Der Markt läuft trotz aller dramatischer Entwicklungen wie auf Schienen. Die Erholungsrally von der Bodenbildung bei 3600 lief wie erwartet in den Zielbereich 5000/5350 ein und dreht hier nach unten ab. Psychologisch war es eine klassische Entwicklung. Aufgrund charttechnischer Unterstützung kam der freie Fall des DAX bei 3600 Punkten zum Stillstand. Die meisten Marktteilnehmer waren zuvor extrem negativ. Hier setzte die zarte Hoffnung ein, dass jetzt endlich mal eine kleine Verschnaufpause käme und die Märkte vielleicht 200-300 Punkte nach oben korrigieren könnten. Leerverkäufer nahmen Gewinne mit, die ersten Zocker kauften einige Aktien um diese 300 Punkte zu gewinnen. Der Markt ging also tatsächlich etwas nach oben. Die Zeitungen setzten sofort darauf an. „Bodenbildung!“ „Das Schlimmste gesehen?“  Schon kam bei einigen Marktteilnehmern etwas Hoffnung auf. Sie kauften. Die Märkte stiegen also weiter (mit sehr dünnen Umsätzen). Bei steigenden Kursen suchen die Medien immer die positiven Meldungen aus dem ganzen Informationsstrom des Tages aus, um damit die Kurserholung zu begründen. Die meisten negativen Meldungen werden in dieser Zeit völlig ignoriert und finden allenfalls auf Seite 5 statt. Dadurch kommt es zu einer positiveren Grundstimmung der Anleger, die diese gefilterten Meldungen ja lesen. „Licht am Ende des Tunnels.“ Es geht aufwärts. Immer mehr Investoren trauen sich aus der Deckung, wollen auch dabei sein. Warnende Stimmen werden ignoriert. Immer mehr Investoren verlieren ihre Angst von vor wenigen Wochen und das Denken dreht sich. „Mist! Die Bankaktien haben sich schon verdoppelt und ich hab nichts verdient. Ich muss unbedingt auch kaufen!“. Die ganze Angst, die negative Betrachtung der Lage von vor wenigen Wochen ist verdrängt. Die Welt hat sich absolut nicht verändert, nur die Sichtweise wird eine andere. Die eignen Urinstinkte drehen von Angst auf Gier. Der Markt läuft weiter bis zur nächsten charttechnisch wichtigen Marke, eben dem Bereich 5000/5350. Hier kommt bei allen, die noch nicht dabei waren die große Gier. Die Torschlusspanik. „Mist! Das ist die Megarally. Jetzt hab ich schon 1500 Punkte verpasst. Ich muss sofort rein!“ „Der Markt bricht bestimmt nach oben aus. Dann bin ich wieder der Idiot! Her mit den Aktien! Kaufen!“  Wir konnten diesen Stimmungswandel sehr gut an den vielen täglich eingehenden Emails ablesen Erst danach halten die Investoren inne. Man versucht die Lage neu einzuschätzen. Bei denen, die tief gekauft hatten kommt Höhenangst auf. „Ist ja prima gelaufen, aber eigentlich sind die Aktien ziemlich teuer für die wahre wirtschaftliche Lage. Ich nehme lieber Gewinne mit und verkaufe.“ Die Pessimisten sagen: „So, genug Bärenmarktrally, jetzt geht’s runter, ich verkaufe leer“. Die Aufwärtsbewegung kommt ins Stocken und beginnt zu drehen. Die Märkte fallen, die negativen Berichte kommen wieder stärker auf die Titelseiten, weil die Medien die fallenden Kurse ja begründen müssen. Die Spirale setzt sich jetzt in umgekehrter Reihenfolge fort. Der Markt nimmt seinen übergeordneten Trend, der den wahren wirtschaftlichen Entwicklungen entspricht wieder auf. Alles andere war nur eins: Psychologie.

Die Volkswirte gehen zumeist davon aus, dass alle Marktteilnehmer – nicht nur an der Börse, sondern auch in der normalen Wirtschaft – sich rational verhalten. Sie haben angeblich alle Informationen und entscheiden dann ganz logisch, was für sie das jeweils profitabelste und sinnvollste ist. Diese Sichtweise ist nachweislich falsch. Die allermeisten Entscheidungen – an der Börse spricht man von 90% - werden nicht rational getroffen, sondern sind stark beeinflusst von den „Animal Spirits“, den Urinstinkten wie Angst, Hoffnung, Gier oder Panik. Auch Sympathie und Abneigung spielen eine sehr große Rolle. (Warum beteiligen sich arabische Scheichs lieber an Porsche als an Opel oder VW?). Das macht es für viele Berichterstatter in den Medien, aber auch für Politiker und Wirtschaftswissenschaftler so schwer, die Märkte und Entwicklungen korrekt einzuschätzen. Die psychologische Komponente wird meist vollkommen unterschätzt.

