Unsere Uhren haben wir auf Sommerzeit umgestellt, alle Vögel sind schon da und in den Börsensälen ist ebenso von Frühlingserwachen die Rede. Dort ist die vorherrschende Meinung, dass man die uns umgebenden Krisen im Griff hat.

Kalter Wirtschafts-Krieg nein, Realpolitik ja!

Die Krim- bzw. Ukraine-Krise ist zwar noch nicht gelöst. Aus taktischen Gründen müssen beide Seiten sich wohl noch damit brüsten, für ihre gerechte Sache mannhaft zu kämpfen. Hinter dieser strengen Fassade scheint der politisch Kalte Krieg wirtschaftlich jedoch mit Wärmedecken eingedämmt zu sein. Mir macht doch keiner weis, dass der Besuch des Siemens-Chefs mit einem Treffen auch bei Putin ohne Rücksprache mit der Kanzlerin stattgefunden hat. Die westliche Politik hat sich ein cleveres Motto auferlegt: Russland zwar offiziell kritisieren, mit Russland inoffiziell aber pragmatisch kooperieren. Es erinnert ein bisschen an frühere Bundestagsdebatten zwischen Strauß und Wehner: Für das Publikum streiteten sich beide wie die Kesselflicker und hinterher traf man sich auf einen Schoppen in der Bundestagskantine. Das sind nicht die Zutaten für eine bevorstehende Eskalation der Krim-Krise.

Als diplomatische Lösung könnte ich mir vorstellen, dass die Krim russisch bleibt und als Gegenleistung dafür, dass der russische Bär die Ukraine ansonsten unangetastet lässt, nicht weitere Gebiete schnappt, wird die Ukraine einen früheren österreichischen Neutralitätsstatus wie vor dem EU-Beitritt erhalten. Damit wird der Westen trotz aller gespielten Empörung - und auch die Aktienmärkte - gut leben können. Es ist Realpolitik.

Schwellenländer kommen wieder aus der Deckung

Auch die Schwellenländer scheinen wieder Frühlingsgefühle zu bekommen. Deren Aktienmärkte konnten sich zuletzt wieder stabilisieren. Mit vielfachen Leistungsbilanzüberschüssen und Devisenreserven stehen die Fundamentalargumente ohnehin auf Seiten der Emerging Markets. Und wenn nötig können sie sich zur Konjunkturstützung - wie schon ewig im Westen praktiziert - mehr Staatsschulden erlauben. Im Gegensatz zu den USA, Italien, Frankreich und selbst Deutschland wären Länder wie Südkorea und China sofortige Euro-Beitrittskandidaten. Sie erfüllen das Maastricht-Schuldenkriterium von maximal 60 Prozent Staatsverschuldung zur Wirtschaftsleistung mühelos. Überhaupt, die dortige Geldpolitik hat noch nicht annähernd die Höchstgeschwindigkeit einer Fed oder Bank of Japan erreicht.

Vor diesem Hintergrund spricht sehr wenig für eine Wiederholung der Asien-Krise von 1997 oder für schwellenländische Aktienmärkte, die damals weniger süß, dafür aber viel saurer waren.

Amerika geht wieder einkaufen

Die einst immobiliengeplagten US-Konsumenten stürmen wieder die Shopping Malls. Insgesamt ist in Amerika das Wirtschaftswachstum wieder zu Hause. Trotzdem ist Angst vor einer sich einschränkenden Geldpolitik nicht angebracht. Zwar wird auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten der Notenbank früher oder eher später die Zinswende kommen. Diese werden aber nicht ansatzweise das Niveau von früheren Zinsniveaus erreichen. Denn zunächst braucht die US-Schuldenmanie auch zukünftig die helfende Hand günstiger Refinanzierungszinsen. Und nicht zuletzt hat Frau US-Notenbankpräsidentin Yellen nicht nur

Muttergefühle für Peter, Paul und Mary, sondern auch für Mailin, Ranjit oder Kim. Denn wenn es auf der globalen Wiese wirtschaftlich schlecht läuft, ist irgendwann auch der US-Vorgarten betroffen.  

Die EZB ist kein Spielverderber

Dieses Basisszenario hält für Konjunktur-Deutschland insgesamt gute Karten bereit. Sehr positiv ist auch, dass China mit uns noch mehr kooperieren will. Und wenn demnächst in Frankfurt - nicht in Paris, nicht in London - ein Handelsplatz für die chinesische Währung entsteht, kann ich nur sagen: Wirtschaftskontakte schaden nur dem, der sie nicht hat.

Unsere EZB wird kein Wasser in den süßen Wein schütten. Wie das Bundesfinanzministerium auf die Idee kommt, bald werde die Leitzinswende kommen, verstehe ich nicht. Denn Euroland hat die Staatsschuldenkrise nur deshalb im Griff, weil die EZB sie mit heißer Leidenschaft kalt gemacht hat. Und sollten die Zinsen steigen, droht der Euro noch exportunfreundlicher aufzuwerten. Zudem sprechen wir in Euro-Süd von De- nicht Inflation. Nicht zuletzt können in der Euro-Peripherie nur diejenigen blühende Landschaften erkennen, die die rosarote Brille aufgesetzt haben. Warum sonst hat wohl der neue italienische Ministerpräsident Renzi bei Frau Merkel dafür geworben, die EU-Kommission solle Italien mehr Schulden gewähren, um die nötigen Strukturreformen durchzuführen. In dieses Szenario passen eher Zinssenkungen und quantitative Liquiditätsschwemmen.

Gehen Sie mit dem Aktien-Frühling

All dies sind sicherlich keine schlechten Voraussetzungen für Aktien. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass der DAX zum Jahresende bis 10.500 Punkte laufen wird.

DAX und MDAX sehe ich als politische und wirtschaftliche Front-Aktienmärkte. Politisch, weil sich die Krim-Krise in Europa abspielt und wirtschaftlich, weil wir als exportorientiertes (Aktien-)Land am Fliegenfänger der Weltkonjunktur hängen. Wenn also beide Indices jetzt Steherqualitäten beweisen, macht mich das zuversichtlich für die zukünftige Aktienkursentwicklung in Germania.

Krisenbefreit sind wir natürlich nicht. Insofern müssen wir 2014 vergleichsweise mehr Kursschwankungen aushalten. Dennoch stellt sich - auch im Hinblick auf die Dividendenstärke deutscher Substanztitel - die Frage, wenn man aus Aktien raus geht, in was geht man denn dann rein? Eine bessere Alternative ist es, der Volatilität mit regelmäßigen Aktiensparplänen entgegenzuwirken, um im Auf und Ab der Aktienmärkte attraktive Durchschnittspreise zu erzielen. Im Einkauf liegt auch bei Aktien der Gewinn.

Persönlich bin ich immer freudig erregt, wenn ich sehe, was längerfristig für Ausbildung oder Altersvorsorge zusammenkommt, wenn man z.B. das Kindergeld regelmäßig - egal ob es stürmt, schneit oder die Sonne scheint - anlegt. Übrigens, den Zinseszinseffekt gibt es auch bei Dividenden, wenn sie wiederangelegt werden.

Mit diesem fast schon banalen Instrument können Sie nicht verhindern, reich zu werden.