Ein leichter Chemiegeruch durchströmt die Nase, wenn man einen Baumarkt betritt. Es gibt sie fast überall, oft nur einen Steinwurf vom heimischen Wohnzimmer entfernt. Die häuslichen Dinge selbst zu übernehmen, liegt heute mehr denn je im Trend. Hauptsache man spart etwas – ein gemeinschaftliches Glücksgefühl inmitten einer Zeit, die vom Druck nach Einsparungen geprägt ist. Zugleich fallen die Preise, während Geiz jetzt geiler ist, als damals bei der Erfindung dieses Slogans von Saturn...

Oder war es Media Markt? Egal. Es war und ist der Ausdruck eines Volksgefühls. Heute ist es eine Notwendigkeit geworden – nicht nur für Kunden.

Deutsche Baumärkte spiegeln recht gut die Befindlichkeiten einer Gesellschaft wider. Schnäppchenalarm und knickrige Kunden sind zur Zeit Realität. Nicht, dass man wirklich sparen will, mann muss den Gürtel enger schnallen – auf beiden Seiten. Die Ware kündet durch ihren Geruch von einer Produktion in fernen Ländern. Asien produziert, Deutschland konsumiert. Und wir fühlen uns damit haushoch überlegen, während China sich an die Weltspitze vorschiebt. Hierzulande etwas zu „unternehmen“ ist nicht nur mit bürokratischen Hindernissen und Absurditäten verbunden, es ist risikoreicher, als Geld an die Börse zu schleppen. Aber das gehört wohl zu einer „modernen Gesellschaft“ im Jahr 2009.

Deflation in der Realität

Preisliche Kundenvorstellungen lassen sich heute nicht anders als mit Preisdumping umsetzen. Man spart wo man kann. Die Konkurrenz ist knallhart. 20 Prozent auf alles (Praktiker) ist inzwischen ein geflügeltes Wort geworden - nicht nur in der Baumarktbranche. Deutschland ist weltweit am dichtesten mit Baumärkten überzogen – eine Branche, in der jährlich 18 Milliarden Euro umgesetzt werden. Von den 14 Baumarktketten werden im Jahr 2015 nur noch drei übrig bleiben, sagt eine Studie von Ernst & Young. Das Sterben hat schon heute ein Gesicht. Und man kann es sogar riechen.

Mit Bauhaus entstand 1960 der erste deutsche Baumarkt. 1968 folgte Hornbach, zwei Jahre später Obi, der zur Tengelmann-Gruppe gehört. Mit 38.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 5,8 Milliarden Euro ist Obi die Nummer Eins in Deutschland und betreibt 330 Märkte. Ca. 5.000 Bau – und Heimwerker-Fachmärkte gibt es hierzulande – statistisch gesehen einen Baumarkt für 16.400 Einwohner. Nach Definition des Bundesverbandes Deutscher Heimwerker-, Bau und Gartenfachmärkte BHB gilt ein Baumarkt mit über 1.000 Quadratmetern Verkaufsfläche als richtiger Baumarkt. Davon existieren in Deutschland 2.800. Zu viele. Soweit zur Statistik.

Die Branche fuhr 2008 mit Höchstgeschwindigkeit in die Krise hinein. Es lag nicht nur am fehlenden Geld der Leute und deren Vorsicht gegenüber den Unwägbarkeiten der nächsten Zeit, sondern auch an zu vielen Märkten mit zu vielen Produkten und einem miesen Service. Overstored und Overloaded würden die Experten das nennen. Die „Einsparmaßnahmen“ ließen nicht lange auf sich waren. Praktiker kam mit Kurzarbeit in die Schlagzeilen, ließ sich das Gehalt für die Angestellten vom Arbeitsamt bezahlen, während der Rest der Beschäftigten die Arbeit der zu Hause Gebliebenen mit erledigte. Nein, Kurzarbeit bedeutete nicht, dass der Laden um 14 Uhr geschlossen wurde. Es bedeutete, dass man das staatliche Angebot, die Löhne zu übernehmen, dankend annahm.

Heute bekommt man über eine gewisse Mitnahmementalität die von den Anteilseignern geforderte Rendite schon hin, vor allem, wenn der Staat mal wieder in der Angelegenheit herumpfuschen will und genau das als eine Lösung für das Jahr 2010 sieht. Pfusch - ein durchaus vorstellbares Modell für die Zukunft. Vielleicht zahlt die Gemeinschaft bald schon alle Löhne der Unternehmen und vielleicht sogar einen Bonus oben drauf, wenn diese die Leute überhaupt beschäftigen? Ich schließe gar nichts mehr aus. Lasst uns unsere Überkapazitäten schützen, während die Leute lieber woanders hingehen, als in einen... Baumarkt...

