„Die Börse reagiert gerade mal zu zehn Prozent auf Fakten. Alles andere ist Psychologie.“ Dieses Zitat stammt von André Kostolany, dem Grandseigneur der Börse. Dass die Psychologie an den Märkten eine elementare Rolle spielt, gilt gemeinhin als unumstritten. Die Behavioral Finance, die verhaltensorientierte Kapitalmarktforschung, stellt eine Schnittstelle zwischen Ökonomie und Psychologie her und untersucht das Verhalten der Anleger. Dieser Artikel stellt den Auftakt einer Serie dar, die sich den psychologisch bedingten Anlegerfehlern widmet. Sie werden erläutert, und auf Grundlage dieser Erkenntnisse werden ableitbare Handelsstrategien beschrieben.

Schnell und einfach

Die klassische Kapitalmarktforschung geht vom Homo oeconomicus aus, einem rational denkendem Akteur an den Märkten, der seine Anlageentscheidungen rein sachlich bzw. frei von Emotionen trifft und dabei auf die Maximierung seines Nutzens bedacht ist. Es wird ihm auch unterstellt, dass er Zugriff auf alle Informationen habe und flexibel auf Veränderungen reagieren könne. Schwer vorzustellen, dass diese Voraussetzungen in unserer Welt gegeben sein sollen, die durch massenhaftes Informationsangebot, Schnelllebigkeit, Kompliziertheit und Unsicherheit geprägt ist. Das Gehirn hat nur eine eingeschränkte Kapazität für die Informationsverarbeitung zur Verfügung. Deswegen geht der Mensch dazu über, so genannte Heuristiken anzuwenden, die quasi (stark) vereinfachende Daumenregeln darstellen, um die Komplexität zu reduzieren und schnell ein Urteil zu fällen. Anstelle von umfassender und tiefgreifender Analyse aller Informationen gibt sich der Anleger mit dem Erreichen von Mindestanforderungen zufrieden, die an sich nur einen ziemlich oberflächlichen Umgang mit Informationen abbilden.

Verfügbarkeitsheuristik

Die Verfügbarkeitsheuristik besagt, dass das Ausmaß der Abrufleichtigkeit von Informationen aus dem Gedächtnis, als Grundlage für die Einschätzung der Häufigkeiten und Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen, von Bedeutung ist. Je einfacher wir uns demnach an ein Ereignis erinnern oder je mehr Beispiele uns dazu einfallen, desto höher schätzen wir deren Eintrittswahrscheinlichkeit bzw. Häufigkeit ein. Weil sich die Menschen leichter an spektakuläre Flugzeugkatastrophen erinnern als an kleinere Busunglücke, wird zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugunglücks tendenziell überschätzt. Oder ein Rettungssanitäter, der häufig mit Verkehrsunfällen konfrontiert ist, überschätzt die Wahrscheinlichkeit eines Autounfalls. Der durchschnittliche Autofahrer hingegen neigt eher dazu, die Wahrscheinlichkeit zu unterschätzen.

Die Heuristik verringert die Komplexität, indem sie Informationen vernachlässigt, an die wir uns schlecht oder schwer erinnern, oder die nicht im Gedächtnis verfügbar sind, weil wir uns mit bestimmten Informationen erst gar nicht beschäftigt haben. Das birgt das Risiko in sich und hat meist zur Folge, dass wesentliche Informationen - die beispielsweise aufgrund des dafür notwendigen hohen Zeitaufwands nicht recherchiert wurden - nicht in die Entscheidung mit einfließen.

Die Rolle der Medien

Wissenschaftlich gesehen, geht es bei der Verfügbarkeitsheuristik in erster Linie um die erwähnte, leichte Abrufbarkeit (bzw. Generierbarkeit) von Informationen aus dem Gedächtnis. Der Begriff kann aber auch weiter gefasst werden und die Zugänglichkeit von Informationen in den Medien als Maßstab mit einbeziehen. Da die meisten Anleger ihre Informationen letzten Endes aus denselben Quellen beziehen, sind für sie weitgehend auch dieselben Informationen leichter verfügbar. Damit kommt den Mainstream-Medien, als stark meinungsbildender Faktor in der Öffentlichkeit, eine zentrale Rolle zu. Vor allem diejenigen Themen, die von ihnen in den Vordergrund ihrer Berichterstattung gerückt werden, stehen den meisten schnell zur Verfügung und bleiben eine Weile in Erinnerung. Die vereinfachenden Faustregeln entfalten dadurch eine durchgreifende Wirkung auf das Marktgeschehen.

