Die japanische Börsenlandschaft

Das neue Jahr hat kaum begonnen, und schon deuten sich einige bedeutsame Veränderungen auf dem japanischen Finanzmarkt an. Welche Auswirkungen die Wahl des neuen Parlaments und des neuen Premierministers Shinzo Abe auf die Zentralbankpolitik und den Devisenmarkt haben können, hatte ich bereits in einem früheren Artikel angeschnitten. In einem späteren Artikel werde ich außerdem den allgemeinen ökonomischen Ausblick mehrerer in Japan ansässiger Finanzinstitute zusammenfassen und versuchen, ein Fazit für Investitionsentscheidungen in Japan für 2013 zu ziehen.

In diesem Artikel möchte ich mich jedoch vorerst der Veränderung der japanischen Börsenlandschaft widmen.

In Japan existieren mehrere Börsen, von denen die Tokyo Stock Exchange (Kassamarkt) und die Osaka Securities Exchange (Derivatemarkt) die führenden Institute sind. Darüber hinaus bietet die Tokyo Financial Exchange (TFX) FX- und CFD-Produkte (hauptsächlich für den einheimischen Retailmarkt), sowie EuroyenFutures an. Die Tokyo Commodity Exchange (TOCOM) bietet Rohstoff-Futures (Gold, Öl, Gummi) an. Daneben gibt es noch kleinere lokale Börsen, wie die Fukuoka Exchange, die Sapporo Exchange und die Kansai Exchange (KANEX). Die Tokyo Grain Exchange (TGE), welche Agrarprodukte anbot, wird ihren Betrieb im Februar 2013 einstellen. Die noch gehandelten Produkte werden von TOCOM bzw. KANEX übernommen.

Mit der zum 1. Januar 2013 erfolgten Fusion der Tokyo Stock Exchange, Inc. (bisher nicht gelistet) und der Osaka Securities Exchange (Ticker: 8697) zur „Japan Exchange Group (JPX)“ ist den beiden größten japanischen Börsen ein historischer Schritt gelungen, der im Zuge des Börsenfusionsrausches der vergangenen beiden Jahre allen anderen Börsen verwehrt blieb. Nicht nur die geplatzte Fusion von Deutscher Börse AG und NYSE Euronext, sondern auch die Fusionen zwischen Singapore Exchange (SGX) und Australian Securities Exchange (ASX), sowie zwischen der London Stock Exchange (LSE) und der Toronto Stock Exchange (TMX) scheiterten letztendlich.

Ob die gelungene Fusion zwischen TSE und OSE nun zum Segen oder Fluch wird, werden die nächsten Monate zeigen.

Entscheidend bei der Analyse der Fusion sind die folgenden beiden Punkte: erstens, die TSE/OSE Fusion war eine nationale und keine länderübergreifende Fusion und zweitens,  sie war politisch initiiert und erfolgte nicht aus realwirtschaftlichen Gesichtspunkten.

Die Gretchenfrage über Wohl und Wehe der neuen „Megabörse“ und somit des japanischen Finanzmarktes im Großen und Ganzen wird sein, wie schnell die beiden Börsen ihre seit 150 Jahren gepflegte gegenseitige Abneigung überkommen können.

Die Integration erfolgt sukzessive über die nächsten 12 Monate, hier eine Übersicht die geplanten Maßnahmen:

Januar 2013:

Die „Japan Exchange Group (JPX)“ wird als Holding etabliert; unter ihrem Schirm agieren die TSE und die OSE vorerst noch unabhängig voneinander. Eine Annäherung und Verschmelzung der jeweiligen Fachabteilungen soll innerhalb der nächsten Monate vollzogen werden. Ein konkreter Zeitplan hierzu liegt zum Zeitpunkt des Schreibens jedoch noch nicht vor.

CEO der Holding wird der bisherige CEO der Tokyo Stock Exchange, Atsushi Saito. COO wird der bisherige CEO der Osaka Securites Exchange, Michio Yoneda.

