Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1,1742 (06:30 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1,1685 im europäischen Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 105,45. In der Folge notiert EUR-JPY bei 123,85. EUR-CHF oszilliert bei 1,0799.

Zunächst ist ein kleiner Exkurs fällig. Es war diese Woche erfrischend wieder live auf der Bühne vor Menschen zu stehen. Gestern war es eine Veranstaltung in Frankfurt. Der Veranstalter hatte ein perfektes Hygienekonzept umgesetzt. Die Nähe zu Menschen (1,5 Meter gewahrt!), die man zum Teil gut kennt und dank der Corona-Maßnahmen lange nicht gesehen hat, tat gut. Das war ein Grundkonsens sowohl der Veranstaltung in Köln am Montag (auch perfektes Hygienekonzept) als auch der gestern in Frankfurt.

Es ist bemerkenswert, wie die Finanzmärkte das Debakel der ersten Debatte Trump/Biden abwetterten. Das Zentrum der westlichen Welt erlebt faktisch einen politischen Werteverfall historischen Ausmaßes in den USA (auch gesellschaftlich!) und Finanzmärkte ignorieren das. Wir nehmen das zur Kenntnis.

Ratingagenturen schweigen sich diesbezüglich übrigens nahezu zu Tode. Machen die eigentlich ihren Job in professioneller Manier bezüglich der von ihnen definierten Kriterien (politische Stabilität, Wahrung von Eigentumsrechten)? Das westliche Werteverständnis verlang nach Professionalität dieser Agenturen …

Die Wirtschaftsdaten fallen derzeit "noch" positiv aus. Wir waren lange sehr zuversichtlich und lagen damit richtig. Jetzt ist jedoch ein gewisses Plateau (ex China, Asien) erreicht, da weitere Lockerungen des Lockdowns im Westen unwahrscheinlicher werden. Im Gegenteil drohen verschärfte Maßnahmen. Zusätzlich belastet das politische Dilemma in den USA. BDI-Chef Kempf hat Recht, ohne Planungssicherheit kann die (US-) Wirtschaft nicht ihr Potential entfalten.

EZB: Segeln im Fed-Fahrwasser

Nach der letzten EZB-Ratssitzung haben wir uns in diesem Report festgelegt, dass es nicht eine Frage des "ob", sondern nur des "wann" ist, dass die EZB dem "Neuen Paradigma" der US-Notenbank in der Inflationsbetrachtung folgen würde.

Die US-Notenbank hatte nach ihrem Strategieschwenk in Aussicht gestellt, die Zinsen so lange nahe Null zu halten, bis die Inflation auf dem Wege sei, für einige Zeit das Ziel von zwei Prozent zu übertreffen.

Frau Lagarde, die die Spitzenposition der EZB, einnimmt, hat gestern die Politik, die Gesellschaften und die Märkte auf diesen Schwenk verbal vorbereitet. Nach der Neuausrichtung der Fed erwäge die Europäische Zentralbank ebenso mehr Spielraum beim Ansteuern des Inflationsziels, das im Dunstkreis von zwei Prozent angesiedelt ist.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde verwies in einer Videokonferenz auf die aktuelle Debatte im Zentralbanksektor. Dort würde diskutiert, ob Zentralbanken sich verpflichten sollten, nach längeren Zeiten mit zu niedriger Inflation danach entsprechend einen höheren Preisdruck zu tolerieren. Frau Lagarde argumentierte, dass sofern dieses Konzept glaubwürdig umgesetzt würde, die Wirtschaft in einer Phase extrem niedriger Zinsen besser stabilisiert werden könnte.

Wir hören die Signal aus Frankfurt. Niedrige Zinsen können in der Tat helfen. Ein real negativer Zinssatz (ergo Zins abzüglich der Preisinflationsrate negativ) kann Investitionen stimulieren. Sofern aber Investitionen nicht wegen der Profitabilität der Investition, sondern wegen des real negativen Zinses solitär vorgenommen würden, würfe das Qualitätsfragen dieser Investitionen auf (Fehlallokation des Produktionsfaktors Kapital). Dieses Risiko ist real. Fehlallokationen des Produktionsfaktors Kapital sind regelmäßig die Ursachen für große Krisen (siehe 2008/2009).

Wirkung erzielte diese Politik bei den Schuldnern, ob Staat, Unternehmen oder private Haushalte. Deren Schuldentragfähigkeit erhöhte sich in einem derartigen Umfeld, in dem der politische Preis des Geldes (kein freier Markt) sie durch realen Kaufkraftverlust der Schulden subventionierte.

