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Sahra Wagenknecht war von Juli 2004 bis Juli 2009 Mitglied des Europaparlaments. Seit Oktober 2009 ist sie Abgeordnete des Deutschen Bundestages und wirtschaftspolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

Dieses Gespräch fand am Samstag, den 10. Juli 2010 in Düsseldorf statt.

Im Anhang finden Sie die Original-Videoaufzeichnung. (Leider ist die Tonqualität aufgrund eines technischen Problems nicht 100%ig gut. Sorry, ich bitte um Nachsicht.)

Ende Teil 3

Helmut Reinhardt: Frau Wagenknecht, wissen Sie, was ich komisch finde? Geld ist eine geniale Erfindung. Es erleichtert das Wirtschaften und macht eine arbeitsteilige Wirtschaft erst möglich. Seit Jahrtausenden ist es aber so, dass wir immer nur ein Geld benutzen. [...]

Teil 4


Helmut Reinhardt: Seit Jahrtausenden benutzen wir immer nur ein Geld. Es gab die D-Mark, die Reichsmark und heute nutzen wir (in Deutschland) ausschließlich den Euro. Vergleicht man Geld mit anderen Erfindungen, so muss man sagen, dass es zum Beispiel im Bereich Automobile für jeden Zweck ein anderes Auto gibt. Man erfand Lastkraftwagen, Sportautos, Busse, etc.

Sarah Wagenknecht:
Das bringt doch nur noch mehr Unsicherheit. Sie wissen ja nicht ....

Helmut Reinhardt:
... kann man denn nicht ein wenig mit Geld „spielen“? Man könnte zum Beispiel für das Rentensystem eine eigene Währung einführen. Städten, denen es (finanziell) schlecht geht, könnten eine eigene Währung einführen, wie z.B. den Rheingold hier in Düsseldorf. Ganz nach Bedarf können regionale Währungen geschaffen werden, - fehlt der Bedarf lässt man es. Warum macht man so etwas nicht? Wo liegt das Problem?

Sarah Wagenknecht: Aber was soll das bringen? Je mehr Währungen es gibt, desto größer ist die Gefahr von Wechselkursveränderungen. Wechselkursveränderungen sind immer ein Unsicherheitsfaktor. Die Wirtschaftsteilnehmer, egal ob Konsumenten oder Unternehmen brauchen Planungssicherheit. Je unsicherer das wirtschaftliche Umfeld ist, desto schwieriger wird es. Man könnte dann zum Beispiel kaum entscheiden, in welcher Währung ein Kredit aufgenommen werden sollte. Man weiss schließlich nicht, wie sich die Währung zukünftig entwickelt. Man sieht das z. B. gerade in Osteuropa. Die Krise dort ist auch deswegen so schlimm, weil sich viele in Euro verschuldet haben. Die nationalen Währungen in diesen Ostländern haben gegenüber dem Euro abgewertet. Jetzt haben die Menschen in Osteuropa große Probleme, weil sich viele Kreditnehmer in Euro zu niedrigeren Zinsen (als in der Heimatwährung) verschuldet haben. Werden die nationalen Währungen gegenüber dem Euro abgewertet, haben diese verschuldeten Haushalte Probleme ihre Kredite zu tilgen.

Helmut Reinhardt: Das hat jetzt aber nichts mit sektoralen (und regionalen) Währungen zu tun. Vielleicht kennen Sie das Experiment von Wörgl, - gut, dieses Regiogeldexperiment wäre meiner Meinung nach irgendwann sowieso gecrasht, wenn man es nicht vorher verboten hätte. Aber worauf ich hinaus möchte: Nehmen wir an, in irgendeiner Stadt muss etwas gebaut werden: z. B. eine neue Straße. Man könnte nun einer Firma aus dieser Stadt den Auftrag zum Bau geben und sie mit dem Regionalgeld bezahlen. (Dieses Geld könnte in der Stadt regional zirkulieren) und würde z.B. über Steuerzahlungen an die Stadtkasse wieder vom Markt verschwinden. Ein solches System könnte man ohne Weiteres einführen.        

Sarah Wagenknecht:
Gut, aber damit haben Sie nicht beantwortet, wie man längerfristige Finanzierungen gewährleisten kann.

Helmut Reinhardt: Dafür könnte man nach wie vor die nationalen Währungen verwenden. Ich verstehe nicht, warum man (innerhalb eines Landes) immer nur auf eine Währung fixiert ist. 

Sarah Wagenknecht: Aber was ist der Vorteil? Gut man könnte sagen, das hätte keinen großen Nachteil...

Helmut Reinhardt: Der Vorteil ist die neue Straße!

Sarah Wagenknecht: Die können Sie doch auch in der nationalen Währung finanzieren.

