China erweist sich mehr und mehr als Exporteur seiner eigenen Deflation in die ganze Welt. Ich hatte mich diesem Thema in den vergangenen zwölf Monaten wiederholt zugewandt, um darauf hinzuweisen, dass es im Angesicht einer rückläufigen Weltwirtschaft schon bald recht unbequem werden dürfte mit Blick auf den internationalen Handel. Dass der internationale Währungskrieg irgendwann in einen globalen Handelskrieg samt eines deutlich zulegenden Protektionismus´ münden würde, war auch absehbar. Die Vereinigten Staaten und Indien haben in dieser Hinsicht nun den ersten ernstzunehmenden Schuss abgefeuert.

Ich widmete mich in diesem Zusammenhang auch den in den 1930iger Jahren geführten Handelskriegen, die letztendlich in einem bis dahin ungesehenen Protektionismus endeten. Heute soll jedoch alles anderes sein. Wie die aktuellen Ereignisse zeigen, lässt sich dieser Sichtweise keineswegs beipflichten.

Wer einen Blick auf die Daten zu Chinas für den Monat November publizierten Exportpreisen wirft, erkennt, dass die durch chinesische Produzenten berechneten Preise im Vergleich mit dem Vorjahresmonat um weitere 1,5% gesunken sind (siehe den nachfolgenden Chart). Dies entsprach auch gleichzeitig dem stärksten Jahresrückgang seit Beginn des Jahres 2010.

Es erweckt den Eindruck, als seien die meisten heimischen Märkte in China derart saturiert, dass vielen Produzenten nichts anderes mehr übrig zu bleiben scheint, als die eigene – und trotz des weltwirtschaftlichen Abschwungs – weiter zulegende Stahl- und Rohstoffproduktion in der Heimat in den Rest der Welt zu exportieren.  

Kein Wunder also, dass die Exporte im Hinblick auf Stahlerzeugnisse, Ölprodukte, Kupfer und Aluminium laut neuer Daten der General Administration of Customs neue Allzeithochs erreicht haben. Grund ist, weil Stahlmühlen, Schmelzbetriebe und Raffinerien noch immer weitaus mehr produzieren als es eine sich teils deutlich abschwächende Nachfrage in der Heimat hergibt.

Die Überschüsse versucht China im Angesicht von fallenden Preisen an seine Handelspartner zu verscherbeln. Folge ist, dass die internationalen Stahlpreise noch immer am Sinken sind und in diesem Zuge zu Beginn dieses Jahres ein frisches 10-Jahres-Tief ausgebildet haben. Vor allem in Europa und den Vereinigten Staaten ist man über diese Entwicklung keineswegs erfreut.

Eine Flut von überschüssigem Stahl

Denn die Flut an chinesischen Exporten überrollt die Märkte im Rest der Welt. Folge ist, dass Experten davon ausgehen, dass der europäischen Stahlindustrie schon in Kürze das Licht ausgeknipst werden könnte. Selbstverständlich wachsen auf diese Weise die Spannungen im internationalen Handel. Doch im Angesicht der Eskalation des globalen Währungskriegs war damit ohnehin zu rechnen.

Es sind vor allem die internationalen Stahlmärkte, die sich mit einer Flutwelle an Exporten seitens Chinas Staatsfirmen und durch Peking unterstützten Produzenten konfrontiert sehen. Laut des europäischen Stahlverbands Eurofer und dessen amerikanischen Pendant Iron and Steel Institute kursiere zurzeit eine Überproduktion von etwa 700 Millionen Tonnen in Form von Stahlerzeugnissen rund um den Globus.

Allein China trage mit mehr als 420 Millionen Tonnen dazu bei. Laut Beobachtern und Analysten werde sich die aktuelle Situation gar noch verschärfen. Die Preise für Metalldraht, der sich in einer Vielzahl von industriellen Erzeugnissen – angefangen bei Kühlschränken bis hin zu Frachtcontainern – finde, werden bis ins nächste Jahr hinein laut neuester Prognosen umweitere 15% sinken.

Angebotsüberschüsse bei weltweit rückläufiger Nachfrage

Chinas Stahlexporte, die sich im abgelaufenen Jahr auf rund 110 Millionen metrische Tonnen beliefen, könnten bis zum Ende der laufenden Dekade auf diesem Niveau verharren, da sich die heimische Bau- und Infrastrukturnachfrage in einem anhaltenden Abschwung befindet. Ähnlich wie das Ölkartell OPEC kämpft Chinas Metallindustrie seit einem Jahr mit nahezu denselben Problemen.

Und zwar handelt es sich dabei um einen riesigen Angebotsüberschuss, der sich mit einer teils deutlich rückläufigen Nachfrage in der Welt paart. Ungleich der OPEC gibt es am globalen Stahlmarkt jedoch kein Produzentenkartell, das Produktionskürzungen – wie die OPEC es in der Hand hätte – verabschieden könnte. Die sinkenden Stahlpreise werden einerseits durch den Kollaps der Rohstoffpreise und sinkende Produktionskosten verursacht.

Andererseits basierte das Geschäftsmodell der Stahlindustrie jahrzehntelang auf der Annahme eines weltweit stetig zulegenden Produktions- und Absatzwachstums, das sich jedoch nicht manifestiert hat. Schon seit einiger Zeit gehen namhafte Analysten davon aus, dass das Hoch der weltweiten Stahlnachfrage überschritten worden ist. Folglich nehmen die Überkapazitäten in China bei gleichzeitig global rückläufiger Nachfrage stetig zu.

