Alle drei Monate plagen uns die chronischen Leiden der Berichtssaison. Im Grunde schmerzt es uns nicht, die Zahlen der Unternehmen zu hören. Aber die zwanghafte und inhaltsleere Auslegung der Werte kann einem schon auf die Nerven gehen. Natürlich ist Obacht geboten! Denn jeder, der darauf hinweist, dass etwa eingesparte Investitionen nicht unbedingt ein Schritt auf dem Wege in die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens sein müssen, kann heutzutage schnell am Pranger enden. Es ist ein bisschen, wie in der Klimadebatte. Menschengemacht oder nicht? Darüber kann man diskutieren und das sollte auch erlaubt sein. Stattdessen wird augenscheinlich jeder, der es wagt, Kritik zu üben, so dargestellt, als hätte er verkündet, gerade vom Ölwechsel aus dem Naturschutzgebiet zu kommen. Aber das ist ein anderes Thema.

Zum aktuellen Quartal. Vieles ist zu hören, die Saison sei gut angelaufen, die ein oder andere Schmiede sei „in die Gewinnzone zurückgekehrt“ und so fort. Ein wenig in den Hintergrund geraten ist allerdings der nicht unwichtige Blick auf die erreichten Bewertungsniveaus und die Qualität der Gewinne.

Die Daten zum Nettoertrag und zum Umsatz der Unternehmen im S&P 500, die bisher Zahlen gemeldet haben, zeigen allen verbliebenen Anhängern der kurzlebigen „green shoots“ Sekte, dass sie sich anscheinend auf dem Holzweg befinden. Das ist nicht überraschend, über die fundamentale Lage ist ja lang und breit berichtet worden.

Sowohl die Erträge pro Aktie als auch die Umsätze der Firmen sind die meisten Sektoren betreffend weiterhin abnehmend. In den Bereichen Industrie und Energie hat es noch einmal richtig eingeschlagen. Was ansteigt sind aber die Träume der Konsensanalysen, sprich die Schätzungen für die folgenden Quartale, gut sichtbar im rechten Teil der Tabelle (Q(A) ist das aktuell gemeldete Quartal, Q-1(A) das Vorquartal und Q+1(E) die Erwartung für das kommende Quartal).

Sehr interessant sind hier vor allem die Zusammenhänge. Für den Gebrauchsgütersektor rechnet man also mit Gewinnanstiegen in den nächsten drei Quartalen in einer Höhe von im Mittel immerhin 47%. Gleichzeitig wächst der Branchenumsatz laut Konsensusglaskugel im Mittel um magere 1,6%. Aha, da scheint ja jemand den heiligen Gral der Margenerzielung gefunden zu haben, oder wähnt man gar kommende Aktienrückkäufe im Gebrauchsgütersektor, weil ja die Cashflows dort unglaublich gut sein müssen in Zeiten wie diesen. Interessant, interessant. Schön auch die immer wieder angepassten grasgrünen Zukunftsszenarien, die von Monat zu Monat gerollt werden, weil sie nie eintreffen. Trotzdem übertreffen die aktuellen Ergebnisse „deutlich die Erwartungen“ der Analysten. Die Frage, wer da überhaupt was analysiert und warum selbst die Konsensschätzungen immer Lichtjahre von der Realität entfernt ihr Leben fristen, muss erlaubt sein.

Abseits des Konsenses bietet immer wieder ein Blick auf das wahre Leben Abwechslung, auch in Deutschland. So wies kürzlich die deutsche Metallindustrie, genauer gesagt der Arbeitgeberverband Gesamtmetall, darauf hin, dass der Branche Metall & Elektro insgesamt ein Verlust drohe. Es handelt sich hier um einen Industriezweig mit 3,5 Millionen Beschäftigten. Die erwirtschaftete Umsatzrendite werde wohl bei einem Minus von 0,2% liegen (2007: +2,6%, 2006: +4,2%). Von diesem Industriezweig, von dessen Mitarbeitern sich gut ein Viertel in Kurzarbeit befindet, sollten wir angesichts der Lage sicherlich in der kommenden Zeit weder Einstellungen noch eine leidenschaftliche Investitionsneigung erhoffen. Angesichts der weltweiten Ausbreitung der Produktionsrückgänge sollte man vielleicht sagen, in den kommenden Jahren sollte man dies nicht erwarten. Wenn beispielsweise koreanische oder andere asiatische KfZ Anbieter 7 Jahre Garantie und 4 Jahre Wartung versprechen und trotzdem noch drastisch tiefere Preise bieten als die abendländische Konkurrenz, da kann man schon einmal hinterfragen, wie tragfähig die zugegebenermaßen bequeme Rolle als gefühlter Qualitätsweltmeister mit entsprechender Preismacht denn eigentlich noch ist. Das betrifft übrigens nicht nur die Automobilindustrie.

Wissend, dass viele Produzenten sich nur durch signifikante Kostensenkungen (Jobaubbau, Investitionsstopp oder –reduktion) halbwegs über Wasser halten können und vor dem Problem stehen, dass es für Banken ökonomisch vollkommen unattraktiv ist, diesen Firmen bei der Finanzierung zu helfen (was dem Eigenkapitalmangel, fehlgeleiteten Staatseingriffen und Zentralbankmaßnahmen zu verdanken ist) dann darf man ruhig ein wenig Trübsal blasen. Der Verlust wäre der erste der Nachkriegsgeschichte, aber das nur nebenbei, um sich die Dimension zu vergegenwärtigen.

Ein weiterer Blick auf die Bewertung der Aktienmärkte kann dann auch nicht mehr viel kaputt machen. Wenn man einmal von den Wunschdaten abweicht, die sich immer auf die erwarteten Gewinne in 2010 oder auch 2011 beziehen, und dennnoch oft nicht als billig zu bezeichnen sind, bekommt man schnell ein klares Bild.

Was man daraus macht, ist natürlich jedem selbst überlassen. Aber nur Mut, bald geht’s ja bestimmt wieder konsensmäßig bergauf. Eine handvoll Kurven steigen ja auch bereits seit Monaten: Aktien, Unternehmensanleihen, Arbeitslosenquoten, Kreditausfälle, Zwangsversteigerungen…

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