Sein und Schein

Service findet man heute meist nur noch auf Internetseiten der Unternehmen bzw. in den Werbebotschaften und Prospekten, nicht aber im Alltag. Wie soll das auch funktionieren? Service ist richtig teuer. Tatsache ist, dass man fest angestellte Mitarbeiter, vor allem die mit den höheren Gehältern gerne durch Teilzeitkräfte und die GfB`ler (geringfügig Beschäftigte) ersetzt. Diese fordern nicht mal Urlaubs – und Weihnachtsgeld. Teure Kräfte raus, Billigware rein. Ungelernte Mitarbeiter kosten weniger als Fachkräfte, die auch noch Ahnung vom Geschäft haben. Doch wer will das schon? Der Kunde? Ich bitte Sie! Die meisten Angestellten verdienen meist nicht mehr als 1.500 Euro Brutto. GfB`s sind heute zunehmend auch Rentner, die ihre Einkünfte aufbessern bzw. aufbessern müssen.

Allein im Baumarkt

Die Realität sieht so aus, dass man an einem Vormittag fast alleine in einem Baumarkt unterwegs ist. Gegen Mittag kommen mehr Mitarbeiter (Verkäufer, Kassierer) , die am Abend wieder weg sind und man wieder allein im Baumarkt ist. Billig und willig gelten als Maxime bei der Einstellung von Personal. Verkäufer haben heute mit der Ware recht wenig zu tun. Die ausgelagerten Dienstleister räumen die Ware ein und kümmern sich um die Präsentation. Outsourcing, das Megakonzept seit 2000 erfährt jetzt, nachdem Berater mit ihren Exel-Sheets die preislichen Vorteile für Unternehmen errechneten seine hässliche Seite in der Realität.

Und so nimmt der Druck auf der Kostenseite eher zu als ab. Die Kunden merken es nur, wenn sie aufmerksam durch die mit Sanierungsbedarf gestalteten Baureihen gehen, wie ich jetzt am Wochenende bei Darmstadt erleben durfte. Schein ist mehr als Sein – nicht nur in Baumärkten. Überall. Und jeder behauptet von sich, das Rad neu erfunden zu haben, siehe Toom-Baumarkt mit seinem gescheiterten Wow!-Konzept.

Beobachtungen am Wochenende

Nicht dass ich mich in Baumärkten sehr wohl fühle – für mich ist es ein „Eindruck holen“ aus der Realität, manchmal verbunden mit der Notwendigkeit, einige Dinge zu Hause erneuern zu müssen. Verkäufer, die man etwas fragen kann, gibt es immer weniger, denn Verkäufer heißen heute Kostenfaktor. Es spielt ja auch kaum eine Rolle, wenn man etwas gefunden hat, was einem gefällt, was man braucht, und das für einen guten Preis in einer Welt voller Schnäppchen. Wenn die Preise sinken, und mich haben am Wochenende die Preissenkungen für jeden Tinnef erschlagen, entfährt diese Angelegenheit auch einen Hauch von Heiterkeit. Wenn man durch eine manchmal doch sanierungsbedürftige Bruchbude rennt, das betrifft vor allem die kleineren Ketten und ältere Häuser, ist man froh, dass es gesetzliche Bestimmungen gibt, die verhindern, dass es schnell mal brennt.

Baumärkte sind nur eines der Spiegelbilder der Realität in unserer modernen streng kalkulierten Welt. Die meisten Baumärkte werden wohl kaum Gewinne erzielen, so meine Vermutung. Wenn ich mir die Kleidung der Verkäufer, Kassierer und der anderen dort beschäftigten Leute anschaue, in ihre Gesichter sehe, habe ich den leisen Verdacht, sie stehen da nur, weil sie da stehen müssen. Nicht dass es ihnen Spaß macht oder gar Berufung ist. Gewinne am Ende des Monats gibt es für sie ohnehin nicht.

Und auch wenn man so tut, als wäre es eine perfekte Einkaufswelt, scheint der Lack längst ab zu sein. Zu viele Baumärkte und zu wenige zahlungsfreudige Kunden sind inzwischen eine perfekte Mischung für weitere Schwierigkeiten und noch größeren Druck auf die Preise und das Personal. Die gesamte Branche bräuchte eine Bereinigung, sagt ein Freund, der hierfür den nötigen Überblick hat - wenn man es denn zulassen würde.

Herzliche Grüße von

Frank Meyer

blog.frank-meyer.eu

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