Die JPX wird als Aktiengesellschaft im Kassamarktsegment der Osaka Securities Exchange („Jasdaq“) sowie in der 1st Section der Tokyo Stock Exchange gelistet. Es wird die gleiche Struktur der bereits gelisteten Aktien der Osaka Securities Exchange (Ticker: 8697) verwendet. Die vormals nicht gelisteten TSE Aktien wurden im Verhältnis 1 zu 20,15 gesplittet und den bereits gelisteten OSE Aktien hinzugefügt.  Diese wurden im Verhältnis 1 zu 100 gesplittet. Dadurch ergibt sich ein Gesamtvolumen von 72,9 Millionen Aktien, von denen sich 35,9 Millionen im Freiverkehr befinden (49,25%). Es ergibt sich eine Marktkapitalisierung von 285 Milliarden Yen ( ca. 2,5 Milliarden EUR).

Februar 2013:

Die Aktien der JPX Holding werden in den TOPIX Index aufgenommen (28. Februar 2013).

Mai 2013:

Das neue Rechenzentrum der TSE (JPX Co-Lo „All“) wird eröffnet. Es bietet Zugang zu den Derivatemärkten der TSE und der OSE (über einen sogenannten „access point“), sowie zum Kassamarkt der TSE. Die bisherige Co-Location Fazilität der OSE (JPX Co-Lo „OPEN“) bleibt bestehen, ebenso die der TSE. Die Neuerrichtung eines dritten Rechenzentrums bei gleichzeitiger Beibehaltung der beiden bestehenden Rechenzentren ist jedoch umstritten. Ob die neue Fazilität vom Markt angenommen wird (was zu erhöhten kosten auf Seiten der Marktteilnehmer führt) und dabei die beiden bestehenden Rechenzentren überflüssig macht, wird sich im Laufe der zweiten Jahreshälfte zeigen.

Juli 2013:

Der Kassamarkt der OSE („Jasdaq“) wird eingestellt. Alle bisher auf der OSE gelisteten Kassamarktprodukte (insbesondere ETFs) werden in das Kassamarktsystem der TSE („arrowhead“) integriert.

Das bisher unabhängig agierende Clearinghaus der OSE wird in das der TSE unterstellte Clearinghaus JSCC („Japan Securities Clearing Corporation“) integriert. Dies hat folgenden Effekt: Bisher mußten für den Handel mit TOPIX-Futures und Nikkei-Futures jeweils voneinander getrennte Margen bezahlt werden (Margen für die TOPIX-Futures bei der JSCC, Margen für die Nikkei-Futures bei der OSE Clearing). Durch das Margin-Offsetting werden ca. 80% der bisherigen Margenzahlungen freigesetzt.

Januar 2014:

Erst zum Januar des nächsten Jahres werden die beiden Derivateplattformen integriert. Bis dahin werden alle Nikkei-basierten Derivateprodukte (Nikkei-Futures, Nikkei-Optionen) weiterhin auf der von der OSE verantworteten Nasdaq-OMX Click Plattform gehandelt, während die Derivateprodukte der TSE (TOPIX-Futures, TOPIX-Optionen, JGB-Futures, JGB-Optionen) auf der von NYSE Liffe lizenzierten „Tdex+“ Plattform gehandelt werden. Zum Januar 2014 wird dann der Betrieb der Liffe-basierten Tdex+ Plattform eingestellt und alle TSE-basierten Derivateprodukte in die OSE-basierte OMX-Plattform überführt.

Ob zu diesem Zeitpunkt gleichzeitig ein Plattform Upgrade („OMX Genium“) druchgeführt wird, ist zum Zeitpunkt des Schreibens noch unklar.

Februar 2014:

Die Tokyo Financial Exchange (TFX) wird an das Netzwerk der TSE („arrownet“) angebunden. Man könnte diesen Schritt als Vorform zur Assimilierung der TFX in die JPX-Gruppe interpretieren.

Fazit: Theoretisch sind also die Weichen gestellt, um die Führungsposition unter den asiatischen Börsen zu erlangen. Dies in die Praxis umzusetzen, ist eine andere Frage. Meist ist „gut gemeint“ das Gegenteil von „gut gemacht“.