Aber zurück zum aktuellen Geschehen. Wie geht’s weiter? Nach allen Regeln der Chart- und Wellenanalyse, bei Berücksichtigung der harten wirtschaftlichen Fakten und der düsteren bis katastrophalen Aussichten, müsste der Aktienmarkt jetzt deutlich zurückkommen. Nächstes Ziel sollte 4200 sein, hier gilt es die Lage neu abzuschätzen.

Auch aus „strategischer Sicht“ sollte es nochmals zu einem großen Ausverkauf kommen. Wenn man davon ausgeht, dass die Amerikaner im Moment einen kontrollierten Reset ihres Wirtschaftssystems durchziehen, laufen gerade folgende Schritte ab: Die großen Player (Banken, General Motors, Chrysler etc.) werden auf Kosten des Staates saniert. Der Staat verschuldet sich maximal und wird diese Schulden nie zurückzahlen können. Am Ende dieser Entwicklung stünde dann in einigen Monaten eine wie auch immer geartete Entschuldung auf der Agenda. Sei es über eine starke Inflation oder gar eine Neuverhandlung der Schulden (teilw. Schuldenerlass) unter Einbeziehung einer neuen Weltleitwährung. Die amerikanischen Unternehmen wären saniert und Amerika wieder im Spiel. Die großen Gläubiger Japan, Südkorea aber vor allem China und  Russland wären um Jahre zurückgeworfen. Das wäre aus Sicht des Westens nicht die schlechteste Lösung…

Wenn ich aber zu diesen großen Playern gehörte, würde ich VOR der Inflation oder dem Schuldenerlass (was ja die Anleihen in den Abgrund ziehen würde) meine eigenen Geld- und Anleihebestände in reale Werte umtauschen. Also Aktien, Immobilien, Edelmetalle oder Rohstoffe. Das natürlich zu möglichst günstigen Preisen. Also würde ein großer Ausverkauf an den Märkten meiner Absicht und meinem Profit sehr entgegenkommen. Ich könnte in diesem Ausverkauf meine gütigen Hände aufhalten und Immobilien und Aktienpakete zu Spottpreisen für meine bald wertlosen Staatsanleihen und Dollars einkaufen, bevor die große Schere kommt.

Alles spricht also für ein nochmaliges – und vielleicht letztmaliges – Einbrechen der Märkte. Aber: Es gibt eine Variante, die all dem entgegensteht. Dieses obige Szenario sehen zurzeit viele Teilnehmer. Besonders die Chinesen. Diese kaufen seit Monaten wie vom Satan gehetzt Rohstoffe rund um den Globus. Sie versuchen so aus dem Dollar rauszukommen. Oder glauben Sie im Ernst, die Rohstoffe hätten sich in den letzten Monaten verdoppelt, weil die Konjunkturaussichten so toll sind? Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte das reine Krisenmetall Gold fallen müssen. Gold ist aber mit hochgeschossen. Ergo, es war eine reine Flucht aus der Währung rein in Anfassbares.

Viele Banken und Großinvestoren sitzen auf riesigen Geldbeständen, die dringend investiert werden wollen. Dem Geld traut man nicht und den Anleihen erst recht nicht. Also bleibt nur das Aufspringen auf Aktien, Rohstoffe etc. Manche Bank wartet nur auf etwas tiefere Kurse um einzusteigen nachdem man bei der Aufwärtsbewegung seit 3600 kaum dabei war. Den meisten ist völlig klar, dass Aktien und Rohstoffe zu teuer sind, aber sie haben einen echten Wert im Gegensatz zum Papier.

Hier entscheidet sich in diesen Tagen also sehr viel.

Variante 1: Das „große Geld“ behält die Nerven und wartet ab, wie tief es fällt, um dann richtig billig einzusteigen. Dann geht’s noch mal kräftig abwärts. Nächstes Ziel 4200, vielleicht mehr.

Variante 2: Zu viele Investoren sehen die obige Entwicklung und es beginnt eine Massenflucht aus den Anleihen rein in alles Werthaltige wie Aktien, Rohstoffe, Edelmetalle etc.  Sollten wir ab jetzt über 5000 Punkte gehen, muss man von diesem Szenario ausgehen und ebenfalls zumindest mit Teilbeträgen investieren. Oberhalb von 5350 würde sich diese Entwicklung deutlich beschleunigen.

So lange wir unterhalb von 5000 Punkten handeln steht der Zeiger auf: „Variante 1“

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