Sind es „Spekulanten in London“, die für die Anstiege der Preise für Agrargüter sorgten? Oder sind wir allgemein zu viele Menschen und die Äcker und Zisternen ausgequetscht?

Die steigenden Preise an den Agrarmärkten stellen für viele Menschen auf dem Planeten eine existenzielle Bedrohung dar. So dürften viele, von westlichen Politkern gerne mit dem Siegel „Freiheitsbewegung“ versehene Unruhen, eine wichtige Ursache in der schwieriger und teurer werdenden Lebenshaltung haben.

Eines zeigen die Preise, die Menschen bekommen ernste Probleme durch die schwindende Größe und Qualität der weltweiten Ackerflächen. Diese müssen für die Ernährung einer stetig wachsenden Weltbevölkerung ausreichen, während gleichzeitig hie und da die Scholle lieber zur Treibstoffproduktion genutzt wird. Bei einem Blick auf die Importquoten, die verschiedene Länder Nordafrikas aufweisen, darf sich durchaus Nachdenklichkeit einstellen. Zu berücksichtigen ist zudem der deutliche höhere Anteil an den gesamten regelmäßigen Ausgaben, die für Lebensmittel anfallen.

Während in vielen westlichen Ländern, der Ausgaben für Auto und Treibstoff bei weitem über den Ausgaben für Essen und Trinken liegt, geben in weiten Teilen des Planeten viele Menschen oft 75% ihrer Einnahmen oder mehr für Lebensmittel aus. Ein Anstieg der Preise schlägt rasch und hart auf die Lebenssituation der Menschen durch. Das kürzlich in den Fokus gerückte Ägypten schneidet diesbezüglich im direkten Vergleich noch relativ gut ab.

Sieht man einmal von der ohnehin oft brutalen Volatilität an den Rohstoff-Terminmärkten ab, so ist der Blick auf die längerfristigen Zeitreihen erschreckend. Im Grunde sieht es so aus, als hätten die Preise schlichtweg eine dekadenlange breite Seitwärtsphase signifikant nach oben verlassen. Führt man sich die Dauer der seitwärts laufenden Preise vor Augen, so dürfte sich hier eine Menge Potenzial aufgestaut haben.

Um es mit James Rogers zu sagen: „Agrarrohstoffe sind zu billig“. Dieser Satz wird gerne herangezogen, um den oft polternd daherkommenden Mann zu diskreditieren (was ihn freilich wenig stören dürfte). Dabei ist die Kernaussage nicht falsch. Rogers sieht die Dinge marktwirtschaftlich und weiß, dass es nicht ausreicht, wenn einige Idealisten mit viel Einsatz im Agrargewerbe arbeiten. Er weiß um die nötige finanzielle Attraktivität, die den entsprechenden Jobs abgeht. Klar, es ist wesentlich einfacher, für ein sechsstelliges Salär tagsüber im trockenen Hochhaus über Bloomberg ein paar Anleihen zu handeln, als sich um den Acker oder die Tiere kümmern zu müssen und so gerade eben über die Runden zu kommen.

Die fundamentale Lage deutet darauf hin, dass die Preise für Agrargüter nachfragebedingt angezogen haben. Eine absichtliche Schwächung der Währung ist in diesem Zusammenhang natürlich wenig hilfreich. Sondereffekte, wie der 40%ige Einbruch der russischen Ernte tragen zu einer Verschärfung des laufendenden Trends bei, was wiederum Investoren anzieht. Ein besonders kritischer Punkt ist die Wasserversorgung in den Anbaugebieten. Es ist nicht so, dass es dort, wo Getreide angebaut und benötigt wird, überhaupt kein Wasser gibt. Allerdings wird auf Grund des Druckes, mehr zu produzieren, die Wasserreserven deutlich schneller angezapft werden, als sie sich wieder auffüllen können. Von Nachhaltigkeit kann hier nicht einmal im Ansatz die Rede sein. Eines der traurigsten Kapitel in dieser Geschichte ist der Ausbau des Baumwollanbaus an den Zuflüssen des Aralsees in Zentralasien. Durch den Ausbau der Bewirtschaftung und die Schaffung gigantischer Bewässerungsnetze gelang es zwar, die Produktion nach oben zu fahren. Den See hat es dabei aber erwischt, die ökologischen Folgen sind dramatisch. Für dieses Phänomen, Wasserquellen zu sehr zu beanspruchen, gibt es in der englischen Sprachwelt den Begriff overpumping.