Welche Informationen die Anleger im Gedächtnis abrufbereit abspeichern, wird wesentlich davon beeinflusst, wie sie in den Medien aufbereitet worden sind. Der wichtigste Faktor dabei ist zunächst die Aktualität. Es ist naturgemäß plausibel, dass aktuelle Ereignisse leichter verfügbar sind als solche, die länger zurückliegen. Weitere Einflussfaktoren sind unter anderem die Auffälligkeit und die Anschaulichkeit. Da die Medien oft durch die emotionalisierte und dramatisch dargestellte Berichterstattung für Einschaltquoten sorgen wollen, werden Inhalte auch dementsprechend lebhaft präsentiert.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Werfen wir einen Blick zurück auf die letzten Monate. Im März dieses Jahres war die erschütternde Atomkatastrophe in Fukushima im Fokus der Weltöffentlichkeit. Die Verfügbarkeit der Informationen und damit ihre Wirkung auf die Menschen war dermaßen nachdrücklich, dass die CDU sogar den Atomausstieg verkünden musste. Doch als Anfang November die Nachricht über eine erneute Kernschmelze aufkam, hat sich diese Nachricht kaum verbreitet. Sie war irgendwo auf S. 16 der Tageszeitung in einem kleinen Kasten zu lesen...

Ende Juli haben die Medien das Tauziehen zwischen Demokraten und Republikanern über die Abstimmung zur Anhebung der Schuldenobergrenze mit Argusaugen beobachtet. Die aktuellen Nachrichten über die USA thematisieren die Schulden bei weitem nicht mehr so intensiv, selbst in den USA nicht. In den letzten Tagen und Wochen lenkt die Regierung womöglich geschickt von diesen Problemen ab und lenkt die Aufmerksamkeit nach außen. Außenpolitisch ist hier insbesondere der sich weiter zuspitzende Konflikt mit dem Iran zu nennen. Und wirtschaftspolitisch hat Obama auch einen direkten Ton gegenüber Europa und China angeschlagen: Europa solle seine Krise in Griff bekommen, denn Europas Probleme hätten auch für die USA Konsequenzen. Auf die eigenen Fehler wird dabei aber nicht eingegangen. Mit harschen Worten hat er China aufgefordert, sie sollten ihre Währung endlich aufwerten und hat sie als Währungsmanipulatoren bezeichnet. Nachrichten über die Probleme im Haushalt sind momentan nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein der Amerikaner präsent, wie dies noch vor ein paar Monaten war. Dass die USA sich nach der Anhebung der Schuldenobergrenze nach wie vor in einer schwierigen Wirtschaftslage befinden, merken die Amerikaner höchstens in ihrem Geldbeutel, aber sie werden durch die Medien nicht mehr so umfassend damit konfrontiert.

Es gibt unzählige Beispiele dafür, dass Ereignisse, die vor wenigen Tagen oder Wochen noch Hauptthemen der Nachrichten waren, schnell wieder in Vergessenheit geraten sind, obwohl sich an der brisanten Situation nichts geändert hat. In unserer schnelllebigen Welt, die sich immer rasanter fortentwickelt, wird der Umgang mit (verfügbaren) Informationen zudem wohl tendenziell schwieriger werden. Welche grundsätzlichen Strategieansätze in diesem Zusammenhang angewandt werden können, werden wir im Folgenden aufgreifen.


Strategie zur Heuristik

Die prinzipielle Strategie, um dieser Heuristik entgegenzuwirken, besteht darin, nicht auf jede verfügbare Nachricht zu reagieren. Wenn Sie aufgrund einer Einschätzung eine Anlageentscheidung getroffen haben, sollten Sie den Grund bzw. das ganzheitliche Bild vor Augen halten, weshalb Sie sich so entschieden haben. Auf die Verfügbarkeitsheuristik sollte vor allem bei der Einschätzung künftiger Risiken geachtet werden - vor allem an hochvolatilen und hektischen Handelstagen. Die Behavioral-Finance-Forschung hat herausgefunden, dass hier heftige Kursbewegungen in der Regel überschätzt werden. Beispielsweise ist die Aktie der Münchener Rück Versicherung nach den Anschlägen des 11. September rapide und nachhaltig gefallen. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass diese Reaktionen überzogen gewesen sind. In ruhigen Märkten hingegen werden Risiken regelmäßig unterschätzt. Daher lohnt es sich, in turbulenten Marktphasen einen kühlen Kopf zu bewahren, und in scheinbar ruhigem Fahrwasser noch intensiver auf die Risiken zu achten.


Fazit

Es ist geradezu unmöglich, die Gesamtheit der Faktoren, die Einfluss auf eine Anlageentscheidung haben, zu berücksichtigen. Die Informationsflut reißt uns mit, und wir schwirren von einem Sensationsthema zum anderen. Die Heuristiken, deren wir uns bedienen, um die Entwicklungen zu verarbeiten, führen im Regelfall zu Fehleinschätzungen und Verzerrungen. Jeder Anleger kennt wohl die Situation, dass er aus dem Urlaub zurück kommt, und nach der "Börsenabstinenz" wieder beginnt zu recherchieren. Oft ist man in solchen Situationen erstaunt, wie wenig sich während des Urlaubs getan hat, und dass die Themen im Grunde dieselben geblieben sind. Und wenn sich in der Zwischenzeit doch etwas Fundamentales geändert haben sollte und ein neues Thema in den Vordergrund gerückt ist, sind wir überrascht, wie schnell die Märkte die Themen zur Seite geschoben oder vergessen haben, die vor dem Urlaubsantritt noch als überaus wichtig angesehen wurden. Eine rationale Distanz zu den verfügbaren Informationen klärt in der Regel den Blick dafür, das Große und Ganze besser zu erkennen.