Griechenlands öffentlicher Sektor lebt in diesen Tagen nur noch von der Hand in den Mund. Allzu überraschend erfolgt diese Entwicklung gewiss nicht, wenn man das ganze Drama um das südosteuropäische Bankrottland im Geiste Revue passieren lässt. Nun, wir hatten Sie in den vergangenen Jahren trotz aller Bailout-Euphorie stets darauf hingewiesen, dass der so genannte Zahltag wohl nicht in allzu ferner Zukunft anbrechen würde. 

Vielleicht haben wir diesen Moment jetzt erreicht. Nachdem sich die politische Landschaft auf der Peloponnes im Angesicht der Ereignisse in den letzten fünf Jahren nun nachhaltig verändert hat, obliegt es der neu ins Amt gekommenen Syriza-Regierung, einen täglichen Spagat zwischen den Forderungen der internationalen Kreditgeber des Landes und den Bedürfnissen der eigenen Bevölkerung zu vollziehen.

Denn während die internationalen Kreditgeber Athens auf die Einhaltung und eine weitere Verschärfung der Bailout-Auflagen einschließlich aller öffentlichen Sparkürzungen drängen, pocht die Syriza-Führung auf den Aspekt, überhaupt erst ins Amt gewählt worden zu sein, um die eigene Bevölkerung von dieser Last zu befreien.

In diesem Zuge hatten wir Sie in den letzten Wochen auch mehrmals darauf hingewiesen, dass sich hinter den Kulissen Gespräche und Verhandlungen zwischen Russland und der Athener Führung anbahnen, die letztendlich dazu führen könnten, dass Athen sein finanzielles Heil demnächst außerhalb des EU-Clubs suchen könnte.

Wie dem auch sei. Seitdem Syriza im Amt ist, muss die neue und aufbegehrende Führung des Landes den Kopf für Vorwürfe hinhalten, laut denen sie das zarte Pflänzchen eines vermeintlichen Aufschwungs kaputt getrampelt habe. Nun, wie sah es im vergangenen Jahr eigentlich aus? Immerhin ließ sich in 2014 nach sechs Jahren einer schweren Rezession ein mickriges BIP-Wachstum beobachten.

Fast schon zu euphorischen Jubelstürmen führte die Meldung eines leichten Rückgangs der Arbeitslosenquote, die in 2014 auf 25% von 27% im Jahr zuvor sank. Die vor Syriza in Athen amtierende Regierung war dazu in der Lage, einen Teil der ausstehenden Rechnungen ihrer Lieferanten zumindest teilweise zu bezahlen, während die an den Bondmärkten fälligen Staatsanleihen bedient wurden.

Trotz allem hielt die Kapitalflucht in unvermindertem Ausmaß an (ich berichtete mehrfach), während das Generieren eines leichten Primärüberschusses die Finanzmärkte kurzzeitig in Entzücken und allgemeine Erleichterung versetzte. Selbst die Kurse am heimischen Aktienmarkt begannen wieder zu klettern, während die Bondrenditen auf ein erträglicheres Niveau absanken.

Summa summarum wurden die meisten der bestehenden Strukturprobleme überkleistert. Und was auf den ersten Blick erst einmal nicht erkennbar ist, wird am Finanzmarkt gerne mit dem Etikett „unbedenklich“ versehen. Ein Sündenbock muss nun also her, und wo würde sich dieser Sündenbock schon besser finden lassen, als in der neuen Athener Regierung, die die Probleme des Landes offen benennt und dafür Häme und schwere Vorwürfe über sich ergehen lassen muss?!

Nahezu all diese Vorwürfe lassen sich darauf zurückführen, dass Griechenland sich nach kurzem Aufatmen abermals auf dem sicheren Weg in eine Rezession befindet. Zeitgleich wächst die Unsicherheit unter den internationalen Kreditgebern Athens. Vor einigen Monaten brachte ich ein Szenario ins Spiel, das nun zur Realität werden könnte.

Was blieb der Ende Januar im Zuge von Neuwahlen ins Amt gekommenen Syriza-Regierung damals schon anderes übrig als einer viermonatigen Verlängerung des Bailout-Programms der Brüsseler EU zuzustimmen? Dadurch hatten sich Tsipras, Varoufakis & Co. zumindest einmal Zeit erkauft. Zeit, die nun tatsächlich dazu genutzt werden könnte, um sich Kreditgelder von Staaten zu besorgen, die außerhalb des EU-Clubs liegen.

Dass Russland neben China solch ein Kandidat sein würde, war von vornherein klar. Nun, da die Verhandlungen der griechischen Führung mit dem Moskauer Kreml es auch in den Main Stream geschafft haben, stellt sich die Frage, welche Bedingungen Putin zugunsten einer Finanzierung der Griechen stellen könnte.

Diese Frage beantwortet sich eigentlich von selbst, wenn man bedenkt, dass Wladimir Putin den Griechen im Falle eines EU- und Euroaustritts schon zu Beginn dieses Jahres in Aussicht stellte, sofort vom Lebensmittelexportbann für westliche Agrargüter ausgenommen zu werden. Hierdurch würde wieder Geld in die klammen Kassen der griechischen Bauern fließen, die unter diesem Exportbann mit am meisten leiden.

Währenddessen ist es zwischen Athen und der Brüsseler EU zu einem Stillstand gekommen. Was sich auf beiden Seiten beobachten lässt, ist die Tatsache, wie Ärger, Frustration und Zorn auf die jeweils andere Seite am Wachsen sind. Im Falle dieser einst zwischen Brüssel und Athen eingegangenen Liaison hätte sich das Sprüchlein vom „Prüfe wer sich ewig bindet“ wohl als Volltreffer erwiesen.

Gespannt sein darf man nun ganz gewiss darauf, welchen Ausgang diese Tragödie nimmt. Das Hineinrutschen in eine neue Rezession scheint anhand der eingehenden Daten fast schon ausgemachte Sache, nachdem es in 2014 zu einem leichten Wachstum gekommen war. Zuvor hatte eine sechsjährige Rezession rund ein Viertel des griechischen BIPs ausgelöscht.

Um einerseits den fällig werdenden Darlehen der internationalen Kreditgeber nachzukommen und andererseits die Zahlungen der öffentlichen Gehälter und Pensionen zu gewährleisten, zwingt die Athener Regierung abermals dazu, andere öffentliche Ausgaben zu verschieben. Darunter leiden vor allem wieder die Lieferanten von Regierung und Behörden, die abermals ihren ausstehenden Rechnungen nachlaufen.

Ein ewiger Kreislauf, der wohl erst gestoppt werden könnte, wenn das Land einen Default erklärt, um die horrende öffentliche Schuldung nachhaltig abzubauen. Oder es erfolgt eine zeitliche Fristverlängerung, die durch einen Kreditor außerhalb der EU gewährt würde, die dann jedoch mit gefährlichen und kaum vorhersehbaren geopolitischen Hintergedanken Hand in Hand ginge. Auch wenn sich die alten Meister ob der aktuellen Situation wohl im Grabe umdrehen dürften. Besser hätte man ein griechisches Drama gewiss nicht schreiben können.