Dr. Norbert Häring, wohl den meisten Cashkurs-Lesern auch aufgrund mehrfacher Interviews hier auf der Seite bekannt, ist Wirtschaftsjournalist und Autor populärer Wirtschaftsbücher. Er schreibt für das Handelsblatt und betreibt den Blog »Geld und mehr«. 2014 wurde er mit dem Preis der Keynes-Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet. Die von ihm 2011 mitbegründete internationale Ökonomenvereinigung World Economics Association hat über 12 000 Mitglieder. 2016 veröffentlichte er das Buch »Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen«, womit er zum Wegbereiter und zur soliden Quelle für alle jene wurde, die sich der Abschaffung des Bargelds entgegenstellen.

Wir freuen uns daher ganz besonders, dass Dr. Norbert Häring seine neuesten Erkenntnisse zu diesem wichtigen Thema mit uns teilt und wir ihn als Redner auf unserem diesjährigen Anlegerkongress des Dirk Müller Premium Aktien Fonds am 27. Oktober 2018  im historischen Rokokotheater des Schwetzinger Schlosses gewinnen konnten.  

Rezension von Prof. Dr. Dr. Helge Peukert:

Angesichts der Assoziation des Buchtitels mit Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ und des etwas reißerischen Untertitels fragt man sich besorgt, ob Häring nach seinem fundierten Buch Die Abschaffung des Bargeldes und die Folgen (2016) nunmehr ins Lager sogenannter Verschwörungs“theoretiker“ abgedriftet ist, was mitnichten zutrifft. Um es gleich vorwegzunehmen: Das Buch ist eine Sensation!

Es beruht auf hunderten von dokumentierten Quellen und dem sorgsamen Zusammenfügen verstreuter und oft versteckter Mosaiksteine, die zu einem Gesamtbild zusammenzufügt werden. Das Buch liest sich wie ein Krimi, auf dessen globalem Tatort entgegen üblichen Krimis wir Durchschnittsbürger die Opfer sind, die üblichen, im öffentlichen Auftrag handelnden Tatermittler eher den Tätern zuzurechnen sind und bis dato kein guter Ausgang zu erwarten ist.

Worum geht es in diesem faktenreichen Thriller? Er beginnt mit Amazon-Go-Läden, wo eine automatische Personenerkennung den Bezahlvorgang bequem vereinfacht. Szenenwechsel: In China (u.a. mit freundlicher Unterstützung von WeChat und Alipay, aber auch Baidu, Alibaba und Tencent, siehe Kapitel 4) werden flächendeckend Kameras mit Gesichtserkennung eingesetzt und die Chinesen auf Schritt und Tritt auch im Alltag überwacht. Ihr Verhalten wird ständig bewertet und daraufhin Vergünstigungen (z.B. niedrigere Kreditzinsen) gewährt oder Einschränkungen erzwungen, bis hin zur Verweigerung von Flugtickets.

Dies soll und wird wohl dazu führen, dass die Menschen ihr Verhalten von vornherein angepasst und regelkonform ausrichten werden (der sogenannte Chilling-Effekt). Doch warum sollte dies in westlichen Ländern und in Europa, man denkt unwillkürlich zunächst an zurzeit demokratische Spielregeln außer Kraft setzende Länder wie Polen und Ungarn, nicht den gleichen Effekt haben?

Ob in Ost oder West, im chinesischen Sozialismus oder im amerikanischen oder europäischen Kapitalismus: Der Autor stellt Zusammenhänge her, die auf eine totalitäre Gesellschaft und die elementare Bedrohung individueller Freiheit hinauslaufen. Auf Schritt und Klick wird so viel wie möglich gespeichert und werden Profile erstellt, die uns zu braven Bürgern und Konsumenten machen sollen. Natürlich nur zu unserem eigenen Vorteil: Sich wohlverhaltende Uber-Nutzer genießen Vorteile durch gute Ratings und man kann bei KfZ-Versicherungen sparen.

Zwar hat man von diesen Entwicklungen schon hier und da gehört, aber der Autor belegt überzeugend, dass diese an vielen Ecken voranschreitenden Kontrollen absichtsvoll, syste-matisch und weltweit vorangetrieben werden und Regierungen, die ihre Bevölkerung - trotz oft großspuriger Handels- und sonstiger Freiheitsrhetorik - überwachen wollen und v.a. multinationale Konzerne hierbei an einem Strang ziehen, wenn es darum geht, an die Daten der Menschen zu kommen.