Viele Staaten in trockenen Regionen der Erde haben durch dieses Ausquetschen der Reservoirs eine ganze Weile lang ihre Produktion über dem nachhaltig möglichen Niveau gehalten. Nur ein Beispiel für diese Vorgehensweise ist Saudi Arabien. Wie die unten stehende Grafik zeigt, ist ein deartiges Prozedere latent instabil, so dass es zu raschen Einbrüchen bei der Produktion kommen kann. Ein Blick auf die Skala verdeutlicht die katastrophalen Ausmaße der Kontraktion.

Die Saudis wurden unabhängig von Weizenimporten, als im Land ein nicht wieder auffüllbares, geschlossenes Wasserreservoir angezapft wurde. Im Jahre 2008 wurde bekannt gegeben, dieser Vorrat sei annähernd erschöpft. Wenn die Produktion weiter sinkt kann das Land bereits in wenigen Jahren vollkommen von Weizenimporten abhängig sein. Keine schönen Aussichten bei einer Bevölkerung von immerhin 30 Millionen Menschen.

Die Ursachen der Versorgungsprobleme sind nicht neu. Hier eine kurze Auswahl:

  • Das Angebot an Anbauflächen ist nicht unbegrenzt steigerungsfähig
  • Verringerung von Ackerflächen und Bodenqualität, Versandung, Erosion
  • Nicht nachhaltiger Wassereinsatz, sinkende Wasserspiegel
  • Abschwächendes Wachstum bei den Erträgen pro Flächeneinheit
  • Steigende Nachfrage
  • Wachsende Weltbevölkerung
  • Climbing up the food chain“ – Menschen essen mehr Fleisch, was für einen überproportionalen Anstieg des Getreidebedarfs sorgt
  • Treibstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen: Konkurrenz bei den Agrarflächen

Auch in China wachsen die Sorgen um die Versorgung der Bevölkerung. Die voranschreitende Versiegelung von Flächen und eine brachiale Industrialisierung mit allen ökologischen Nebenwirkungen führte zu wachsenden Abhängigkeiten.

Auch in China wachsen die Sorgen um die Versorgung der Bevölkerung. Die voranschreitende Versiegelung von Flächen und eine brachiale Industrialisierung mit allen ökologischen Nebenwirkungen führte zu wachsenden Abhängigkeiten…

Erze kann man über Jahre nach China schiffen und auf Halde liegen lassen, bis man sie benötigt. Mit Mais geht das nicht, so dass auch die Verträge mit ausländischen Farmern zwar von der Grundidee clever sind, im Notfall aber nichts bringen werden. Wenn weltweit das Getreide knapp wird, wird das Vertragsrecht sicher von der einen oder anderen Partei etwas lockerer gesehen.

Bei den Sojabohnen ist die Entwicklung von Erträgen und Verbrauch ebenso faszinierend wie erschreckend.

In nur 15 Jahren wurde aus einem Selbstversorger mit Sojabohnen ein Land, das rund 75% der benötigten Hülsenfrüchte aus dem Ausland einführen muss. Auch bei anderen Getreidearten ist China schon Nettoimporteur geworden oder ist auf dem besten Wege dahin. Wie weit lässt sich dieser Bogen spannen?

