Mein Weg führte mich wieder mal in meine Heimat, ins Vogtland, in mein kleines Dorf. Die Nachbarschaft kam zu meiner Oma zum Gratulieren, denn sie wurde 83 Jahre alt. Geboren 1925, hat sie auf ihrem Weg Dinge erlebt, die wir uns "Frischlinge" gar nicht vorstellen können.

Sie legt die Stirn in Falten, als ich ihr sagte, dass in den Zeitungen schlechte Zeiten angekündigt werden. Irgendwie kamen wir immer über die Runden, sagt sie, selbst als Hunger und Lebensgefahr unsere alltäglichen Begleiter waren. Als 1929 an der Wall Street die Lichter ausgingen, war sie vier Jahre alt. An die Folgen der sich anschließenden Weltwirtschaftskrise erinnert sie sich noch heute. Sie nennt die Zeit ihrer Jugend die Zeit des Verzichts und des Zusammenrückens.

79 Jahre später steht die Wall Street wieder am Rande des Abgrunds. In der Presse liest man von vielen Krisen. Amerika hat nach dem Erreichen seines Zenits den Rückwärtsgang eingelegt und hat auf das Gaspedal getreten. Aus einer weltweiten wirtschaftlicher Krise könnte bald eine Weltwirtschaftskrise werden, schreiben die Pessimisten. In den Suchanfragen bei Google Trends wird das Wort "Deflation" seit September massenhaft eingetippt. "Was ist das?", fragt mich meine Großmutter, als ich dieses Wort verwendete. Nun, es ist die Verringerung der Geldmenge mit einer langsameren Umlaufgeschwindigkeit. Sie schaut mich fragend an. Nun, dann fallen die Preise, schiebe ich nach. Zur Zeit sehen wir einen Preisverfall nur bei Aktien, Rohstoffen und vielleicht bei den Flachbildschirmen.

Das kann nicht stimmen, wendet meine Großmutter ein. Die Brötchen sind schon wieder teurer geworden, das Fleisch auch. Selbst die Zeitung mit den vier Buchstaben ist in Sachsen um 10 Cents teurer geworden. Und der Gasmann will auch mehr Geld, obwohl doch das Öl billiger geworden ist. Der alte Ofen ist beim Einbau der Gasheizung stehengeblieben ist und leistet nun gute Dienste, befeuert mit Holz aus dem Wald. So schlagen die Alten der Realität ein Schnippchen. Ich verstehe es nicht, sagt sie. Die Rente hat bislang einigermaßen ausgereicht. Jetzt wird es aber langsam eng, denn die Rentenanpassungen sind längst durch die anderen Preissteigerungen aufgefressen worden. Selbst wenn Oma zum Grab ihres Mannes fahren will, zahlt sie mehr. Und wenn sie zum Arzt muss, zahlt sie Eintritt. Wohin soll das führen? fragt sie. Ich weiß es nicht, antworte ich.

Die Nachbarn auf unserem kleinen Dorf verdienen oft nicht genug und müssen eine zweite oder dritte Tätigkeit aufnehmen, sofern sie eine finden. Viele schimpfen. Eine Nachbarin geht putzen für drei Euro in der Stunde, einer andere hilft bei einer kleinen Gardinenfirma für knapp vier Euro stündlich aus. Eine andere Frau schneidet Haare für 480 Euro im Monat. Jedes Trinkgeld ist eine Hilfe. Der Bus am Morgen fährt fast leer in die Kreisstadt. Diejenigen, die mit dem Auto unterwegs sind spüren durch den fallenden Benzinpreis eine kleine Entlastung, die beim nächsten Einkauf oder in der Werkstatt verschwindet.

Wohin soll das führen, frage ich meine Großmutter. Ich weiß es nicht, sagt sie. Aber wir sollten im nächsten Sommer dafür sorgen, dass der Schuppen wieder voll Holz ist. Und wir sollten wieder Kartoffeln und Gemüse anbauen. Man weiß ja nie. Hoffentlich irrt sie sich.

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