Was die Präsenz der türkischen und der US-Armee in Syrien angeht, so handelt es sich hierbei um ein völkerrechtswidriges Unterfangen.

Die syrische Regierung unter Präsident Assad hatte weder Washington noch Ankara dazu eingeladen, Truppen auf dem Territorium Syriens zu stationieren. Dieses Privileg wurde nur der Armee Russlands und des Irans gewährt, im Kampf gegen die radikalsunnitischen IS-Banden, die niemals hätten so stark werden können - weder in Syrien noch im benachbarten Irak - wenn der Westen nicht über Jahre hinweg alles unterstützte, was gegen Assads Herrschaft antrat.

Das Scheitern der USA in der Region

Die strategische Planung der USA in der Region ist seit langem gescheitert, sie bröckelt an allen Ecken und Enden, verfügt weder über Sinn und Ziel, noch über geopolitischen Sachverstand.

Während die Türkei dieser Tage mit einen weiteren Einmarsch in Nordsyrien droht, haben die Amerikaner dem nichts entgegenzusetzten und lassen ihre engen Verbündeten beim Kampf gegen den IS, die kurdischen Kämpfer der YPG, fallen wie eine heiße Kartoffel.

Dieses Szenario ist umso bedrohlicher, da nicht nur zehntausende türkische Soldaten an der Grenze aufmarschiert sind, sondern auch noch Söldnerbanden, die sich aus ehemaligen Kämpfern des IS und Al-Quaida rekrutieren und von Ankara „Syrische Nationalarmee getauft wurden.

Die Türken versuchen nicht nur das kurdische Selbstverwaltungsgebiet Rojava zu zerstören, sondern dadurch auch noch eine ethnische Flurbereinigung zu gestalten, die zukünftig weitere kurdische Autonomiegebiete an der türkischen Südgrenze verhindern sollen.

Der türkische Präsident Erdogan hatte schon angekündigt, dass er in den kurdischen Gebieten Nordsyriens 3,5 Millionen syrische Flüchtlingen ansiedeln möchte, die noch in der Türkei leben. Bei diesen Menschen handelt es sich größtenteils um sunnitische Araber, aus dem Inneren Syriens, die dort die kurdische Mehrheit untermauern würden. Ähnliches wurde ja auch schon in den anderen von türkischen Truppen okkupierten Gebieten in Nordsyrien propagiert.

Ankaras geplanter sunnitisch-arabischer Gürtel

Aus der Perspektive Ankaras sollen diese sunnitisch-arabischen Gürtel dafür sorgen, kurdische Autonomiebestrebungen im Keim zu ersticken.

Erdogan ist sich der Tatsache bewusst, dass Donald Trump nichts dringender benötigt, als Ruhe an der syrischen Front, um nicht noch mehr außenpolitische Scherbenhaufen zu produzieren.

Bereits mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen in den USA im kommenden Jahr drängt Erdogan Trump daher erfolgreich zu mehr Zugeständnissen.

Erdogan, der nach den verlorenen Kommunalwahlen in Ankara und Istanbul innenpolitisch angeschlagen ist, versucht mit dem Konflikt in Nordsyrien auch von den wirtschaftspolitischen Krisen im eigenen Land abzulenken. Ein Krieg gegen die Kurden in Nordsyrien würde die seit der Istanbul-Wahl zusammengerückte Opposition aus der kemalistischen CHP sowie der vor allem unter Kurden verankerten linken HDP wieder zerbrechen lassen, so hofft der türkische Präsident.

Washington windelweich

Washington betonte immerhin, dass die geplante türkische Offensive nicht von Seiten der USA unterstützt wird.

Die Türkei wird bald mit ihrem lange geplanten Einsatz in Nordsyrien voranschreiten“, hieß es aus dem Weißen Haus. Die US-Armee werde die türkische Offensive „weder unterstützen noch darin involviert sein“. Deshalb würden die US-Soldaten nach dem „Sieg“ über die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) aus der Region zurückgezogen.

Die Frage stellt sich nur, um was für einen Sieg es sich handeln soll, wenn ehemalige IS-Kämpfer im Schlepptau der türkischen Armee zurückkehren, um die Kurden zu beseitigen?

Hier entlarvt sich das ganze Dilemma der westlichen Nahost-Politik.

Den kurdischen Kämpfern wir nichts anderes übrig bleiben, als sich den syrischen Regierungstruppen anzunähern, um wenigstens einigermaßen die blutig erkämpften Freiheitsrechte erhalten zu können.

US-Medien sehen diese Perspektive ebenfalls und schlagen Alarm. Befürchtet wird unter anderem, dass die YPG-Miliz wegen Gefechten mit türkischen Truppen ihre Anti-Terror-Aufgaben vernachlässigen müsse, beispielsweise die Sicherung von inhaftierten IS-Kämpfern. Auch wird laut „New York Times“ befürchtet, dass sich die Kurden im Kampf gegen die Türkei mit der syrischen Regierung unter Machthaber Baschar al-Assad verbünden könnten.

Was die New York Times fürchtet, nennt man die territoriale Integrität eines Staates.

Die Frage kommt auf, wann Politiker und führende Medien im Westen - die sich in den letzten Jahren wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert haben - angesichts ihrer Rolle im Syrien-Konflikt endlich bereit sind, die Realitäten anzuerkennen, nämlich dass der Versuch, die Regierung Assad zu stürzen, gescheitert ist.

Wenn man dazu bereit ist, ist auch ein Ende der aufgeworfenen ethnoreligiösen Konflikte in Sicht.

Bis dahin sind die Kurden Nordsyriens, wie auch im benachbarten Irak, die den höchsten Blutzoll bei ihrem tapferen Kampf gegen den IS geleistet haben, wieder auf sich alleine gestellt.

Fazit

Eine Lösung der Krise in Nordsyrien ist nur dann in Sicht, wenn die syrische Regierung in Damaskus und die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien einen Ausgleich finden. Die ausländischen Mächte, welche sich ohne Mandat der syrischen Regierung im Lande aufhalten, nämlich Washington und Ankara, müssen Syrien verlassen. Dass Damaskus dazu in der Lage ist, eine Rückkehr des IS zu verhindern, zusammen mit seinen schlagkräftigen Verbündeten Russland und Iran, wurde schon bewiesen.