Derweil sind die Weizenlager weltweit nicht mehr so üppig gefüllt wie das noch vor einigen Jahren der Fall war. Die Annahme, die Preise stiegen einfach nur so aus Spaß, greift deutlich zu kurz. So schön an den nachwachsenden Rohstoffen die schlichte Tatsache ist, dass sie eben Jahr für Jahr nachwachsen, so schwierig ist eine dauerhafte Lagerung nennenswerter Mengen. Erze können – genügend Platz vorausgesetzt – quasi unbegrenzte Zeit vorgehalten werden ohne Qualitätseinbussen oder gar einen Totalverlust befürchten zu müssen. Bei Mais, Weizen, Reis und Co sieht das schon anders aus. Die aktuellen Lagerbestände umfassen in der globalen Betrachtung derzeit einen Vorrat von 60 Tagesrationen. Wie die Qualität dieser Reserven ist, und ob diese Zahl zu optimistisch ist, lässt sich schwer beurteilen. Sollte allerdings ein ernster Zugriff auf die Reserven erfolgen, so werden sich die Preise am Weltmarkt nicht auf Grund irgendwelcher Spekulanten bewegen, sondern schlicht weil es zu einem Kampf um knappe Ressourcen kommt.

Beim Anblick auf den oben dargestellten Chart möchten wir uns eine Dürre in den Hauptanbaugebieten in den USA oder auch eine gefährliche Pflanzenkrankheit nicht vorstellen. Schon ein einziges Jahr mit einer deutlich reduzierten Ernte würde für üble Verwerfungen sorgen – sowohl preislich als auch politisch.

Die wachsende weltweite Konkurrenz ist bei Agrargütern untrennbar mit den Anbauflächen verbunden. Das Endprodukt ist transportabel, der Acker ist es nicht. Als Argument, warum die künftige Versorgung der Weltbevölkerung unproblematisch sein sollte, ist die stetig steigende Rendite, also der Ertrag pro Hektar. Wir halten es für fraglich, ob sich eine historische Steigerung der Erträge einfach in die Zukunft übertragen lässt. Die Erträge beim Weizen sind laut UN Ernährungsbehörde zwischen 1992 und 2002 weltweit um jährlich 1,1% angestiegen. Positive Beiträge resultieren aus verbesserten Anbautechniken, Einsatz von Maschinen und einer Optimierung des Düngereinsatzes. Negative Faktoren sind unter anderem eine Verschlechterung der Bodenqualität.

Der Anstieg der Erträge pro Flächeneinheit zeigt laut UN FAO ein schwaches aber stetiges Wachstum. Auf den ersten Blick klingt dies positiv, die Sache hat aber einen Haken. Die Flächen, auf denen überhaupt Ernten eingefahren werden können, schrumpfen weltweit. Viele dieser Flächen werden auf absehbare Zeit nicht mehr für den Anbau zur Verfügung stehen. Ein bisschen erinnern die Statistiken zu den pro Flächeneinheit erwirtschafteten Feldfrüchten an die Daten zum US Einzelhandel. Die Geschäfte, die nicht pleite sind, wachsen. Die Läden, die verschwinden und somit einen Umsatz von Null haben, kommen in der Statistik nicht mehr vor. So ensteht der Eindruck von Wachstum, das in der Realität nicht existiert. Das soll keine Kritik an den Daten der UN FAO sein, es soll nur sensibiliert werden, bestimmte Daten nicht isoliert zu betrachten. Auf diesen wichtigen Punkt weist die Behörde in ihren Veröffentlichung übrigens deutlich hin.

Wollen wir nun einen Blick auf die Tendenzen bei den landwirtschaftlich nutzbaren Flächen auf dem Globus werfen. Aufschlussreich sind diese Statistiken vor allem in der pro-Kopf Betrachtung, die das Bevölkerungswachstum in die Betrachtung einbezieht.

Die Entwicklung in Ländern mit starkem Bevölkerungswachstum ist naturgemäß beeindruckend. Ein weiteres Problem in Ländern mit starkem Wirtschaftswachstum, wachsender Bevölkerung und im Mittel noch vergleichsweise niedrigem Lebensstandard ist das bereits oben erwähnte climbing up the food chain. Menschen essen – nicht böse sein, liebe Vegetarier – im Mittel mehr Fleisch. Die Produktion erfordert wesentlich mehr Agrargüter als Futtermittel, als dies bei pflanzlicher Ernährung der Fall ist. Dies sorgt für eine Verschärfung der Angebots- und Nachfragesituation mit den unausweichlichen Dynamiken bei den Preisen.

