Liebe Leserinnen und Leser,

wie fast schon selbstverständlich wird oft geschrieben, dass bei steigenden Zinsen die Kurse festverzinslicher Anleihen fallen  und umgekehrt, dass fallende Zinsen steigende Kurse bedeuten. Um diesen Zusammenhang zu verdeutlichen, fallen beide Aussagen - steigende Zinsen = fallende Kurse -  häufig in Marktkommentaren im gleichen Satz. Dies wird oft nur „allgemein“ gesagt, müsste aber eigentlich etwas genauer erläutert werden.

Leser(in) „benutza“ hat nun vergangene Woche darum gebeten, diesen Zusammenhang mal etwas ausführlicher zu erklären. Diesem Wunsch komme ich gerne nach, weil ich davon ausgehe, dass das ein Thema ist, das viele Leser/-innen einmal ganz grundsätzlich interessiert. Wir haben auch einige Profis unter unseren Lesern/-innen; diese mögen mir die Vereinfachungen verzeihen.

Eine festverzinsliche Anleihe hat mehrere Bestandteile. Nehmen wir mal als Berechnungsbeispiel die Anleihe der Republik Portugal  mit der Wertpapierkennummer A0TWJE bzw. ISIN PTOTEAOE0021. Ich wähle dieses Beispiel nicht als Empfehlung, sondern weil es sich gut zur Veranschaulichung eignet.

Im „Snapshot“ finden Sie auf der rechten Seite die Stammdaten, Kupondaten und Kennzahlen. Die Bestandteile, die man immer braucht, um Renditen zu berechnen, sind der Zinskupon, die Restlaufzeit und der Kaufkurs der Anleihe. Was ist eine Rendite?

Die „Rendite“ ist (ganz grob gesprochen!) der

feste Kupon, den man für eine Anleihe (meist jedes Jahr) erhält: In diesem Beispiel 4,95%.

plus der Kursgewinn , wenn man die Anleihe unter dem Rückzahlungskurs (meist 100%) oder eben minus der Kursverlust, wenn man die Anleihe über dem Rückzahlungskurs kauft und rechnerisch bis zum Laufzeitende hält. Und dieser Kursgewinn/Kursverlust wird dann noch verteilt auf die Zahl der Jahre, die die Anleihe zum Zeitpunkt des Kaufs noch läuft. Im Beispiel wäre der Kursgewinn: 100% Rückzahlungskurs minus 88,50% Börsenkurs, also 11,50%.

Wie gesagt, diese Erklärung ist stark vereinfacht und  recht ungenau, aber zeigt die Systematik auf.

Die Rendite der Beispielanleihe liegt bei genauerer Berechnung bei einem Kurs von 88,50 bei 6,52%.

Und jetzt kommen wir zum Kern der Frage: Warum fallen bei steigenden Zinsen (genauer müßte man statt Zinsen  „Marktrenditen“ sagen) die Kurse  von festverzinslichen Anleihen oder warum steigen die Renditen bei fallenden Kursen?

Mal angenommen, die Eurokrise würde sich wieder verschärfen und viele Anleger würden deswegen wieder ihre Portugalanleihen verkaufen. Der Kurs würde beispielsweise auf 70% fallen. Der Anleger, der dann zu 70% kaufen würde, hätte – vorausgesetzt Portugal zahlt seine Schulden vollständig und rechtzeitig zurück – einen Rückzahlungsgewinn von 30% (100% Rückzahlungskurs minus 70% Kaufkurs). Und dieser rechnerische (!) Rückzahlungsgewinn läge deutlich höher als der, den man heutzutage erhält (die oben genannten 11,50%). Niedrigerer Kurs der Anleihe = höherer Rückzahlungsgewinn = höhere rechnerische (!) Rendite. Was aber auch gilt ist: Höhere Rendite = höheres Risiko. Besonders dann, wenn die hohe Rendite durch eine schwache Kreditwürdigkeit („Bonität“) verursacht wird. Diese Kreditwürdigkeit wird im allgemein durch „Ratings“ der Ratingagenturen ausgedrückt (von AAA z.B, für den deutschen Staat bis D). Bedeutet auch: Je besser die Bonität, desto geringer die Rendite, weil die Ausfallwahrscheinlichkeit geringer ist. Hohe Rendite kauft also hohes Risiko. Die hohe Rendite bei schwächeren Schuldnern wird einem also nicht geschenkt. Sie ist sozusagen die Risikoprämie für das höhere Kreditausfallrisiko.

Das gleiche Denken natürlich auch bei allgemein steigenden Zinsen, besser als „Marktrenditen“ bezeichnet:
Stellen Sie sich vor, die offizielle Inflation ginge auf 5% hoch. Würden Sie dann noch zehnjährige Bundesanleihen zu einer Rendite von 1,87% kaufen? Eher nicht, denn Sie würden jedes Jahr mehr als 3% Kaufkraftverlust hinnehmen müssen. Sie würden eine Rendite von mindestens 5% erwarten. Nehmen wir an, die allgemeine Marktrendite läge also dann bei 5% und die Bundesrepublik Deutschland müßte den Anlegern eine Anleihe mit einem Kupon von 5% zum Kurs von 100% anbieten, damit die Investoren sie kaufen.

