Die Notenbanken und neue Formen der Geldmengenausweitung

Man wundert sich. Nicht nur hin und wieder, - nein, immer öfter. Zum Beispiel neulich, als ich von einem, mir bis dahin unbekannten Mitmenschen den Link zu einer Publikation der Schweizer Nationalbank erhielt, mit der Bitte die Seite 18 zu kommentieren, da der Inhalt im Widerspruch zu meinen Veröffentlichungen stehe.

Nun, was soll ich sagen? Meine Antwort fiel recht kurz und deutlich aus und bestand aus einem Wort, das mit Bull begann und auf Shit endete. Entschuldigung, aber es ging nicht anders. Doch lesen Sie selbst, was die Schweizerische Notenbank (SNB) uns in ihrem Heftchen „Die Nationalbank und das liebe Geld“ als heutige Realität verkaufen möchte: http://www.snb.ch/d/welt/contact/pdf/bro_b_d.pdf

Lustig sind beispielsweise folgende Behauptungen auf Seite 18, die Sie als Cashkurs-Leser sicherlich einordnen können: „Zwar sind die Noten nicht mehr im Umlauf, sondern im Tresor der Bank. Der Sparer erhält dafür aber eine Gutschrift von 20.000 Franken auf seinen Konto. Das Geld untätig (!) im Tresor liegen zu lassen, bringt der Bank nichts ein. Warum soll sie es nicht gegen Zinsen ausleihen?“

Ja, warum eigentlich nicht? Kann man doch einfach mal so machen, oder? Allerdings würde man sich in anderen Bereichen der Wirtschaft über ein solches Gebaren doch schon ein bißchen wundern und vielleicht auch sauer werden. Beispielsweise, wenn Sie unerwartet den Besuch einer Oper abbrechen müssen, um dann an der Theatergarderobe festzustellen, dass die nette, ältere Frau ihren Mantel, den Sie vor der Vorstellung bei ihr abgegeben haben, zwischenzeitlich an einen anderen Herrn gegen Gebühr verliehen hat.

Doch Spaß beiseite, falls Sie sich noch nicht ausreichend mit dem Thema beschäftigt haben, möchte ich auf diesen Artikel und die anhängenden Kommentare verweisen, um mich im Hinblick auf die heutigen Mechanismen der Geldschöpfung nicht wiederholen zu müssen: Zentralbanken und Zentralbankgeld (Helmut Reinhardt) vom 16.06.2010

In dem Heftchen der SNB wird in der Tat das veraltete Bild der multiplen Geldschöpfung dargestellt, welches spätestens seit dem 1. Januar 1994 und der 2. Stufe der Europäischen Währungsunion Geschichte wurde. Ist es nicht unglaublich, dass eine Notenbank noch heute, - nach nunmehr 17 Jahren den heutigen Prozess der Geldschöpfung nicht korrekt darstellt?

Doch es gibt auch Lichtblicke! Und zwar unsere gute alte Deutsche Bundesbank, die es tatsächlich geschafft hat, ihre Publikation „Geld und Geldpolitik“ mit der letzten Ausgabe den heutigen Gegebenheiten anzupassen. Bitte vergleichen Sie einmal die auf Seite 54 richtig dargestellte „Geldschöpfung der Geschäftsbanken“ durch Kredit mit der Darstellung der SNB: http://www.bundesbank.de/download/bildung/geld_sec2/geld2_gesamt.pdf

Im übrigen kann man es fast schon albern nennen, Geld in einer offiziellen Broschüre als „lieb“ zu bezeichnen, und man sollte sich nicht nur deswegen einmal die Frage stellen, ob diese falschen Veröffentlichungen absichtliche Täuschungen darstellen, oder ob man bei manchen Notenbanken tatsächlich gar nicht so richtig weiss, was man eigentlich tut.

Ich möchte an dieser Stelle die Eckpfeiler unseres heutigen Geldsystems noch einmal benennen: Heutiges Geld entsteht ausnahmslos durch Bildung eines Guthaben- und Schuldenpaares und damit durch Vergabe eines Kredites. Eine Geldschöpfung, bei der Geld durch wen auch immer einfach so „in Umlauf“ gebracht wird, gibt es heute nicht mehr. Unser heutiges Geld wächst weder auf Bäumen, von denen es gepflügt werden kann, noch verwenden wir heutzutage Geld, das man aus der Erde ausgraben muss.

Um es kurz und knapp zusammenzufassen:

·      Unser heutiges Geld entsteht durch einen Kontrakt zwischen einem Gläubiger und einem Schuldner. Punkt. Aus. Fertig.

·      Unser heutiges Geld ist nichts anderes als Schuld durch Kredit. Punkt. Aus. Fertig.

·      Würde alle Schuld der Welt getilgt, gäbe es kein Geld mehr. Punkt. Aus. Fertig.

Staatsverschuldung der Bundesrepublik und Zinszahlungen 1970 -1999

Interessant ist es an dieser Stelle einmal auf die Folgen dieses Systems hinsichtlich der Zinszahlungen und Schuldenaufnahme der Bundesrepublik Deutschland zu schauen. Es ist kaum zu glauben und wirklich überaus bemerkenswert, dass fast die gesamte Schuldenaufnahme der Bundesrepublik für den Bürger überhaupt keinen Nutzen hatte!

