Die düsteren Szenen, die sich dem Betrachter in Teilen Australiens bieten, lenken den Blick wieder verstärkt auf ein Land, in dem viele Betrachter eine Immobilienblase scheinbar für unmöglich halten. Sie ist genauso unmöglich – lassen Sie uns das bereits zu Beginn des Artikels sagen – wie dies in Spanien, Irland und den USA der Fall war und es in Kanada und China sein wird.

Nur weil viele Firmen von den massiven Exporten im Rohstoffsektor profitieren, heißt das nicht, dass dies alle Fehlentwicklungen entschuldigt oder gar umkehrt. Im Verhältnis zum Einkommen sind die Hauspreise teils weit über das für potenzielle Käufer erträgliche Maß hinaus gestiegen. Vielerorts finden sich nur noch ausländische Investoren. In der Regel sind dies Investmentfonds, die zu eben diesem Zwecke aufgelegt wurden. Diese sammeln Geld von Institutionellen und privaten Anlegern ein, verweisen auf den langjährigen Anstieg der Preise und zeichnen diese Entwicklung dann in bunten Broschüren für die nächsten zehn Jahre fort. Ist der Anleger nicht überzeugt, wird noch das Foto eines gigantischen Baggers und ganz sicher auch der Preisverlauf des Kupfermarktes in die Präsentation eingebaut.

Ein oft zu hörender Satz verweist, sobald das Gespräch auf eine nicht haltbare Situation am australischen Immobilienmarkt kommt, auf die geringe Staatsverschuldung down under. In der Tat treiben die Werte zum australischen Haushalt mit schöner Regelmäßigkeit so einigen Westlern die Tränen des Neides in die Augen – große Schwierigkeiten haben die Schatzämter in der Tat andernorts. Nur zeigt der fast schon reflexartige Verweis auf eine mögliche staatliche Flexibilität bei einem rein privatwirtschaftlichen Problem, wie weit es die Lobbywirtschaft – fälschlicherweise oft auch Marktwirtschaft genannt – gebracht hat. Heute ein Haus kaufen, die Finanzierung gibt es dank Zentralbank-Zins-Aldi immer noch vergleichsweise günstig, und wenn es mit dem Anstieg des Immobilienpreises, der die Käufe von zahlreichem Konsumplunder decken soll, nicht klappt, dann greift halt der Staat, die Zentralbank oder das Imperium ein. Das ist keine Ökonomie, das ist ein irrer Zirkus.

Nun, lassen wir das. Freuen wir uns darüber, dass der Bau und die Verkabelung leerstehender Bauten in China scheinbar auf ewig funktioniert und der australische Erdboden somit für den gleichen Zeitraum als niemals endender Quell steigender Löhne für alle australischen Einwohner dient. Die steigenden Kosten der Inputfaktoren stellen in diesem Modell natürlich keinerlei Belastung für produzierende Unternehmen dar. Stundenlohn AU$100? Kein Problem. Kupfer verdreifacht? Ha, da lacht der Chinese, her mit den Kabeln! So sieht sie aus, die neue Volkswirtschaftstheorie. Es ist schwer, sich angesichts dieser Thesen eine gewisse Ernsthaftigkeit zu erhalten.

Erstaunlicherweise ist gerade unter den australischen Bankern angesichts der rauschartigen Zustände der Humor erst richtig ausgebrochen. Es kann allerdings nicht an einer überbordenden Nachfrage liegen, was dort kürzlich von einer Tochter der australischen WestPac Bank zu hören war. Es handelt sich um ein Unternehmen, dass gerne auch Finanzierungen von mehr als 90% offeriert. Auch 95% sind nicht unüblich – wenn auch als Maximum tituliert. Immerhin, mit AU$15.000 lässt sich so ein Haus für AU$300.000 finanzieren. Stemmen kann der Interessent den Kauf auf diesem Wege – ob er sich diesen Irrsinn auch leisten kann?

