Erdbeben und Seismographen

Eine der häufigsten Fragen, die mir immer wieder gestellt werden ist: „Herr Müller, wann kommt denn der Crash?“ Eine Frage, die Ihnen niemand, der seriös und halbwegs bei Verstand ist, wird beantworten können, bevor es soweit ist. Das ist für viele Menschen schwer verständlich. Der Experte muss das doch wissen. Nein, muss er nicht, kann er nicht.

Haben Sie schon mal gehört, dass ein Geologe gesagt hat: „Im Januar 2021 gibt es ein großes Erdbeben in San Francisco“? Ganz sicher nicht. Man würde ihn auslachen, denn keine heute bekannte Wissenschaft ist in der Lage, ein Erdbeben über einen längeren Zeitraum vorherzusagen. Kann man daraus schließen, dass es niemals ein Erdbeben in San Francisco geben wird? Natürlich nicht! Im Gegenteil, die Experten können exakt die Wirkmechanismen beschreiben, die dazu führen, dass die Spannungen in der Erdkruste unter Kalifornien permanent zunehmen.

Jedem Experten ist vollkommen klar, dass das Ergebnis gar nichts anderes sein kann als „The Big One“ – das große vernichtende Beben, das immer dann droht, wenn sich die Spannungen zu lange aufgebaut haben. Dennoch kann auch der erfahrenste Geologe nicht den Zeitpunkt vorhersagen. Die besten Experten geben eine Spanne von jetzt noch zwanzig Jahren an, in denen Kalifornien mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,7 Prozent von einem „Big One“ getroffen wird.i

Rennen sie deshalb jetzt schreiend durch die Straßen San Franciscos und brüllen „Verlasst Eure Häuser, rettet die Kinder!“? Natürlich nicht. Es kann noch Jahrzehnte gut gehen, und so lange will niemand das schöne Fleckchen verlassen, nur weil irgendwann diese bekanntermaßen instabile Kruste unter den Füßen bricht.

Erst kurz vorher, wenn die unmittelbaren Anzeichen dafür auftreten, dass die Struktur instabil wird, wenn die Seismographen erste Ausschläge einer bestimmten Signatur zeigen, können sie Alarm schlagen, und dann ist es höchste Eisenbahn, die Beine in die Hand zu nehmen. Aber auch dann ist nicht klar, ob es wirklich kracht oder nicht. Für viele wird es zu spät sein, weil sie von den Signalen nichts mitbekommen, sie nicht richtig eingeschätzt oder schlicht das Gefahrenpotential unterschätzt haben, bis sie das ganze Ausmaß erleben müssen.

Genauso verhält es sich mit den Spannungen, die sich in unserem Finanz- und Wirtschaftssystem aufbauen. Wir Experten können die Wirkmechanismen erklären, so wie ich es hier ansatzweise auf den vergangenen Seiten getan habe. Wir können die Spannungen im System an vielen Kennziffern messen, ich habe Ihnen einige davon vorgestellt. Aber wir können erst Alarm schlagen, wenn die Seismographen ausschlagen und eindeutige Signale geben.

Schauen wir also auf diese Seismographen im Februar 2018:

Steigen die amerikanischen Kreditzinsen? Ja! – Dadurch steigt die ohnehin hohe Spannung im System stark an.

Kapitalabzug aus den Schwellenländern? Ja, seit 2014, aber bis Dezember 2017 wieder beruhigt.

Druck auf die Unternehmensergebnisse? Noch nicht zu beobachten.

Unternehmenspleiten? Wacklige Konzerne in China, aber noch keine Pleiten.

Kreditausfalle im roten Bereich (wie US-Subprime 2008)? Nein.

Pleiten im Bankensystem? Nur im Epizentrum Italien. Als Nebenbeben zu deuten.

Liquiditätsklemme? Nein.

Wir sehen also eine Zunahme der Spannungen und erste Warnzeichen wie den zeitweisen Kapitalabzug und die wackligen chinesischen Unternehmen, können daraus aber noch nicht automatisch auf den Beginn des „Big One“ schließen.