Betrachten wir den Zeitraum von 1970 bis 2009: Die Schuldenaufnahme des Bundes lag in dieser Zeit akkumuliert bei 1.596 Milliarden Euro, wobei in diesem Zeitraum gleichzeitig 1.562 Milliarden Euro an die Gläubiger der Staatsschulden in Form von Zinszahlungen ausgeschüttet wurden. Sage und schreibe wurden fast 98 % der Neuverschuldung über Zinszahlungen an die Gläubiger zurückgeführt, wobei tatsächlich nur 34 Milliarden Euro in diesen fast 40 Jahren dem Staat an neuem Geld zur Verfügung standen. Hierüber muss man nachdenken!

In diesem Zusammenhang möchte ich auch Werner Rosenberger, Präsident der Internationalen Vereinigung für Natürliche Wirtschaftsordnung zitieren:

 

„Das Zinssystem bevorzugt in krasser Weise

 
 

die Besitzenden. Der Ertrag des Wachstums

 
 

dient nicht in erster Linie dem Volkswohl-

 
 

stand, sondern konzentriert sich bei weni-

 
 

gen, sichert das exponentielle Wachstum der

 
 

großen Vermögen. Die Verfügungsgewalt

 
 

verlagert sich immer mehr auf gewaltige pri-

 
 

vate, anonyme Gebilde, welche von der

 
 

Geldseite her politische Macht und Willens-

 
 

bildung zu manipulieren verstehen.“

 

Die Deutsche Bundesbank als Gläubiger anderer Notenbanken

Von der breiten Öffentlichkeit fast unbemerkt, ist im Zuge dieser modernen Geldschöpfungsmechanismen und der Finanzkrise ein Großgläubiger entstanden, dem man in früheren Zeiten eine solche Kreditvergabe und einfache Schöpfung neuen Zentralbankgeldes ohne jegliche parlamentarische Legitimation nicht zugetraut hätte. Die Rede ist von der oben schon erwähnten, - manchmal/oft/selten klugen (ganz wie Sie wollen) - Deutschen Bundesbank.

Man rätselt in der Fachwelt darüber, warum es zu einem drastischen Anstieg der Außenstände gegenüber anderen nationalen Notenbanken im Euroraum kommen konnte. Der Anstieg ist in der Tat bemerkenswert. Andere nationale Notenbanken im Euroraum schulden der Deutschen Bundesbank nunmehr 338 Milliarden Euro. Im Dezember 2006 betrug das Guthaben der Deutschen Bundesbank innerhalb des Eurosystems nur 18 Milliarden Euro. Ein Schelm, der sich fragt, warum sich Herr Professor Sinn und andere Wirtschaftswissenschaftler nun plötzlich nicht mehr nur über böse Schulden, sondern auch über ein schönes Guthaben von 338 Milliarden Euro aufregen...

Nun das Rätsel ist recht einfach zu lösen. Es hängt mit der Exportlastigkeit Deutschlands und ausländischen Überweisungen nach Deutschland zusammen. Ausländische Geschäftsbanken verfügten schlichtweg nicht über genügend Zentralbankgeld auf ihren Konten der jeweiligen europäischen Nationalbanken und hatten keine Möglichkeit mangels notenbankfähiger Sicherheiten bei der EZB direkt Zentralbankgeld zu erhalten.

Um den Geldfluss innerhalb Europas und damit die Zahlung offener Rechnungen zwischen den europäischen Handelspartnern, Wirtschaftsteilnehmern und Firmen aufrechtzuerhalten, war die Maßnahme der Kreditvergabe an andere nationale Notenbanken durch die Deutschen Bundesbank zwingend notwendig, da ansonsten deutsche Firmen auf offenen Rechnungen sitzengeblieben wären. Das bedeutet quasi nichts anderes, als dass Deutschland selbst für die Sicherstellung der Bezahlung von Rechnungen gesorgt hat, die ausgestellt wurden, weil deutsche Waren ins Ausland exportiert wurden.

Also, wenn da mal nicht der Hund in der Pfanne verrückt wird! Welch ein verrücktes System! Wobei bemerkens-, oder doch besser bewundernswert ist, dass immer wieder neue, sehr kreative Wege gefunden werden, um eben dieses am Laufen zu halten.

Die Frage, die sich nun tatsächlich stellt ist die, wie man gedenkt, aus diesem Dilemma wieder herauszukommen. Doch auch hier scheint sich schon eine „Lösung“ abzuzeichnen, denn mittlerweile sind die nationalen Notenbanken (beispielsweise in Irland und Portugal) dazu übergegangen, notleidenden Geschäftsbanken des jeweiligen Landes Zentralbankgeld-Kredite zu gewähren. In Irland stellte die Notenbank angeschlagenen Geschäftsbanken 50 Milliarden Euro zur Verfügung und auch in Portugal ist diese Maßnahme mittlerweile gang und gäbe, was manchem EZB-Notenbanker in Frankfurt die Stirn runzeln lässt.

... wird in Teil 2 fortgesetzt.

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