Die Betrachtung der mehr oder weniger volatilen Vorgänge an den Finanzmärkten – ob es Bewegungen von Risikoprämien, Zinsen oder Aktien sind, hat vielerorts die Untersuchung der ökonomischen Realitäten verdrängt. Für einen Trader oder kurzfristig orientierte Anleger ist das unproblematisch. Zur Beurteilung der wirtschaftlichen Situation und Perspektiven einer Volkswirtschaft aber sind derartige Ansichten von sehr begrenzter Aussagekraft. Die Finanzmärkte – Programme wie die unselige, mit dem Begriff „quantitative easing“ verharmloste Vermehrung von Geld zeigen dies – sind temporär vergleichsweise einfach zu beeinflussen. Einfacher jedenfalls, als dies bei strukturellen ökonomischen Variablen der Fall ist. Dies zeigt der Blick auf die Aktienmärkte in den USA und andere Kennzahlen, wie etwa die Arbeitslosigkeit, die eine geradezu an Widerborstigkeit grenzende Hartnäckigkeit an den Tag legt. Auch andere, sich laufend verschlimmernde traurigere Zahlen zu Lebensmittelmarkenempfängern oder Entwicklungen im sich in Auflösung befindlichen Mittelstand wollen so gar nicht in das suggerierte Szenario einer wirtschaftlichen Erholung passen.

Regelmäßig sind vielerorts durchaus interessante Darstellungen zu finden sind, die etwa die Ausweitung der Fed Bilanz und einige Finanzmarkttendenzen in einem Chart abbilden. Ob der Zusammenhang ursächlich ist, wer will das schon beurteilen, die Kurssteigerungen bei Aktien entsprechen jedenfalls den offen geäußerten Wünschen des großen Vorsitzenden der US-amerikanischen Notenbank. Die zahlreichen Pamphlete des aktiven Geldermehrers geben wenig Aufschluss darüber, ob der ein oder andere Gedanke auch an realökonomische Variablen verschwendet wird. Der mit der Jahrtausendwende beendete Scheinaufschwung, der sich seit spätestens Mitte der 90er in ein absurdes Kreditfeuerwerk verwandelt hat, sorgt nun – und in der absehbaren Zukunft – für zwei schmerzhafte Einsichten. Mindestens.

  • Der Standard den man sich vermeintlich leisten konnte, konnte man sich nicht leisten.
  • Da man sich diesen Standard trotzdem geleistet hat, darf man die Kosten nun abstottern und kann sich daher noch weniger leisten.

Die Auswirkungen zeigen sich in vielen Bereichen, einige erschließen sich nicht auf den ersten Blick. So wie der schuldeninduzierte Boom eine Art Aufwärtsspirale in Gang setzte, gilt für den Abwärtstrend nun das Gleiche. Steigende Hauspreise, steigende Transaktionsvolumina, steigende Steuereinnahmen – alles kreditfinanziert, denn die realen Einkommen konnten damit nicht mithalten. Verdunkelt sich der schöne Sonnenschein, dann dreht sich das Ganze um. Die Preise fallen, Kredite fallen aus, Steuereinnahmen sinken bei gleichzeitig erhöhten Staatsausgaben. Dazu gesellt sich die politische Unart, steigende Steuereinnahmen mit „guter Wirtschaftspolitik“ (welch Irrsinn!) zu begründen und sinkenden Steuereinnahmen eher hilflos gegenüberzustehen. Ja, der Ölpreis ist schuld, oder der Vorgänger, Spekulanten, geizige Konsumenten. Peinlich, peinlich, aber sich zu feiern ist einfach, Probleme lösen ist Arbeit.

Der Prozess des schuldeninduzierten Scheinwohlstandes – unterstützt von einer zwangsweise aufrecht erhaltenen Rohstoff-Einkaufswährung Dollar und mangelndem Widerstand westlicher Industriestaaten – hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Die Stufen, die man in dieser Ära zu hoch hinaus ging, muss man nun wieder herunterkraxeln, ein unangenehmer Prozess, begleitet von sinkendem Wohlstand und weniger Konsum. Ein Trost ist es nicht, aber weite Teile der amerikanischen Bevölkerung sind schon länger auf diesem Weg unterwegs. Die aufgedrehten CNN Zuschauer, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit tänzelnd auf dem Times Square „Yes, we can“ skandieren, scheinen noch Asphalt unter den Reifen zu haben. Man muss die Feste feiern wie sie fallen.

Ein kurzer Blick auf die nach oben zurückgelegte Wegstrecke.

Ein großer, anhaltender Trend seit der Mitte der 80er Jahre zeigt in den USA im Bereich der ausufernden Verschuldung privater Haushalte. Ein Konsumboom sondergleichen nahm seinen Lauf. In großen Teilen kreditfinanziert, in keiner Weise nachhaltig und dennoch gefeiertes Objekt zahlreicher schwer erträglicher Gesprächskreise im bundesdeutschen Fernsehen. Die Basis der gefüllten Einkaufswagen waren tiefrote und stetig sinkende Kontostände der US Bürger. Kaum zu glauben, dass die Prediger dieses „US Modells“, die für die Einführung dieser Art der Misswirtschaft und Fehlallokation im TV werben durften, dies tatsächlich für sinnvoll und wünschenswert gehalten haben.

