell sind die Verbraucherpreise in Deutschland im September mit 1,3 Prozent so stark gestiegen wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Das muss natürlich noch nichts heißen. Allerdings ist es genau das Szenario, dem die europäische Zentralbank entgehen möchte.

Die EZB anders als das FED gewichtet Geldwertstabilität sehr hoch. Hier wird eine Ausstiegsstrategie aus der lockeren Geldpolitik viel intensiver thematisiert. Übrigens: In der Anfangsphase der Krise hat die EZB wesentlich mehr Geld in die Wirtschaft gepumpt als das FED. Nur hat sie es nicht über Zinssenkungen getan, darum ist es den wenigsten aufgefallen. Und nun scheint es, dass die europäischen Währungshüter weitaus früher versuchen, das billige Geld wieder abzusaugen. Ob es gelingt, werden wir an der Inflationsrate der nächsten Monate und Quartale erkennen.

Zumindest scheint es folgerichtig. Denn in Europa fürchtet man weniger die Rezession als die Inflation. Die Geschichte hat die europäischen Länder tendenziell mehr mit immenser Geldentwertung gepeinigt als mit Wachstumsrückgängen – wobei natürlich ab einem gewissen Maß das eine das andere bedingt.

Welche Strategie die richtige ist, werden wir vielleicht in Zukunft wissen. Momentan kann man nur den gesunden Menschenverstand heranziehen. Ich persönlich bin recht froh, dass ich im Euroraum lebe und nicht im Dollarraum.