So wie sich Politiker gerne wegducken, wenn es Eier oder gute Argumente regnet, so gerne drängen Sie wie Insekten ans Licht, wenn es darum geht, Pluszeichen zu erklären. Nun, natürlich sei man erst zwei Wochen im Amt, aber der Aufschwung sei dennoch eine Folge des Wandels. Im Abschwung sieht das wenig erstaunlich gleich ganz anders aus…

Dieses Verhalten ist auf beiden Seiten des Atlantiks vergleichbar. Auch beim Wegducken wenn es Obst oder gute Argumente hagelt, gleichen sich die Muster. Wir dürfen gespannt sein, wie die Prediger einer encouraging  recovery oder – teutonisch bescheiden – eines XL Aufschwungs mit den kommenden Problemen umgehen werden. Denn vorbei ist das Spektakel noch lange nicht, auch wenn der ein oder andere so genannte Repräsentant diese lästige Krise gerne für beendet erklärt.

Die kürzlich veröffentlichten Daten zum Konsum in der BRD wollen denn auch so gar nicht in das blumige Bild passen, dass über diverse Kanäle vermittelt werden sollte. Das Mobiliar der Realität ist scheinbar deutlich zu sperrig für das enge Treppenhaus der politischen Wunschträume.

Es gehe aufwärts, die Bürger würden die ewige „Miesepetrigkreit“ nicht mehr zulassen, so heißt es. Tja, keine Kohled das ist doch nun wirklich kein Grund, schlecht drauf zu sein. Und überhaupt wisse man vor lauter Vollbeschäftigung sowieso gar nicht mehr, woher man noch die zahllosen benötigten Arbeitskräfte für das kommende „deutsche Jahrzehnt“ herholen solle. Erstaunlich, wie gering entgegen der vorherrschenden Lehrbuchmeinung der Anstieg der Löhne in diesem Wirtschaftswunder ausfällt.

Bei dem wirklich so geringen Angebot an Arbeitskräften wäre das doch in der Tat erstaunlich. Vielleicht liegt es schlichtweg daran, dass in einigen Dienststellen das Herausfallen von Personen aus einer Statistik mit der Aufnahme einer Beschäftigung verwechselt wird. Wenn sich in einem derartigen Umfeld viele Menschen, die von ein paar hundert Mark im Monat leben, ausgerechnet von Berufsparlamentariern in dritter Generation Optimismus predigen lassen müssen, dann ist das nur mit dem Begriff unwürdig treffend zu beschreiben. Dennoch – auch wir sollten nicht so miesepetrig sein und ständig nur auf Daten und Zahlen herumhacken! Also verinnerlichen wir das neue Ökonomische ABC, es ist ganz leicht:

  • Schulden sind gut und schaffen Werte.

  • Inflation war jahrelang zu Unrecht in Misskredit geraten und ist der neue Heilsbringer.

  • Der Schuldenstand einer Volkswirtschaft ist unbedeutend.

  • Steigende Assetpreise sind gut. Je teurer Firmenanteile oder Häuser, desto besser!

  • Lebensmittelpreise steigen nur wegen „Londoner Spekulanten“. Mit einer wundersamen Währungsvermehrung und „Bio-Treibstoffen“ hat das nichts zu tun.

  • Ach herrlich, die Liste ließe sich ewig fortsetzen. Vielleicht zum Schluss noch ein Klassiker: Der deutsche Energiemarkt ist liberalisiert, es herrscht freier Wettbewerb.

Nun, leider kommen all diese Thesen gegen die schlichte Welt von Angebot und Nachfrage nicht an. Das Verhältnis von dem, was ich brauche, und dem, was ich mir leisten kann, bestimmt immer noch die ökonomischen Realitäten. Gut zu beobachten war und ist dieses Verhältnis in den vergangenen Jahren in den USA und vielen europäischen Staaten. Wenn es keine Arbeit gibt, gibt es auch keine Arbeitsplätze. Die Zahl der Arbeitslosen steigt – ob man sie in einer Statistik ausweist oder nicht. Wer keinen Job hat, muss mit einem geringeren Einkommen auskommen, der Konsum sinkt. Ob man dies zeigt, oder lediglich diejenigen Geschäfte in die Umsatzstatistik einbezieht, die nicht bankrott gingen, steht auf einem anderen Blatt…

Dennoch gibt es genügend Daten, die diese Sachverhalte offen legen. So ist selbst in den offiziellen Statistiken der US-Behörden zu sehen, warum die Arbeitslosenquote konstant bleibt oder auch manchmal um einen zehntel Prozentpunkt sinkt, obwohl es keine Besserung am Arbeitsmarkt gibt. Die Menschen fallen aus der Statistik heraus. Die Erwerbsbevölkerung, eine Zahl auf einem Stück Papier, schrumpft. Das geschieht im Mittel nicht, weil die Menschen einen Job bekommen haben, sondern weil sie entmutigt die Suche aufgeben. Was schlecht für den Menschen ist, kann so zynischerweise positiv für die Statistik sein.

Die Erwerbsbevölkerung in den USA schrumpft derweil mit beeindruckender Geschwindigkeit. Allen schönen Reden zum Trotz beeinflusst dieser Trend auch das Ausgabeverhalten der Bürger. Das ist nicht schön, aber logisch. Der Einbruch im Januar dieses Jahres war überaus bemerkenswert.