Wenn Politiker bei öffentlichem Unmut nun Spekulanten geißeln und von Preiskontrollen schwafeln festigt dies nur die strukturellen Probleme. Ein gesunder Agrarsektor braucht die entsprechenden Preise. Wenn es sich nicht lohnt, Agrargüter herzustellen, weil man damit zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel verdient, warum sollten Menschen sich in diesem Sektor versuchen?

Für so genannte Repräsentanten aber mag dies zu kompliziert sein. Vor gar nicht langer Zeit schafften es einige von ihnen sogar in den Medien am gleichen Tag gegen zu hohe Butter und zu niedrige Milchpreise zu wettern. Wer weiß, vielleicht wird zukünftig der Butterpreis von der Bundesagentur für Streichfette auf einen Pfundpreis von €0,34 festgelegt. Die zu ebenfalls neu zu schaffende Kommission für Milchpreise des Deutschen Bundestages wird im gleichen Zug den Milchpreis für Verkäufer auf €1,30 und für Käufer auf €0,20 festlegen. Basta! Die Differenz wird einfach über eine neu zu schaffende Steuer finanziert, gegebenenfalls finanziert man das Loch auch über Schulden, die ja heute Sondervermögen heißen. Wie wäre es mit Sondervermögen zur Förderung der Agrar- und Kulturlandschaften in der Bundesdeutschen Milchwirtschaft. Das sollte schwachsinnig genug sein, um gute Chancen zu haben, irgendwann Realität zu werden.

Ob es nun erlaubt sein sollte, mit Termingeschäften auf Rohstoffe zu handeln? Keine einfache Frage, denn die Rolle des Terminhandels ist schon wegen der gebotenen Liquidität im Handel nicht zu unterschätzen. Vielleicht gibt es aber einfache Regelungen, die nicht nur an den Futuresmärkten sofort umgesetzt werden könnten. Diese könnten implementiert werden, ohne dem Markt zu schaden und durch Illiquidität erst recht massive Preisbewegungen zu fördern. Klare Positionslimite, Anhebung der teils aberwitzig geringen Margins für reine Handelshäuser und eine Abschaffung des im Rahmen des Algo-Tradings ablaufenden ultrakurzfristigen Tradings wären sofort umsetzbar und ständen nicht im Verdacht, der Einführung der Planwirtschaft den Weg zu bereiten. Letztere findet sich derzeit ohnehin eher im Rahmen der Bankensubventionierung und der aktuellen Politik zahlreicher Zentralbanken. Kritik aus dieser Branche muss daher nicht so ernst genommen werden.

Ob die Welt unbedingt Mais- oder Schweine ETFs braucht darf ebenfalls bezweifelt werden. So genannte Repräsentanten, die sagen, der „Bürger kann sich über diese Produkte gegen die Inflation absichern“, sollten sich lieber primär um die Auswüchse der Geldpolitik kümmern. Inflationäre Tendenzen werden nicht von Außerirdischen auf die Erde gebracht. Es ist ohnehin kaum zu ertragen, wie teilweise fachlich offenbar völlig unkundige Personen in unwürdigen Auftritten gleichzeitig die Politik von Fed und EZB lobpreisen und simultan über Preisanstiege und Spekulation wettern. Das muss man erst einmal in einem einzigen Satz zustande bringen.

Gegen die Kräfte von Angebot und Nachfrage ist – im wahrsten Sinne des Wortes – kein Kraut gewachsen. Etwaige politisch motivierte und oft überstürzt abgesegnete Preiseingriffe heilen das Problem nicht. Sie führen in die Irre und wirken wie Valium – mir ist schlecht aber das ist mir egal. Angesichts des Verhaltens der großen Vorsitzenden bei der Finanzkrise möchte man sich lieber nicht ausmalen, was bei einer deutlichen Verschärfung der Lage an den Lebensmittelmärkten so alles verkündet würde. So leicht wie mit den Banken wird es mit dem Magen aber nicht. Geld kann man drucken und die Folgen von heute auf morgen verschieben. Bei einer Kartoffel sieht das schon ganz anders aus.

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