Es gibt übrigens noch einen weiteren Signalgeber für große Wirtschaftsbeben, genau wie beim Erdbeben. Haben Sie schon einmal davon gehört, dass sich die Tierwelt unmittelbar vor einem Erdbeben ganz merkwürdig verhält?ii Vögel sind aufgeregt, Tiere fliehen aus der Gefahrenzone. Sie wittern die ersten Zeichen der sich entladenden Spannungen weit früher als wir Menschen.

Das gibt es auch an den Börsen. Die großen Insider, die Löwen, Schakale, Adler und Geier der Wallstreet, der Investmentbanken, die großen Firmenchefs – sie alle sind viel näher dran am Geschehen. In ihren Netzwerken der Macht und des Geldes machen solche Spannungen viel schneller die Runde, und es dauert lange Wochen und manchmal Monate, bevor sich deren Wissen der breiten Masse offenbart.

Eine Investmentbank weiß zwangsläufig als aller Erste, wenn mehrere ihrer Großschuldner in Schwierigkeiten geraten. Darüber spricht man beim Abendessen in teuren Restaurants hinter vorgehaltener Hand, da ruft man den alten Kollegen zwei Häuserblocks weiter an mit einem „Hast Du schon gehört? … Aber von mir hast Du´s nicht“.

Diese Insider beginnen dann, ihre Archen zu besteigen. Sie fangen an, ihre Depots abzusichern, ihre Aktienpakete zu verkaufen, ihren Plan A in Aktion zu setzen. Die Vögel beginnen zu flattern, die Tiere werden unruhig und verlassen das Gefahrengebiet.

Da diese Insider vergleichsweise große Summen zu bewegen haben, geht das nicht spurlos an den Märkten vorbei. Kein Crash kommt aus heiterem Himmel, während die Aktien auf dem Höhepunkt stehen. Im Jahr des berühmten Crashs von 1929 erreichte der Dow Jones am 3. September den Rekordstand von 381 Punkten. Von hier ging es dann den ganzen September viele Tage lang spürbar, aber geordnet um 13 Prozent nach unten auf 330. Das waren ganz kontrollierte, marktschonende Abverkäufe der Insider. Danach erholte er sich Anfang Oktober leicht auf 350.

Unbedarfte Anleger sahen die Chance, hier endlich noch einmal billig an Aktien zu kommen. „Das war nur eine Marktübertreibung, das erholt sich schnell wieder.“ Doch der Index fiel dann mit weiteren Abverkäufen – sicher nicht ohne diejenigen, die die Situation nur zu genau kannten – im Laufe des Oktobers wieder zurück auf das alte Tief von 330 Punkten.

Erst jetzt kam das Ereignis, das später alle als den großen Schwarzen Freitag in Erinnerung behalten sollten. Der große Crash, der alle überraschte und um ihre Ersparnisse brachte. Alle? Ganz sicher nicht. Nicht jene, die schon im September und Oktober, Wochen vor dem Crash, ihr Geld in Sicherheit gebracht und ihre Aktien – zuletzt noch an die naiven Zukäufer – losgeschlagen hatten.iii

Wir werden später noch sehen, dass manche dieser Insider in jenen Monaten erst den Grundstock für ihr späteres riesiges Vermögen legten, weil sie vor allen anderen auf die Ereignisse vorbereitet waren und ihren Plan umsetzen konnten. Eigentlich war es gar kein Schwarzer Freitag, sondern es begann mit einem Mittwoch, dem 23. Oktober 1929, als der Dow Jones an einem Tag um 6,4 Prozent von 326 auf 305 fiel. Es folgte der „Schwarze Donnerstag“ mit einem weiteren Minus von sechs Punkten. Am folgenden Montag und Dienstag ging dann endgültig die Aktienwelt unter, als der Dow Jones von 299 erst auf 260 und dann auf 230 Punkte zusammenbrach.

Dreißig Prozent Kursverlust binnen weniger Tage, innerhalb derer viele Anleger in Schockstarre und Unverständnis der Zusammenhänge gar nicht reagieren konnten und zusehen mussten, wie sich ihr kleines Vermögen in Luft auflöste. Dabei waren auch damals bereits Monate zuvor die ersten Seismographen angesprungen und es gab, wie wir gesehen haben, auch die Warnzeichen aus der „Tierwelt“, die sich rechtzeitig vom Acker machte.

Jetzt ist aber nicht jeder Kursrückgang ein Zeichen für den nächsten Crash und nicht jeder auffliegende Starenschwarm ein sicheres Indiz für ein Erdbeben. Es gilt jedoch, bei einem Zusammentreffen mehrerer Signale besondere Aufmerksamkeit an den Tag zu legen.iv

i http://www.digitaljournal.com/article/294234; https://www.watson.ch/Wissen/USA/588287900-Erdbebengefahr--Wann-kommt---The-Big-One---in-Kalifornien-

ii http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/auffaelliges-tierverhalten-forscher-raetseln-ueber-erdbebenwarnung-durch-kroeten-a-553571.html

iii https://www.zerohedge.com/news/2018-03-09/dumb-money-helping-smart-money-exit-stock-market

iv http://farm5.static.flickr.com/4024/4311513219_7d27ff5264_o.jpg

   

    

   

Für die Anleger war aber hier noch längst nicht Schluss mit der Geisterbahn. Es ging vom zwischenzeitlichen Tief im November 1929 bei 200 Punkten (-48 Prozent seit dem Höchststand) um fast fünfzig Prozent nach oben auf knapp 300 Punkte, bevor die endgültige Kapitulation der Anleger ein zweijähriges Sterben des Marktes bis auf 41 Punkte im Sommer 1932 erzeugte.

Neunzig Prozent Kursverlust, die Auslöschung ganzer Depots und eine in ihrer Ausprägung bis heute einmalige mehrjährige Weltwirtschaftskrise, die sicher ihren Anteil an der Entstehungsgeschichte des Zweiten Weltkrieges hatte, waren die Folge.i

Es dauerte dreißig Jahre und einen Weltkrieg, bis jene Anleger, die nahe den Höchstkursen gekauft hatten, ihren Einstandskurs wiedersahen, wenn sie und die von ihnen gehaltenen Firmen diese Zeitspanne überhaupt überlebten. Behalten Sie das bitte immer im Hinterkopf, wenn Ihnen jemand sagt: „Kauf Aktien, Fonds oder ETFs und mach Dir keine Sorgen vor Kursrückgängen, das erholt sich immer wieder schnell.“ „Schnell“ ist ein sehr relativer Begriff, wenn man nicht über die Unsterblichkeit eines Highlanders verfügt.

i https://www.welt.de/politik/article3614152/Die-Weltwirtschaftskrise-vor-80-Jahren.html

   

     

Im Übrigen haben wir auch beim letzten großen Crash 2008 die exakt gleichen Abläufe gesehen. Im Oktober 2007 stand der Dow Jones auf seinem höchsten Stand bei 14.200 Punkten. Bis Januar 2008 fiel er geordnet um 18 Prozent auf 11.600. Es folgten die Käufe jener, die „zum letzten Mal billig Aktien“ zu kaufen glaubten und dafür sorgten, dass der Index sich um 13 Prozent auf 13100 erholte, bevor er dann ab Juni 2018 so richtig unter die Räder kam.

Die Medien spielten den „Big Boys“ wieder prächtig in die Karten. Während die ihre Aktien abstießen, trieben die Medien die ahnungslosen Kleinaktionäre mangels besseren Wissens den Jägern vor die Flinte. Ein Zitat aus RP [Rheinische Post] online vom Januar 2008: „Sollen die Mutigen Aktien kaufen? – Die Konjunkturaussichten gelten als gut, der Konsum hält an. Es gibt gute Gründe, die gegenwärtige Krise zu nutzen.“ Zu allem Überfluss garnierten sie den Artikel auch noch mit einem Foto von mir, der ich die gegenteilige Meinung vertrat.i

Erst im März 2009 war der Tiefststand von 6469 Punkten erreicht, was für die „Mutigen“ einen Kursverlust von über vierzig Prozent in einem dreiviertel Jahr bedeutete.

War das absehbar? Absolut! Wir kannten die Spannungsfelder und Wirkmechanismen bestens. Wir haben hinter den Kulissen offen über den Wahnsinn der Immobilienverbriefungen gesprochen und dieses Verfahren als Auslöser für eine kommende Katastrophe identifiziert. Professor Max Otte hat schon zwei Jahre zuvor sein Buch Der Crash kommt veröffentlicht.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb 2010: „Dirk Müller war der erste hier auf dem Parkett, der den Fall des Marktes vor Monaten voraus ahnte“.ii Doch das wollte in der Euphorie jener Tage – so wie heute – niemand hören. Das ging mir und den Kollegen so – die Beschimpfungen reichten von „Schwarzseher“ bis „Verschwörungstheoretiker“. Diesmal sei schließlich alles anders und ewiges Wachstum und ewiger Anstieg der Aktienkurse seien quasi garantiert.

Kommt Ihnen das vertraut vor? Als dann die Seismographen ausschlugen und die ersten bekannteren Immobilienstrukturen platzten, war höchste Körperspannung angesagt. Davon bekam die Öffentlichkeit kaum etwas mit, das erschien selbst in den Wirtschaftszeitungen eher auf den hinteren Seiten.

Als parallel die Tiere des Waldes sich ins Gebüsch schlugen, war das für mich der Zeitpunkt, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich erinnere mich an eine n-tv-Börsenschalte mit Katja Dofel, die mich kurz vor der Sendung fragte, wie meine Einschätzung zum Markt sei, was ich den Leuten sagen würde. Ich antwortete „Uns fliegt der ganze Scheiß in Kürze um die Ohren. Sofort raus aus allen Risikopositionen.“ Sie meinte noch, ob das mein Ernst sei und ob ich damit wirklich auf Sendung gehen wolle. Wir gingen damit auf Sendung.

Sie können Sich in etwa vorstellen, wie die nachfolgenden Reaktionen aussahen, besonders bei jenen Banken, die Kunde meines Arbeitgebers waren und ihren Kunden gerne weiterhin Fonds und Aktien verkauft hätten. Die haben meinen Vorstand angerufen. Was denn der Irre aus seinem Haus dort auf dem Sender von sich gebe? Doch mir geht eine ehrliche Einschätzung der Situation stets vor kurzfristigen finanziellen Interessen, und zum Glück war mein damaliger Chef ebenfalls von diesem alten Börsen-Schrot und Korn und deckte mir den Rücken. Das war damals wie heute keine Selbstverständlichkeit.

Obwohl die Zusammenhänge immer wieder klar erkennbar sind, heißt es hinterher meist: „Das konnte keiner ahnen“. Das ist die Ausrede derer, die entweder tatsächlich keine Kenntnisse über die Zusammenhänge haben oder den Kunden wider besseres Wissen auch auf der letzten Rille noch Risikopositionen einreiben wollen, damit ihre Quartalsvorgabe erreicht wird.

Wenn Ihnen also wieder mal einer sagt „Das konnte keiner ahnen“, wissen Sie, was Sie zu tun haben. Wenn er Ihnen sagt: „Den Zeitpunkt konnte keiner ahnen“, ist das ein ganz anderer Schnack, wenn er sie damals zumindest auf die Spannungssituation hingewiesen hat.

i http://www.rp-online.de/wirtschaft/finanzen/weltwirtschaft-in-gefahr-aid-1.2332202

ii http://www.sueddeutsche.de/geld/boerse-frankfurt-dirk-mueller-popstar-1.266922