Der enorme Kapitalabzug aus den Schwellenländern setzt sich fort. Natürlich bleibt diese Entwicklung nicht ohne Auswirkungen auf deren Aktien- und Währungsmärkte. Schon seit geraumer Zeit ließ sich beobachten, dass das Smart Money dem Ausgang entgegenstrebte. Nun scheint die Herde zu folgen, obwohl aus dem gestern Abend publizierten Protokoll der US-Notenbank zur letzten Zinssitzung im Juli nicht wirklich hervorging, wann denn nun genau eine Reduzierung der eigenen Bondankäufe erfolgen soll. Hatten Sie etwas anderes erwartet? Doch Investoren scheint auch das alles nicht mehr großartig zu kümmern. 

Über die aktuell sehr angespannte Lage in Indien hatte ich erst vor einigen Tagen berichtet. Hier überschlagen sich gerade die Ereignisse, nachdem die indische Rupie im gestrigen Handel ein neues Rekordtief gegenüber dem USD bei 0,645 markierte. Auch der heimische Aktienmarkt Sensex stand einmal mehr unter Abgabedruck. Bereits am späten Dienstagabend erfolgte die Ankündigung der Reserve Bank of India (RBI), zusätzliche Liquidität ins Finanzsystem zu pumpen.

Obacht, liebe Leser. Der Sensex könnte erst am Beginn eines größeren Rutsches stehen / Chart: Yahoo Finance

Die RBI wird nun im Zuge eines eigenen QE-Programms rund $1,2 Milliarden in den Ankauf von langläufigen Staatsanleihen investieren. Auch von anderen Schritten war die Rede, zu denen es bis dato jedoch noch keine näheren Details gibt. Nachdem Bonds und überaus stark gebeutelte Bankenwerte kurzzeitig abhoben, verflog die einsetzende Euphorie im weiteren Verlauf des Handels jedoch schon wieder. Eine Reihe von Analysten meldete sich prompt an den Märkten zu Wort, um der RBI vorzuwerfen, keine konsistente Linie in ihrer Geldpolitik zu verfolgen. Erst vor Kurzem wurde die Geldpolitik verschärft, um sich dem drastischen Absturz der Rupie entgegen zu stemmen. Was also nun?

Es macht den Anschein, als würden Investoren mit der Regierung nicht nur die Geduld, sondern auch jede Art von Restvertrauen in die Zentralbank verlieren. Doch auch in einer ganzen Reihe von anderen wichtigen Schwellenländern scheinen die Währungskurse kein Halten beziehungsweise keinen Stopp ihres Tiefenrauschs mehr zu kennen. An all diesen Märkten gilt bereits seit einiger Zeit, dass der einäugige US Dollar König im Reich der Blinden ist. Nun, das hat natürlich seinen Grund, nachdem sich die Wachstumsaussichten – inklusive Chinas – in den letzten Quartalen teils signifikant verschlechterten. Ausländische Investoren scheinen vermehrt die Reißleine zu ziehen, wodurch sich der Abschwung in einzelnen Wirtschaftsräumen noch verschärfen könnte.

Auch die bislang aus den USA generös in die Emerging Markets überschwappende Liquidität würde sich in diesem Zuge minimieren. Daran hat Fed-Chef Bernanke einen hohen Anteil, denn sollte Heli Ben seine Bondankäufe in absehbarer Zeit tatsächlich reduzieren, würde sich das natürlich auf eine Reihe von Carry Trades auswirken, denen eine Rückabwicklung droht. Wirft man einen Blick auf die zuletzt zu beobachtenden Kursverläufe von wichtigen Schwellenländerwährungen, so könnte man fast zu der Ansicht gelangen, dass dieser Prozess schon im Gang ist. Eine Reihe von Investoren scheint nicht erst darauf warten zu wollen, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, sondern verabschiedet sich lieber vorzeitig von der seit einigen Jahren anhaltenden Party.

Schwellenländerwährungen: Der einäugige USD ist König unter den Blinden (alle Charts Eigentum von Yahoo Finance)

Die indische Rupie steht aufgrund des haushohen Leistungsbilanzdefizits schon seit geraumer Zeit unter starkem Abgabedruck. Nun hat die Regierung nach einer Erhöhung der Goldimportzölle auf 10% sogar die Einfuhr von Goldmünzen und durch aus dem Ausland durch Passagiere mitgebrachte FLAT TVs untersagt.

Auch die indonesische Rupie gerät in den Abwärtsstrudel, einerseits ebenfalls aufgrund eines rekordhohen Leistungsbilanzdefizits und einer sich abschwächenden Wirtschaft, was Investoren aus dem Ausland zum Kapitalabzug veranlasst.

Malaysias Ringgit fällt unter anderem, weil die Wirtschaft im 1. Quartal erstmals mit weniger als 5% gewachsen ist. Schätzungen gehen davon aus, dass sich das im 2. Quartal fortsetzen wird.

Lange gehörte die türkische Wirtschaft zu den Favoriten unter Finanzmarktinvestoren. Doch nachdem das Land in die Unruhen in Syrien, im Nahen Osten und Ägypten hineingezogen zu werden droht und Großproteste im eigenen Land die politische Stabilität gefährden, scheinen immer mehr Anleger sich vom Bosporus zu verabschieden. Die türkische Lira bekommt das zu spüren. Resultat ist, das Gold in der Türkei gefragter denn je ist.

Zur Lage in Ägypten muss nicht mehr viel gesagt werden. Nachdem das Militär die regierenden Muslimbrüder gewaltsam stürzte, droht das ölreiche Land in einen Bürgerkrieg zu stürzen.

Brasiliens Real befindet sich auf Talfahrt, weil die Wirtschaft nur noch marginal wächst und eine deutlich anziehende Inflation zu Großprotesten gegen die Regierung führte. Auch der stark exportabhängige Industriesektor steht seit dem Wachstumsrückgang in China unter einem sich intensivierenden Druck.

Gestern erhielten dem Protokoll der Juli-Zinssitzung der Fed entgegenfiebernde Investoren jedoch – wie nicht anders zu erwarten – einmal mehr keine eindeutigen Aussagen zu den Absichten der US-Notenbank, ihre Bondankäufe zu reduzieren. Diese Entscheidung wollen die Zentralbanker von der zukünftigen Wirtschaftsentwicklung abhängig machen, was also wieder einmal mit vielen wenn’s und aber´s verbunden sein wird.  

Doch dass auf die Party ein böser Kater folgen wird, hatte ich Ihnen seit Beginn dieses Jahres bereits anhand der ökonomischen Entwicklung in ausgewählten Emerging Markets wie den BRICS-Ländern zu verdeutlichen versucht. Schon seit Herbst des vergangenen Jahren scheint sich das Smart Money aus den Schwellenländern zu verabschieden. Ich machte Sie auf diese Beobachtungen insbesondere in Form einer Reihe von Berichten über China aufmerksam. Es macht nun den Eindruck, als sei der Zeitpunkt erreicht, zu dem die (Kapitalmarkt-)Herde folgt. Gespannt darf man darauf sein, welche Region in absehbarer Zukunft die Lokomotive der Weltwirtschaft übernehmen soll, nachdem Asien als Wachstumsmotor langsam aber sicher ausfällt.

Der anhaltende Abfluss von Milliarden US Dollars aus den Schwellenländern setzt unter anderem Brasilien, Indien, Indonesien, Thailand, der Türkei und in der Folge auch einigen Rohstoff exportierenden Ländern wie Australien, Neuseeland oder Kanada zu. Auch im gestrigen Handel setzte die indische Rupie ihre Talfahrt fort, selbst nachdem die Regierung nun sogar den Import von Goldmünzen untersagte. Nicht nur Indien, sondern auch der Vielinselstaat Indonesien leidet unter einem enormen Leistungsbilanzdefizit, das neben der indischen auch die indonesische Rupie immer stärker abschmieren lässt. Investoren schmeckt zudem nicht, dass sich Malaysias Wachstum im 1. Quartal auf unter 5% abschwächte.

Dass diese Entwicklung nicht spurlos an den Aktienmärkten dieser Länder vorbeigeht, ist selbstredend. Um ihre Währungen zu stützen haben manche Zentralbanken in den Emerging Markets im laufenden Jahr damit begonnen, ihre Zinsen anzuheben. Dazu gehören neben Brasilien auch Indonesien. Hat bislang jedoch alles nicht geholfen. Im Gegenteil kurbeln die deutlich sinkenden Außenwerte von deren Währungen auf Basis steigender Importpreise die heimische Inflation an, was in den letzten Monaten zu Großprotesten und Straßenschlachten führte. Thailands Wirtschaft ist im 2. Quartal erstmals nach dem Jahr 2009 wieder in eine Rezession abgedriftet.

Seit dem Beginn der QE-Maßnahmen durch die Fed sind fast $4 Billionen in Richtung der Schwellenländer geflossen. Zu Hochzeiten verabschiedeten Länder wie Brasilien und andere asiatische Staaten sogar Abwehrmaßnahmen, um deren Währungen von einer stetigen Aufwertung gegenüber dem USD abzuhalten. Doch dieser Trend hat sich nun vollumfänglich umgekehrt. Hinzu kommt, dass der Grad der privaten Verschuldung in vielen Emerging Markets in den letzten Jahren stark gestiegen ist. China wäre hierfür ein Paradebeispiel, wo vor allem auch das Schuldenniveau unter Staatsbetrieben und Lokalregierung ungeahnte Ausmaße erreicht hat.

Doch auch in Malaysia ist die Verschuldung im Privatsektor zwischen den Jahren 2008 und 2012 um 20% in Relation zum BIP geklettert Laut eines jüngst publizierten Berichts der Weltbank sei der ökonomische Abschwung in südostasiatischen Ländern wie Indonesien und Thailand Ausdruck für eine „sehr, sehr ausgeprägte globale Wirtschaftsschwäche“. Nun, es bleibt abzuwarten, wie diese Wirtschaften erst unter Druck geraten werden, wenn sich die Kapitalabflüsse aus dem Ausland potenzieren und der USD seinen Höhenflug gegenüber diesen Währung fortsetzen sollte.