Sagt Ihnen der Name „Kaupthing“ noch etwas? Das war eben jene isländische Bank, die über einen kurzen Zeitraum im Jahr 2008 die deutschen Zinsjäger mit atemberaubenden Konditionen beglückte. Für wenige Monate galt Island als das Eldorado für fixe Zinsrenditen. Die kleine und als Finanzplatz bis dato vollkommen unbedeutende Nordmeer-Insel mit ihren rund 300.000 Einwohnern zog Unmengen an Kapital an. In der Konsequenz war die dortige Finanzwirtschaft mit Eintreten der Finanzkrise als erste gnadenlos  in sich zusammengefallen. Kaupthing steht bis heute als Name für diesen Niedergang. Nun sind die Kaupthing-Banker zurück in Deutschland – und die Parallelen zu damals sind nicht von der Hand zu weisen.

Es handelt sich um das Angebot des Ablegers der russischen Bank VTB, VTB Direkt, welcher Kunden mit einer Jahresrendite von 3,6 Prozent in das Festgeldangebot lockte. Laufzeit drei Jahre, 20 Prozent der eingelegten Summe jederzeit verfügbar. VTB Direkt firmiert in Österreich und daher sind die Kundengelder durch die österreichische Einlagensicherung gedeckt. So weit, so gut. Fragt sich höchstens, wie nachhaltig ein Festzinsangebot ist, welches meilenweit über dem aktuellen Leitzins und den momentan am Markt erhältlichen Renditen für vermeintlich sichere Staatsanleihen (diejenigen mit AAA-Rating beispielsweise) liegt. [1]

Woher kommen die Top-Zinsen?

Die VTB ist eine russische Bank. Ähnlich wie zuvor Island ist Russland bis jetzt nicht unbedingt als attraktiver Finanzplatz in Erscheinung getreten, aber in Zeiten globaler Märkte kann man ja mal sein Glück versuchen. Das Werben um Kundeneinlagen stellt schließlich nichts anderes dar als eine Kapitalakquisemethode. Möchte man neue Kunden und damit neue Gelder locken, dann ist der Zins das schlagende Argument. Hier liefert sich die Bankenwelt in den letzten Jahren ohnehin schon einen erbitterten Konkurrenzkampf, der immer neue Blüten treibt. Gerade die vermeintlich „besten“ Zinskonditionen müssen die Banken irgendwie querfinanzieren – egal, ob nun direkt mit dem Marketingbudget oder anderweitigen Geschäften. Nicht zu vergessen speziell für VTB alleine das Wechselkursrisiko vom Euro zum Rubel, wenn man sich zum Beispiel die vielen Ungarn ins Gedächtnis ruft, die sich zum Hausbau eine Zeitlang gerne in Schweizer Franken verschuldeten. Was, wenn der Rubel um 15 bis 20 Prozent abwertet?

Das Tolle an Kundeneinlagen aus Sicht der Bank ist ja, dass sich dank der so genannten Mindestreserve damit die Bilanz ausweiten lässt, da die Banken theoretisch mit einem Vielfachen der eingelegten Gelder „arbeiten“ können – beispielsweise im Kreditgeschäft. Konkret engagiert sich VTB beispielsweise als Venture-Kapitalgeber für russischen E-Commerce. Kann man machen… [2]

Putin als heimlicher Bank-Boss

Das Bankgeschäft läuft in Russland ohnehin ein wenig dubioser, als man es so von der örtlichen Genossenschaftsbank kennt. VTB ging 2007 an die Börse und hat seither in etwa die Hälfte an Wert eingebüßt. Wladimir Putin persönlich zeigte sich ein wenig verstimmt ob dieses Verlaufs – und so wies er die VTB an, ein Aktienrückkaufprogramm über 11,4 Milliarden Rubel (knapp 300 Millionen Euro) an Privatinvestoren zu stellen. Der Clou dabei: Die Aktien wurden zum damaligen Zeichnungspreis von 0,136 Rubel je Stück zurückerworben. Die Kosten für dieses Manöver lagen letztlich natürlich bei der VTB selbst. Putin hatte dem freien Markt einmal mehr gezeigt, wer die Hosen an hat. [3]

Hochvolatile Geschäftszahlen

Wie offensiv die VTB-Gruppe arbeitet, offenbart ein Blick in die jüngsten Zahlen. Der Gewinn der Bank schwoll um 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahr an. Im Bereich der „Financial Instruments“ wurde ein Verlust von 26,7 Milliarden Rubel (ca. 670 Millionen Euro) verbucht, nachdem hier im Jahr 2010 noch 14,7 Milliarden Rubel (370 Millionen Euro) auf der Gewinnseite standen. Was genau VTB mit seinen „Financial Instruments“ anstellt, weiß freilich nur die Zukunft. Passend zum Thema wurde außerdem vermeldet, dass das Kreditgeschäft („loans“) auf Jahressicht um 50 Prozent (!) wuchs – auf stattliche 4,6 Billionen Rubel (ca. 120 Milliarden Euro). Wladimir Putin meldete sich ebenfalls zu Wort. Er fordert hier ein Wachstum von mindestens sechs Prozent jährlich, um Russland zu einer „Top-Five-Economy“ im globalen Vergleich zu machen. Es sollte klar sein, dass ein solches Verhalten nicht ohne gewisse Risiken auskommt. [4]