Bargeldloses Bezahlen mit einem Datenfußabdruck ist für Datensammelsüchtige letztlich unentbehrlich: Der ach so sichere Internet-Bezahldienst PayPal listet auf mehreren Dutzend Seiten Unternehmen auf, an die die Daten der Nutzer ggf. weitergereicht werden. Überhaupt werden bei Kreditkartenzahlungen automatisch Zuordnungen der Produktkategorie vorgenommen, die Informationen erkennen lassen, ob z.B. über den Gesundheitsstatus oder seine sexuellen Vorlieben.

Die sogenannten Sicherheitsorgane können ebenfalls reiche Ernte einfahren: der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr vermittels SWIFT kann laut Edward Snowden nicht nur von amerikanischen Geheimdiensten angezapft werden. So entstehen ganz neuartige „Öffentlich-private Partnerschaften“ (ÖPP).

Die Vorteile des Bargeldes werden vom Autor in der Einführung übersichtlich z.B. hinsichtlich Anonymität, Kostengünstigkeit usw. aufgelistet. Doch von der Abschaffung des Bargeldes profitiere eine Phalanx einflussreicher Akteure: Banken, Zahlungsabwickler, IT-Unternehmen, der Staat und viele Händler, aber selbstverständlich auch die Geheimdienste und Sicherheitsbehörden.

Natürlich können auch Kriminelle Bargeld zur Verschleierung nut-zen, aber nicht zuletzt die laxe politische Reaktion auf die Panama-Papers zeige, dass dieses oft von den Bargeldabschaffern ins Schaufernster gestellte Argument eher als Nebelkerze dient.

Die Banken würden über die Bargeldabschaffung jubilieren. Visa, Microsoft und Vodafone verdienen nichts an Bargeldtransaktionen, sehr wohl aber an elektronischen Bezahlvorgängen. Für Alphabet (Google), Amazon, Apple und Facebook, sind Daten über Finanztransaktionen von unschätzbarem Wert, nicht zuletzt dank der datenbasierten Möglichkeit, durch individualisierte Preisgestaltung eine noch bessere Gewinnmaximierung betreiben zu können.

Härings starke These lautet: Diese Interesseneinheitsfront betreibt eine gigantische, welt-weit koordinierte Kampagne zur Abschaffung des Bargeldes. „Betrieben werden diese Kam-pagnen von der G20-Gruppe der wichtigsten Industrienationen, angeführt von der US-Regierung und im Konzert mit großen US-Konzernen und deren Stiftungen. Sie alle haben gemeinsam eine Globale Partnerschaft für finanzielle Inklusion gebildet. Deren Ziel ist es, die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs und die biometrisch-digitale Erfassung aller Bürger weltweit durchzusetzen. Einbezogen in diese Partnerschaft ist eine ganze Batterie öffentlich-rechtlicher Allianzen, darunter die Besser-als-Bargeld-Allianz, mit Mastercard, Visa, der Stif-tung von Microsoft-Gründer Bill Gates und dem US-Außenministerium als Kernmitgliedern“ (S. 17).

Flankiert werden diese Bestrebungen in unterschiedlicher Form, aber immer mit dem gleichen Ziel u.a. durch den IWF, das Omidyar Network des gleichnamigen Ebay-Gründers, der Ford-Stiftung, der US-Entwicklungsbehörde USAID und dem Weltwirtschaftsforum (WEF). Mit von der Partie sind neben diesen Institutionen oft halböffentliche Regulierungs-Schattenmächte (mit geheimnisvollen Abkürzungen wie FATF, CPMI, BTCA, AFI, CGAP und vielen anderen) und die Wirtschaftswissenschaften, vertreten durch Harvard-Professoren wie Larry Summers und Ken Rogoff und dem Citi-Chefvolkswirt Willem Buiter. Hinzu kommen „gekaufte Studien“ z.B. von McKinsey und der Boston Consulting Group sowie Millionenspenden der Gates-Stiftung für bargeldfeindliche Forschungen an Universitäten und andere Forschungsreinrichtungen in aller Welt, die Häring nachprüfbar anführt.

