Die versammelte Wirtschaftsweisheit durfte unlängst wieder ihre Tipps für die Konjunkturlotterie abgeben. Hier gab es wie immer wenig Aufschlussreiches, die Veranstaltung ist denn auch eher für Freunde langwieriger Telenovelas geeignet. Ein bisschen Wachstum hier, ein paar Gefahren dort, alles wie gehabt. Die Prognosen, die in den vergangenen Jahren von den Weisen hervorgebracht wurden, wollen wir hier nicht in aller Breite ausführen. Ein kurzer Chart, der die Prognosen des so genannten Sachverständigenrates bezüglich des BIP Wachstums in der BRD der Realität gegenüberstellt macht trotzdem Laune.

Nun ist es sicherlich nicht einfach, eine wirtschaftliche Entwicklung zu prognostizieren. Doch stellt sich die Sinnfrage, was der Betrachter mit einer derartigen Schätzung eigentlich anfangen soll. Der Sachverständigenrat dient der Bundesregierung und soll – so ist zu vermuten – ein klein wenig ökonomischen Sachverstand in die politischen Gremien tragen. In einer geradezu bizarr verfahrenen Situation, in der sich ein Minister nicht zu schade ist, einen Aufschwung XL auszurufen, ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass weite Teile der westlichen Wirtschaftshemisphäre nur noch mit gedrucktem Geld über Wasser zu halten ist, fragt man sich, ob dieses noble Ansinnen nicht gescheitert ist.

Die Frage des Sinns, regelmäßige vom „Rat der Weisen“ verbreiteten Papiere, die oftmals den Eindruck allzu offensichtlicher political correctness erwecken, wird auch durch eine weiter gehende Betrachtung nicht beantwortet. Zumindest sollte ein Konsument der Prognosen erwarten können, dass bei aller Fehlerhaftigkeit der Schätzung hinsichtlich der Entwicklung des Wachstums wenigstens die Richtung stimmt. Verstärkt sich das Wachstum oder kommt es zu einer Verlangsamung? Leider scheint das Gremium schon mit dieser Frage nicht zurechtzukommen.

In den vergangenen acht Jahren lag man in Bezug auf die Frage Gaspedal oder Bremse satte drei Mal richtig. In fünf Jahren lag man selbst bei dieser Grund legenden Frage der Prognose daneben, das ist nun wirklich eher komisch als bitter. Wir sind weit davon entfernt, eine solch kleine Datenmenge als halbwegs sinnvollen Stichprobenumfang anzusehen. Allerdings sind die Datenreihen kein besonders geeignetes Marketinginstrument zur Förderung der Beibehaltung des so genannten Sachverständigenrates. Wenn eine Regierung sich derart beraten lässt, wohl aus der Einsicht heraus, noch schlechter informiert zu sein als die Ratgeber, lässt das tief blicken.

Auch bei der staatseigenen KfW ist man freigiebig mit Prognosen. Besonders interessant ist in den vergangenen Jahren der Fundus der Voraussagen zum Kreditmarkt, die für jeden zugänglich auf der Website der Bank einzusehen sind.

Unter dem nassforschen Titel „Wo ist die Kreditklemme?“ sahen die Auguren des Institutes keinen Anlass, von einer Schrumpfung des Kreditneugeschäfts auszugehen.

Die Verfasser des Papiers schrieben:

Der Trend zu abnehmenden Wachstumsraten von zuvor außergewöhnlich hoher Dynamik auf dem Unternehmenskreditmarkt und damit zu einer gewissen Normalisierung hat sich aber wie erwartet fortgesetzt. Dieser Prozess wird in der Tendenz auch anhalten, im 2. Quartal aber vermutlich unterbrochen werden. Wir erwarten für das 1. Quartal im Vorjahresvergleich ein Wachstum im Bereich von 1 bis 4 Prozent (als gleitendes Mittel über zwei Quartale). Anschließend gehen wir für das 2. Quartal von einem leicht höheren Zuwachs aus, der im Korridor von 2 bis 6 Prozent liegen dürfte.

So weit so gut. Leider entpuppte sich das Jahr 2009 ausgerechnet als dasjenige mit der stärksten Schrumpfung des Kreditneugeschäfts mit Unternehmen seit Beginn der Datenerhebung. Im März 2010 hieß es dazu bei der KfW:

Zum Jahresende 2009 schrumpfte das von uns berechnete Kreditneugeschäft der deutschen Kreditinstitute mit Unternehmen und Selbstständigen1 um knappe 18 % gegenüber dem Vorjahresquartal (gleitende Zuwachsrate über zwei Quartale). Damit ist ein neuer Negativrekord am Markt für Unternehmenskredite zu konstatieren.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, in der zugehörigen Grafik sieht das Ganze folgendermaßen aus.

Nun freuen sich die Autoren über eine trotzdem nicht vorhandene Kreditklemme. Grund zum Jubel ist dies aber nur bei einer völlig auf den Kopf gestellten Argumentation. Die sinkenden Kreditvolumina in einem kreditbasierten System sind – auf beiden Seiten des Atlantiks – Ausdruck einer kollabierten Nachfrage nach neuen Krediten. Attraktive Investitionsmöglichkeiten, die eine Erhöhung des Fremdkapitals rechtfertigen, sind Mangelware. Bedeutsam ist lediglich die Refinanzierung alter Kredite zu günstigeren Konditionen. Im Hinblick auf die per EU Stützungspaketen und globaler Gelddruckerei subventionierten deutschen Exporte darf sich der Betrachter fragen, wie reizvoll sich eine Ausweitung der Kapazitäten darstellt.

Im aktuellen Kreditmarktausblick gehen die Wiederaufbaubanker nun wieder von einem starken Wachstum des Neugeschäfts aus, nachdem im März die Prognosen, in der Grafik gut zu erkennen, noch deutlich nach unten zeigten. Ein gewisses prozyklisches Verhalten im großen Ratespiel ist nicht zu übersehen, sonderlich gut gelegen haben die Ratenden mit dieser Methode bisher nicht. Es bleibt den Prognostikern die Hoffnung auf den Basiseffekt, der sich oft als hilfreicher Geselle herausstellt. Ansonsten bleibt es beim alten Gag: Prognosen sind schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen.

Nun sollen hier gar nicht die vielen Prognostiker gescholten werden, denn das genaue BIP-Wachstum des Folgejahres oder die genaue Entwicklung der Kreditvergabe vorauszusagen ist wohl eher etwas für Graf Zahl. Angesichts der massiven Fehler der Vergangenheit und Gegenwart darf der Sinn dieser Prognosen aber angezweifelt werden – vor allem vor dem Hintergrund, dass es diese Papiere sicherlich nicht zum Nulltarif gibt. Vielleicht wäre, falls man das Prognoseabo nicht kündigen will, eine leistungs-, respektive trefferorientierte Vergütung eine Alternative.