Lange vor der Kiellegung des DAX war der Schreiber dieser Zeilen an der Schöpfung des Index der Börsen-Zeitung beteiligt, aus dem heraus dann später, 1988, der DAX (weiter)entwickelt wurde. Dabei wollten wir damals bei der Börsen-Zeitung den Index gar nicht los werden. Im Gegenteil. Doch als wir damals die neuen EDV-Möglichkeiten der Börse zur Lieferung von Kursen im Minutentakt nutzen wollten, um unseren Index auch minütlich, und nicht mehr nur alle halbe Stunde, zu berechnen, kam einer der Geschäftsführer der Frankfurter Wertpapierbörse dummerweise auf den Trichter, dass einen solchen fortlaufend berechneten Index die Börse eigentlich selbst anbieten müsse. Schade drum, aber wir waren damals dem Geschäftsführer Dr. Rüdiger von Rosen nicht böse sondern setzten uns an einen Tisch und überführten den Index Börsen-Zeitung mit seiner Historie in den DAX. Dabei leistete mein Mitarbeiter Frank Mella in seiner auch heute noch lesenswerten Broschüre „Dem Trend auf der Spur – der deutsche Aktienmarkt 1959 – 1987 im Spiegel des Index Börsen-Zeitung“ hervorragende Pionierarbeit. Und Manfred Zass, damals Vorstandsmitglied der Deutschen Girozentrale, steuerte dann den „Markennamen“ DAX bei.

Damals wurden beim Index Börsen-Zeitung per programmiertem Handcomputer 4mal während der damals nur 2 Stunden von 11Uhr 30 bis 13:30 Uhr dauernden Börsensitzung die Kurse der 30 DAX-Werte eingetippt wurden; und dann wurde, wenn keine Besonderheiten vorlagen, die Summe quasi durch 30 dividiert. Fertig war der Index. Bewusst hatten wir damals alle Werte im Index gleich gewichtet, wofür es sicher auch einige Gegenargumente gab. Wenn dann nicht spätestens um 12Uhr30 der erste BZ-Index in der Frankfurter Börse an der Tafel stand, dann hingen schnell Reuters und andere Agenturen an der Strippe um zu erfahren, wie die Tendenz in Frankfurt war.

Ein Index verändert sich mit den Börsenstrukturen

Die Deutsche Börse hat dann im Laufe der Jahre entsprechend den Entwicklungen an den Märkten und anderen großen Börsenplätzen aus diesem ersten DAX in Form des überwiegend – aber nicht immer richtig -  benutzten Performance-Index und des vernachlässigten Kurs-Index eine ganze Index-Familie entwickelt: Deutsche Indizes, Strategie-Indizes, Internationale Indizes, Alternative Indizes und Renten-Indizes (vergl. DAX-Indices....). Damit dürfte Frankfurt eines der am weitesten fortentwickelten Index-Systeme und ein geballtes Index Know How aufweisen. Und nicht nur, dass sich die DAX-Familie vergrößert hat, hat darüber hinaus eine Kommission von Spezialisten aus den unterschiedlichsten Finanzhäusern an der Frankfurter Börse ganz wesentlich dafür gesorgt, dass das Index-Konzept entsprechend den Entwicklungen an und den Bedürfnissen der Märkte ständig verändert und feinfühlig verbessert worden ist. Denn heutzutage sind Indizes nicht mehr nur eine Meßlatte für das Geschehen an den jeweiligen Märkten, sondern bilden selbst wieder die Bezugsbasis für vielfältige, nicht unbedingt für Anleger immer sinnvolle Anlageinstrumente, mit deren Hilfe sich die Welt der börslichen Geldanlage sehr verändert hat.

Viele Sachfragen zu entscheiden und weiter zu entwickeln

Von Anbeginn an lagen viele Fragen auf dem Tisch, die zu beantworten und im Laufe der Jahre auch weiter zu führen waren.

Es fängt an bei der Frage, welches Kapital der Gesellschaften erfasst werden soll. Nach vielem Hin und Her entschied die Kommission sich für den Free Float, also das frei verfügbare Kapital, das also nicht dauerhaft bei Großaktionären lag. Aber dann stellt sich sofort die nächste Frage, was denn wirklich als frei verfügbar angesehen werden soll? Wie sieht es beispielsweise aus mit dem Dauerbesitz von großen Fondsgesellschaften? Man entschied sich dafür, diese Aktien mit in die Indexberechnung bzw. die Gewichtung des Wertes rein zu nehmen, zumal die Fondsmanager jeden Tag eine Veräußerung diese Aktien beschließen können. Eher nein aber entschied die Kommission zum Besitz von Private Equity Gesellschaften, denn diese Beteiligungsgesellschaften halten ihre Beteiligungsquote überwiegend sechs bis acht Jahre in ihrem Besitz.

Mindestens 10 Prozent handelbares Kapital

Weitere Fragen: welche Aktienkategorie sollte reingenommen werden, Stämme oder Vorzüge? Antwort: Dort wo die höchsten Börsenumsätze sind.

Was ist bei hohem Festbesitz? Bei 95% flogen die Werte aus dem Index. Wer heutzutage rein will, muss mindestens 10 Prozent handelbares Kapital aufweisen.

Welches Gewicht darf ein Wert im Index haben? Das war damals, so erinnert sich der von Anfang an tätige Kommissionsvorsitzende Heinz-Jürgen Schäfer, das Problem Telekom, die beim Börsengang damals ein Gewicht im Index von 18 Prozent gehabt hätten, was unweigerlich zu Brüchen im Konzept geführt hätte. Folglich wurde der Höchstsatz erst mal generell auf 15, später dann auf 10 Prozent gesenkt. Bei der Telekom hat sich das Problem durch den Kursverfall inzwischen von selbst gelöst!

