Ist etwas unverständlich, sagt man in Deutschland: „Das kommt mir Spanisch vor.“ Das britische Gegenstück lautet: „It’s all Greek to me“. Und genau das beschreibt die Situation in Griechenland. Dort ähnelt die Finanzpolitik den Irrfahrten des Odysseus. Zu lange hat man mit statistischer Kosmetik die wahren Probleme verdeckt und damit auch die Adoption von Onkel Aristoteles aus Athen durch die Euro-Familie beschleunigt. Aktuell ohne Schminke fällt dieser Onkel aber weniger als Adonis auf, denn das Ausmaß des Budgetdefizits hat mit Schönheit nichts zu tun. Die Finanzmärkte als feinfühlige Familienbeobachter reagieren darauf nicht nur mit hohen Ausfallprämien für griechische Staatsanleihen. Für sie steht schlicht und ergreifend der gesamte europäische Stabilitätspakt unter Beobachtung. Denn sie vertreten die klare Meinung, dass die Euro-Familie insgesamt nur so stabil sein kann wie ihr schwächstes Mitglied. Die aktuelle Schwäche des Familienjuwels Euro ist hier ein eindeutiges Indiz. Dieser Druck der Finanzmärkte auf Euroland wird solange anhalten und sogar noch weiter zunehmen, bis eine Lösung für den griechischen Onkel gefunden ist. Diejenigen, die die Lösung in seiner Verbannung aus der Familie sehen, öffnen damit die Büchse der Pandora. Denn nach Onkel Aristoteles würden die Märkte - ähnlich wie Spechte, die das Holz im Wald permanent bearbeiten - wohl versuchen, auch Tante Esmeralda und Onkel Patrick, wenn nicht sogar das Familienurgestein Opa Francesco heraus zu ekeln. Die Gefahr wäre real, dass zum Schluss Little Euroland gegenüber dem großen US-Bruder, der dem Euro-Stabilitätspakt nicht unbedingt mit viel Herzblut begegnet, keine Konkurrenzveranstaltung bieten kann. Die auf üppige Liquiditätsschwemme setzende US-Wirtschaftsdoktrin mit der Konsequenz unsolider Blasenbildungen sowie Inflationierung hätte frei Bahn. Es sei hier daran erinnert, dass in den letzten Jahren mehr Bundesbank-Sachlichkeit und weniger Fed-Euphorie für die Finanzwelt gesünder gewesen wären. Übrigens sollte auch kein Familienmitglied dem vermeintlich süßen Reiz einer Exit-Strategie in der Hoffnung erliegen, sich dann über Währungsabwertung seiner Probleme nach alter Vätersitte zu entledigen. Dieser Rückfall in die finanzpolitische Steinzeit müsste mit einer explosionsartigen Aufwertung der nationalen Euro-Schulden und wegen Vertrauensverlusts mit massiven Zinserhöhungen bezahlt werden. Die dramatische Rezession in Argentinien als Folge der Aufgabe der festen Bindung zum US-Dollar zu Beginn des Jahrhunderts sollte der Verwandtschaft in Athen oder sonst wo in Euroland als abschreckendes Beispiel genügen. Auch für Deutschland ist eine Euro-Sklerose Gift. Wer in Europa hat dann noch Geld für unsere Güter und Dienstleistungen. Und wie gehen wir auf der Wettbewerbsebene mit dem Abwertungswettlauf der dann nicht mehr so treuen Verwandtschaft um? Wehret also den Anfängen! Es gibt keine Alternative zum Verbleib des Onkels aus Athen in der Euro-Großfamilie. Seine bestehende Mitgliedschaft muss im besten Sinne des Wortes lebenslänglich sein. Onkel Aristoteles ist systemrelevant! Insgesamt ist Euroland damit dazu verdammt, die griechische Pein innerfamiliär zu lindern. Der griechische Onkel muss zunächst genesungswillig sein und eine bedeutende Kneippkur vornehmen. Sicher kann dabei niemand Wunder von ihm Wunder erwarten. Aber eine eindeutige Gesundheitsverbesserung ist schon die klare Bringschuld. Der Versuchung, die Daten des EKG zu schönen, muss der behandelnde Euro-Chefarzt einen ähnlichen Riegel vorschieben wie Eltern, die Süßigkeiten vor den Kindern verstecken. Für dieses Fordern wird Euroland im Gegenzug fördern: Ein Entgegenkommen wie die zeitweise Aufweichung des strikten stabilitätspolitischen Diätplans und selbst Schmankerl von Ziehmutter EZB sind denkbar. Grundsätzlich steht viel auf dem Spiel. Jedem muss klar sein, dass die Euro-Familie neben einem Wirtschafts- und Währungsverbund v.a. eine Friedens- und Wertegemeinschaft ist. Auch aus historischem Blickwinkel darf man das nie aufgeben: Ohne ein starkes Euroland ist das ganze Jahr Aschermittwoch!