Er belegt mit unzähligen Zitaten, Literaturbelegen und Hinweisen auf personelle Verflechtungen, wie durch Zuckerbrot und Peitsche Entwicklungs- bzw. Schwellenländer wie Kenia (Vodafones M-Pesa), Malawi, Kolumbien, Nigeria, Ruanda, die Philippinen, Mexiko und Bangladesch unter dem Vorwand finanzieller Inklusion der „Armen“ unter teils recht rüdem Vorgehen bargeldfrei gemacht werden (sollen). Es gelang, rund 100 Notenbanker aus armen Ländern anzulocken.

Sie werden mit Geld von Gates, Weltbank und Co. und mit technischer Hilfe von Unternehmen wie Mastercard, Visa und Vodafone dabei unterstützt, den Zahlungsverkehr zu digitalisieren und das Bargeld zurückzudrängen … Die teilnehmenden Notenbanken müssen als Gegenleistung Selbstverpflichtungen abgeben und sich in Sachen Regulierung und Marktöffnung nach den Vorgaben von Gates und Washington richten“ (S. 54).

Auch die deutsche GIZ ist in nicht unerheblichem Umfang mit technischem Support dabei. So wird das mit alleine von der Gates-Stiftung mit drei Millionen Dollar unterstützte bargeldlose Zahlen über Iris-Scans an den über eine Million zählenden Flüchtlingen in den jordanischen Lagern getestet, die sich dem nicht entziehen können.

Und in Europa und in Deutschland? Am Bahnhof Südkreuz in Berlin wird schon einmal die automatische Gesichtserkennung an 300 Freiwilligen erprobt, die als Geschenk tatsächlich Amazon-Gutscheine erhalten. Schweden, wo viele Bankfilialen kein Bargeld mehr annehmen und die Bankomaten abgebaut werden, dient als europäischer Testfall für eine bereits weit fortgeschrittene Abschaffung des Bargeldes.

In Europa stirbt die Freiheit der Bargeldanonymität im Allgemeinen eher graduell und still und leise, z.B. durch die Abschaffung des 500-Euro-Scheins, die Einführung von Barzahlungsobergrenzen (besonders ausgeprägt in Griechenland) usw. Und die deutschen staatstragenden Parteien und die Deutsche Bundesbank geben gelegentliche, wenn auch eher halbherzige Treueschwüre für das Bargeld ab, arbeiten aber in den internationalen, halböffentlichen Schattenorganisationen brav mit.

Häring zeigt anhand vieler Beispiele, dass auch die EU-Kommission durch Verordnungsentwürfe zur Behandlung von Barmitteln durch den Zoll an EU-Grenzen, durch die Ergänzung der vierten EU-Geldwäscherichtlinie usw. de facto mit am großen Rad der Bargeldabschaffung drehen.
Angesichts „einseitig gefütterter Medien“ und „kreativer Rechtsverdrehungen“ auch hierzulande sollte man keine allzu großen Hoffnungen auf die Medien und das Rechtssystem verschwenden, obwohl nach wie vor bis in die europäischen Verträge hinein Bargeld als einziges, allumfängliches gesetzliches Zahlungsmittel gilt, was immerhin einen Hoffnungsanker und Bezugspunkt der Gegenwehr setzt.

In klaren Worten demystifiziert er die Hoffnungen auf die Blockchaintechnologie und Kryptowährungen, die beizeiten von den großen Marktmachern wie Amazon wie üblich aufgekauft werden dürften und neben anderen Schwachpunkten doch nur Pseudoanonymität bieten. Auch der Hoffnung auf elektronisches Zentralbankgeld für jedermann zieht er in Kapitel fünf den Zahn.

Jenseits üblicher ideologischer Frontlinien, z.B. zwischen links und rechts oder traditionsorientierten Lokalisten und flexiblen Internationalisten gelte es Druck auf Politik, Recht, Medien und Wirtschaft auszuüben, damit sich nicht der Traum der marktbeherrschenden Amazons & Co. erfüllt, weitere, bisher staatliche Aufgaben zu übernehmen und Staaten durch „Netzwerke“ zu ersetzen.

Der Endpunkt einer solchen Entwicklung könnte in der Einführung z.B. eines Amazon-Dollars oder mehrerer privater Welt(parallel)währungen bestehen, um dann totale Persönlichkeitsprofile erstellen und eine Rundumkontrolle ausüben zu können. Ein solches „Schönes neues Geld“ wäre wohl in der Tat das Ende der Demokratie, für die Häring durch seine Aufdeckungen und das Herstellen von Zusammenhängen in seinem neuen Buch kämpft.

Das 256 Seiten starke Buch ist im Campus-Verlag erschienen.

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