In dieser Woche spielten die Börsen verrückt. Grund dafür war die Aufdeckung einer Manipulation von Abgaswerten in den USA. Fazit einer unruhigen Woche: Der Kapitän von VW musste das Ruder übergeben, die Märkte verloren bis zu 5 Prozent und die Aktie der Volkswagen AG fiel weit unter ihren Buchwert. War es das, oder kommt da noch mehr?

Die Lage

Aktienmärkten verloren in dieser Woche stark. Der deutsche Leitindex DAX verlor zwischenzeitlich bis zu 8 %. Er erholte sich aber auch wieder im Verlauf der Woche, sodass ein Verlust von 5 Prozent übrig bleibt. Die Unsicherheiten der Finanzmärkte um die Entwicklung der Weltwirtschaft und die Zinstrendwende in den USA beherrschen seit Wochen die Märkte. Nun kam noch ein Skandal hinzu und wirkte als Brandbeschleuniger. Und die Sorgen sind, auf den ersten Blick, nicht ganz unbegründet, denn bisher zeigte sich die deutsche Wirtschaft robust, trotz alle weltweiten Eintrübungen der Weltwirtschaft. Nun aber kommen Befürchtungen auf, der Skandal könnte die gesamte deutsche Autoindustrie in die Krise treiben, oder zumindest schwächeln lassen. Aber das scheint stark übertrieben. Der Skandal scheint nur VW wirklich geschadet zu haben und etwaige Verdächtigungen gegen andere Autobauer haben sich bisher nicht bewahrheitet. Auch die Autozulieferer können nun erst einmal durchatmen. Wichtige Indikatoren wie der Einkaufsmanagerindex  und ifo-Geschäftsklima bestätigten ein stabiles Wachstum für Deutschland. Vor allem der Konsum der Deutschen treibt hier immer neue Blüten. Das scheint nicht durch den Fehler eines, wenn auch wichtigen, Autoherstellers gefährdet. Überhaupt scheint die Hexenjagd in Deutschland wieder eingeführt worden zu sein. Wie ist es anders zu erklären, das die Öffentlichkeit wieder Köpfe rollen sehen will, wo doch die Aktionäre die geschädigten des Fehlverhaltens sind und wichtige Fragen noch gar nicht zu beantworten waren. Wer ist für diese Manipulation verantwortlich? Warum werden diese Fakten gerade während der größten Automesse der Welt veröffentlicht und zeitgleich mit der geplanten Einführung des Passat in den USA? Alles nur Zufall?

Aber natürlich müssen unabhängig davon auch die Kosten ermittelt werden und der Schaden der damit entstanden ist. Volkswagen wird sich noch lange mit dem Skandal beschäftigen und Gewinne und Dividenden beschneiden. Aber der Kurs von Volkswagen scheint bereits mehr als das eingepreist zu haben. Es gilt die Relation nicht zu verlieren. Es kam niemand zu körperlichen Schaden, wie etwa bei Hyundai vor Jahren, als diese fehlerhafte Bremsen einbauen ließen und Menschen deshalb starben. Es waren Abgaswerte die nicht eigehalten wurden. Nicht mehr und nicht weniger. Das kostet Geld und Image. Die Übertreibung der letzten Tage geht zu Ende und weicht einer versachlichten Analyse der Lage. VW baut gute Autos.

Neben all den Risiken sollten sich Investoren allmählich wieder den Chancen widmen. Die Aktie von Volkswagen notiert mit 110 gerade deutlich unter Buchwert, der bei 180 liegt. Die gestiegene Risikoversion der Anleger hat den Rentenmärkten kräftige Kursgewinne beschert. Die Aktienmärkte wurden gemieden. Aber was passiert denn, wenn die Wirtschaft schwächelt und die Börsenkurse fallen. Die Notenbanken werden notgedrungen weiter die Schleusen offen halten und damit wird eine US Zinstrendwende unwahrscheinlicher und eine Verlängerung des EZB Kaufprogramms wahrscheinlicher. Deshalb gilt es eher über Einkaufen nachzudenken bei einem Verlust im DAX von 25 Prozent in diesem Jahr. Seit Mai alleine 18 Prozent. Darum greift dieses Jahr definitiv die Regel “sell in may and go away, but remember to come back in September.“

Der Dax in der Woche: Feineinstellung 9450-9850

Gestern bemängelten wir an dieser Stelle die Marktbreite, die sich besonders in den letzten beiden Monaten massiv eingetrübt hatte. Prompt musste der DAX® diesem Belastungsfaktor Tribut zollen, so dass das Augusttief bei 9.338 Punkten mehr und mehr zur Disposition steht. Die Schwäche der deutschen Standardwerte spiegelt sich auch in den jüngsten Tageskerzen wider: Auf zaghafte Stabilisierungsversuche (weiße Kerzen) folgte jeweils ein erneuter Abverkauf (dynamische rote Kerzen). Da auch die Umsätze an Abwärtstagen höher waren als an den entsprechenden Erholungstagen, muss derzeit von einem idealtypischen Abwärtsimpuls ausgegangen werden. Unterhalb des Verlaufstiefs vom August entstünde nochmals ein prozyklisches Verkaufssignal. Das Tief vom Dezember 2014 bei 9.219 Punkten definiert dann die nächste Unterstützung, zumal derzeit der trendfolgende MACD in allen von uns betrachteten Zeitebenen (Tag, Woche, Monat) „short“ positioniert ist. Aufgrund der Vorgaben dürfte es heute aber zunächst zu einer Gegenbewegung kommen. Dennoch überwiegen bei den deutschen „blue chips“ unverändert die Risiken, so dass das Motto: „sell the rallies“ weiterhin gilt.

„An der Börse sind 2 mal 2 niemals 4, sondern 5 minus 1. Man muss nur die Nerven haben, das minus 1 auszuhalten“

Viel Erfolg ihr

Oliver Roth
www.oliver-roth.de/