Inhalt

1. Nominal- und Realzins sind zu unterscheiden

2. Echte Risikostreuung ist heute Mangelware

  • 2.1 Welche Bereiche sind betroffen?

3. YPOS Kapitalmarkt-Dialog am 16.06.2015

Hohe Schulden erfordern niedrige Zinsen. Dieser Leitsatz ist spätestens seit der globalen Finanzkrise omnipräsent. Da die Schulden auf globaler Ebene eher steigen als fallen, gehen die Anleger im Rückschluss davon aus, dass die Zinsen nicht nachhaltig steigen können. Diese Erwartung spiegelt sich in den Aufschlägen wieder, die Investoren bereit sind zu zahlen,  um alternative Ertragsquellen (Anleihen, Aktien, Immobilien) zu erwerben bzw. aktuell nicht zu verkaufen (Alternativlosigkeit). Die Annahme dauerhaft niedriger Zinsen steckt also in allen Vermögenspreisen. Letztendlich könnte dies aber auf den „falschen“ Zinsen basieren.

Nominal- und Realzins sind zu unterscheiden

Wenn an den Kapitalmärkten, in den Medien und dem Alltag über Zinsen und Renditen gesprochen wird, dann ist typischerweise der Nominalzins gemeint. In den vergangenen Wochen sind diese Nominalzinsen für sichere Staatsanleihen massiv angestiegen. Da steigende Renditen fallende Kurse bedeuteten, kam es zu Verlusten.

Dieses Entwicklung ist nicht auf Deutschland beschränkt, sondern an vielen Märkten zu beobachten. In der Konsequenz muss der Schuldner bei der Aufnahme von neuen Schulden nun höhere Zinsen bieten. Diese Zinsen müssen natürlich auch über die Laufzeit der Schuld bezahlt werden. Die Belastung für den Schuldner steigt also.

An dieser Stelle kommt die wichtige Unterscheidung: Sowohl für den Schuldner, als auch für den Gläubiger sind die Realzinsen entscheidend. Diese ergeben sich, wenn die Nominalzinsen um die offizielle Inflationsrate reduziert werden. Die Formel lautet: Nominalzinsen – Inflation = Realzins. Dieser zeigt, wie hoch die effektive Belastung des Schuldners und der „echte“ kaufkraftbereinigte Ertrag des Gläubigers sind. Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der Realzinsen für Staatsanleihen mittlerer Laufzeit (2 und 5 Jahre) in den vergangenen Monaten.

Natürlich werden sich die Zinsen (Frage ist ja auch für welche Laufzeit betrachtet wird) und die Inflation auf der Zeitachse nicht exakt parallel in eine Richtung und mit gleicher Stärke bewegen. Die Zinsen können durchaus ansteigen bevor die Inflation anspringt. Dann steigen die Realzinsen und das ist schlecht für die Schuldner. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrer letzten Pressekonferenz auf die Möglichkeit größerer Schwankungen hingewiesen hat…

Es bleibt also festzuhalten, dass die Realzinsen aufgrund der Schuldensituation wohl nicht deutlich steigen werden. Die Nominalzinsen können allerdings sehr wohl steigen ohne den Schuldner langfristig stärker zu belasten. Bedingung ist lediglich, dass die Inflation ebenfalls genauso stark steigt. Die am Markt gehandelten Inflationserwartungen sind jedenfalls bereits gestiegen.

An dieser Stelle ist noch zu erwähnen, dass die zinsbasierten Altersvorsorgesysteme einen höheren Nominalzins benötigen, um ihre Verpflichtungen (zumindest auf dem Papier) erfüllen zu können. Auch der Staat profitiert von höheren Zinsen, da er über die Abgeltungsteuer 25 Prozent der Erträge erhält. Das der Sparer und Versicherte nur den Realzins erhält ist dagegen ein persönliches Problem und aufgrund der ungleichen Vermögensverteilung politisch wohl zu ertragen.

Langfristige Anleger sollten schon immer in realer Kaufkraft gerechnet haben. Im aktuellen Umfeld sollte aber auch bei Anlageentscheidungen mit kürzerem Anlagehorizont auf diese Differenzierung geachtet werden. Schließlich würden steigende Nominalzinsen den Markt und den Großteil der Anleger überraschen und damit verschiedene Vermögensklassen gleichzeitig treffen.

Echte Risikostreuung ist heute Mangelware

Wenn verschiedene Vermögensklassen, natürlich in unterschiedlichem Ausmass, von einem unerwarteten Zinsanstieg betroffen sein sollten, dann führt die Mischung verschiedener Vermögensklassen zu einer geringeren Risikostreuung. Im Fachchinesisch heißt das „geringere Diversifikation“, für den Anleger bedeutet es finanziellen Stress, da er größere Schwankungen ertragen muss. Einen Vorgeschmack haben die vergangenen Wochen geliefert.

Welche Bereiche sind betroffen?

So ziemlich alle…

1. Die Risikostreuung über verschiedene Vermögensklassen, weil die niedrigen Zinsen und der Anlagenotstand auf den gesamten Kapitalmarkt und illiquide Ausweichmärkte (Immobilien, Infrastruktur) wirken.

2. Die Verteilung des Kapitals auf verschiedenen Sektoren und Aktien innerhalb eines Sektors, da der Gleichlauf der einzelnen Wertpapiere und insbesondere der populären zinsnahen und defensiven Sektoren aktuell eher hoch ist.

3. Die Investition in die verschiedenen Vermögensklassen mittels unterschiedlicher (!) Managementstile. Aktuell scheinen besonders passive Indexinvestments und aktive Investmentstile mit historisch defensiverem Charakter (bspw. Low Volatility und Qualität) im Fokus der Investoren zu stehen. Es besteht also die Gefahr mit dieser Vereinfachung zu wenig Diversifikation zu erhalten bzw. die aktuell „beliebten“ Risikoprämien zu teuer zu bezahlen.

YPOS Kapitalmarkt-Dialog am 16.06.2015

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