Würden Sie dann noch eine vergleichbare Bundesanleihe kaufen, die Ihnen nur 1,87% Rendite bietet?

Eher nicht. Sie würden „alte“ Anleihen mit vergleichbarer Laufzeit und gleichem Schuldner auch nur dann kaufen, wenn sie Ihnen an der Börse mit einer Rendite von ebenfalls rund 5% angeboten werden. Und dieser Ausgleich würde dadurch geschaffen, dass Sie diese Anleihe deutlich billiger als 100% kaufen könnten. Und zwar so viel billiger, dass Ihnen der Zinsnachteil zwischen 5% und 1,87% ausgeglichen wird.

Machen Sie doch mal eine Berechnung mit aktuellen Bundesanleihe. Kupon 1,50%, Laufzeit bis 15.05.2023, Kurs derzeit 96,72%, ergibt eine Rendite von 1,87%

Gehen Sie jetzt bitte in den „Szenariorechner“ --> „Anleihenrechner“ und geben dort unter dem Punkt „Rendite“ beispielsweise „5%“ ein und dann auf „berechnen“. Sie erhalten einen Kurs von 73,59%.

Das bedeutet: Würde das allgemeine Marktniveau (über Nacht) von 1,87% auf 5% steigen und Sie könnten neu emittierte Bundesanleihen zu einer Rendite von 5% kaufen, dann wäre der Kurs der oben genannten Bundesanleihe von derzeit 96,72% auf 73,59% gefallen, um  den Zinsnachteil (Kupon nur 1,50%, siehe oben) auszugleichen.

Das sieht übrigens bei Anleihen mit variabler Verzinsung („Floating Rate Notes“/FRN) anders aus, weil sie ihren Zinskupon (meist) alle drei oder sechs Monate an den aktuellen Marktzins anpassen und sie somit alle drei bis sechs Monate wieder marktkonform verzinst werden. Hier spielt vor allem die Änderung der Kreditwürdigkeit des Schuldners eine Rolle auf die Frage, ob und wie weit der FRN sich von 100% (bzw. dem Rückzahlungskurs) entfernt.

Zusammenfassend also:

Sie erkennen, dass die Änderung von Inflationsrate, volkswirtschaftlicher Entwicklung, Bonitäten usw. sehr wohl direkte Auswirkungen auf viele Ihrer Vermögensanlagen haben: Ihre Renten- oder gemischten Fonds steigen oder fallen im Wert, ihre Direktanlagen in festverzinslichen Anleihen ebenfalls.

Aber auch Ihre Kapitallebensversicherung ist davon betroffen, weil sie vor allem in Anleihen o.ä. investiert sind.

Auch Aktienmärkte fallen meistens in Zeiten steigender Zinsen, weil dann das erhöhte Risiko von Aktienmärkten gegenüber AAA-Anleihen durch niedrigere Aktienkurse ausgeglichen werden muss. Und auch die Dividendenwerte rechnerisch im Vergleich weniger wert werden.

So viel hierzu.

Jetzt wieder zum aktuellen Geschehen:

Ganz aktuell hat auch Bundesbankpräsident Weidmann „zu mehr Vorsicht und einem erhöhten Risikobewusstsein im Umgang mit Staatsanleihen … die europäischen Kreditinstitute aufgerufen.

Bundesanleihen zogen gegenüber den Tiefs der Vorwoche deutlich an. Sie wurden im Zuge der Syrienkrise als „sicherer Hafen“ gesucht und bildeten einen Boden in der Region von ca. 140%. Eine rein politisch bedingte Markterholung.

Quelle: www.onvista.de

Und hier noch das wöchentliche Renditen-Factsheet: Es zeigt aufgrund ruhigen Handels ohne marktbeeinflussende Nachrichten insbesondere aus der Eurozone nur geringe Veränderungen gegenüber der Vorwoche.

Die Zinssätze und Kurse sind unverbindliche Indikationen zum Zeitpunkt der Erstellung des Rentenmarktkommentars für Staatsanleihen mit 10 Jahren Restlaufzeit

Noch ein wichtiges Thema: US-Finanzminister Lew befürchtet, dass die USA bis Mitte Oktober wieder seine Schuldenobergrenze erreichen wird - ein weiterer Link bezüglich dieser Thematik. Diese liegt derzeit bei 16,7 Billionen US-$. Nach Ende der Sommerpause wird dieses Thema wieder ganz akut werden, denn es würde bei Überschreiten  der Schuldenobergrenze die Zahlungsunfähigkeit der USA drohen. Ich weiß nicht, wie die größte Industrienation der Welt jemals seine Schuldenprobleme in den Griff bekommen könnte.

Denn es ist derzeit nicht absehbar, wie die Schuldenaufnahme beschränkt oder gar einmal Schulden zurückgeführt werden könnten. Die weltweite Politik des unbegrenzten Gelddruckens dürfte eher zum Lerneffekt geführt haben, dass es im Oktober oder November wieder zu einem einfachen Erklären einer neuen Schuldenobergrenze kommen dürfte.

Quelle

Eine glückliche und erfolgreiche Woche wünscht Ihnen

Steffen Scholz