Diese Woche werden wir uns Europas drittgrößten Versorger nach E.ON und RWE vornehmen – den italienischen Konzern Enel. Dieser fügt sich insofern gut in die Serie ein, da wir es wieder mit einem Branchen-Schwergewicht zu tun haben, weiter in der Euro-Peripherie bleiben, aber erstmalig nach Bella Italia wechseln – und wieder eine außerordentlich hohe Dividendenrendite vor uns haben. Vor allem der schwer angeschlagene Aktienkurs wird einige Anleger stutzig machen. Eine rundum interessante Story also. Aber immer daran denken: Wir geben hiermit in keinster Weise eine Handelsempfehlung!

Ihre Cashkurs-Redaktion


Enel steht zu allererst für „Ente nationale per l’energia elettrica“, also zu deutsch in etwa „die nationale Gesellschaft für elektrische Energie“. Dabei ist Enel heutzutage alles andere mehr als nur national. In 2007 übernahm Enel das spanische Pendant Endesa, das seinerseits der größte spanische und sogar der größte lateinamerikanische Energieversorger ist. Hier hält Enel 92 Prozent der Anteile. Enel selbst operiert mehr wie eine Holding – die einzelnen Geschäftsbereiche sind nach Geschäftsfeld und Region ausgegliedert. Bei der Enel S.p.A. in Rom laufen lediglich die Fäden (und damit die Geldströme) zusammen.

Zahlen und Fakten

Anfang letzten Monat gab es aktuelle Geschäftszahlen zu Enel. Demnach sank der Gewinn im Jahr 2011 um 5,5 Prozent auf 4,15 Milliarden Euro. Im Zuge der Schuldenkrise hatte die Regierung Italiens den Energiemarkt höher besteuert. Vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen lag der Gewinn sogar bei 17,72 Milliarden. Der Umsatz wurde bei stolzen 79,5 Milliarden ausgewiesen, der Schuldenstand zeitgleich auf 44,6 Milliarden beziffert. [1]

Verglichen mit manch anderem (süd)europäischen Großkonzern brauchen sich die Italiener also vor ihren Zahlen nicht verstecken, vor allem was die Passiva mit den Verbindlichkeiten anbelangt. Eine Schulden-zu-Umsatz-Quote von 56,1 Prozent kann als durchaus stabil angesehen werden, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass jedes Jahr positiv gewirtschaftet wird. Jeder Finanzminister in Europa würde hinsichtlich solcher Zahlen neidisch. Dennoch rüttelt natürlich die Euro-Schulden-Krise an den Perspektiven von Enel. In Reaktion auf die Zahlen titele Dow Jones: „Enel stellt sich auf magere Jahre ein“. Trotzdem heißt es im Text, dass „0,26 Euro je Aktie an die Anteilseigner gezahlt werden, 2 Cent weniger als im Vorjahr“. Außerdem wird für das laufende Jahr ein Gewinnrückgang auf 3,4 Milliarden erwartet und bis 2016 sollen die Schulden auf 30 Milliarden Euro gesenkt werden. [2]

Der aktuelle, 226 Seiten starke Geschäftsbericht („Financial Statement“) offenbart unzählige weitere Details, von denen die interessantesten in dieser Diskussion nicht ausgespart werden dürfen. So ist beispielsweise das Rating des Konzerns von allen drei großen Rating-Agenturen seit 2009 konstant. Einzig S&P kippte den Ausblick für sein „A-“-Rating im letzten Jahr auf negativ. Fitch sieht Enel ebenfalls seit 2009 bei „A-“ und durchweg stabil. Moody’s senkte bei stets negativem Ausblick das Rating jedoch um eine Stufe auf „A3“, kurzfristig wie langfristig (Seite 18/226). Das ist insofern von Belange, da Enel zirka 15 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten in Unternehmensanleihen, also Bonds, ausstehen hat (Seite 126/226). Überhaupt kommt das Gros der Umsätze aus Kapitaleinkünften. Wie gesagt, Enel operiert eher wie eine Holding. [3]

Chart und Analyse

Mit den bisher genannten Fakten im Hinterkopf fällt es direkt schwer, dem Chartverlauf von Enel Glauben zu schenken – doch dieser entspricht der Wirklichkeit. Die Aktie steht aktuell bei 2,44 Euro, wodurch sich – nebenbei bemerkt – eine Dividendenrendite von 10,65 Prozent ergäbe. Während wir an den Märkten in ersten Quartal 2012 eine selten gesehene Rallye sahen, brach Enel nach unten weg, sogar unter die Tiefs von 2009, dem Höhepunkt der Finanzkrise, als der DAX seinen Boden bei unter 4.000 Punkten markierte. Anno 2007 gab es bei der Enel-Aktie ein Hoch von 8,58 Euro, seither also über 70 Prozent Kursverlust.

