Das Jahr 2008 ist Vergangenheit und wird uns nicht in guter Erinnerung bleiben. Zu viele schlechte Nachrichten und Krisen haben uns erreicht. Wird das Jahr 2009 besser? Zunächst gab es bisher wieder überwiegend negative Meldungen aus der Wirtschaft und einige Überraschungen aus der Politik: Der neue US-Präsident Barack Obama schwört die Bürger bei seiner Amtsübernahme in einer „Blut-Schweiß-und- Tränen-Rede“ auf harte Zeiten ein, statt wie im Wahlkampf viel Optimismus zu verbreiten. In Deutschland reden CDU-Politiker von Verstaatlichung von Unternehmen, während SPD-ler dies ablehnen. In Davos warnt auf dem Weltwirtschaftsforum Wladimir Putin den Westen vor der Allmacht des Staates. Man dürfe in der Krise jetzt nicht wieder die Fehler aus der Zeit der Sowjetunion wiederholen, als die staatliche Planwirtschaft an Ineffizienz nicht zu überbieten war. Verrückte Welt!

In den letzten Wochen haben die Regierungen weltweit Konjunkturprogramme in bisher unbekanntem Maße verabschiedet mit der Hoffnung, den wirtschaftlichen Abschwung zu stoppen und einen neuen Aufschwung einzuleiten. Kann dies funktionieren?

Um eine Antwort darauf zu finden, ob und wie die Welt durch die politische Eingriffe  „gerettet“ werden kann, müssen wir versuchen, die Ursachen der Krise zu analysieren. Vielfach wird in den Medien und der Politik die Schuld dem amerikanischen Konsumenten zugeschoben, der viel zu naiv zu viel konsumiert und über seine Verhältnisse gelebt habe. Gleichzeitig wird behauptet, dass die (freie) Marktwirtschaft schuld und nicht geeignet sei, Krisen zu vermeiden. Meiner Meinung nach sind beide Thesen verkehrt! Die amerikanischen Konsumenten haben sicherlich viele Fehler gemacht, aber sie wurden von den politisch Verantwortlichen geradezu in diese Falle getrieben. Jeder Amerikaner konnte seit einigen Jahren merken, dass die tatsächliche Inflation wesentlich höher war, als die in den offiziellen Statistiken ausgewiesene. Gleichzeitig betrieb die FED mit Alan Greenspan an der Spitze eine Politik des billigen Geldes und die staatlichen Institutionen propagierten die Vision eines Eigenheims für jeden Bürger. Auch musste sich der Staat immer stärker verschulden, um die Kosten des Irak-Krieges und der Konjunkturprogramme in Folge der Wirtschaftskrise am Anfang des Jahrzehntes zu finanzieren. Zusätzlich waren andere Staaten, insbesondere China bereit, den USA zu niedrigen Zinsen Geld zu leihen, um die eigenen Erzeugnisse dort weiter verkaufen zu können. 

Ähnlich war die Lage auch in vielen Ländern Europas z. B. in Großbritannien, Irland, Spanien . Daraus entwickelte sich eine weltweite Blase, deren Platzen zur jetzigen Krise führt. Nicht „einer“ ist schuld, sondern viele Faktoren sind die Ursache. Anders gefragt: Sind wir nicht alle schuld? Haben wir nicht alle geglaubt, dass es immer weiter aufwärts gehen kann und dass wir uns mit immer weniger Aufwand ein immer besseres Leben leisten können? Haben wir nicht zu gerne den Politikern geglaubt, wenn diese uns eine heile Welt versprochen haben, obwohl diese durch immer mehr öffentliche Schulden finanziert worden ist? Als Eltern erziehen wir unsere Kinder, finanzieren ihre Ausbildung und versuchen, Ihnen ein gutes, glückliches und erfolgreiches Leben zu ermöglichen. Selbst im Alter sparen viele immer noch, um ihren Kindern etwas geben oder hinterlassen zu können. So war es in der Vergangenheit und wird von den meisten auch heute noch als richtig erachtet. Aber was geschieht bei uns in den westlichen Staaten? Auf der anonymen staatlichen Ebene verhalten wir uns seit Jahrzehnten gänzlich anders. Wir, oder anonymer formuliert, der Staat häuft seit Jahrzehnten immer mehr Schulden an, die zukünftige Generationen tilgen sollen. Gleiches gilt in unseren Sozialversicherungssystemen: spätestens seit den 80-iger Jahren warnen Experten auf der Grundlage von gesicherten Zahlen vor den Problemen der demografischen Entwicklung und deren Folgen. Das wir in einigen Jahren mit dem beginnenden Renteneintritt der Baby-Boomer-Generation Probleme bekommen, ist bekannt. Aber viele glauben auch heute immer noch gerne, dass die Rente sicher ist. Sind jetzt die Politiker an allem Schuld, weil sie uns in ihren Wahlkämpfen vieles versprechen und nur wenig davon halten? Jein, denn schon ein altes lateinisches Sprichwort sagt: Die Wähler wollen betrogen werden, also sollen sie betrogen werden.

