Meine Familie hat eine besondere Beziehung zu Japan. Woran das genau liegt, weiss ich nicht, doch haben zwei meiner Geschwister einige Jahre im Land der aufgehenden Sonne gelebt, und fast alle Familienmitglieder waren schon einmal zu Besuch dort. Mein jüngerer Bruder kennt das Land am besten, zum einen weil er am längsten dort war und zum anderen, weil er gut japanisch spricht und seit vielen Jahren mit einer Deutsch-Japanerin verheiratet ist, deren Mutter übrigens die erste Ausländerin war, die in Japan sesshaft wurde. Ich selbst habe vor vielen Jahren für einen japanischen Konzern gearbeitet, das Land bereist und liebe vor allem die gesunde, japanische Küche, die sich wohl wie kaum eine andere von der deutschen Hausmannskost unterscheidet.

So unterschiedlich Deutschland und Japan in vielen Dingen auch sein mögen, eines haben beide Länder gemeinsam: eine überalternde Gesellschaft, wobei die japanische Gesellschaft weltweit am schnellsten in die Jahre kommt und - vielleicht gerade wegen der gesunden Ernährung - das japanische Volk die höchste Lebenserwartung aller Nationen aufweist. In Japan leben 127 Millionen Menschen, von denen ca. 25 Mio. (20%) über 65 Jahre alt sind. Acht Millionen Senioren benötigen regelmäßige Betreuung und rund eine Million Menschen sind behindert und stark pflegebedürftig.

Genau wie in Deutschland, ist gerade in Japan die demografische Entwicklung ein großes Problem. Kaum jemand hierzulande verleugnet diese ungelöste Frage, auch wenn ein kleiner, gemütlicher CDU-Poltiker vor vielen Jahren einmal verkündete, die Renten seien sicher. Sie erinnern sich an diesen blümschen Satz? Wer nicht? Der Ausspruch „Die Rente ist sicher.“ ist zu einem geflügelten Wort geworden. Unser ehemaliger Finanzminister Hans Eichel glaubt übrigens auch heute noch an diesen Satz. Ja, tatsächlich! Ich war live dabei, als er dem staunenden, überraschten Publikum bei einer Podiumsdiskussion mit Dirk Müller in der Frankfurter Nationalbibliothek mitteilte, Norbert Blüm habe Recht gehabt: Die Renten seien sicher.

Hans Eichel meinte das im Sommer 2009 tatsächlich ernst, denn seiner Meinung nach würde die staatliche Altersvorsorge natürlich auch in Zukunft ausgezahlt werden. Man könne dem guten Norbert Blüm schließlich nicht vorwerfen, verschwiegen zu haben, wie hoch die ausgezahlten Renten in der Zukunft sein werden, - und was man sich im Alter von der ausbezahlten Altersvorsorge noch leisten könne, stehe selbstverständlich auch auf einem anderen Blatt. Für Hans Eichel war die Sache klar: Die Rente ist und bleibt sicher! Es hat damals einige Minuten gedauert, bis sich die ungefähr 300 Menschen im Saal von ihren krampfartigen Lachanfällen erholt hatten.

Spricht man mit Freunden und Bekannten, wird schnell klar, dass den meisten Bürgern bewußt ist, dass das Modell der staatlichen Rente keine wirkliche Sicherheit vor Altersarmut bietet. Viele meiner Bekannten sparen nach wie vor in Lebensversicherungen oder haben einen Riester-Vertrag abgeschlossen, in der Hoffnung damit der Vorsorge Genüge getan zu haben. Laut einer repräsentativen Umfrage des Finanzinstitus Dr. Klein aus dem Jahre 2007 ist nur ein Bruchteil der Bevölkerung davon überzeugt, dass ihre Altersbezüge die Lebenshaltungskosten im Ruhestand ausreichend abdecken werden:

1. Die Geschichte von der Generation der Erben ist ein Märchen: Bislang wurde einer großen Altersgruppe der Deutschen oft bescheinigt, zur Generation der Erben zu gehören. Daraus abgeleitet wurde oft, dass diese Generation nichts für die Altersvorsorge tun müsse, da sie durch das Erbe versorgt sein werde. Diese Annahmen werden von der Umfrage deutlich widerlegt. So stimmten der Aussage: „Meine Rente ist tatsächlich sicher. Ich werde erben“, lediglich zwei Prozent der Befragten voll zu, weitere sieben Prozent stimmten zu.

2. Nur zwei Prozent der Befragten sind sich vollends sicher, dass ihre staatliche Rente zum Leben reichen wird. Der Aussage: „Na klar, auch wenn ich in Rente gehe, wird es noch genug Geld vom Staat geben“, stimmten zwei Prozent voll zu, sechs Prozent stimmten zu.

3. Ein deutlich größerer Teil der Deutschen, als von vielen bislang angenommen, – nämlich 77 Prozent – sorgt bereits fürs Alter vor. So stimmten der Aussage „Nein, wir müssen alle selber vorsorgen – was ich tue – und können uns nicht auf die staatliche Rente verlassen“, 42 Prozent der Befragten voll zu, 35 Prozent stimmten zu.