Eine ähnliche Schwäche sieht man genauso bei den bisher in dieser Serie diskutierten Werten, so wie übrigens auch in den Kursbewegungen der beiden europäischen Enel-Konkurrenten E.ON und RWE. Eindeutige Gründe sind schwer auszumachen, die großen Versorger hatten insgesamt schon bessere Zeiten gesehen. Die Schuldenquoten sind hoch, die Netze teilweise marode. Wie jedoch bereits bemerkt, ist die Finanzierungssituation stabil, wenn man sich die Ratings ansieht. Die Euro-Krise als solche ist auch nicht die beste Geschäftsumgebung für einen solchen Großkonzern. Interessant ist der Chart jedoch beim zweiten Hinsehen: Mit den 2009er-Tiefs setzte eine Konsolidierung ein, die im letzten Jahr allerdings einer Fortsetzung des Abwärtstrends weichen musste. Insgesamt fallen die Hochs ein wenig stärker als die Tiefs, sodass sich auf Sicht eines Zeitfensters mehrerer Jahre im Chart ein im Grunde bullischer Keil ergibt, der eine Bodenbildung erahnen lassen könnte. Momentan sind die Kurse jedoch selbst unter diese Formation gebrochen und stehen rekordverdächtig tief. Die Aktie erlebt zudem eine Zeit reger Umsätze, wie schon in der Historie zuvor an signifikanten Marken beobachtet. Den auffälligsten Verlauf zeigt jedoch der RSI. Dieser charttechnische Indikator, Relative Strength Index genannt, ermittelt aus den Kursdaten heraus eine Kurve, die überkaufte und überverkaufte Stellen im Kursverlauf anzeigen soll. Der RSI misst also überdehnte Märkte. Momentan steht er wieder tief (grüner Kreis). Die vorherigen Tiefs des RSI in dieser Region fielen auch immer wieder mit temporären Kursböden zusammen. Keine Frage, der Abwärtstrend steht nicht zur Debatte, aber dennoch ist die Überdehnung des Kurses in die überverkaufte Zone auffällig. Eine einsetzende Gegenbewegung wäre daher ein realistisches Szenario aus Sicht des Chartanalysten. Quintessenz Auch bei Enel findet sich momentan ein einstelliges KGV bei einer zweistelligen Dividendenrendite. Gemäß klassischer Fundamentalanalyse muss die Aktie also allemal als günstig bewertet werden. Das laufende Geschäft ist zwar durch die konjunkturelle Umgebung in Südeuropa belastet, aber keineswegs existentiell gefährdet. Und noch eine Kennzahl soll zum Ende Betrachtung finden. Enel besitzt mit dem aktuellen Kurs eine Marktkapitalisierung von ca. 22,9 Milliarden Euro (9,403 Mrd. Aktien im Umlauf, siehe [3]). Dadurch ließe sich ein Verhältnis des Börsenwertes zum Jahresumsatz berechnen. Für Enel betrüge dieser Wert also gerundet 0,3 – wenn man den 2011er-Umsatz von genannten 79,5 Milliarden Euro verwendet. Börsen-Superstar Apple kommt hier auf einen Wert von 4,4 – ist also bezüglich des Jahresumsatzes 15-mal höher bewertet als Enel. Verrückte Börsenwelt! [4]


Fußnoten und Verweise:

[1] Zahlen gemäß http://www.boerse-express.com/pages/1231702/fullstory/

[2] „Enel stellt sich auf magere Jahre ein“, 8.3.12, Dow Jones Newswires, via http://www.deraktionaer.de/newsticker/update--enel-stellt-sich-auf-magere-jahre-ein-17845299.htm

[3] Vgl, Enel Financial Statement, enel.com, 31.12.2011, http://www.enel.com/en-GB/doc/report2011/Report_and_Financial_Statements_of_Enel_SpA_2011.pdf

[4] Eckdaten zur Apple-Aktie via http://finance.yahoo.com/q/ks?s=AAPL+Key+Statistics