Die Daten des Umfragedienstes Gallup zeigen einen deutlichen Einbruch im ersten Monat des Jahres. Fast könnte der Betrachter den Eindruck haben, im Dezember wäre noch einmal ein der Geldbeutel geöffnet und die Kreditkarte gezückt worden, bevor der Gürtel enger geschnallt wird. Und der Gurt wurde richtig eng um den Leib geschnürt. Der Rückgang bei den Ausgaben lag im Mittel bei mehr als 25%. Das ist nicht allein mit einem Weihnachtseffekt zu erklären, denn auch im Vergleich zum Januar des Vorjahres reduzierten die US Konsumenten die Ausgaben um etwa ein Fünftel. In keinem Monat der Jahre 2009 und 2010 haben die Konsumenten weniger ausgegeben.

So weit ist es mit dem Aufschwung also schon gekommen. Sollte sich diese Tendenz selbst in abgeschwächter Form verstetigen – Gallup spricht bereits von einem new normal – wird dies katastrophale Folgen für den Einzelhandel in den Vereinigten Staaten haben.

(Gallup) As consumers continue to deleverage — by not only paying down their debts, but also using less new credit — it may be that the “new normal” spending patterns of 2009-2010 will continue unabated in 2011. Lower- and middle-income consumers, who remain focused on using cash, may spend more on holidays and for special events, but then feel the need to pull back on spending shortly thereafter to compensate.

Diese beschriebene Muster ist plausibel, vor allem die rückläufigen Raten bei Kreditkartenschulden und die dramatischen Einschnitte bei den Hypotheken belegen die Aussagen von Gallup. Bezogen auf neue Kredite sieht die Lage auf längere Sicht mau aus. Die Entwicklung am Häusermarkt, der mit historisch tiefen Neubauzahlen zu kämpfen hat, spricht ebenfalls Bände. Bei den Automobilverkäufen sieht es ebenfalls nicht rosig aus.

Umso erstaunlicher ist es vor diesem Hintergrund, wie derzeit in der Breite von Politik, Zentralbanken und Wirtschaftsvertretern ausgerechnet die Inflation gepriesen und herbeigebetet wird. Eine in der Breite nachlassende Konsumfähigkeit mit einer Verringerung der Kaufkraft bekämpfen zu wollen ist an Absurdität kaum zu überbieten. Vielleicht heißt es ja bald schon, entweder ein Auto oder Sprit – beides kann ich mir nicht leisten. Das soll das große Ziel sein? Das sind die Trümmer, die viele Verantwortliche sich nicht schämen, Vision nennen?

Im Gegensatz zur weit verbreiteten Saga, die Ausgaben der zahlungskräftigen Kundschaft (mehr als $90.000 per annum) würden die weniger begüterten mit aus dem Sumpf ziehen, sind auch die Spendierhosen dieser Schicht kräftig eingelaufen. Der Rückgang der zu diesem Teil der Bevölkerung gemeldeten Konsumausgaben vom Dezember 2010 auf den Januar 2011 lag mit rund 30% sogar höher als bei den Menschen mit geringerem Einkommen. Relativ zum Vorjahresmonat ergibt sich wie bei den Beziehern niedriger und mittlerer Einkommen eine Schrumpfung um 20%.

So ganz scheint die Inflations-Theorie des großen Vorsitzenden Ben Beranke nicht zu fruchten. Wie lautet das Mantra des bekennenden Inflationsbefürworters?

Steigen nur die Assetpreise stark genug, dann klappt es auch mit der Wirtschaft. Eine Verdoppelung der Aktienindizes hat scheinbar für einen Rückgang der Konsumausgaben um ein Fünftel ausgereicht. Wie hoch die Kurse steigen müssten, um nach Bernankes Zauberformel zum Wohlstand der Massen zu führen, ist nicht überliefert. Ein größeres Problem der Fed scheint sich derzeit daraus zu ergeben, dass der Kübel Wasser, den man über den Finanzäckern ausgebracht hat, die essbaren und die giftigen Kräuter gleichermaßen zum Wachsen anregt.

Ob das tatsächlich so gewünscht war? Oder wird der Zauberlehrling die Geister, die er rief, nun nicht mehr los? Einen nennenswerten Anlagebetrag haben wenige, essen aber müssen alle. “Folgen für den Konsum in den USA“, das mag so wirken, als handele es sich zwar um ein großes aber eher abstraktes und lokales Problem. Weit, weit weg sind die Vereinigten Staaten. Das ist leider nur geografisch der Fall. Bricht der Konsum in den Staaten nachhaltig ein, bekommen rasch zahlreiche Produzenten rund um den Globus massive Schwierigkeiten. Das birgt die bekannten Gefahren für die Arbeitsmärkte in eben diesen Ländern, an denen wiederum die ohnehin schon bis an den Rand oder darüber hinaus exponierten Staatshaushalte hängen.

Keine schönen Aussichten, die dieser so genannte Aufschwung bietet. Früher wahr offenbar nicht nur das Gras grüner. Auch ein Wirtschaftsboom hat sich irgendwie anders angefühlt.

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