Zurück zur Krise und der Frage, ob und wie sie gelöst werden kann. Können die gigantischen Konjunkturprogramme wirklich eine Wende herbeiführen, wie die Befürworter nach alter keynesianischer Tradition argumentieren? Oder verlängern sie nur die Zeit bis zum Zusammenbruch des Weltfinanzsystems, wie Vertreter der alten Österreichischen Schule der Volkswirtschaftslehre argumentieren?

Dass viele Medien, Politiker und Ökonomen in der Krise die Thesen von Keynes befürworten, ist menschlich nur verständlich. Sie erlauben dem Staat und somit den Politikern ein aktives Eingreifen in den Wirtschaftskreislauf, um das Volk vor massiven Krisen zu schützen. Zynischerweise erlauben sie aber auch, die Kosten von Krisen zu sozialisieren und in die Zukunft zu verlagern (nach dem Motto: nach mir die Sintflut).

Ist es aber überhaupt sinnvoll, jede Krise vermeiden zu wollen, wie es heute üblich ist? Sagt uns unser natürlicher Menschverstand nicht, dass die Krise, die Rezession genauso zum Leben gehört wie Krankheiten auch? Ist die Theorie des Ökonomen Joseph Schumpeter der schöpferischen Zerstörung nicht mehr gültig, nach der es Teil unseres Wirtschaftssystems ist, dass alte Strukturen (Unternehmen) zerstört werden (müssen), um neueren, innovativeren Platz zu machen? Heute versuchen unsere politischen Institutionen alte Strukturen mit allen Mitteln am Leben zu halten, damit die Menschen kurzfristig (bis zur nächsten Wahl) ihren Arbeitsplatz behalten können. Wir träumen von der Fortsetzung des Aufschwungs durch immer neue Schulden. Aber schon Ludwig von Mises, einer der bekanntesten Vertreter der Österreichischen Schule schrieb vor über einem halben Jahrhundert: „ Es gibt  keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur, ob die Krise früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion kommen soll, oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems kommen soll“. Kritiker der aktuellen gigantischen  Konjunkturprogramme befürchten deshalb auch, dass der Zenit der möglichen Staatsverschuldung überschritten wird und ein Zusammenbruch der Finanzsysteme kurz bevorsteht.

Aktuell spricht auch für mich vieles dafür, dass die Krise auf einen kritischen Punkt zuläuft. Die Schulden der westlichen Industriestaaten explodieren regelrecht, um einen Zusammenbruch des bestehenden Systems zu verhindern. Jeden Tag kommen neue Hiobsbotschaften aus der Finanzwelt hinzu. Kaum ist eine staatliche  Hilfsmaßnahme verabschiedet, muss über eine neue nachgedacht werden. Aber kann in den USA ein Konjunkturprogramm von einer Billion US-Dollar die Folgen des Vermögensverlustes der US-Bürger von fast 8 Billionen US-Dollar kompensieren? Können die staatlichen Schuldenaufnahmen die vielfach größeren Schuldenliquidierungen der Privatwirtschaft durch Tilgung und notwendige Abschreibungen kompensieren? Wie schnell kann der deflationäre Trend gebrochen werden? 

Antworten auf diese Fragen sind nur schwer möglich. Es ist so, als würden wir vor einer großen Nebelwand stehen. Niemand kann den Weg sehen, den er gehen will bzw. muss. Jeder tastet sich Schritt für Schritt voran und hofft, nicht von der Klippe zu stürzen.