Protektionismus - Vorstufe eines internationalen Handelskrieges

Was sich nun abzuzeichnen beginnt, ist die Tatsache, dass der Rest der Welt diese massiven Produktionsüberkapazitäten in China nicht mehr aufzunehmen bereit ist. Denn würde Chinas Exportaktivitäten nicht ein Riegel vorgeschoben, dürften die europäische und amerikanische Stahlindustrie schon bald am Ende sein. Resultat wäre eine sich noch stärker intensivierende Entlassungswelle im gesamten Sektor.

Und worüber ließe sich ein besserer Schutz herstellen als an den Schräubchen zu Zolltarifen und anderen Formen des Protektionismus zu drehen?! Um es mit anderen Worten auszudrücken, steht der Welt der Beginn eines internationalen Handelskriegs ins Haus, der sich zu bereits manifestieren beginnt. Unter anderen Staaten ist Indien laut eines Bloomberg-Berichts am Vorpreschen.

Denn der indische Subkontinent plant den heimischen Protektionismus und den Schutz zugunsten von heillos überschuldeten Stahlproduzenten in der Heimat durch die baldige Einführung eines Mindestpreises – neben anderen Maßnahmen – auszuweiten. Und die Vereinigten Staaten folgen. Laut eines jüngst durch das US-Handelsministerium publizierten Berichts werden korrosionsresistente Stahlimporte aus China – die laut eigener Aussage viel zu niedrig bepreist seien – nun mit einem Zolltarif von 256% belegt.

Exportschlager Deflation

Diese Maßnahmen richten sich direkt gegen China, da dessen Produzenten vorgeworfen wird, eigene Stahlüberschüsse zu Dumpingpreisen an die amerikanischen Märkte zu bringen, in dem Versuch, die heimische Deflation in die USA zu exportieren. Doch auch Stahlimporte aus Italien, Südkorea und Indien werden demnächst mit Strafzöllen belegt, dies jedoch in einem deutlich geringeren Ausmaß.

Schon im Juni des vergangenen Jahres hatten die großen US-Stahlproduzenten Nucor, U.S. Steel und Steel Dynamics eine gemeinsame Gerichtsklage eingereicht (ich berichtete). In der Klageschrift wird Produzenten aus China, Indien, Südkorea, Taiwan und Italien vorgeworfen, eigene Stahlerzeugnisse zu Dumpingpreisen an die amerikanischen Märkte gebracht zu haben. Folge sei eine in Kauf genommene Beschädigung der heimischen Stahlhersteller.

Im November letzten Jahres hieß es in einem US-Regierungsbericht, dass die in der Klage aufgezählten Länder – mit Ausnahme von Taiwan – ihre heimischen Stahlindustrien in einem Ausmaß von etwa 236% in Relation zu den erzielbaren Preisen subventionierten. Analysten geben sich überzeugt, dass die Anhebung der Zolltarife für Chinas Stahlerzeugnisse um 256% erst als Beginn eines sich ausweitenden Handelskriegs in der Welt angesehen werden sollte. Es sei keineswegs auszuschließen, dass die US-Regierung zukünftig nochmals nachbessere, um die Zolltarife auf bis zu 500% anzuheben.

Konsequenz wird sein, dass Chinas Stahlexporteure sich nach anderen Märkten in der Welt werden umschauen müssen, an denen die eigenen Überschüsse abgeladen werden können. Denn unter den aktuellen Gegebenheiten wird sich ein Verkauf von Chinas Stahlerzeugnissen in die USA nicht mehr lohnen. Viele chinesische Produzenten würden massive Verluste einfahren.

Und damit werden sich die Probleme in China wiederum potenzieren. Denn solange die lokalen Stahl- und Rohstoffproduzenten nicht ihren Cashflow aufrechterhalten oder steigern können, dürfte es in diesem Sektor zu einer enormen Default- und Ausfallwelle kommen. Wie schnell im Hinblick auf China soziale Unruhen auszubrechen drohen, haben die Jahre 2008 und 2009 gezeigt, in denen Millionen von entlassenen Wanderarbeitern in den Straßen zu revoltieren begannen.

Auch heute blickt China schon wieder auf rund 15 Millionen Wanderarbeiter, die im Zuge der anhaltenden Wirtschaftsabkühlung ihre Jobs verloren haben. Betrachtet man die Dinge im großen Zusammenhang, so zeigt sich, dass mehr als die Hälfte von Chinas Produzenten auf Basis der aktuell erzielbaren Preise nicht eine einzige Coupon-Zahlung zu leisten imstande sind.

Nachdem die Vereinigten Staaten – neben Indien – den ersten Schuss in Sachen Handelskrieg abgefeuert haben, wird es nun an Peking sein, darauf entsprechend in Form von Maßnahmen der Vergeltung zu reagieren. China steht in diesem Hinblick eine ganze Bandbreite an Instrumenten zur Verfügung.

Entweder wird Peking den Yuan noch weitaus massiver im Außenwert abwerten (wie Blogkollege Richard Duncan zuletzt im Gastbeitrag ausführte). Oder Peking wird sich auf die Einführung von eigenen protektionistischen Maßnahmen besinnen, um amerikanische Produzenten empfindlich zu treffen. Vorstellbar wäre auch, dass Peking den Abverkauf von amerikanischen Staatsanleihen beschleunigen könnte.