Nach dem Debakel, dass im Grunde bereits nach der Initialzündung des Zusammenbruchs ab dem Jahr 2000 seinen Lauf nahm, wird nun geflickschustert. Allen Jubelrufen zum Trotz sieht die Erfolgsbilanz der Fed in Bezug auf die Realität dürftig aus. Auch wenn alle noch nicht absehbaren Folgen der abenteuerlichen ökonomischen Experimente nicht betrachtet werden gibt es wenig Positives zu notieren. Erreicht wurde rein gar nichts. Das ist wenig, wenn der Blick auf den Einsatz fällt. Viel gesetzt und nichts gewonnen, dafür gibt es vom Veranstalter eine Reihe zusätzlicher Probleme als Trostpreis. So stellt sich die aktuelle Lage der Fed und des amerikanischen Schatzamtes dar – den Köcher voll mit wenigen Pfeilen und viel Einfallslosigkeit. Von den dort Beschäftigten wird dies wohl die wenigsten in eine finanzielle Existenzkrise stürzen. Das Tun und die Folgen desselben sind auch hier – branchentypisch – entkoppelt.

Wir gehen einmal davon aus, in oben stehendem Chart keine erwünschte Konsequenz der Fed zu sehen. Die dünne blaue Linie – die Zahl der Menschen, die länger als 27 Wochen ohne Job sind – und die rote Linie – die Aufwendungen aus den Hilfstöpfen für Arbeitslose, die ihre Arbeitslosengelder aufgebraucht haben – steigen im Einklang mit der Größe der Fed-Bilanz. Traurig.

Der Arbeitsmarkt ist beileibe nicht der einzige Bereich der Ökonomie, der von der vielzitierten Erholung nichts mitbekommen hat. Nun spricht generell nichts gegen eine optimistische Herangehensweise an Probleme. Von einem „Herangehen“ kann allerdings derzeit kaum gesprochen werden. Der Transfer von Verlusten auf diejenigen, die sich erstens die entsprechenden Risiken nicht ausgesucht haben und zweitens daher auch keine Risikoprämien eingenommen haben, ist ein Armutszeugnis für die Politik. Strukturelle Probleme werden auf diesem Wege nicht gelöst. Wie sollte auch funktionieren, jeder Bürger ist auch Konsument. Was soll das Ziel sein? Schuldenfinanzierter, staatlich erwünschter Konsum durch bereits überschuldete Bürger? Gleichzeitig eine Übernahme der Altlasten von Banken, damit diese noch ein bisschen Eigenkapital frei haben? Dazu noch eine Reduktion der öffentlichen Einnahmen durch Steuerschecks, die zum Kauf teils immer noch zu teurer Häuser anregen sollen? Will man nur ein einziges Wort nutzen, um diese ganzen Versuche zu beschreiben, so wäre Mumpitz eine ausgezeichnete Wahl. Geld drucken ist keine Wertschöpfung, Schulden sind keine Lösung gegen Überschuldung und die Abwertung der eigenen Währung senkt den Wohlstand. Das ganze „eine Schwachwährung fördert den Export“-Gefasel darf man getrost außen vor lassen.

Die aktuelle Misere in den USA wurde bis in das Jahr 2007 hinein befeuert durch:

-        künstlich tief gehaltene Zinsen

-        lachhaft harmlose Kreditvergabestandards

-        massive Förderung der Verbriefung und somit eine Ausweitung der Basis an Kreditgebern, die sich überhaupt nicht mehr darum kümmerten, was sie da kauften. Hauptsache Triple-A. Danke, Basel!

Die Hauspreise kletterten schlussendlich auch im Verhältnis zu den Einkommen auf ein vorher nie erreichtes Niveau. In dieser typischen Hochphase wurde eine kollektiver Geisteszustand erreicht, der sich unter anderem in der festen Überzeugung manifestierte, Hauspreise müssten immer steigen, so wie Äpfel vom Baum nach unten und nicht nach oben fallen. Ein interessanter Gedanke, aber ein falscher. Bei Brötchenpreisen hätte es vielleicht klappen können, Sie wissen ja, früher 5 Pfennig und so. Bei den Immobilien ist dieser Schuss mit Gewalt nach hinten losgegangen. Die vollkommen absurde Annahme des ewigen Anstiegs hielt allem offensichtlichen Unsinn zum Trotz auch erfolgreich Einzug in Bewertungsmodelle der Ratingagenturen. 2007 erreichte dann, auf dem Gipfel des Wahnsinns, der Kredithebel der US-Haushalte ein Allzeithoch, die Verschuldung erreichte 130% des verfügbaren Einkommens (siehe oben stehende Grafik).

Bei aller Notwendigkeit, das gestern und das morgen ins Auge zu fassen, kann es bei der Beurteilung ökonomischer Sachverhalte angeraten sein, auch das vorgestern und übermorgen in die Betrachtung einzubeziehen. Übergeordnete Trends vollziehen sich langsam aber nach dem Prinzip der amtlichen Mühlen. Einmal in Gang gebracht vergeht in der Regel viel Zeit bis die Entwicklung auch nur daran denkt, die eingeschlagene Richtung wieder zu ändern. So ist das leider mit Strukturkrisen.