Ein Rückgang des Preises um 30% und flugs ist der Bewohner AU$75.000 unter seinem Eigenkapital gelandet. Für einen derartigen Rückgang braucht es in der Regel nicht furchtbar lange, wie das Beispiel Irland zeigt. Natürlich bringt ein solches Geschäft – wie alle stark gehebelten Transaktionen – auch ein deutliches Ertragspotenzial mit sich. Gerade bei illiquiden Märkten wie dem Häusermarkt verschwindet aber rasch die vermeintliche Liquidität, sobald der Trend sich einmal umgekehrt hat. Stoppkurse existieren in dieser Welt nicht und die Raten für den Kredit fallen immer auf der alten Basis an. Vielleicht sollten die Banken einfach Kredite anbieten, die sich an einem von ihr regelmäßig zu stellenden und handelbaren Kurs für das Haus orientieren. Das wäre doch mal eine Finanzinnovation!

Auf Grund der genannten Zusammenhänge sollte es gute Gewohnheit sein, die Kreditwürdigkeit künftiger Schuldner sorgfältig zu prüfen und gegebenenfalls auf den Kauf eines kleineren Anwesens hinzuweisen oder vom Kauf auf Pump gänzlich abzuraten. Vielleicht war es ja vor einigen Dekaden noch so, wer weiß. Heutzutage wird nunmehr alles versucht, um auch dem Letzten noch einen Kredit anbieten zu können und dabei nicht gegen Regularien zu verstoßen. Auch in Australien ist dies der Fall.

(Loan Market Press Release) Repeated calls by Australia’s largest independently owned mortgage broker Loan Market for banks to allow people applying for a home loan to use rental payments as evidence of genuine savings has been answered by one of the nation’s major lenders.

Loan Market Chief Operating Officer Dean Rushton said St George had become the first Australian bank to change its requirements in regards to rental payments, in a move which will provide much needed assistance to first home buyers.

Das möchte man eigentlich zweimal lesen. Bezahlte Mieten zählen jetzt also als Ersparnisse. Das ist ungefähr so, als würde man doppelt soviel essen, damit die Speisekammer voll wird.

Mr Rushton said St George will accept rent as a form of savings for a home deposit if there is evidence of a minimum of 12 months’ continuous, satisfactory rental history and the property is leased through a licensed property manager.

Ein ganzes Jahr muss die Miete geflossen sein. Damit soll dann – bei mangelnden anderweitigen Ersparnissen wohlgemerkt – gewährleistet werden, dass die entsprechende Person kreditwürdig und somit in der Lage ist, vielleicht 25 Jahre regelmäßige Zahlungen für ein fast komplett finanziertes Haus zu bezahlen. Nicht auszuschließen sind zudem weitere Schulden durch den Einsatz der Kreditkarte oder für den Kauf eines Autos. Dennoch, ein echter Durchbruch, meint ein gewisser Herr Rushton.

“This is a significant breakthrough for first homebuyers and a move which could be a major boost to the home finance industry,” Mr Rushton said.

“Higher interest rates, tougher lending conditions and the end of the boosted federal government grant at the end of last year have driven first time buyers out of the market.

Wir halten fest, Herr Rushton freut sich über einen Boost für die home finance industry. Hier wird immerhin differenziert zwischen einem Schub für die künftigen Schuldner und den Geldverleihern. Dumm nur, dass das Schicksal von Banken und Kreditnehmern miteinander verknüpft ist. Sobald die Ausfälle ein gewisses Maß überschreiten, wird es problematisch. Wer auf dem aktuellen Niveau ein derartiges Finanzierungsangebot in Anspruch nimmt, dem kann sicher vorgehalten werden, er oder sie sei selber schuld an einer möglichen Misere. Die Frage, ob eine derartige Kreditvergabepraxis noch in eine seriöse Geschäftswelt gehört, muss dennoch gestellt werden. Von Regulierern und den großen Beschneidern der Möglichkeiten der Finanzinstitute ist bis dato aber weit und breit nichts zu sehen. Das ist sehr schade, denn selten gibt es in der Historie die Gelegenheit einer derartig zeitnahen Ursachenforschung am lebenden Objekt. Aber vielleicht genügt es auch, lange genug wegzuschauen, in der Hoffnung, die Hauspreisrückgänge in den Staaten oder auf der iberischen Halbinsel entpuppen sich rückwirkend als böser Traum!

Aber mit den Träumen ist das ja so eine Sache. Wie heißt es doch im Film Matrix:

Du nimmst die blaue Pille, dann endet die Geschichte, Du wachst in deinem Bett auf und glaubst, was immer Du glauben willst. Du nimmst die rote Pille, dann bleibst Du im Wunderland und ich zeige Dir, wie tief der Hasenbau geht.

Auch auf anderen Gebieten ist die Entwicklung bemerkenswert. Die Lebenshaltungskosten steigen trotz einer vor Kraft strotzenden Währung massiv an. Glücklicherweise scheint der Kontinent von dem seltsamen Wunsch nach einer Schwachwährung verschont worden zu sein, die vor lauter Hilflosigkeit in den vergangenen Jahren auch so genannte Repräsentanten im deutschsprachigen Raum der Reihe nach erfasst hat. Dennoch nehmen die Belastungen rasant zu, wie auch der Sydney Herald vermeldet. Insgesamt soll die wöchentliche Belastung für den einzelnen Haushalt im Mittel um AU$100 zulegen.

Consumers are reeling from utility increases in the past three years. Electricity prices rose by 45 per cent on average in Sydney; gas by 21 per cent; and water by 43 per cent, according to the Australian Bureau of Statistics.

The bureau's projections for utility prices paint an equally severe scenario of escalating costs. The trio of utility costs alone represents an extra yearly burden of about $1000 - or $20 a week - for an average household of four, while grocery bills are set to rise on average by $50 a week, based on a weekly bill of $150.

Das ist eine ziemlich große Hausnummer. Wie dies auch Bürger hierzulande kennen, trennen sich auch die realen Erfahrungen mit steigenden Kosten und die künstlichen „Inflationsindizes“. Bei den genannten Ausmaßen wird auch der unsägliche und oft geradezu frech hervorgebrachte Hinweis auf eine etwaige nur eingebildete Teuerung ad absurdum geführt. Besonders deutlich stiegen laut der australischen Statistikbehörde die Belastungen aus der Versorgung.

The figures sit in contrast to inflation, which rose over the same period by just 8%.

 

Selbst die australische Statistikbehörde trennt hier schon einmal Inflationsentwicklung von der Preisentwicklung – ein bemerkenswerter Schritt. Es stellt sich die Frage, wie viele Laptops aus Taiwan der Australier sich bei der Ermittlung des statistischen Warenkorbs denn so gönnt.

Steigende Lebenshaltungskosten, langsam anziehende Zinsen und eine exorbitante Belastung aus der gestiegenen Hypothekenverschuldung kommen zusammen auf einem Acker, der aus hochgehebelten Hausinvestments besteht. In einem derartigen Umfeld wirkt das Angebot der Hypothekenbank, gezahlte Mieten als Ersparnisse anzurechnen, mehr als fehl am Platze.

Es ist auch für den langjährigen Betrachter erstaunlich, wie exakt die gleichen Fehler, die in den USA, Spanien oder Irland bereits vor aller Augen durchexerziert wurden, auch in anderen Ländern munter kopiert werden. Die Folgen der anhaltenden Krise haben sich mittlerweile bis in die Staatshaushalte gefressen und werden sich nicht in Luft auflösen sondern solange weiter wachsen und nerven, bis es zu einer strukturellen Lösung kommt. Noch bevor das Problem hüben auch nur in Ansätzen gelöst ist, wurde es offensichtlich in anderen Teilen der Erde schon wieder vergessen. Erstaunlich, denn es auch dieses Mal nicht „anders“. Es ist niemals anders, das gilt für die Südhalbkugel genauso wie für die nördliche Hemisphäre. Ein kleines Positivum für die Weltwirtschaft gibt es dann aber doch: Australien beherbergt nicht sonderlich viele Einwohner.