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Dazu gehört eine intensive Recherche und ein sauberes Überprüfen der Fakten. Quellenangaben werden hier ebenfalls eine Selbstverständlichkeit sein. Diese Artikel der „Cashkurs-Redaktion“ sollen sich ganz bewusst auch im Stil von den Artikeln unserer Top-Autoren unterscheiden. Hier soll es weniger um persönliche Meinungen und Einschätzungen gehen, sondern um sauber recherchierte Fakten und Hintergründe.

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Wir beginnen diesen neuen Bestandteil von Cashkurs mit einem interessanten Artikel über Chinas geschönte Wirtschaftsdaten von Kirsten Kücherer.

Herzliche Grüße
Ihr
Dirk Müller

China - Land des Schummelns?

Redaktion Cashkurs

China wird uns nicht nur als Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft verkauft, sondern auch als das als Musterland in Sachen Staatsfinanzen. Die Devisenreserven sind mittlerweile auf mehr als 3000 Milliarden US-Dollar angewachsen, das Haushaltsdefizit beträgt nach Angaben der chinesischen Notenbank 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), der Schuldenstand sei unter 20 Prozent. Auf diese Zahl kommt in etwa auch der Internationale Währungsfonds IMF. China – Land der Stabilität? Oder Land des schönen Scheins oder gar des Schummelns?  Zweifel an chinesischen Wirtschaftsdaten mehren sich. Und wie sagte schon Winston Churchill britischer Staatsmann, Schriftsteller und Träger des Literatur-Nobelpreises? „Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.“

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bezifferte Victor Shih, Professor an der Northwestern University im US-amerikanischen Illinois, Ende Juni 2011 die wirklichen Schulden Chinas auf 70 Prozent des BIP. Analysten von Dragonomics Research in Peking sprechen sogar von 80 Prozent – das sind Verhältnisse wie in Deutschland. Gefürchtet werden Kreditausfälle mit ernsten Folgen für die Finanz- und die Realwirtschaft. Eine große Gefahr für die Stabilität der Wirtschaft ist die Lage der Kommunen. Tao Dong, ein Volkswirt von Credit Suisse, warnt: "Die Verschuldung der Lokalregierungen ist die größte Zeitbombe, die ich in all den 17 Jahren, die ich China analysiere, je gesehen habe.“ Das erkennt mittlerweile auch die chinesische Zentralbank und schreibt in ihrem jüngsten Bericht zur Finanzstabilität: "Das potenzielle Schuldenproblem der Lokalregierungen darf nicht ignoriert werden.“

Maarten-Jan Bakkum, Global Emerging Markets Strategist bei ING Investment Management, erklärt: „Chinesische Statistiken sollte man immer mit Vorsicht lesen. Insgesamt hat sich die Qualität der Statistiken aber im Lauf der Jahre verbessert.“ Doch er sagt auch: “Es ist aber noch immer so, dass die japanischen oder deutschen Daten zum Exportgeschäft im Maschinenbau uns ein besseres Bild über das Investitionswachstum Chinas geben als die Daten, die aus China selbst kommen.“  Bakkum meint, dass es ja nicht so sei, dass man der chinesischen Führung nicht trauen sollte. Man versuche dort einfach, die Dinge etwas nachhaltiger aussehen zu lassen als sie wirklich sind. Zudem sei das Zusammenstellen der Daten in China hoch kompliziert, so dass lokale Behörden dazu neigen, ihre wirtschaftlichen Erfolge besser darzustellen als sie sind – eben, um die Zentralregierung zu beeindrucken.

Die "Financial Times" berichtete gestern, dass China seine Stahlproduktion nach Berechnung des renommierten britischen Forschungsinstituts MEPS im vergangenen Jahr deutlich zu niedrig ausgewiesen habe. Man habe mehr als 40 Millionen Tonnen unterschlagen, erklärten die Experten von MEPS. 40 Millionen Tonnen? Das ist in etwa die Jahresproduktion Deutschlands. China meldete offiziell für 2010 eine Produktion von 627 Millionen
Tonnen Stahl, laut MEPS sollen es aber 672 Millionen gewesen sein - und damit rund die Hälfte der gesamten Weltproduktion. Der höhere Stahlausstoß habe zu zusätzlicher Nachfrage nach Eisenerz, dem wichtigsten Rohstoff für Stahl, geführt und dessen Preis hochgehalten.
Analysten halten die die Berechnungen von MEPS für plausibel. China passe die Statistiken routinemäßig an die Politikziele an. Was sind die Ziele der chinesischen Regierung dabei? Offiziell bemüht sie sich darum, die Stahlproduktion vor allem in alten, unrentablen Fabriken mit hohem Schadstoffausstoß zu drosseln. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Und Schließungen von Werken sind für die Regierung aus Angst vor möglichen Protesten ein heikles Thema. Auch ING IM-Mann Bakkum hält es für möglich, dass die Stahlproduktion größer ist als sie von den Behörden veröffentlicht wird. Der Grund? “Die größten Umweltverschmutzer unter den Fabriken melden typischweise weniger als ihre wirkliche Produktion ist.“