4. Einem großen Teil der Bevölkerung fehlt schlichtweg das Geld, um fürs Alter vorzusorgen. So stimmten der Aussage: „Nein, sicher ist die staatliche Rente nicht. Aber mir fehlen die Mittel, um privat vorzusorgen“, 23 Prozent der Befragten voll zu, 28 Prozent stimmten zu.

Quelle:

http://www.drklein.de/pressemitteilung.html?&tx_ttnews[backPid]=148&tx_ttnews[tt_news]=462&cHash=351ffc8fa7

Besonders bemerkenswert an dieser Umfrage ist die Tatsache, dass viele Menschen (über 50%) überhaupt nicht in der Lage sind, zusätzlich zur gesetzlichen Rente weitere Reserven für das Alter aufzubauen. Vor allen Dingen verstärkt sich diese Tatsache durch die andauernde Wirtschaftskrise, in der viele Arbeiter und Angestellte nach wie vor Einkommensverluste durch Kurzarbeit verkraften müssen oder ihre Stelle bereits ganz verloren haben.

Zu den Unternehmen, die am meisten Stellen abgebaut haben, gehört der Versicherungskonzern Allianz, der 2009 rund 21.000 Mitarbeiter weniger beschäftigte als im Jahr zuvor. Ein Teil dieser Arbeitsplätze ging durch den Verkauf der Dresdner Bank an die Commerzbank verloren. Daimler beseitigte 4.200 Stellen, bei der Metro verloren 3.800 Menschen ihre Arbeit. Siemens strich in Deutschland 3.000 Arbeitsplätze, weltweit waren es ca. 20.000 Stellen. Und es geht weiter mit dem Arbeitsplatzabbau: Ende Januar kündigte der Siemens-Vorstand einen weiteren Abbau von 2.000 Stellen in Deutschland an.

Kehren wir zurück nach Japan und betrachten dort einmal das System der ergänzenden privaten Altersvorsorge, welches „Fureai Kippu“ genannt wird. Tsutomu Hotta, früherer Generalbundesanwalt und hoch geschätzter Justizminister Japans, gründete 1995 – nachdem er selbst in den Ruhestand ging – die Sawayaka Welfare Foundation, die schon bald zu einer landesweit tätigen Organisation wurde und heute mehrere Millionen Mitglieder hat. Fureai Kippu ist ein „Zeit-ist-Geld-Modell“ und ermöglichte bis heute Yen-Investitionen in Milliardenhöhe.

sawayakazaidan.or.jp/english/

Fureai Kippu ist nichts anderes als eine Pflegewährung, die gedeckt ist durch die Zeit und Arbeit der freiwilligen Teilnehmer. Je nach Tageszeit und Art der geleisteten Arbeit erhält man Zeitgutscheine, die man für sich selbst aufbewahren oder auch Angehörigen in ganz Japan zur Verfügung stellen kann. Kurzum, - wer sich in seiner Gemeinde um einen älteren Menschen kümmert, kann mit dieser Pflege dafür sorgen, dass z.B. die pflegebedürftigen Eltern in einem anderen Landesteil ebenso versorgt werden. Die Fureai-Kippu-Tickets können auch gegen Yen erworben werden, wobei der Preis für eine Stunde Pflegedienst zwischen € 4,30 und € 6,70 liegt. Möglich wird der Verkauf dieser Tickets durch Menschen, die freiwillig älterer Menschen pflegen und versorgen,  ohne die Zeit, die sie dafür aufbringen für sich selbst zu nutzen oder zu sparen. Die Einnahmen dienen zur Deckung der Verwaltungskosten und werden für einen Sozialfonds verwendet, der z.B. Altenbetreuungskurse anbietet.

Die alten Menschen in Japan nehmen diese vor allem zwischenmenschlich qualitativ hochwertige Pflegeleistung sehr gerne an. Vor allem, weil sie durch die Bezahlung mit den elektronischen Fureai-Kippu-Tickets nicht das peinliche Gefühl haben, Almosen anzunehmen. Japaner mögen es überhaupt nicht, außerhalb der Familie fremde Hilfe ohne Bezahlung zu beanspruchen, weil es sie in ihrer Ehre und ihrem Stolz verletzt. In der japanischen Kultur ist es ehernes Gesetz, Leistung von Fremden immer mit einer Gegenleistung zu vergüten.

Überaus interessant an diesem japanischen Modell ist die Tatsache, dass es mittlerweile sehr viele ehrenamtliche Helfer gibt, die keine eigenen Zeitkonten eröffnet haben und ihre Zeitgutschriften regelmäßig der Organisation spenden. Ihnen genügt als Lohn die Dankbarkeit der älteren Menschen und die Anerkennung ihrer Leistung.

Ich glaube, dieses Modell könnte auch auf Deutschland übertragen und hier eingeführt werden. Ich glaube nicht, dass in Deutschland nur die Einführung von Zwangsarbeit im Sinne von Herrn Westerwelle, Arbeitslose und Hartz-4-Empfänger dazu bewegen könnte, etwas Sinnvolles zu tun. Vielmehr kommt es darauf an, den Menschen für ihre Arbeit eine anständige Vergütung zu zahlen und die muss keineswegs immer in der Landeswährung erfolgen. Das Fureai-Kippu-System in Japan zeigt, dass andere Wege gangbar sind, für die sich ein Staat noch nicht einmal zusätzlich verschulden muss, - denn auch Zeit kann Geld sein.