„Ein Staat, der tausend Tafeln braucht, ist kein guter Sozialstaat“ war kürzlich in der Süddeutschen zu lesen. Philipp Stielow, Referatsleiter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Landesgeschäftsstelle des Sozialverbandes VdK Hessen-Thüringen, kann dem nur zustimmen. Nicht nur ihn befragte ich am 25.10.2012 zur Rolle der Tafeln, die bundesweit inzwischen 1,5 Millionen Bedürftige jährlich mit Nahrung versorgen, sondern auch die Menschen bei einer Lebensmittelausgabestelle in einer Kirchengemeinde in Frankfurt vor Ort.  Außerdem kam auch Edith Kleber, die stellvertretende Vorsitzende der Frankfurter Tafel, zu Wort.


KURZVERSION:

Die in der letzten Woche veröffentlichten Ergebnisse der Erhebung „Leben in Europa 2011“ des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden sprechen eine deutliche Sprache, hiernach sind 16 Millionen Deutsche von Armut betroffen oder bedroht. Angesichts solcher Zahlen verwundert es nicht, dass die Nachfrage nach Lebensmitteln bei den Tafeln bundesweit stetig ansteigt. Laut Statistik sind vor allem Alleinerziehende und Geringverdiener, aber auch zunehmend  alte Menschen auf die zusätzliche Ration angewiesen. Dies bestätigte sich mir auch an der Frankfurter Lebensmittelausgabestelle.

 Auf den Schildern der Tafel  steht: „Essen für Wohnsitzlose und Arme“, dies erinnert an die Suppenküchen für Obdachlose, jedoch sind lediglich 5 % der Tafelnutzer ohne festen Wohnsitz. Vielen Tafelkunden reicht der Monatslohn einfach nicht aus, um über die Runden zu kommen. Da stellt sich die Frage, ob der deutsche Staat inzwischen auf die privaten Spenden und die zehntausenden ehrenamtlichen Helfer angewiesen ist, oder sich zumindest hierauf verlässt und damit die eigenen sozialen Fürsorgepflichten vernachlässigt.

Es gibt keinen Rechtsanspruch auf die Versorgung durch den Verein, dessen Hilfe eigentlich nur als vorübergehende Zusatzleistung bei akuten Engpässen gedacht ist. Es machte aber den Eindruck, dass die erhaltenen Waren für die meisten Tafelkunden einen fest einkalkulierten Bestandteil ihrer Versorgung darstellen. Selbst wenn sich der Staat nicht auf die Tafeln verlässt, so tun dies jedenfalls die Empfänger der Lebensmittel - und das ist doch ein noch viel größeres Problem!

Mit Frau Kleber und Herrn Stielow sprach ich über Ursachen und Lösungsmöglichkeiten der aktuellen Situation, über Harz IV, Altersarmut und Mindestlöhne. Und darüber, was sie sich seitens der Politik erhoffen.

Die Thematik wirft beim näheren Hinsehen viele weitere Fragen auf! An dieser Stelle möchte ich aber für heute schließen und Herrn Stielow beipflichten, wenn er sagt: „Man kann froh sein, dass die Tafeln da sind, aber es ist eigentlich ein Skandal“.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei allen Gesprächspartnern und wünsche ihnen, sowie allen Zuschauern und Lesern immer einen wohl gedeckten Tisch!

Ihre Julia Jentsch

VOLLVERSION: