Arche Noah: Ein Vorsorgekonzept für die Krise

Was heißt das nun konkret für Sie? Stellen Sie sich vor, sie haben eine Villa in San Francisco mit einem großen Garten und Blick aufs Meer. Sie feiern eine rauschende Party mit vielen Freunden, die Steaks liegen auf dem Grill, und die Damen sind kurz davor, kreischend in den Pool zu springen (Damen und Veganer stellen sich das bitte leicht adaptiert vor).

Würden Sie jetzt gerne den Spielverderber spielen, die Party abbrechen und alle nach Hause schicken, weil es irgendwann in unbestimmter Zukunft ein großes Beben geben wird?

Ganz sicher nicht, und das ist auch nicht nötig. Es genügt, dass Sie nun wissen, auf welche Seismographen Sie in den nächsten Monaten und vielleicht Jahren achten müssen. Wichtig ist es auch nicht nur, die Seismographen zu haben, sondern auch einen verdammt guten Plan, was zu tun ist, wenn diese Dinger ausschlagen. Wenn Sie dann erst anfangen, Ihre Kleider zu packen, zu überlegen, welche Unterlagen Sie noch zusammensuchen müssen und wo Sie Ihren Pick-up jetzt noch schnell volltanken können, nutzt Ihnen die ganze Erkenntnis der Situation wenig.

Daher ist es wieder einmal sinnvoll, sich auf die Bibel zu besinnen. Wann baute Noah seine Arche? VOR dem Regen!

Sie kennen inzwischen die Wirkmechanismen, wie und warum sich die Spannungen aufbauen. Das müssen Sie nicht unbedingt alles auswendig lernen, es genügt, wenn Sie daraus die Erkenntnis ziehen: „Ja, ein großes Beben ist durchaus realistisch.“ Das genügt.

Sie kennen nun die Seismographen, auf die Sie achten müssen. Um jetzt den notwendigen Plan A zu entwickeln – Ihre persönliche Arche –, müssen wir uns überlegen, wie der Ablauf eines kommenden Crashs wahrscheinlich aussehen wird. An dem Wort „wahrscheinlich“ erkennen Sie schon, dass es auch hier keine Garantien und Sicherheiten gibt, nur Abläufe denen man aufgrund guter Kenntnisse und Zusammenhänge eine gewisse Wahrscheinlichkeit einräumen kann.

Wir können die Abläufe der Lehman-Krise als wunderbare Blaupause verwenden, da es die gleichen tektonischen Plattensysteme sind, die damals wie heute unter Spannung stehen. An welcher Stelle das Epizentrum sein wird, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, so wie auch in Kalifornien nicht klar ist, an welcher Schwachstelle der San-Andreas-Verwerfung die Struktur zuerst nachgibt.

Ob es Banken in Italien, die chinesische Unternehmensverschuldung oder ein Dominoeffekt von überspannten Wetten auf die Börsenvolatilität sind, spielt keine Rolle. Entscheidend ist nur, welche Abläufe und Folgen das Beben auf der Oberfläche – und damit für uns alle sicht- und erlebbar – hat.

Das Marktbeben wird direkt mit zunächst vermutlich relativ moderat fallenden Aktienkursen einhergehen, da die Masse die Situation lange unterschätzt und eher zukauft. Das wird sich jedoch beschleunigen, je klarer wird, welche Kettenreaktionen ausgelöst wurden.

Wir werden wie schon 2008 sehr früh sehen, dass die kurzfristigen Zinsen spürbar anziehen. Besonders bei Anleihen mit hohem Risiko, so genannten High Yield-Anleihen, wird das sehr deutlich werden. Die Kreditvergabe der Banken wird schnell extrem restriktiv. Sie schauen dreimal hin, bevor sie jemandem Geld leihen, und halten selbst ihre Reserven beisammen. Bei der weiteren Zuspitzung und den ersten größeren Zahlungsausfällen bei internationalen Kreditinstituten werden die Schotten weitgehend geschlossen. Es wird sehr schwer, sich irgendwo Geld zu leihen. Die Kreditlinien der Unternehmen werden gestrichen. Wer jetzt als Mittelständler oder kleiner Unternehmer nicht über gute kurzfristig verfügbare Kapitalreserven verfügt, kommt in ernste Schwierigkeiten.

In dieser sich verschärfenden Situation reagieren viele Unternehmer mit aggressiven Sofortmaßnahmen. Sparkonzepte werden – so vorhanden – aus der Schublade geholt und entschlossen abgearbeitet. SAP war 2008 ein Lehrbeispiel an Weitsicht und Reaktionsschnelle. Binnen kürzester Zeit wurde in Walldorf alles gestrichen, was nicht überlebensnotwendig war. Flugreisen wurden durch Videokonferenzen ersetzt, Dienstwagen außer Dienst gestellt, alle offenen Stellen blockiert. Jeder Bleistift wurde in Frage gestellt.i Am 15. September beantragte Lehman Brothers die Insolvenz.

Zwei Wochen später hatte die SAP ihre Sparprogramme bereits im Markt. Wären Sie mit Ihrer Firma aktuell in der Lage, ebenso schnell zu reagieren? Wenn nicht, wäre das jetzt der richtige Zeitpunkt, einen solchen Notfallplan zu entwerfen und in den Tresor zu legen.

Die nächsten Zeilen beschäftigen sich zunächst mit dem Unternehmer, aber auch der Privatmann sollte stets wie ein Unternehmer denken, wenn es um seine eigenen Finanzen geht. Daher stecken auch für den privaten Anleger große Erkenntnisse in diesem Abschnitt, wir gehen später auf die privaten Besonderheiten noch einmal zusätzlich ein.

  • Überprüfen Sie bei Verträgen, bei denen Ihnen Kosten entstehen (Lieferanten, Versicherungen etc.), ob Sie die Laufzeit so weit wie möglich verkürzen können oder Ausstiegsklauseln einbauen können, damit die Kosten nicht zu sehr aus dem Ruder laufen. Im Ernstfall kann es entscheidend sein, aus einer Vertragsverpflichtung schnell herauszukommen.

  • Überprüfen Sie, wo Sie Verträge, bei denen Ihnen Einnahmen entstehen (zum Beispiel Vertragskunden) sinnvoll verlängern können.

  • Verlängern Sie Kreditverträge rechtzeitig und möglichst langfristig, um nicht im ungeeignetsten Moment mit der Bank über einen Anschlusskredit verhandeln zu müssen, den sie, wenn es ganz dumm läuft, gar nicht oder nur zu extremen Zinsen bekommen.

  • Klassifizieren Sie Ihren Mitarbeiterstamm. Wen kann ich in einer Krise am ehesten entbehren? Bedenken Sie soziale Aspekte Ihrer Mitarbeiter. Wer ist absoluter Leistungs- und Knowhow-Träger, den ich auf keinen Fall verlieren darf? Staffeln Sie Ihre Maßnahmen von „Krisenbeginn, Schwere noch nicht absehbar“ über „Schwere Krise wahrscheinlich“ bis „Last-Man-Standing“. In letzterem Fall reduzieren Sie alle Kosten und Personal auf das absolut Lebensnotwendige Ihres Unternehmens.

  • Sorgen Sie für eine möglichst große Liquiditätsreserve. Wie 2008 gibt es auch in der nächsten Krise ein alles entscheidendes Kriterium: Liquidität. Die dicksten Auftragsbücher und der wertvollste Maschinenpark nutzen Ihnen nichts, wenn Sie ihre morgige Rechnung nicht bezahlen können. Und seien Sie sicher, Ihr Gläubiger wird auf sofortige Zahlung bestehen; er hat selbst keine andere Chance. Cash Is King!

  • Machen Sie diese Planungen heute. Wenn eine Krise ausbricht, werden Sie dazu weder Zeit noch Nerven haben. Die Medien überschlagen sich, Ihr Telefon steht nicht still, die Familie, Freunde und Mitarbeiter sind panisch. Bei Ihnen liegen ebenfalls die Nerven blank und Sie bekommen den Tunnelblick, der nur das direkte Reagieren ermöglicht, aber ganz sicher keine abgestufte und überlegte Konzeptplanung. Wenn Sie in dieser Phase Ihren Zettel aus dem Tresor holen können, wird das Ihre Situation grundlegend verändern. Sie sind sofort wieder Herr der Lage und haben den Kompass vor Augen, das Ruder in der Hand. Und genau das muss ein Kapitän im Sturm haben.

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Hier geht es zum ersten Teil der Serie "Die Krise als Chance - Teil 1: Es hat Boom gemacht!"