Keine Entscheidungsspielräume mehr für Aufnahme oder Rausschmiss

All diese Fragen und Probleme bzw. der Anpassungserfordernisse waren in die Index-Konzepte im Laufe der Jahre einzubauen und sind in einem detaillierten, ständig aktualisierten und inzwischen 57 Seiten umfassenden Leitfaden festgehalten (vergl. deutsche-boerse.com). Heutzutage sind alle Details für jedermann transparent und nachvollziehbar, zumindest beim DAX30. Jeder kann sich ausrechnen, wer voraussichtlich rausfliegt und wer nachrücken dürfte. Heute gibt es also im DAX30 keine Entscheidungsspielräume mehr für die Kommission, was früher doch auch mal etwas anders war. Etwas anders liegt der Fall auch heute noch bei den anderen DAX-Indizes. Dort besteht hier und da noch Spielraum, weshalb eine qualifizierte Beurteilung durch die Marktkenntnisse der Kommissionsteilnehmer, über das die Börse in dieser Form selbst nicht verfügt, so wichtig ist. Übrigens ist der Kreis der Kommissionsmitglieder heute wesentlich größer und breiter angelegt als dies früher der Fall war. Heute gehören zum Beispiel auch Vertreter von Investmentfonds und auch von ausländischen Banken dazu. Schließlich halten, was sich im Laufe der Jahre mächtig verändert hat, ausländische Anleger über 50 Prozent der DAX-Aktien, bei der Deutschen Börse selbst sind es sogar über 80 Prozent. Sicher kein Zeichen für eine besonders große Affinität der risikoscheuen Deutschen zur Aktie.

Im DAX sein ist sicher ein Aktivum

In den frühen Jahren des DAX war sicher die Transparenz nicht so gegeben wie heute, so dass den Börsianern nicht klar war, wer rein kommt und wer raus fliegt. Und eine Mitzugehörigkeit zum DAX30 war immer schon ein Aktivum, zahlte sich oft auch kursmäßig aus. So kann oder will denn auch niemand bestätigen, was uns Journalisten gelegentlich zu Ohren kam, dass es früher auch schon mal unkeusche Angebote an Kommissionsmitglieder gegeben habe, vor Sitzungen der Kommission doch durchblicken zu lassen, wer rein kommt und wer rausfliegt. Denn damit war oft einiges Geld zu verdienen. Eine Aufnahme in den DAX hatte hier und da doch deutliche Kurssteigerungen zur Folge, umgekehrt bei dem, der raus flog, worauf ja auch spekuliert werden kann. Eine Maßnahme zur Verhinderung solcher Vorgänge war von vorneherein die Vorgabe, dass sowohl die Sitzungstermine der Kommission als auch die Namen der Mitglieder unter Verschluss gehalten wurden. Was allerdings schon auf die Bedeutung der damaligen Kommissionsbeschlüsse hinweist.

Am Anfang mit Dresdner Bank, Feldmühle und Nixdorf

Bei seiner Einführung am 1. Juli 1988 umfasste der DAX folgende Werte: BASF, Bayer, Bayerische Hypo, Bayerische Vereinsbank, BMW, Commerzbank, Continental, Daimler-Benz, Degussa, Deutsche Bank, Deutsche Babcock, Deutsche Lufthansa, Dresdner Bank, Feldmühle Nobel, Henkel, Hoechst, Karstadt, Kaufhof, Linde, MAN, Mannesmann, Nixdorf, RWE, Schering, Siemens, Thyssen, Veba, Viag und Volkswagen. Im Laufe der Jahre gab es, oft bedingt durch Zusammenschlüsse und Übernahmen, viele Veränderungen, die die Tabelle festhält.

Heutzutage ist der DAX eine weltbekannte Größe und Meßlatte für das Geschehen an den deutschen Aktienmärkten. Allerdings wird der DAX als Performance-Index, der die Dividenden wieder in den Index einrechnet, oft auch für falsche Vergleiche herangezogen (vergl. mein Beitrag „DAX auf historischem Hoch – DAX-Aktien aber nicht“ vom 14.5.2013). Und  börsenbegeisterte  Autofahrer im Raum Darmstadt haben sogar die Möglichkeit, sich – wie der Autor -  das D-AX an ihr Auto zu heften.

Indices erbringen Lizenzeinnahmen

Inzwischen ist der  DAX beziehungsweise eigentlich alle großen und bekannten Indizes weltweit längst nicht mehr nur Meßlatte für irgendwelche Entwicklungen an den Märkten. Sie sind längst Grundlage und Bezugsbasis für jede Art von Derivaten, also ETF´s (Exchange Traded Funds) oder Zertifikaten, mit denen Anleger dann wiederum in einem einzigen Papier auf ganze Märkte oder Branchen (bei Branchenindizes) setzen können. Ferner bilden Indizes inzwischen für den, der sie berechnet, eine gute Einnahmequelle. Jedenfalls dann, wenn der Index aufgrund seiner Bedeutung und der Attraktivität der Inhalte zum Underlying, zur Bezugsbasis für derartige Derivate wird. Die Deutsche Börse jedenfalls hat ihr Index-Geschäft im Laufe der Jahre mächtig ausgebaut und erzielt mit Lizenzen auf ihre Indizes, die die Emittenten zum Beispiel von Zertifikaten oder ETF´s auf ihre Produkte zahlen müssen, einiges an Einnahmen. Diese Lizenzeinnahmen auf Seiten der Börse muss andererseits der Käufer de Zertifikate natürlich mitbezahlen.