Deutschland – ein Sommermärchen, steht auf den Titelseiten der Zeitungen. Deutschland – ein Arbeitsmärchen steht gleich daneben. Moment...! Gemeint ist das „Jobwunder“. Nun, Märchen bleibt Märchen…

"Ein Stundenlohn von einem Euro ist als sittenwidrig anzusehen.“ sagt die Magdeburger Richterin Claudia Methling. Sie hatte darüber zu befinden, ob ein Unternehmer an Rasthöfen des Landes Leute für 1,79 Euro pro Stunde beschäftigen darf. Arbeiter aus der früheren Sowjetunion putzen dafür in 12-Stunden-Schichten Toiletten und Duschen und sammelten Geld für deren Benutzung ein. Dafür erhielten sie monatlich 60 bis 300 Euro – bei freier Kost und Logis. Die Staatsanwaltschaft rechnete vor, dass die Putzfrauen im besten Fall auf maximal 1,79 Euro die Stunde kamen.

Zur selben Zeit wird aus Nürnberg der neue Arbeitsmarktbericht geliefert. Welch Freude! Es gibt immer weniger Arbeitslose, heißt es. „Gehen Deutschland die Arbeitslosen aus?“ fragt die FTD tags zuvor in einer Überschrift. Braucht es bald schon ein „Artenschutzabkommen“ für diese „Spezies“? frage ich. Im Juni sank die offizielle Zahl auf 3,15 Millionen. Sie wird von allen Experten mit netten Worten garniert, wie denen von Andreas Scheuerle von der DekaBank: "Die Erfolgsstory setzt sich fort.“

Blättert man das komplette 88-seitige Werk der Nürnberger Bundesagentur durch, Bücher von Mark Twain sind unterhaltsamer, werden die 3,15 Millionen dann auf Seite 53 um ein paar weitere Zahlen ergänzt – die der „Leistungsempfänger“. So erhielten im Juni 915.000 Leute Arbeitslosengeld, fünf Millionen Arbeitslosengeld II und 1,8 Millionen Leute sind Sozialgeldempfänger. Soweit mein Taschenrechner funktioniert, kommt er auf 7.755.889 Bürger, die Geld aus dem Topf der Arbeitslosenversicherung erhalten. Nur böswillige Zyniker stellen fest, dass die Zahl von 3,15 Millionen lächerlich ist. Umso erstaunlicher ist es aber wieder, dass die Experten sich genau daran orientieren und ihre falschen Schlüsse ziehen.

Lächerlich.

Ist es nicht ein komfortables Wort, das mit nur zehn Buchstaben eine völlig verbogene Sache umfassend beschreiben kann? Kaum ein Experte verschwendet in der Öffentlichkeit Worte darüber. Es gibt einfach nicht genug zu tun. Und oft kann man davon auch nicht mehr leben. Transparenter wäre es doch eine Summe der monatlichen Zahlungen der Bundesagentur und auch eine Summe über die Einnahmen. Man könnte sehen, wie die Gelder fließen und wie viel an Empfänger ausgekehrt werden. Bis 2013 soll sich das Defizit in der Kasse auf 55 Milliarden ausweiten, das über den Bundeshaushalt ausgeglichen werden muss.

"Wir sind wieder auf dem Niveau vor der Krise", sagt Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. BA-Chef Frank-Jürgen Weise hält es für möglich, dass die Erwerbslosenzahl bis Jahresende unter drei Millionen sinkt: "Die Chance ist da". Nicht gesagt wird aber, dass die Berechnungsgrundlagen in der Zwischenzeit mehrfach geändert worden sind.

Die Neuausrichtung der Instrumente hat indirekt Auswirkungen auf die Vergleichbarkeit der Arbeitslosenzahlen im Zeitablauf. Nach § 16 Absatz 2 SGB III gelten Teilnehmer an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik nicht als arbeitslos. (Seite 13 der Statistik)

Was nicht passt, wird eben passend gemacht. Ich würde gerne von der Frau von der Leyen erfahren wollen wie viele Leute in Deutschland von Transferleistungen des Staates leben. Doch wer will das schon?

Noch lächerlicher ist es aber, eine Vorhersage für das Jahr 2025 zu treffen zu wollen. Oh Wunder! Man tut es… Dann soll es nur noch 1,5 Millionen Arbeitslose geben, prophezeit das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Mit Kreativität schaffen wir das auch viel früher. Oder? Man muss dieses negativ besetzte Wort doch einfach nur wegdefinieren. Schauen Sie, in der DDR gab es auch keine Arbeitslosigkeit.

Inzwischen liegt die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im April bei 27,5 Millionen, gegenüber dem Vorjahr war das eine Zunahme um 118.000. Maßgeblich dafür ist der anhaltende Zuwachs bei der Teilzeitbeschäftigung (+180.000), während die Vollzeitbeschäftigung rückläufig war (- 60.000). Eine Abnahme der Vollbeschäftigung wird gerade als voller Erfolg gefeiert.

Tatsache ist, dass jeder Aufschwung immer weniger Leute mitgenommen hat als der Aufschwung zuvor. Mit ein paar Tricks in der Berechnung fällt es gar nicht auf. Zudem hat die Politik die Weichen dafür gestellt, dass jetzt Zeitarbeits – und Billiglohnsektor boomen, wo Jobs auch schnell mal wieder eliminiert werden können. Manche Jobs kosten heute einen Arbeitgeber kaum etwas mehr, denn das bezahlt auch noch das Arbeitsamt.  

Ein Lohn von 1,76 Euro pro Stunde ist jetzt als eine Straftat festgestellt worden. Offenbar hat sich der Arbeitsmarkt so gewandelt, dass manche Leute dafür arbeiten. Nicht dass sie damit voll umfänglich einverstanden wären, doch sie müssen ja von etwas leben. 1,76 Euro pro Stunde sind vielleicht eine Richtschnur für chinesische Verhältnisse – jetzt auch hierzulande.

Oh ja, der Arbeitsmarkt wird in den kommenden Tagen immer wieder als Sommermärchen bezeichnet werden. Richtig! Eins aus den Büchern der Gebrüder Grimm.

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