Helmut Reinhardt: Die nationale Währung kann man nicht regional schöpfen. Die Städte in Deutschland sind allesamt (hoch) verschuldet. Selbst Dresden, wo (vor wenigen Jahren) die Schuldenfreiheit groß gefeiert wurde, ist heute wieder auf dem gleichen Schuldenstand (wie vor dem Verkauf der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, der es ermöglichte Dresdens Schulden 2006 zu tilgen). Also, warum schafft man sich nicht einfach regional Geld, wenn man es doch benötigt?

Sarah Wagenknecht: Das wäre eine Währungsreform im Kleinformat, Sie hätten dann ein neues Geld ....

Helmut Reinhardt: Es wäre eine Währungsfreigabe. Man hätte ein Geld, das den Menschen dienen würde. Es ermöglicht, etwas zu schaffen und nach Erreichen des Ziels verschwindet es wieder. (Anm.: Schon der alte Goethe sagte einmal: „Es fehlt an Geld? Nun gut, so schafft es denn!“)

Sarah Wagenknecht: Gut, mit einem ordentlichen Währungssystem ist das auch zu erreichen. Ich bin sehr für ein Währungssystem, in dem die Zentralbank direkt, - natürlich innerhalb eines bestimmten Rahmens – öffentliche Haushalte finanziert. Das wäre faktisch das Gleiche. Zentralbankgeld käme dann über die öffentlichen Haushalte ins System.

Helmut Reinhardt:
Das ist ja schon eine komische Sache! Die meisten Menschen bekommen sofort ein merkwürdiges Gefühl, wenn Sie den Nachrichten entnehmen, dass die Zentralbank Staatsanleihen aufkauft, - auch wenn diese Maßnahme zurzeit noch nicht direkt, sondern nur am Sekundärmarkt erfolgt. Meistens wird angenommen, dass diese Vorgehensweise umgehend zu Inflation und Hyperinflation führt...

Sarah Wagenknecht: Das ist auch wieder so ein Mantra, das immer wieder rezitiert wird. Es gibt überhaupt keinen Grund, warum die Vorgehensweise der EZB unmittelbar Inflation erzeugen soll! Die EZB kauft ja gerade Staatsanleihen auf und trotzdem haben wir keine Inflation. Was macht denn die Notenbank zurzeit? Sie ermöglicht den Banken, Geld für 1 Prozent Zins aufzunehmen. Die Banken vergeben Kredite an Staaten und berechnen Zinsen. Bei deutschen Staatsanleihen sind es im Moment ca. 3,6 Prozent, bei griechischen z.B. fünf Prozent. Der Geldschöpfungsprozess hat sich nicht verändert: (durch Staatsschulden entsteht nach wie vor neues Geld). Der Unterschied ist doch nur, dass bei Rückzahlung von Staatsschulden (Schnitt) die Banken Gewinn machen, was aber nicht im Falle einer Rückzahlung an die Zentralbankgeld gilt. Im Grunde bedeuten die Maßnahmen der EZB nur, dass die öffentliche Hand weniger Zinsen bezahlt. Das ist der einzige Unterschied.
- Siehe dazu auch: Artikel „Zentralbanken und Zentralbankgeld“ vom 16.06.2010 (Cashkurs Reloaded)


In der öffentlichen Debatte herrscht stillschweigend die Annahme vor, dass Geschäftsbanken besser einschätzen können, wieviel Geld als Kredit in Umlauf gebracht werden darf. Man nimmt an, dass private Banken besser einschätzen können, wieviel Geld zum Beispiel einem Staat zur Verfügung gestellt werden darf. Der Zentralbank hingegen wird von vornherein eine zu laxe Kreditvergabe unterstellt. Wenn ich mir jedoch so anschaue, welche irren Kreditketten die Geschäftsbanken in den letzten Jahren aufgelegt haben und welch ein Schwachsinn damit finanziert wurde, muss ich sagen, dass die Geschäftsbanken
absolut nicht einschätzen können, wieviel Kreditgeld geschöpft werden darf. Es gibt bei den Banken keine Bewertung, wieviel Kredit nachhaltig sinnvoll ist. Und auch Griechenland hat seine Kredite ja nicht von der EZB, sondern von privaten Banken bekommen. Solange Banken an Krediten verdienen und ein Crash nicht unmittelbar bevorsteht, schöpfen sie diese auch. Steht jedoch ein Crash akut bevor, ziehen sie sich radikal aus dem Geschäft zurück.

Es wäre sehr viel besser, wenn die Zentralbank öffentliche Haushalte zu geringen Zinsen oder auch zinslos direkt finanzieren würde. Natürlich müssen hierbei Regeln eingehalten werden. Nicht jeder Finanzminister sollte jedweden Betrag bekommen dürfen. Es muss natürlich (Gesetze und) Regeln geben in Bezug auf Inflationsziel, Wirtschaftswachstum, etc. Aber auch auf diese Weise käme Geld in den Kreislauf, das von der Öffentlichen Hand z.B. für Straßenbau, Bildung und anderes genutzt werden könnte.

Helmut Reinhardt: Ist es nicht völlig verrückt, dass die Banken mit Geld gerettet wurden, dass sich die Staaten bei eben diesen Banken leihen mussten?

Sarah Wagenknecht: Das zeigt doch, wie irre das (System) ist! Die Banken machen gerade ein großes Geschäft damit, dass die Staaten sich so verschulden mussten, um die Banken zu retten. Da stellen sich bei jedem, der darüber nachdenkt die Nackenhaare auf. Es ist wirklich unglaublich! Es ist in etwa so, als würde ein Einbrecher mein Haus leer räumen und ich ihn anschließend um Kredit für eine neue Einrichtung bitte, anstatt mir das Geld von ihm wieder zu holen. Das wäre übrigens auch die Alternative. Die Politik müsste sich die Rettungsgelder von den Banken zurückholen. Aber das tut die Politik nicht und das will sie auch nicht, weil das Herrn Ackermann am anderen Ende der Telefonleitung wohl nicht gefallen würde.

Helmut Reinhardt: Also regiert uns eigentlich Herr Ackermann?

Sarah Wagenknecht: Das meinte ich jetzt symbolisch. Also ich will Herrn Ackermann nicht dämonisieren. Aber Leute wie er und die Schicht (Anleger, Großanleger, Reiche), die er vertritt und im Hintergrund des Finanzsystems stehen, bestimmen die Richtlinien der Politik. Und das ist tragisch, weil es eine völlige Aushöhlung der Politik bedeutet.

Helmut Reinhardt: Was sagen Sie eigentlich zu Horst Köhler? Warum ist er zurückgetreten. Hatte es etwas zu tun mit der Eurorettung, die eigentlich auch eine Bankenrettung war?

Sarah Wagenknecht: Keiner weiss so genau, worum es (wirklich) ging. Vorrangig war es die Kritik an seinen Aussagen im Zusammenhang mit Afghanistan, aber ob er noch andere Gründe hatte müssen Sie ihn schon selbst fragen.

Helmut Reinhardt: Interessantes Thema. So, Frau Wagenknecht, wie sieht es aus? Ich werde Bundeskanzlerin (Anm.: smile – netter Versprecher), Sie Finanzministerin der Deutschen Schlau Partei. Kommen wir zusammen?

Sarah Wagenknecht: Ich denke, dass die Linke vieles von dem vertritt, was Sie fordern. Ich meine, wir brauchen keine neue Partei, sondern eher eine stärkere Linke. Und (vor allem) brauchen wir eine Diskussion, die deutlich macht, dass die herrschende Politik abgewirtschaftet hat.

Helmut Reinhardt: Gut, aber ich mit den Linken? Ne, ich will etwas Neues.

Sarah Wagenknecht: Warum?

Helmut Reinhardt: Die Linken sind mir irgendwie zu vorbelastet.

Sarah Wagenknecht: Nun, ich denke inzwischen denken viele Leute (über unser System) nach und dass es so nicht weitergehen kann ... und das links vielleicht gar nicht so schlecht wäre.

Helmut Reinhardt: Wünschen Sie sich die DDR zurück?

Sarah Wagenknecht: Nein, die wünsche ich mir ganz sicher nicht zurück. Es gehört auch nicht zu unserem Programm, die DDR wiederzubeleben. Das heißt aber nicht, dass man sich den heutigen Verhältnissen anpassen darf. Im Gegenteil, wenn man heute die herrschende Politik verfolgt hat man eher ein gewisses Déjà-vu-Erlebnis: Ein System, das kurz vor dem Ende oder dem Zusammenbruch steht. Es wird eine Niedergangspolitik betrieben ... und wenn man sich die FDP anschaut, ist das doch sehr erinnerungsträchtig.

Helmut Reinhardt:
Haben Sie manchmal Heimweh? Sie wohnen jetzt in Düsseldorf...

Sarah Wagenknecht: Nein, ich bin ja oft in Berlin, da ich Mitglied des Bundestages bin. Während der Sitzungswochen pendele ich zwischen Düsseldorf und Berlin. Ich fühle mich in Düsseldorf sehr wohl. Düsseldorf ist eine schöne Stadt.

Helmut Reinhardt:
Frau Wagenknecht, - auch wenn wir keine neue Partei zusammen gründen, hab ich noch zwei Geschenke für Sie. Schöne Sonnenblumen und ein kleines Krisenweinpaket mit einem italienischen, portugiesischen und spanischen Wein. Schauen wir einmal, wie sich die Krisen noch so entwickeln. Viel Spaß damit und vielen Dank für das Gespräch.

Sarah Wagenknecht:
Ich bedanke mich bei Ihnen.

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