Charlie Awdry, Fondsmanager bei Henderson Global Investors, weiß, dass es oft Konflikte zwischen der Zentralregierung in Peking und den Provinzen gibt. „In diesem Fall ist der Konflikt offensichtlich: Peking will bei der Stahlproduktion die Effizienz steigern und die Umweltbelastung senken, aber die lokalen Regierungen wollen den Beschäftigungsgrad hoch halten und sich über lokale Aktivitäten und Steuern freuen.“ Interessanterweise befindet sich China derzeit in einer Phase der Reduzierung der Lager von einer Reihe von Rohstoffen, wie beispielsweise Kupfer (weiße Linie). Nicht so bei Eisenerz (gelbe Linie) - dem wichtigsten Rohstoff für Stahl, und das trotz knapperer Liquidität.

Selbst ranghohe chinesische Politiker haben schon offen von geschönten Wirtschaftsdaten gesprochen. So beispielsweise Li Keqiang, der als möglicher Nachfolger von Ministerpräsident Wen Jiabao gilt, wenn dessen Amtszeit 2013 zu Ende geht. Dokumenten der Enthüllungsplattform Wikileaks zufolge äußerte er Zweifel an den Konjunkturstatistiken seines Landes. Die BIP-Zahlen seien hausgemacht und unzuverlässig, so Li Keqiang laut US-Diplomatenberichten 2007 bei einem Abendessen mit dem damaligen US-Botschafter in Peking. "Alle anderen Daten, vor allem die Statistiken zur Wirtschaftsleistung, seien nur eine Referenzgröße“, soll er lächelnd gesagt haben.

Dabei ist es nichts Neues, dass die BIP-Zahlen, vor allem auf lokaler Ebene, nicht verlässlich sind. So zeigte der Economist im Februar dieses Jahres, dass die Summe der BIPs der einzelnen Provinzen zusammen um 10 Prozent höher sind als das BIP Gesamtchinas. Scheinbar stehen die Provinzregierungen unter Druck aus Peking, weiterhin hohe Wachstumsraten zu liefern, obwohl sich die Wirtschaftslage durch die globale Finanz- und  Wirtschaftskrise verschlechtert hat. Es scheint, als ob es in den Provinzen geradezu ein Wettrennen um hohe Wachstumsraten und gute Statistiken gibt. Dabei muss man sich vor Augen führen, wie man das BIP steigen lassen kann. Zum Beispiel, indem man eine Brücke baut. Reißt man diese Brücke dann wieder ab, bringt das noch mehr BIP. Um das noch zu steigern, kann man dieselbe Brücke dann wieder aufbauen. Damit hätte die Brücke ganze drei Mal zum BIP beigetragen. Unter Verschwendung von gesellschaftlichen, aber nur ein Mal, um zum gesellschaftlichen Wohlstand beizutragen.

Doch: Wie groß ist das Ausmaß der Manipulation wirklich? Versucht die chinesische Regierung die wahre Wirtschaftslage zu vertuschen? Der Rest der Welt blickt auf China und sieht – und hofft auf –Wachstumssignale. Die Diskrepanz zwischen den Zahlen und der Realität erinnert einmal mehr daran, dass Statistiken oft unzuverlässig sind. Regelmäßig manipulieren Politiker sie für ihre Zwecke. Eine Rezession oder Schuldenkrise in China könnte nicht nur drastische soziale Folgen im Land selbst haben, sondern auch zu einer ernsten Gefahr für die Weltwirtschaft werden. Nun sind die Analysten und Wissenschaftler gefragt! Frei nach Helmut Schlesinger, ehemaliger Präsident der Bundesbank: „Die Qualität eines Volkswirts erkennt man daran, ob er in der Lage ist, auch aus einer falschen Statistik die richtigen Schlüsse zu ziehen.“

Redaktion Cashkurs - Kirsten Kücherer