Dieser Aspekt als primäre Motivationslage der westlichen Zentralbanken für dieses "Neue Paradigma der Inflationsbetrachtung" drängt sich vor dem Hintergrund der Erfahrungen der letzten 20 Jahre mit von den USA ausgehenden "Neuen Paradigmen" und westlichen Interventionspolitik der Zentralbanken förmlich auf.

Lagarde betonte, ein solches Vorgehen sei eine Prüfung wert. Sie würde den Ergebnissen des laufenden Strategiechecks aber nicht vorgreifen wollen. Jetzt sei die Zeit, um zuzuhören und nachzudenken. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane betonte, es gäbe kein vorab zurechtgelegtes Rezept. Man sei noch weitgehend in der Lernphase. Das vorrangige Ziel der EZB sei es, Preisstabilität zu gewährleisten.

Wir bitten die EZB, sich sehr viel Zeit zu nehmen. Wir bitten die EZB, die "Erfolge" der Fed bei "Neuen Paradigmen" nicht außer Acht zu lassen. Wir weisen die EZB darauf hin, dass real negative Zinsen kein Normalzustand sind. Sie wirken wie eine Vermögenssteuer (!). Preisstabilität, Herr Lane, ist nicht eine Inflation von zwei Prozent. Das ist eine Sichtweise, die mathematisch sehr ambitioniert ist! "Food for thought!"

Datenpotpourri der letzten 24 Handelsstunden:

Eurozone: Positive Datensätze

Die Einzelhandelsumsätze Deutschlands legten per August im Monatsvergleich um 3,1 % (Prognose 0,5 %) nach zuvor -0,2 % (revidiert von -0,9 %) zu. Im Jahresvergleich kam es zu einem Anstieg um 3,7 % (Prognose 4,2 %) nach zuvor 5,0 % (revidiert von 4,2 %).

In Frankreich verzeichneten die Ausgaben der Konsumenten per August einen Anstieg im Monatsvergleich um 2,3 % (Prognose -0,2 %) nach zuvor -0,9 % (revidiert von +0,5 %).

Die Arbeitslosenrate in der saisonal bereinigten Fassung stellte sich in Deutschland per September auf 6,3 % (Prognose 6,4 %) nach zuvor 6,4 %. Die Zahl der Arbeitslosen nahm in der saisonal bereinigten Fassung um 8.000 ab.

UK: BIP weniger stark gesunken als antizipiert

Das BIP sank im 2. Quartal 2020 im Quartalsvergleich um 19,8 % (Prognose -20,4 %). Im Jahresvergleich ergab sich ein Rückgang um 21,5 % (Prognose -21,7 %).

USA: Überraschend positive Datensätze (Chicago und Immobilien)

Der ADP-Employment Report (Beschäftigungsentwicklung in Privatwirtschaft) wies per September 749.000 neu geschaffene Jobs aus (Prognose 650.000). Der Vormonatswert wurde von 428.000 auf 481.000 revidiert. Das BIP sank im zweiten Quartal gemäß finaler Berechnung in der auf das Jahr hochgerechneten Fassung um 31,4 % (Prognose -31,7 %). Laut Revision sanken die Gewinne der Unternehmen im Quartalsvergleich per zweitem Quartal um 10,7 % nach -12,4 % im ersten Quartal 2020.

Der Einkaufsmanagerindex aus Chicago legte unerwartet stark von zuvor 51,0 auf 62,4 Punkte zu (Prognose 52,0). Der Index anhängiger Hausverkäufe stieg markant um 8,8 % (Prognose 3,4 %) nach zuvor 5,9 %. Der Index markierte den höchsten Indexstand in der uns vorliegenden Historie, die bis 2001 zurückgeht.

Japan: Tankan per 3. Quartal erholt, aber Prognosen verfehlt

Der Tankan Index für große Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes stellte sich auf -27 (Prognose -23) nach zuvor -34 Punkten (Ausblick -17 nach -27 Zählern). Der Tankan Index für kleine Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes stellte sich auf -44 (Prognose -38) nach zuvor -45 Punkten (Ausblick -38 nach -47 Zählern). Der Tankan Index für große Dienstleister stellte sich auf -12 (Prognose -9) nach -17 Punkten (Ausblick -11 nach -14). Der Tankan Index für kleine Dienstleister stellte sich auf -22 (Prognose -21) nach -26 Punkten (Ausblick -27 nach -33).

Diverse Einkaufsmanagerindices des Verarbeitenden Gewerbes (September)

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das eine neutrale Haltung in dem Währungspaar EUR-USD impliziert. Ein Überwinden der Widerstandszone bei 1.1850 - 80 eröffnet neues Aufwärtspotential.

Bleiben Sie gesund, viel Erfolg!