Wenn sich ein chinesischer Regierungssprecher schon dazu verpflichtet fühlt, öffentlich zu erklären, dass Chinas jüngst vermeldete Wachstumsdaten von 7% „auf nicht inflationierter Basis“ vorlägen, darf sich jedermann getrost am Kopf kratzen. Sehr interessant ist es, seinen Blick in diesen Tagen einmal auf die asiatische „Vorzeigeökonomie“ Singapur zu werfen. Wer die aktuelle Wirtschaftsentwicklung im Stadtstaat aufmerksam beobachtet, wird nicht umhin kommen, als hochgradig an den aus China vermeldeten Wirtschaftsdaten zu zweifeln beziehungsweise diese als Propaganda zu entlarven.

Von der Globalisierung extrem profitiert

Der Stadtstaat Singapur zählt nach wie vor zu den „Vorzeigeökonomien“ des asiatischen Kontinents. Es ist also kaum ein Wunder, dass Singapurs Wirtschaftsentwicklung an den globalen Finanzmärkten mit Argusaugen beobachtet wird, um darüber auch Rückschlüsse auf die allgemeine Befindlichkeit der gesamtökonomischen Entwicklung in Asien zu ziehen.

Singapurs Wirtschaft gleicht einem sehr offenen System, das in den vergangenen Jahrzehnten hochgradig auf den Ausbau des heimischen Handelssektors gesetzt hat und damit im Zuge der Globalisierung gut gefahren ist. Daher eignet sich Singapurs Konjunkturentwicklung sehr gut, um darüber auch Rückschlüsse im Hinblick auf möglicherweise aufziehende Gefahren für den Nachbarn China und die Weltwirtschaft zu ziehen.

Und zurzeit wird in Singapur die rote Flagge gehisst. Denn das BIP-Wachstum des Stadtstaats brach im 2. Quartal dieses Jahres um 4,6% ein. Analysten sind mehrheitlich der Ansicht, dass dieser deutliche Wachstumsabsturz durch eine sich verlangsamende Konjunkturentwicklung in China ausgelöst wurde. Was sich derzeit in Singapur beobachten ließe, könne sich als sehr gefährlicher Wendepunkt für die asiatische wie auch für die globale Wirtschaft erweisen.

In diesem Hinblick wird automatisch die Frage aufgeworfen, inwiefern das für den Monat Juni gemeldete Exportwachstum Chinas von 2,1% für bare Münze zu nehmen ist?! Weitaus interessanter als die Exportdaten sind nämlich die vermeldeten Importdaten Chinas, die im Juni um 6,7% einbrachen.

Kommen wir an dieser Stelle auf die Entwicklung in Singapur zurück. Vielleicht hilft dieser Rückgang von Chinas Importdaten dabei, zu erklären, weshalb die Industriesektoraktivitäten in Singapur im 2. Quartal um satte 14% gegenüber dem Vorquartal abgestürzt sind. Dasselbe lässt sich in Bezug auf Singapurs Exporte (exklusive Rohöl) nach China beobachten.

Diese Exportaktivitäten sanken im Monat Februar um knapp 23%, im Monat April um 5,1% und im Monat Mai um weitere 4,3%. Im Angesicht eines mit der schnellsten Geschwindigkeit rückläufigen Wirtschaftswachstums seit dem Jahr 2012, rechnen Analysten damit, dass die Interventionen von Staatsseite nicht lange auf sich warten lassen werden.

Schwellenländer suchen verlässliche Partner

Nach der letzten Zinssenkung im Januar dieses Jahres, dürfte es schon bald zu einem weiteren Drehen an der Zinsschraube nach unten durch die Zentralbank kommen. Selbst eine baldige Verabschiedung von neuen Fiskalstimulierungsmaßnahmen wird nicht mehr ausgeschlossen. Nun beginnt sich langsam die Kehrseite des chinesischen Einflusses auf das Wachstum der Weltwirtschaft in den Jahren nach dem Höhepunkt der Finanzkrise abzuzeichnen.

Während sich Chinas Wirtschaft nach einer starken Überhitzung abkühlt, fragen sich die Regierungsvertreter von Brasilien über Südkorea bis hin zu vielen anderen Schwellenländern, auf welche zuverlässige Wachstumsquelle sie in der Zukunft setzen können. Sollen dies etwa die Vereinigten Staaten oder Europa übernehmen? Im Angesicht der aktuellen Entwicklungen wohl kaum. 

Globale Rezession mit Ursprung in Asien

Die vor sich hin dümpelnden „Wirtschaftserholungen“ in den USA und Europa haben sich bereits verlangsamend auf die Exportaktivitäten der in Asien ansässigen Unternehmen – auch in Japan – ausgewirkt. Chinas anhaltende Wachstumsverlangsamung droht den asiatischen Industriesektor in eine Rezession zu stürzen.

So sieht man die Dinge auch bei der US-Großbank Morgan Stanley. Dort warnen Analysten davor, dass das Einsetzen der „nächsten globalen Rezession durch China verursacht wird“. Angefügt wurde im Hinblick auf die aktuelle Lage in Singapur auch, dass Chinas Wachstum sich nicht annähernd bei 7% befinden könne, wenn die deutlich rückläufige Wirtschaft in Singapur in Betracht gezogen werde.

Nicht nur Singapur, sondern auch Malaysia, Indonesien und Thailand blicken einem Rücklauf ihrer Wirtschaften entgegen. Das sich in China verlangsamende Wirtschaftswachstum wirkt sich bereits deutlich auf die Aktivitäten von dessen asiatischen Hauptkunden aus. Pekings in den vergangenen Jahren erzeugte Blasenökonomie wird nun auch zu einem Problem für die ganze Welt.

Denn immerhin hatte die Wirtschaftskraft Chinas in den letzten Jahren bereits einen Anteil von 23% an dem globalen Wachstum erreicht. Neueste Daten zeigen, dass dieser Anteil bis Ende 2014 bereits auf 38% geklettert ist. Hinzukommt, dass China Rohstoffimporte die Preise an den Rohstoffmärkten in den letzten Jahren hochgradig beeinflusst haben.

Gerade Länder wie Brasilien (Eisenerz und Soja) oder Südafrika (Edel- und Basismetalle) sind hochgradig von der Preisentwicklung an den internationalen Rohstoffmärkten abhängig. Erweisen sich die Kurse hier weiter rückläufig, wird sich dies auch empfindlich negativ auf das zukünftige Wachstum dieser Staaten auswirken – und damit auch aufs globale Wachstum.