Vorhersagen sind unter diesen Bedingungen nur schwer möglich. Als vorsichtiger Berater rechne ich lieber mit dem Schlimmsten, hoffe aber, dass ich falsch liege und alles besser als erwartet wird.

Deshalb: inzwischen befürchte ich, dass wir immer noch am Anfang der Krise sind und ein Ende noch lange auf sich warten lässt (frühestens 2011) und dass wir eine Phase der Depression schlimmer als in den 30-iger Jahren des letzten Jahrhunderts vor uns haben. Ich befürchte, dass die Arbeitslosenquote sich mindestens verdoppeln wird. Ich befürchte, dass es überall auf der Welt, also auch bei uns in Europa, zu sozialen Spannungen und Aufständen kommen wird. Ich befürchte, dass die vielen staatlichen Konjunkturprogramme das „Leiden“ nur verlängern und wir frühestens in 10 Jahren wieder einen längerfristig stabilen Konjunkturaufschwung erleben werden.

Wie soll man in einem solchen Umfeld sein Geld anlegen? Soll man den Ratschlägen der Crash-Propheten folgen und alles „sicher“ in Festgeld und/oder Gold anlegen? Aber in welcher Währung soll ich anlegen? In Euro, obwohl Länder wie Griechenland oder  Italien fast pleite sind und somit den Euro sprengen könnten? Im Schweizer Franken, obwohl dort ein Kollaps auf Grund der riesigen Verluste bei vielen Banken (UBS) droht?  Oder soll ich lieber schnell noch eine Immobilie kaufen, obwohl es zu viele gibt und bei einem Fortschreiten der Krise immer mehr Mieter die Miete nicht (in bisheriger Höhe) zahlen können? Oder soll ich jetzt Aktien kaufen, die schon mehr als 40 Prozent gefallen sind und billig erscheinen?

Eine eindeutige Antwort kann ich nicht geben. Auch ich stehe vor der Nebelwand und sehe den richtigen Weg nicht. Es gibt Menschen, die meinen, sie könnten mit mathematischen Modellen Trends erkennen und somit den Weg berechnen. Aber ob diese Experten mit ihren Computerprogrammen den plötzlichen Absturz des Weges am Rand der Klippe frühzeitig erkennen können? Ich bezweifle dies. Katastrophen kommen plötzlich und werden nicht angekündigt!

Ich glaube, dass es in den nächsten Jahren wichtiger ist, möglichst sein Kapital, Vermögen zu erhalten als es zu vermehren. Dies geschieht, wie an dieser Stelle schon häufiger formuliert, am besten über eine breite Streuung. Ebenso wie ein Tisch mit vielen Beinen nicht so schnell umfallen kann, wird ein breit diversifiziertes Vermögen nicht vollständig verloren gehen, auch wenn vielleicht einzelne Standbeine wegbrechen. Aber wir sollten damit rechnen, dass viele von uns verlieren werden (vielleicht nicht nominal, aber real). Wir werden mehr arbeiten müssen, wir werden uns einschränken müssen. Aber müssen wir deswegen depressiv werden? Ich sehe dazu für uns in Deutschland keinen Grund. Uns geht es hier im Vergleich zu den Menschen in fast allen anderen Ländern der Welt immer noch sehr gut. Vieles ist in Deutschland nicht optimal, aber das ist es in keinem Land der Welt. Unsere Gläser sind nicht leer und immer noch gut gefüllt. Durch die Krise werden sie leerer werden, aber nicht so leer, wie bei denen, in deren Gläser schon jetzt nichts mehr ist oder nie etwas war.

Dies alles klingt wenig ermutigend! Aber es gibt auch immer wieder einige gute Nachrichten. So bauen einzelne Unternehmen kein Personal ab, sondern stellen neue Leute ein und expandieren. Auch wenn jetzt 5,-  Euro fürs Phrasenschwein fällig sind: In jeder Krise gibt es Gewinner! Und müssen wir die Krise nach dem oben gesagten nicht auch positiv sehen? Nach Jahrzehnten des künstlichen, durch eine gigantische Kreditfinanzierung hervorgerufenen Booms folgt jetzt eine Phase des Gesundschrumpfens. Wie bei uns im Alltag bedeutet eine Diät nicht den Untergang, sondern vielleicht den Start in ein neues, langfristig gesünderes Leben. Deshalb, auch wenn es schwer fällt:

Don’t Worry, Be Happy !!!

Peter Henn