Zurück nach Deutschland

Die Akquise der deutschen Kapitalien spielt offenbar eine tragende Rolle bei den Expansionsvorhaben von VTB. Hier schließt sich der Kreis, denn hierfür wurden exakt dieselben Profis für VTB Direkt verpflichtet, die einst die isländische Kaupthing mit Top-Konditionen für den deutschen Sparer hochrüsteten. Michael Kramer heißt der Mann, der damals für Kaupthing in Deutschland mit dem Klingelbeutel unterwegs gewesen ist. Heute ist er Chef von VTB Direkt und mit dabei hat er seinen ehemaligen Marketingchef sowie den obersten Buchhalter. „Die Finanzaufsicht BaFin äußert sich nicht zu Kramer“, heißt es lapidar. [5]

Noch bevor sich die Kaupthing-Sparer damals über ihre erste Zinszahlung von immerhin 5,65 beworbenen Prozent freuen konnten, ging die isländische Mutter restlos pleite – und der Verbleib der gesamten Ersparnisse von immerhin 30.000 Betroffenen hing am seidenen Faden. Am Ende bekamen zwar alle ihre Gelder wieder, aber nach einer solchen Erfahrung überlegt man sich nächstens vermutlich mehrmals, welcher Bank genau man das Ersparte anvertraut. Ob es wohl die VTB sein wird? Wer hier ein Déjà-Vu sieht, dem mag man zumindest nicht widersprechen.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Methode der Kaupthing-Connection erwies sich dennoch als höchst erfolgreich. Es heißt, „dass die VTB seit Herbst 2011 auf gut eine Milliarde Euro neue Kundeneinlagen gekommen sein dürfte … damit gut drei Mal mehr Geld zusammen als die isländische Kaupthing am Tag der Pleite“. Ferner ist zu lesen, dass das Zinsangebot nun auf 2,2 Prozent gesenkt wurde. Die Russen haben anscheinend genug. Außerdem erhaschten sie sich „jüngst einen Billigkredit über 150 Millionen Euro von der Europäischen Zentralbank“. Bleibt abzuwarten, was die VTB mit dem ganzen Geld anfängt – und ob die Wünsche und Vorstellung vom deutschen Sparer bis zum russischen Staatspräsidenten am Ende in Erfüllung gehen. [6]

Falls wir demnächst tatsächlich eine neue Finanzkrise, einen russischen Bankenkollaps und ein finales Greifen der österreichischen Einlagensicherung sehen sollten, dann seien Sie ab 2015/2016 besser vorsichtig mit attraktiven Zinsangeboten – es könnte die Kaupthing-Connection ja einen dritten Anlauf wagen.

Fußnoten und Verweise

[1] „Wie Kunden noch hohe Zinsen ergattern“, Handelsblatt, 9. Mai 2012, http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge-versicherung/ratgeber-hintergrund/tages-und-festgeld-wie-kunden-noch-hohe-zinsen-ergattern/6586038.html

[2] „Stabilität für eine Zeitraffer-Branche?“, FAZ Blogs, 30. April 2012, http://faz-community.faz.net/blogs/netzwirtschaft-blog/archive/2012/04/30/stabilitaet-fuer-eine-zeitraffer-branche-bankgruppe-vtb-investiert-in-russischen-e-commerce.aspx

[3] „VTB-Bank verhindert Anlegerverluste“, sharewise.com, 24. April 2012, http://www.de.sharewise.com/finanznachrichten/50050-_

[4] „VTB Profit Advanced 54% Last Year“, Bloomberg Businessweek, 25. April 2012, http://www.businessweek.com/news/2012-04-25/vtb-group-profit-advanced-54-percent-last-year-missing-estimates

[5] „Die Rückkehr der Kaupthings als Russen“, Financial Times Deutschland, 2. Mai 2012, http://www.ftd.de/unternehmen/finanzdienstleister/:hohe-zinsen-die-rueckkehr-der-kaupthings-als-russen/70030255.html

[6] „Russische Direktbank VTB will kein deutsches Geld mehr“, FOCUS Money online, 9. Mai 2012, http://www.focus.de/finanzen/banken/zinsjaeger-in-der-sackgasse-russische-direktbank-vtb-will-kein-deutsches-geld-mehr-_aid_750154.html

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